Darf ein so wichtiger Report einfach während meinen Ferien erscheinen? Fast hätte ich die Veröffentlichung des neusten Horizon Reports verpasst. Dabei ist er doch die wichtigste Grundlage für die Einschätzung von Trends im Bereich Hochschulen und Bibliotheken. Meine Erwartungen wurden auch dieses Jahr nicht enttäuscht: Der Bericht ist wie immer fundiert und bringt es – jedenfalls beim kürzeren Zeithorizont – absolut auf den Punkt. I like it!
Key Trends
Zunächst werden die Schlüsseltrends dargestellt:
- People expect to be able to work, learn, and study whenever and wherever they want to.
- The technologies we use are increasingly cloud-based, and our notions of IT support are decentralized.
- The world of work is increasingly collaborative, driving changes in the way student projects are structured.
- The abundance of resources and relationships made easily accessible via the Internet is increasingly challenging us to revisit our roles as educators.
- Education paradigms are shifting to include online learning, hybrid learning and collaborative models.
- There is a new emphasis in the classroom on more challenge-based and active learning.
Diese Trends beziehen sich sehr stark auf den Bildungsbereich, aber sie können durchaus auch auf Bibliotheken übertragen werden. Trend 1 ist alles andere als neu, hat sich aber durch die mobile Nutzung noch weiter verstärkt. Trend 2 ist eine Feststellung, mit der Dienstleister an Hochschulen noch häufiger konfrontiert werden: Die Benutzer helfen sich selbst und nutzen wild die einfachen Cloud-Dienste (Dropbox, Google, iCloud uvm.), ohne sich um Sicherheitsfragen zu kümmern. Hier besteht ganz klar das Bedürfnis nach Cloud-Diensten, die so einfach integriert werden können wie Dropbox, aber innerhalb der Sicherheitsschranken der Hochschule angeboten werden können. Auch Trend 3 ist nicht wirklich neu, wird aber durch diese Tools und Anwendungen noch relevanter. Für das kollaborative Arbeiten sind geeignete Tools gefragt. Die virtuellen Forschungsumgebungen sind dazu ein aktuelles Stichwort.
Challenges
Anschliessend werden die Herausforderungen formuliert:
- Economic pressures and new models of education are bringing unprecedented competition to the traditional models of higher education.
- Appropriate metrics of evaluation lag the emergence of new scholarly forms of authoring, publishing, and researching.
- Digital media literacy continues its rise in importance as a key skill in every discipline and profession.
- Institutional barriers present formidable challenges to moving forward in a constructive way with emerging technologies.
- New modes of scholarship are presenting significant challenges for libraries and university collections, how scholarship is documented, and the business models to support these activities.
Damit sind die Bibliotheken direkt angesprochen: Digital media literacy gesellt sich nun zur information literacy, und beides soll und kann Aufgabe von Bibliotheken sein. Der Umgang mit neuen Technologien (ich lese: Innovationsmanagement) wird eine wichtige Herausforderung für Hochschulen und Bibliotheken. Neue Formen des Publizierens und Forschens fordern von den Bibliotheken neue Lösungen zur Dokumentation (Präsentation, Archivierung) der Aktivitäten von Lehrenden und Forschenden. Diese Aussagen kann ich unterschreiben…
Technologies to Watch
Und schliesslich das, worauf wir alle speziell gewartet haben: welche Technologien müssen wir im Auge behalten? Der Horizon Report unterscheidet wie üblich drei Zeithorizonte: ein Jahr, zwei bis drei Jahre, vier bis fünf Jahre. Und die Gewinner sind:
- Time-to-adoption: 1 year
- Mobile Apps
- Tablet Computing
- Time-to-adoption: 2-3 years:
- Game-Based-Learning
- Learning Analytics
- Time-to-adoption: 4-5 years:
- Gesture Based Computing
- Internet of Things
Klar unterstütze ich die Themen für den nächstliegen Zeithorizont voll – ausser vielleicht mit der Ergänzung, dass die native Apps von den WebApps Konkurrenz erhalten. Insgesamt wird der Einfluss der mobilen Technologien auf die gesamte ICT-Landschaft weiter massiv zunehmen. Sogar die Betriebssysteme der PCs nähern sich den Technologien und Funktionalitäten der mobilen Anwendungen an. Die Tablets haben einen rasanten Aufschwung hinter sich – und gleichzeitig vor sich. Über Weihnachten hat sich der Anteil US-Amerikaner, die ein Tablet besitzen schlicht verdoppelt! Heute besitzt schon jeder Fünfte ein Tablet (und auch jeder Fünfte einen E-Book-Reader, notabene), wie ein aktueller Report von Pew Internet zeigt. Spannende Zeiten kommen da auf uns zu!

Welches sind die neuen Herausforderungen für Bibliotheken und wie können sie sich darauf einstellen? Dieser Frage bin ich in einem Vortrag am Springer Library Summit am 20. Mai in Zürich nachgegangen. Und vor lauter Vorträge halten hätte ich beinahe mein Blog vernachlässigt… Hier meine zentralen Gedanken und die Präsentation auf Slideshare dazu.
Mein Fokus liegt – das überrascht wohl niemanden – vor allem auf den technologischen Herausforderungen. Hier sehe ich die mobile Webnutzung als wichtigsten Trend, der grossen Einfluss auf das Nutzerverhalten und damit auch auf die Anforderungen hat, die an Dienstleister wie Bibliotheken herangetragen werden. Die mobile Nutzung mit Smartphones dürfte die stationäre Internetnutzung vom PC aus schon bald überholen. Für das Nutzerverhalten bedeutet dies, dass kleine Informationshäppchen (noch kleinere als heute…) gewünscht werden, die man schnell von unterwegs auch auf kleinen Bildschirmen abrufen kann. Wie beim Fernsehen mit vielen verfügbaren Kanälen wird “gezappt”: man springt schnell von eienr Information zur andern – dafür sind die Hyperlinks schliesslich da… Noch verstärkt wird die Tendenz, dass Informationen für Nutzer nicht existieren, wenn sie nicht elektronisch verfügbar sind. Weiter wirkt sich auch der Siegeszug der sozialen Netzwerke auf das allgemeine Benutzerverhalten und die Erwartungen aus: man will per Knopfdruck mit Freunden teilen, wenn etwas interessiert, man will Empfehlungen abgeben und Kommentare geben können – oder einfach etwas mögen (“liken”). Dann kommt hinzu, dass ich mir meine Informationen immer stärker auf meine persönlichen Bedürfnisse abstimmen kann. Twitter gibt hier den Takt vor. Ich organisiere die Informationen in Listen, speichere Suchabfragen (mit oder ohne Hashtag) ab und lasse mir diese personalisierte Information in meinem sozialen Magazin in Echtzeit anzeigen. Eine Zukunftsvision? Nein, sondern die schon alltägliche Nutzung von Flipboard auf dem iPad.
Ein weiterer Megatrend sind die geobasierten Anwendungen, die sich dank der Smartphones rasend schnell etabliert haben. Meine Freunde und Follower wissen von meiner Begeisterung für Foursquare. Hier werden spielerische Elemente mit nützlichen Informationen zum Ort, wo man sich befindet, kombiniert. Darauf setzen dann weitere Anwendungen wie lokale Auskunftsdienste (Localmind) oder soziale Netze wie Scoville auf. Auch Facebook ist mit Places auf diesen Zug aufgesprungen. Ich habe in diesem Blog schon darauf hingewiesen, dass Localmind eine virtuelle Variante zum klassischen Auskunftsschalter der Bibliothek sein könnte. Es geht noch weiter in Richtung Augmented Reality. Auch hier bieten die Smartphones die Hard- und Software, die für eine rasante Verbreitung solcher Dienste sorgen. In der Schweiz ist die Anwendung Swiss Peaks beliebt, die einem anzeigt, welche Berggipfel man von seinem Standort aus sieht. Ein neuer Dienst ist Junaio, mit dem man sich z.B. die Orte in der Nähe anzeigen lassen kann, die einen Eintrag in Wikipedia haben.

Screenshot ab iPhone mit App Junaio: Blick von der ETH in Richtung Zürcher Altstadt mit eingeblendeten Wikipedia-Einträgen
Und dann sind da – natürlich – noch die E-Books und die E-Reader, die eine grosse Herausforderung für die Bibliotheken (und Verlage) darstellen. Wir sind gefordert, benutzerfreundliche Formate und Anwendungen zu entwickeln, damit wir unseren Kunden die gewünschten Inhalte auch für die mobile Nutzung anbieten können.
So viel für heute. Wie sich die Bibliotheken methodisch und organisatorisch auf diese neuen Herausforderungen einstellen können, wird Thema eines nächsten Blogbeitrags sein. In der Präsentation auf Slideshare gibt es bereits Stichworte dazu.

Hier die Liste der 10 Top-Trends in akademischen Bibliotheken vom Artikel des ACRL Research Planning and Review Committee. Es lohnt sich, den gesamten Text zu lesen…
- Academic library collection growth is driven by patron demand and will include new resource types.
- Budget challenges will continue and libraries will evolve as a result.
- Changes in higher education will require that librarians possess diverse skill sets.
- Demands for accountability and assessment will increase.
- Digitization of unique library collections will increase and require a larger share of resources.
- Explosive growth of mobile devices and applications will drive new services.
- Increased collaboration will expand the role of the library within the institution and beyond.
- Libraries will continue to lead efforts to develop scholarly communication and intellectual property services.
- Technology will continue to change services and required skills.
- The definition of the library will change as physical space is repurposed and virtual space expands.