ETH-Klimablog - Politik - Schadensbegrenzung vor «Kopenhagen»

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Schadensbegrenzung vor «Kopenhagen»

21.11.2009 von

Die Vertragsparteienkonferenz der Klimakonvention in Kopenhagen Mitte Dezember werde der historische Moment sein, welcher der Menschheit ermögliche, mit einem wirksamen internationalen Deal einen katastrophalen Klimawandel zu verhindern, schrieben noch im September die Verantwortlichen der Klimakonvention. In den letzten Wochen haben sie jedoch begonnen, die Erwartungen zu dämpfen. Der dänische Ministerpräsident Rasmussen ist nicht der einzige, der nicht mehr von einem «gesetzlich bindenden» Vertrag von Kopenhagen sprechen will. Bereits vor Wochen hatte es ähnliche Signale vom Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und vom Exekutivsekretär der Konvention, Ivo de Boer, gegeben. Ein solcher Vertrag wird nun vielerorts frühestens im nächsten Jahr erwartet.

Das Ende für «Kyoto»?

Aber auch, dass es überhaupt zu einer zweiten Phase des Kyoto-Protokolls kommt (die erste läuft 2012 aus), gilt nicht mehr als gesichert. Japan und Australien etwa liebäugeln offen mit einem Abkommen im Rahmen des zweiten, parallelen Verhandlungsgremiums der Konvention, das 2007 an der Klimakonferenz auf Bali für eine langfristige Zusammenarbeit gestartet wurde. In diesem sind auch die USA dabei; und vor allem sieht dessen Verhandlungsmandat auch für die grossen Entwicklungsländer angemessene nationale Emissionsreduktionen vor. Selbst die EU, quasi die Mutter des Protokolls von Kyoto, scheint willens, ihr Kind preiszugeben für einen einzigen, aber globalen Vertrag, wenn «Schlüsselelemente» des Kyoto-Protokolls übernommen werden. Dies zum grossen Ärger der Entwicklungsländer – sie sind Vertragspartner des heutigen Klima-Protokolls, ohne dass ihnen Reduktionsverpflichtungen daraus erwachsen. Diese Privilegierung wollen auch rasch erstarkende Wirtschaftsmächte der Dritten Welt wie China nicht aufgeben – es sei denn gegen viel Geld und Technologie aus den Industriestaaten.

In Kopenhagen geht es daher nicht allein um ehrgeizige Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen einzelner Industrieländer wie der USA und die Abholzung in den Tropen, ebenso werden Technologie-Transfers und Geld (auch für die Anpassung an den bereits stattfindenden Klimawandel) wichtige Stichworte sein. Dies alles sind Themen, die die Verhandlungen im Rahmen der Klimakonvention schon seit deren Beginn 1995 in Berlin prägen. Ebenso wie das Insistieren der Amerikaner (damals noch unter Clinton und Gore), dass die Schwellenländer einzubeziehen seien – ein Anliegen, das die Europäer inzwischen teilen.

Ein neuer Kompromiss für alte Anliegen

Gefragt ist nichts weniger als ein neues besseres «Kyoto-Protokoll». Dies hatte sich bereits auf Bali abgezeichnet und wurde vor einem Jahr an der Klimakonferenz von Poznan nochmals offensichtlicher. Auch wenn der Druck von Seiten der Wissenschaft gestiegen ist und ein neuer Präsident im Weissen Haus in Washington sitzt, dürfte in Kopenhagen daher höchstens ein Etappenziel erreicht werden. Das mag frustrierend sein – voran kommt der globale Klimaschutz langfristig aber nur, wenn er breit abgestützt ist, handelt es sich doch um eine der komplexesten Herausforderungen der internationalen Politik überhaupt. Überrissene Erwartungen im Vorfeld von «Kopenhagen» und ein Katzenjammer danach sind wenig hilfreich. Entscheidend wird sein, ob es der Konferenz gelingt, klare politische Signale an Wirtschaft und Gesellschaft zu senden. Sie müssen, soll nicht Erreichtes verloren gehen, Kontinuität bei den Klimabemühungen garantieren, selbst wenn noch kein neues Abkommen für die Zeit ab 2013 ausgehandelt ist.

Zur Autorin

Gastautorin Heidi Blattmann war von 2002 bis Ende 2008 Leiterin der NZZ-Wissenschaftsredaktion; seit 1990 hat sie die Entwicklung der globalen Klimapolitik publizistisch begleitet.

Am heutigen ETH-Tag wurde Sie für Ihre Verdienste im Wissenschaftsjournalismus zur Ehrenrätin der ETH Zürich ernannt.

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Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Liebe Heidi
Wie Du weisst habe ich als Wissenschaftsjournalist ebenfalls schon viel über Umwelt und Klima geschrieben. Bezüglich Kopenhagen möchte ich aber mal eine neue Idee ins Spiel bringen:
Stell Dir vor es ist Klimagipfel und keiner sagt ein Wort. All die Regierungschefs, die nach Kopenhagen gekommen sind, sitzen in den Konferenzräumen und sind still. Stell Dir vor, all die vorbereiteten Communiqués werden nicht verlesen. All die angereisten Vertreter der NGOs sitzen da in stillem Protest. Die Reden – von Obama, von Merkel, von Sarkozy – sind zwar geschrieben, aber bleiben auf den Festplatten. Auf den gläsernen Scheiben der Teleprompter erscheint kein Bild. Während den Medienkonferenzen stehen die Redner der 192 vertretenen Staaten vor den abgeschalteten Mikrofonen und achten auf die Stille. Die Fernsehjounralisten aus aller Welt werden in die Newssendungen eingeschaltet und lächeln still in die Kameras. Gefrühstück wird in der Stille, beim Mittagessen fällt kein Wort und sogar die abendlichen Banketts sind still. Und dann, nach einer Woche der Einkehr, gehen alle heim: UND HANDELN!
In allen Kulturen rund um den Erdball gingen die Regierenden vor wichtigen Entscheidungen in die Stille. Die Menschen haben das seit Jahrtausenden praktiziert; heute tun sie es nicht mehr. In Kopenhagen geht es zu und her wie auf dem Basar. Da wird gefeilscht, gedealt, geschachert. Wie auf allen Basaren dieser Welt wird es auch auf dem Kopenhagener Basar in erster Linie um den eigenen Vorteil gehen. In der Stille hingegen könnte der Vorteil für die Welt aufblitzen, aber wer will still sein?
Herzlich
Reto Locher

Weitere Infos zu Klima und Stille auf http://www.meinklimatag.ch

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

@ Paul Bossert

Ich gehe mit Dir einig – und sicherlich viele andere auch – , dass die Wissenschaft in der Klimadebatte nicht Schiffbruch erleiden darf. Dass dies nicht geschieht, hängt aber nicht von einem einzelnen Journalisten ab. Entscheidend ist, ob der Wissenschaftsbetrieb und seine Institutionen unter dem enormen politischen Druck, der bei der Grösse und Relevanz der Thematik auf ihren Daten lastet, in der Lage sind, eine offene sachorientierte Diskussion aufrecht zu erhalten – insbesondere auch innerhalb der wissenschaftlichen Arbeit. Diesem Ziel einer offenen Diskussion will die ETH als „Honest Broker“ gerade auch mit ihrem Blog dienen.

Zurzeit ist diese Frage nicht nur aktuell, weil in Kopenhagen wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden. Auch die vor wenigen Wochen losgebrochene Affäre um die entwendeten Mails der University of East Anglia wird ein wichtiger Prüfstein sein, wie weit es gelingt, sachlich und ohne ständige Verdächtigungen und Anschuldigungen die Fakten und Argumente zu klären. Der Mail-Affäre vorausgegangen war seit längerem eine zum Teil gehässige Diskussion um die sogenannte Hockey-Schläger-Kurve, die mit ihrem deutlichen Temperaturanstieg Ende des 20. Jahrhunderts für viele zu einem Symbol der vom Menschen gemachten Klimaerwärmung wurde. Im Raum steht vor allem die Frage der Robustheit der verwendeten Daten. Einzig eine absolute Transparenz über die vorhandenen und effektiv verwerteten Daten kann – zusammen mit neuen Messresultaten – die für das Vertrauen weiter Kreise notwendige Klarheit bringen.

Nicht nur die betroffene Universität selber, auch das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat daher eine Untersuchungen angesagt (BBC Artikel vom 4. Dezember: http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/8394483.stm). Dass auch in der Wissenschaft Betrug nie ausgeschlossen werden kann, ist eine Binsenwahrheit. Daher ist es von höchster Priorität für die wissenschaftlichen Institutionen, von sich aus mit klaren Regeln diese Gefahr zu bekämpfen und mit neutralen Abklärungen allen Vorwürfen auf den Grund zu gehen – auch wenn viele Sachverständige keinen Zweifel haben, dass die „Enthüllungen“ nichts an den zentralen Befunden des IPCC verändern (IPCC WGI Erklärung: http://www.ipcc-wg1.unibe.ch/WGIstatement_Final.html).

Dass solche Abklärungen nun trotz der Tatsache, dass die Mails auf illegale Weise an die Öffentlichkeit kamen – was in keiner Weise gutzuheissen ist – in Angriff genommen werden, ist ein gutes Zeichen für das Problembewusstsein der Verantwortlichen. Doch auch die Politik und die Qualität des Peer-Review-Prozesses bei den wissenschaftlichen Zeitschriften ist in diesem hochpolitischen Forschungsgebiet einer besonderen Belastung ausgesetzt. Auch sie gilt es immer wieder zu überprüfen. Und last but not least müssen die Klimawissenschafter selber sich dieser Problematik und der Wichtigkeit, Politik und Wissenschaft zu trennen, bewusst sein. Mike Hulme hat das im Wallstreet Journal kürzlich differenziert dargelegt (http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704107104574571613215771336.html).

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Liebe Frau Blattmann,
herzliche Gratulation zu Ihrer Ernennung als Ehrenrätin der hohen Schule ETH. Das ist eine längst fällige Anerkennung.

Zufälligerweise habe ich in den letzten drei Tagen zwei alte Bananenschachteln mit Material für meine Fritz-Zwicky-Biographie von 1986 durchforscht (und ausgemistet). Dabei bin ich auf Ihre Beiträge zu Zwicky und die Fritz-Zwicky-Stiftung gestossen, die Sie 1971-74 verfasst haben. Sie haben sich eindrücklich für den Glarner Querkopf eingesetzt!

Fritz Zwicky war ein Pionier des Umweltschutzes. Bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg hat er die Autoindustrie hartnäckig bearbeitet, Wasserstoffmotoren zu entwickeln (er sprach von isotherm arbeitenden Verbrennungsmotoren). Selbstverständlich war das vergeblich, „weil die kurzsichtigen und nur auf raschen Profit bedachten Geschäftsinhaber der beiden Konzerne uns die nötige Unterstützung versagten“. 1973 hat er von den Regierungen der USA und anderer Länder verlangt, „dass nach dem Jahre 1975 nur noch Automobilmotoren zugelassen werden, die 90% weniger Stickoxyde und andere unerwünschten Abgase auspuffen als die heute im Gebrauch stehenden“.
Wie lange ist das her!
Mit freundlichen Grüssen
Dr. Roland Müller

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