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Nachhaltige Städteplanung: Ökoquartiere

19.02.2010 von

Sagen Ihnen Vauban, Villa Cuatro Alamos, Bo01 oder BedZed etwas? Das sind bestehende Ökoquartiere in den Städten Freiburg-im-Breisgau, Santiago de Chile, Malmö und London. Diese zukunftsorientierten raumplanerischen Projekte sind Beispiele dafür, wie wir das Prinzip der Nachhaltigkeit mit ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Ausprägung ins alltägliche Stadtleben integrieren können.

Handlungsbedarf in Städten

Seit 2007 leben weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Emissionen und Energieverbrauch einer Stadt sind beträchtlich. Mit der andauernden Urbanisierung nehmen sie weiter zu. Aber die Städte sind nicht nur wichtige klimarelevante «Umweltverschmutzer». Die Auswirkungen des Klimawandels werden vor allem für Städte erhebliche Probleme aufwerfen. Bei Naturkatastrophen, seien es Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme oder Hitzewellen, ist das Schadenspotential nirgends so hoch wie in einer dicht bevölkerten Region. Die Stadt muss deshalb zur politischen Steuerungszentrale werden, auf die ein effizienter Klimaschutz zu setzen hat.

Ein städtebaulicher Ansatz zur Emissionseindämmung

Ein Ökoquartier berücksichtigt und verbindet in seiner Konzeption die verschiedenen Aspekte der ökologisch hochwertigen und energiearmen Gebäudebautechnik, der Mobilität, der Versorgungs- und Entsorgungsflüsse, der sozialen Mischung, der Erholung und der Freizeitgestaltung. Denn was bringt ein Minergiehaus, wenn durch die abgelegene Wohnlage keine energie- und emissionsarme Mobilität garantiert werden kann? Durch eine gesamtheitliche Betrachtung des Lebensraumes will man solche Kompensationseffekte verhindern.

Ein Ökoquartier ist ein urbanes Ökosystem. Es lebt von der Vielfalt und von der aktiven Teilnahme der Bevölkerung an der Planung und Gestaltung ihres Wohnraumes. Eine kompaktere Raumnutzung und möglichst autofreie Verkehrswege ermöglichen eine verbesserte Raumnutzung.

Ein Ökoquartier ist jedoch kein Ökoghetto. Das Ziel ist nicht die Autarkie, sondern ein umweltschonendes und qualitativ gutes Zusammenleben, eingebettet in das grössere Netz der Stadt. Das Quartier muss in der Stadt verankert sein, vor allem auch durch attraktive und effiziente öffentliche Transportmittel.

Eine Stadt ändert ihr Gesicht

Viele existierende Ökoquartiere sind auf grossen Arealen entstanden, namentlich in Stadtrandgebieten, in denen eine Änderung der bestehenden Raumnutzung angesagt war. So wurde in Vauban ein Militärgelände in eine Wohnzone umgewandelt. Ein im Rahmen des Projektes «Métamorphose» geplantes Ökoquartier in der Stadt Lausanne betrifft ein ehemaliges Sportgelände.

Ökoquartiere sind Instrumente zur Schaffung einer kollektiven Dynamik der nachhaltigen Gestaltung des Alltags. Stillgelegte Industriezonen mutieren zu Ökoquartieren. Werden sie intelligent vernetzt, so entsteht eine Ökostadt. Wagen wir die Wandlung: «MétamorphOSONS»!

Projekte in der Schweiz
Zur Autorin

Franziska Aemisegger ist diplomierte Umweltingenieurin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Ökoquartiere scheinen ein Biotop/Soziotop für Leute mit einer bestimmten Lebenseinstellung und politischen Haltung zu sein. Dazu gehören Verzicht aufs Auto, Bevorzugung von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln und politische Nähe zu den Grünen. Die oft begrünten, eher grossräumigen Quartiere sollen ein Leben im Quartier erlauben ohne die Notwendigkeit der Flucht ins Grüne oder ins ferne Urlaubsziel. Oft wird die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft zugrunde gelegt.

Mit Klimaschutz oder einem klimaneutralen Leben scheinen diese Ökoquartiere aber nur insoweit etwas zu tun zu haben, als zur 2000-Watt Gesellschaft auch ein sparsamer Umgang (kein Verzicht) mit fossiler Energie gehört.

Das Ziel, 80% weniger fossile Rohstoffe bis 2050 zu verbrauchen, kann mit diesen Ökoquartieren nur erreicht werden, wenn sie ihren Sonderstatus verlieren und zur Normalform des Stadtlebens werden. Das halte ich nicht für realistisch.

Um das ambitiöse Ziel einer 80%-igen Reduktion der CO2-Emissionen bis 2050 zu erreichen, muss vielmehr jede erdenkliche CO2-Quelle durch eine CO2-freie Alternative ersetzt werden, unabhängig davon, in welchem Quartier sich diese CO2-Quelle befindet. Eine 2000-Watt Gesellschaft auf freiwilliger Basis scheint mir ebenfalls unrealistisch und auch nicht notwendig um Wirtschaft und Alltag zu dekarbonieren.

Das Ziel einer Dekarbonierung aller Prozesse scheint mir noch nicht stark verankert in der Gesellschaft – auch nicht bei den Grünen und Umweltbewegten. Ein wirksamer Klimaschutz hat noch einen langen Weg vor sich.

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Um noch etwas ketzerisches anzufügen. Wenn wir immer mehr in Städten leben, spielt das Klima vielleicht gar nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger wird das Stadtklima und die Lösung ist am Schluss die klimatisierte Stadt. Dumm nur, dass viele Städte an der Küste liegen, wo sie vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind.

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@Ben Palmer
Dass die Städte nicht nur vom Klimawandel, sondern von fast allen Formen des „Stresses“ stark betroffen sind, ist vor allem deshalb eine Binsenwahrheit, weil die Zukunft der Menschheit immer mehr in den Städten liegt.
Langanhaltende Dürren entleeren die Landschaft. Die Menschen finden sich in den Städten wieder bevor sie dann eventuell das Land verlassen.
Städteplanung ist deshalb immer mehr Zukunftsplanung überhaupt. Die Schweiz ist übrigens eher eine Ausnahme was die Verstädterung angeht, sogar verglichen mit den unmittelbaren Nachbarländern. Hier leben wir mehr und mehr in einer einzigen grossen Agglomeration.

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„Die Auswirkungen des Klimawandels werden vor allem für Städte erhebliche Probleme aufwerfen. Bei Naturkatastrophen, seien es Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme oder Hitzewellen, ist das Schadenspotential nirgends so hoch wie in einer dicht bevölkerten Region.“
Das scheint mir eine Binsenwahrheit zu sein. Sie hat nichts mit Klimawandel aber umso mehr mit Wahscheinlichkeit zu tun. Ein Erdbeben in der Sahara hat aus logischen Gründen nicht die selben Auswirkungen wie ein Erdbeben in Port de Prince.
Dasselbe gilt für Wirbelstürme, die nur dort Waldschäden anrichten, wo ein Wald vorhanden ist.
Sie haben vergessen, dass Kältewellen wesenltich mehr Menschenopfer fordern als Hitzewellen, angefangen bei der Herzinfarktrate, die im Winter höher ist.

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Sehr geehrter Herr Hensch,

Herzlichen Dank für den interessanten Kommentar! Das verdichtete Bauen löst in Zürich in der Tat im genannten Beispiel zum Teil heftige Kritik aus. Aus der Sicht des Ressourcenverbrauchs ist dichtes Bauen natürlich vorteilhaft. Aber die Bewohner fühlen sich eingeengt und es entsteht ein erdrückendes Ortsbild. Ein wichtiger Punkt bei der Planung und dem Bau eines Ökoquartiers ist, dass die Bevölkerung stark in den Prozess einbezogen wird und ihre Anliegen berücksichtigt werden.

Es soll beim nachhaltigen Städtebau und speziell beim Bau von Ökoquartieren nicht darum gehen die aktuelle Bauordnung und Zonenplanung, sowie das Stadtbild völlig auf den Kopf zu stellen. Man kann auch 2-3-stöckig ökologisch hochwertig bauen. Ein Ökoquartier kann unter Umständen sogar Einfamilienhäuser enthalten. Das Quartier Vauban in Freiburg-im-Breisgau ist ein gutes Beispiel dafür (ein Fotorundgang: http://www.vauban.de/rundgang/index.html).

Das Ziel ist nicht eine Art “Ökofundamentalismums“ zu betreiben. Effektive Landnutzung ist ein wichtiger Aspekt, aber nur einer von vielen. Es geht um Nachhaltigkeit im weitesten Sinne. Es soll also zum Beispiel auch eine gewisse soziale Mixität und Altersdurchmischung geben. Ausserdem muss man nicht unbedingt in die Höhe bauen, um Platz zu sparen! Man kann auch zum Beispiel Autoverkehrswege und Parkplatzflächen minimieren.

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Sehr geehrte Frau Aemisegger
Uns in der Stadt Zürich beschäftigt vor allem das Thema Verdichtung, das sowohl beim Bauen wie auch bei der Ausnützung ein politisches Thema geworden ist (Seefeldisierung, Escherpark, Bellariarain etc.). Mir ist nun aus Ihrem Beitrag nicht klar geworden, ob aus Ihrer Sicht Ökoquartiere auch überdurchschnittlich dicht sein sollten oder nicht bzw. worauf es dabei ankommt.

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