ETH-Klimablog - Politik - Von Visionen zu globalen Realitäten

ETH life zum Thema

Welternährung: «Ein nahrhafter Denkanstoss» (17.10.13)
Klimaforschung: «Klimaforschung im Dialog» (4.10.13)
Klimaforschung: «Emissionen verpflichten uns langfristig» (27.9.13)
Energieforschung: «Der Asket unter den Motoren» (12.9.13 )

Blog-Schwerpunkte

Die Beiträge geordnet nach Wissensgebieten rund um den Klimawandel:
>Klimaforschung
>Umweltfolgen
>Energie
>Mobilität
>Wirtschaft
>Politik
>Stadtentwicklung
>Welternährung
>Nord-Süd

Archive

Von Visionen zu globalen Realitäten

18.12.2009 von

Ob an der Konferenz der Parteien im Bella Center oder an einer der zahlreichen anderen Veranstaltungen in der dänischen Hauptstadt, eines ist allen «Klimapilgern» gemeinsam: Wir malen Gedankenbilder der Zukunft eines kohlenstoffarmen Wirtschaftssystems und versuchen die Bilder zu einem globalen Gemälde zusammenzusetzen.

Die Handlungsebenen in der Klimaproblematik

«Think globally, act locally» (Denke global, handle lokal) steht auf dem farbenfrohen Plakat des Standes einer NGO. Auf der globalen Ebene behandeln die 192 Verhandlungsteilnehmer die Frage einer international verbindlichen und überprüfbaren Eindämmung der Emissionen. Ob das Bild einer im Mittel «nur» 1.5-2°C wärmeren Erde realistisch und für die Weltgemeinschaft erreichbar ist, hängt zu einem wesentlichen Teil von Machtspielen ab, die sich in den Plenarsälen sowie hinter den Kulissen abspielen.

Interessensvertreter aus allen politischen und gesellschaftlichen Stufen sind hier in Kopenhagen und bringen ihre Gesichtspunkte ein. Die grosse Herausforderung dieser in vielen Bereichen sehr demokratisch organisierten Klimakonferenz ist es, die Stimmen aus allen Ebenen zusammen zu bringen und ihnen einen Handlungsrahmen zu geben.

Mit einem FAB-Abkommen (Fair, Ambitiös und Bindend) ist es jedoch nicht getan. Um überprüfbare globale Zielvereinbarungen für Emissions-Reduktionen zu realisieren, braucht es eine ganze Reihe von aufeinander abgestimmten wirtschaftlichen und rechtlichen Mechanismen. Das gemeinsam geformte gedankliche Zukunftswerk muss dann herunter gebrochen werden vom internationalen Abkommen zu nationalen Massnahmen, regionalen und lokalen Vereinbarungen und Projekten bis zum einzelnen Menschen. Nur so können wir die Kopenhagener Vision einer nachhaltigen Gesellschaft in die Realität umwandeln.

Rolle der Wissenschaft

Auf allen Handlungsebenen sind Kontrollmechanismen unverzichtbare Elemente. Das kommt in Kopenhagen immer wieder klar zum Ausdruck. Dazu sind in den einzelnen Staaten einerseits unabhängige und vertrauenswürdige Strukturen als Projektanlaufstellen und administrative Dachorganisationen notwendig. Andererseits ist auch natur- und ingenieurswissenschaftliche Forschung unabdingbar. Letzteres gilt namentlich für das Systemverständnis mit Blick auf Stoff- und Ressourcenflüsse, sowie in Bezug auf Rückkoppelungseffekte im Klimasystem. Das Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und staatlichen Entscheidungsträgern ist deshalb von entscheidender Bedeutung bei der Problemdefinition, der Festlegung der Reduktionsziele und auch bei der Überwachung der Wirksamkeit von Massnahmen.

«Let’s go to the moon»!

Forschung und Technologie sind wichtige Motoren für die Realisierung der Kopenhagener Zukunftsbilder. Den Zündschlüssel für die Umsetzung der gemeinsamen Visionen muss aber die politische Führung liefern. Als John F. Kennedy 1962 das ambitiöse Ziel ankündigte, den ersten Menschen sicher auf den Mond zu bringen, waren bei weitem noch nicht alle technischen Details zur Realisierung dieses Traumes ausgearbeitet. Zwei Tage vor Ende der Klimakonferenz rief der Präsident der Malediven mit diesem treffenden Vergleich die politischen Entscheidungsträger dazu auf, ihre Führungsrolle wahrzunehmen, damit die Kopenhagener Träume Wirklichkeit werden.

Zur Autorin

Franziska Aemisegger ist Doktorandin an der ETH Zürich. Diese Woche weilt sie in Kopenhagen und nimmt als Gast an der Klimakonferenz teil. Persönliches Zitat und Biografie

.

.





Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Wie ist das Scheitern in Kopenhagen politisch zu interpretieren?

Viele Europäer sehen sich als Vorreiter im Klimaschutz (Kyoto,…) und die PräObama-USA und China als Verhinderer.

Ist Europa schon auf dem Weg ins postfossile Zeitalter?

Sicher nicht: Europa hat einen Grossteil seiner schmutzigen Produktion nach China ausgelagert und Kohle und Gas spielen sehr wohl noch eine wichtige Rolle, sogar in der Schweiz. Es sei daran erinnert, dass BR Moritz Leuenberger Ende 2007 Gaskraftwerke durch eine CO2-Kompensation von mehr als 50% im Ausland ermöglichen wollte und BR Calmy-Rey in den Iran reiste um einen Gasliefervertrag zwischen Iran und der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg offiziell abzusegnen.

Aus der Sicht der Wissenschaft ändert sich nach Kopenhagen nichts.
Aber auch hier stellt sich die Frage: Sind wir im wissenschaftlichen und technischen Bereich auf dem Weg ins postfossile Zeitalter? Kaum.
Nach meiner (vielleicht abweichenden) Ansicht fehlt eine tiefere Auseinandersetzung mit den Konsequenzen, die ein Verzicht auf fossile Energiequellen bedeutet. Statt dessen findet man einen unbegründeten Optimismus, was die Machbarkeit angeht. Beispiele sind auch in desem Blog zu finden.
Renate Schubert http://blogs.ethz.ch/klimablog/2009/12/07/klimaschutz-ohne-klimapolitik-nein/
schreibt über die Klimaschutzökonomie:
„Gibt es dennoch eine Chance, das 2°-Ziel einzuhalten? Ja,…
Viele Firmen haben Klimaschutz als neues Geschäftsfeld entdeckt. ….“
Die Frage ist, wie man mit diesem Ansatz zu einer 80%-igen Reduktion der CO2-Emissionen bis 2050 in der Schweiz kommt.
Lucas Bretschger http://blogs.ethz.ch/klimablog/2009/12/12/gouverner-c-est-prevoir/
schreibt über die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Energieeinsparungen:
„Weiter gilt: Weder aus der Theorie des Wirtschaftswachstums noch aus dem internationalen Vergleich von Ländern kann gefolgert werden, dass ein hoher Energieverbrauch für das wirtschaftliche Wachstum unabdingbar ist.“
Es gilt aber: Mehr Wohlstand bedeutet für die meisten Menschen grössere Wohnungen, Häuser und Autos und mehr Flugreisen.
Mein Instinkt sagt mir, Umsteigen auf nicht-fossile Energiequellen bedeutet nur dann keinen Wohlstandsverlust, wenn die nicht-fossilen Energiequellen einen ähnlichen Preis haben wie die fossilen, die sie ersetzen. Wissenschaft bedeutet doch auch, kritische Fragen zu stellen.
Diese Fragen wurden hier aber noch nicht aufgeworfen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Brecht kann einem optimistische Gedanken bringen.
Hoffen wir es werden einige Leser das Buch zur Hand nehmen
und darueber nachdenken.

michael

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Interessanter Vergleich mit Brechts Galilei! Wenn die “COP15-Vorführung“ die Eigenschaften des epischen Theater von Berthold Brecht erfüllt, dann stimmt mich das sehr optimistisch in Bezug auf die Klimaproblematik! Brechts Ziel war es ja eben gerade in der erzählenden Form seiner Theaterstücke die Aktivität des Zuschauers zu wecken und ihn dazu zu führen Entscheidungen zu treffen. Klar geht es auch darum auf seinen kleinen Komfort zu verzichten und auf lokaler Ebene nachhaltige Projekte zu lancieren, im Moment leider unabhängig davon ob die grossen Players sich einigen können oder nicht.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Wer und was ist fuer das Scheitern in Kopenhagen verantwortlich?

Die, die heute viel (und pro Kopf) verbrauchen wollen nichts aendern. Egal was die Wissenschaft zum Thema sagt. Seien wir doch ehrlich. Wer will schon auf seinen kleinen Komfort verzichten? Das Resultat wird durch die noch verhandenen Oel, Gas und auch Kohle Reserven entschieden!

Die Folgen des Niedergangs nach dem Oel Peak werden entscheiden wie dramatisch der Klimawandel wird!
(wann wird das offensichtlich.. warten wir es einfach ab und debatieren wir einfach weiter ..
in etwa wie bei Galilei (Brecht).. wir weigern uns durch das Teleskop zu schauen
und debatieren endlos..

„Koennen solche Planeten existieren“?

Michael

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Danke für den guten Kommentar. Auf politischer Ebene ist die Frage der Transparenz (überprüfbares, unabhängiges CO2 Monitoring) ein ganz kritischer Punkt, der für das Scheitern eines Abkommens hier in Kopenhagen verantwortlich ist. US Präsident Obama meinte gestern Nachmittag in seiner Rede am COP15, es sei zwingend notwendig, dass verbindliche Verpflichtungen für CO2 Reduktionen durch einen transparenten Mechanismus überwacht werden. Speziell China verweigert ein solches System mit der Begründung, dies stelle einen inakzeptablen Eingriff in die staatliche Souveränität des Landes dar. Die verbindliche Komponente des Vertrages wird aber mit einer solchen Haltung unpraktikabel. Ein so beschlossenes Abkommen käme einer Operette gleich.

Die Frage eines CO2 Überwachungssystems wirft zudem verschiedene praktische Fragen auf, betreffend dessen Gestaltung. Eine Einigung darüber zu treffen, wie dieses Überwachungssystem funktionieren soll, wird genauso schwierig sein, wie die Vereinbarung von festen Reduktionszielen. Dies vor allem, weil es (bis heute) keinen Konsens gibt über den Rahmen des CO2 Emissionsproblems.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Zitat: „Auf allen Handlungsebenen sind Kontrollmechanismen unverzichtbare Elemente. Das kommt in Kopenhagen immer wieder klar zum Ausdruck.“ Das scheint mir eine positive Entwicklung. Von einem Monitoring der CO2-Emissionen habe ich bis jetzt wenig gehört. Erst Deutschland und die USA haben das jetzt auf die Agenda gebracht – vorläufig leistet China noch Widerstand.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

top
 
FireStats icon Powered by FireStats