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Nachhaltiges Bauen – möglichst ab sofort

11.01.2010 von

Die jährlichen Bauausgaben in der Schweiz belaufen sich auf zirka 50 Milliarden Franken. Rund 30-40 Prozent des Endenergieumsatzes und der Treibhausgasemissionen resultieren aus dem Heizen und Kühlen unserer Gebäude sowie der Bereitstellung von Warmwasser. Wir verbringen im Durchschnitt mehr als 80 Prozent unserer Lebenszeit in geschlossenen Räumen. Um die Bedürfnisse rund ums Wohnen zu befriedigen, braucht es diverse Infrastrukturaufwendungen (Strom, Wasser/Abwasser, Strassen etc.). Zudem fallen sogenannte «Graue Energiemengen» für die Herstellung von Baustoffen und Bauprodukten an, die noch hinzugerechnet werden müssen.

Und immer wieder konkurrenziert ein stetig steigendes Konsumbedürfnis die Effizienzgewinne von technologischen Innovationen. Wir haben zwar sparsamere Licht- und Heizsysteme, beheizen aber immer mehr Wohn- und Nutzfläche pro Kopf (im Schweizer Durchschnitt 50 Quadratmeter pro Kopf, Tendenz weiter steigend).

Das Resultat ist eine Zunahme der genutzten Fläche um rund 1 Quadratmeter Boden in der Schweiz pro Sekunde! Von nachhaltigem Bauen kann also heute keine Rede sein! Das gilt aber selbstverständlich nicht nur für die Schweiz.

Interesse an nachhaltigem Bauen ist gross

Nach Brundtland 1987 ist Entwicklung nur nachhaltig, wenn sie gewährleistet, «dass die Bedürfnisse der heutigen Generationen befriedigt werden, ohne die Möglichkeiten künftiger Generation zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu beeinträchtigen». Wir sprechen in diesem Zusammenhang häufig auch vom sogenannten 3-Säulen-Modell, da eine nachhaltige Entwicklung eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und eine ökologische Dimension umfasst (siehe Grafik, Quelle: Bundesamt für Raumentwicklung, Schweiz).

Modell_NachhaltigeEntwicklung

Auf diesem Verständnis basierend, erklärt sich das grosse Interesse an einem nachhaltigeren Bauen. Zum Ausdruck kommt dies unter anderem in einer kaum noch zu bewältigende Flut von Bauproduktbezeichnungen (FSC-Holz, Ökostahl, Recyclingbeton etc.) und Zertifizierungssystemen (Minergie, LEED, Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen etc.). Der SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) und der Bundesrat nehmen sich beide der Themaktik des nachhaltigeren Bauens intensiv an und erarbeiten Empfehlungen und Massnahmen.

Ist dieses grosse Engagement auf allen Ebenen gerechtfertigt? Ja. Aber es braucht sicherlich noch einen grossen Effort in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um ein nachhaltigeres Bauen in der Breite zu erreichen. Nur wenn alle Beteiligten zielgerichtet ihre Kompetenzen und Handlungsspielräume nutzen und aufeinander abstimmen, können wir dieser Herausforderung erfolgreich begegnen.

Wieso werden vorhandene Lösungen nicht umgesetzt?

Bezüglich der Treibhausgasemissionen wären die technischen Lösungen eigentlich vorhanden. Hier klemmt es an anderen Stellen. Eines der grössten Hindernisse ist das Planer-Nutzer-Dilemma: Wer das Gebäude plant, zahlt oft nicht die Betriebskosten für Strom, Wärme etc. Weitere Haupthindernisse sind niedrige Energiepreise und damit häufig eine schlechte Wirtschaftlichkeit von klimaschonenden Technologien, fehlendes Knowhow auf der Planerseite und mangelndes Interesse auf der Käufer-/Nutzerseite. Bei Renditeobjekten spielen auch «nicht nachhaltige» Amortisationsannahmen eine Rolle. Mein Fazit? Es gibt noch viel zu tun – carpe diem.

Zum Autor

Holger Wallbaum ist Professor für Nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (9) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Es gibt heute auf dem Europäschen Markt sehr wenige, und wenn, dann erheblich teurere Waschmaschinen und Geschirrwascher den einen Warmwasseranschluss haben. So selbst wenn die Warmwasser aufbereitung mit Solar oder WP geschieht.. ist es immer noch eine reine Elektro-Heizung in den Geräten.
Kantonsgeologen treffen Entscheidungen mit Rücksicht auf das Grundwasser ob und wo Erdsonden gebohrt werden können… Obwohl die Leitungen für das Medium zur WP in einer Betonsäule gebaut werden, biologisch abbaubar ist und erheblich weniger gefährlich ist als das Kühlmittel in einem Autokühler..
Wenn die Politik das sagen hat und die technologischen Entwicklungen schlicht ignoriert werden, dann ist die ganze Nachhaltikeitsdiskussion eben nur das.. eine Diskussion.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Holzherr

Leider ist es so, dass unsere marktwirtschaftlichen Mechanismen dieses Handeln bzw. Nicht-Handeln aus rein finanzieller Sicht als durchaus sinnvoll darstellen lassen. Solange die Energie so günstig ist, trotz kontinuierlicher Energiepreiserhöhungen in den letzten Jahren und trotz Liberalisierung, ist kaum ein finanzieller Anreiz zum Handeln da. Das gilt natürlich nicht für alle Massnahmen (siehe u.a. meinen Kommentar zu den „sowieso-Kosten“) und zum Glück ist die Gesellschaft nicht nur vom home oecinomicus geprägt, sondern schätzt auch schwerer zu monetarisierende Fakroten, wie beispielsweise den Konfort in einem Gebäude oder auch den Beitrag für eine Reduktion der Treibhausgasemissionen. Im Immobiliengeschäft mit Renditeabsichten weht allerdings ein anderer Wind und schlussendlich profitieren sehr viele von uns auch davon, soviel muss der Gerechtigkeit halber auch gesagt werden, da unsere Versicherungen und Pensionskassen in unserer aller Interesse unsere Zukunftseinkünfte absichern wollen.

Wie so häufig gibt es nicht nur eine Wahrheit…

Mit freundlichen Grüssen
Holger Wallbaum

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Sehr geehrter Herr Blaser

Dies noch zu Ihrer Frage, die leider nicht so einfach zu beantworten ist, da ich das Objekt und den Zustand nicht kenne. Damit wären wir auch schon bei Schritt 1 der Prioritäten: Sie sollten einen Status quo des Gebäudes erstellen lassen. Im besten Fall haben Sie auch noch die Planungsunterlagen (Leitungen, Statik etc., was leider häufig sträflich bei der Erstellung bzw. Übergabe vernachlässgt wird). Darauf basierend kann Ihnen ein Fachmann dann anhand von ökologisch-ökonomischen Kriterien den Zeitpunkt für eine sinnvolle Intervention aufzeigen.

Nach 20 Jahren wird wahrscheinlich bald einmal die Gebäudehülle anzufassen sein. Wenn dann die sogenannten „sowieso-Kosten“ durch ein Gerüst anfallen, sollten Sie von einer Pinselrenovation absehen und das Objekt wärmetechnisch sanieren lassen. Dabei sind die Arbeitskosten relevant und die Materialkosten sekundär. Will heissen, wenn gedämmt wird, dann richtig. Je nach Gebäudetyp ist das richtige Wärmedämmsystem zu wählen.
Darüber hinaus wird die Heizungsanlage und die Fenster zur Sanierung in den nächsten Jahren anstehen, auch das sollte bei der Sanierungsstrategieausarbeitung bedacht werden.
Generell gilt, lieber etwas zuwarten, wenn die finanziellen Mittel gerade nicht vorhanden sind (was bei einem CEO einer Zürcher Bank oder Versicherung seltener der Fall sein sollte), wenn aber energetisch saniert wird, dann richtig.

Die finanzielle Rentabilität basiert natürlich auch den zur Verfügung stehenden Förderinstrumenten (Steuererleichterung, finanzieller Zustupf etc.), die von Gemeinde zu Gemeinde und Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich ausgestaltet sind (siehe auch: http://www.bfe.admin.ch/energie/00580/00582/index.html). Auch deshalb gibt es kein Pauschalrezept.

Der Überprüfung der Qualität der durchgeführten Massnahmen, z.B. druch einen sogenannten Blower-Door-Test, sollten Sie auch erhöhte Aufmerksamkeit schenken, da diese schlussendlich auch mit darüber entscheiden, wie viel Energie Sie nun im Betrieb einsparen und wie der Konfort gesteigert wurde.

Bei der Sanierung rate ich generell dazu Architekten und Fachplaner zu konsultieren, die Referenzobjekte vorweisen können. Unterhalten Sie sich ruhig auch mit der anderen Bauherrschaft über Ihre Erfahrungen mit den Planern, das ist Ihr gutes Recht. Leider ist der Markt für gute Fachleute bei der Sanierung noch sehr klein, wird aber sciherlich perspektivisch an Bedeutung gewinnen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Sanierung und verbleibe mit freundlichen Grüssen
Holger Wallbaum

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Sehr geehrter Herr Blaser

Herzlichen Dank für Ihr Engagement und das freundliche Angebot, das ich gerne annehmen werde. Eine erste Veranstaltung bei der ich froh wäre, wenn Sie darauf hinweisen würden, ist die Veranstaltung „Kies für Generationen“, die am 24.03.2010 an der ETH Zürich stattfinden wird. (http://www.kiesfuergenerationen.ch/)

MfG und einem Dank im Voraus
Holger Wallbaum

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Sehr geehrter Herr Büchel

Sicherlich haben Sie mit dem Planer-Nutzer-Dilemma recht, wenn es auch nur ein Element von vielen Hindernissen darstellt. Vielleicht interessiert Sie ein Beitrag dazu, den wir im letzten Jahr verfasst haben und der Lösungswege aufzeigen soll, wie Rahmenbedingungen verändert werden sollten, um nachhaltigeres Bauen zu unterstützen. Sie finden den Artikel unter: http://www.ibb.baug.ethz.ch/de/nb/X_dateien/Publications/200908_Wallbaum.Meins_Nicht-Nachhaltiges.Planen.Bauen%2BBetreiben.pdf

Ein gutes Mittel, das dem Planer-Nutzer-Dilemma entgegenwirken kann, ist die sogenannte Brutto- oder Warmmiete, die auch die Betriebskosten beinhaltet. Sie erlaubt den Mietern einen transparenteren Vergelich der Immobilienqualitäten als das unsere Netto- oder Kaltmieten heute tun.

MfG
Holger Wallbaum

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„Eines der grössten Hindernisse ist das Planer-Nutzer-Dilemma: Wer das Gebäude plant, zahlt oft nicht die Betriebskosten für Strom, Wärme etc.“

Und genau das sehe ich als Hauptproblem an. Baue ich ein Haus für mich selber, wird es ein Passivhaus sein. – Wird aber ein Block für Mieter gebaut, müssen diese die Heizkosten zahlen. Warum sollte also gut isoliert werden?

Wie kann man die Besitzer von Mietwohnungen dazu bringen, nachhaltig zu bauen?

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Lieber Herr Professor Wallbaum
Zur Ihrer Information: den Link zur
ETH Zurich Chair of Sustainable Construction
habe ich in meiner Google Website „slow4earth“ aufgeführt:
http://sites.google.com/site/slow4earth/eco-living/green-building
Die Seite „Green Building“ werde ich entsprechend warten und mit aktuellen Informationen ergänzen.
Falls Sie Events veranstalten, kann ich diese gerne über meine Webseite ankündigen.
Freundliche Grüsse
Thomas Blaser

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Lieber Herr Professor Wallbaum
Mit grossem Interesse habe ich Ihren obigen Text gelesen.
Wenn ich jetzt z.B. in Zürich CEO einer Bank oder Versicherung wäre, ein 20 Jahre altes Wohnhaus besitzen und dort noch in einer der Wohnungen leben würde, was würden Sie mir hinsichtlich Nachhaltigkeit (also für den Grossunternehmer, Hausbesitzer, Mieter) als die jeweils 3 prioritären und machbaren (wirtschaftlich, technisch) Sofortmassnahmen empfehlen?
Freundliche Grüsse
Thomas Blaser

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Es ist beruhigend zu wissen, dass es heute möglich ist, Häuser zu bauen, die nur wenig externe Energie und praktisch keine fossilen Energien benötigen, um ein behagliches Innenklima aufrecht zu erhalten.

Umso weniger kann man verstehen, dass solche Gebäude immer noch nicht die Norm sind.

Klimaschutz wie er hier beispielsweise von Reto Knutti skizziert wurde, verlangt ja pro Kopf-Emissionen von 1 Tonne CO2 oder weniger. Gebäude mit zu hohen CO2-Emissionen müssten später saniert werden um dieses Ziel bis 2050 zu erreichen und das ist mit Sicherheit teurer als dies bereits beim Bau zu berücksichtigen.

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