Offen(siv)e Bibliotheken

Neue Zugänge, neue Strukturen, neue Chancen. Österreichischer Bibliothekartag 2015

Nach vierjähriger Pause fand der Österreichische Bibliothekartag vom 15. bis 18. September in Wien statt. Mit 915 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern stiess die Veranstaltung auf grosses Interesse, so versprach auch das Motto „Offen(siv)e Bibliotheken: neue Zugänge, neue Strukturen, neue Chancen“ eine breite Vielfalt an Beiträgen. Welche Rolle Bibliotheken im Kontext des technologischen Paradigmenwechsels spielen können, umreisst der folgende Beitrag.

2015-09-29_themenbloeckeAbbildung 1: Themenblöcke am Österreichischen Bibliothekartag 2015

Offen(siv)e Bibliotheken

Am Eröffnungsabend sagte Donna Scheeder, amtierende IFLA-Präsidentin, treffend: „You’d be better off leading your own changes than having them imposed on you.“ Bibliotheken sollen Veränderungen aktiv und offensiv angehen. Hierfür initiierte die Referentin einen Call-to-Action auf vier verschiedenen Ebenen:

  1. Persönliche Ebene: Welche Skills brauchen Bibliothekarinnen und Bibliothekare von morgen?
  2. Organisationelle Ebene: Welche Bedürfnisse haben die Kundinnen und Kunden?
  3. Regionale und nationale Ebene: Welche politische Tagesordnung braucht es für eine Zusammenarbeit mit Regierung und Gesetzgebern?
  4. Globale Ebene: Wie können Bibliotheken mit internationalen Organisationen wie UNESCO oder UNO zusammenarbeiten?

Robert Darnton, Leiter der Universitätsbibliothek der Harvard University, sprach in seinem Festvortrag anschliessend zum Thema „Libraries, Books, and the Digital Future“. Zwei Elemente sind für ihn hierbei wichtig: „Digitize, Democratize“. Wenn Bibliotheken die Digitalisierung von Informationsressourcen richtig voranbringen, können sie ihre Rolle in der Gesellschaft stärken und sich als wichtige Akteure positionieren. Die Demokratisierung bezog Darnton primär auf den Zugang zu Bibliotheken. Während sich Institutionen lange Zeit hinter (unsichtbaren) Barrieren hielten und den Zugang zu ihren Beständen nur einer ausgewählten Elite gewährten, verändert ein neues Ideal von Offenheit die heutige Welt des Wissens. Angestrebt wird nicht zuletzt ein freier Raum des Denkens und Wissens. Die richtige Balance zwischen privaten Interessen und öffentlichem Gut muss hierbei allerdings erst noch gefunden werden. Ein solcher Versuch stellt die Digital Public Library of America (DPLA) dar, die 2013 online ging.

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Abbildung 2: Robert Darnton während seinem Festvortrag

Auch unterschiedliche Referenten befassten sich mit der Ausrichtung von offensiven, respektive pro-aktiven Bibliotheken, so beispielsweise Klaus Tochtermann, Direktor der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften Leibniz in Kiel. Zum Thema „Wissenschaft im Wandel und die Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken“ ging der Referent auf die neuen Wege der Distribution von wissenschaftlichem Output ein. Gemäss Tochtermann findet der Wandel in der Wissenschaft aufgrund zweier Trends statt: Erstens gibt es neue Wege, wissenschaftlichen Output zu veröffentlichen und zweitens gibt es neue Arten der Zusammenarbeit in der Forschung. Um mit der Zeit gehen zu können, sind innovative Bibliotheksservices gefragt. Wissenschaftliche Literatur soll dort recherchiert werden können, wo sich die Kundschaft aufhält, beispielsweise in den sozialen Medien. Des Weiteren soll das Bibliotheksangebot mit neuen Werkzeugen wie Mendeley oder Research Gate verbunden werden können. Auch die Frage, wie neue Publikationsformate (z. B. wissenschaftliche Blogs) in den Bestand integriert werden können, spielt in diesem Kontext eine Rolle. Das Fazit weist auf grossen Handlungsbedarf hin: Es gibt viele neue Infrastrukturen, unterschiedliche Kanäle und die Community ist hochgradig dezentral organisiert, so dass Bibliotheken nicht mehr Single Point of Access sind.

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Abbildung 3: Banner des Österreichischen Bibliothekartag 2015

Neue Zugänge

Open Science als Dachbegriff von Open Access, Open Data, Open Education, Open Evaluation und Citizen Science spielt in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle. Im Block zu „Openness“ ging Nikolaus Hamann vom Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI) in Stillfried (Österreich) auf drei zentrale Begriffe der heutigen Zeit ein:

  • Offenheit erweckt mittlerweile gewisse Erwartungen, allerdings geht es hierbei auch um Machtverhältnisse in der Gesellschaft: Wer definiert Openness?
  • Demokratie ist ein weiterer zentraler Begriff unserer Gesellschaft (und wurde bereits von Robert Darnton am Eröffnungsabend aufgegriffen). Die Entwicklung der digitalen Gesellschaft kann als Disruption der Demokratie angesehen werden, denn die Macht liegt nicht mehr immer unbedingt bei den Bürgerinnen und Bürgern.
  • Transformation befasst sich mit dem Wandel der Gesellschaft, die sich im digitalen Zeitalter zunehmend verändert.

Zum Schluss betonte Hamann, dass Bibliotheken ein zentraler Bestandteil einer offenen Gesellschaft sind und bleiben werden. Schliesslich besteht ihre Aufgabe nach wie vor darin, das Wissen der Welt zu ordnen. Sei dies nun digital oder analog.

Neue Strukturen

Informationskompetenz wird zunehmend wichtiger, wenn es darum geht, digitale Ressourcen zu finden und zu beurteilen. So hat es die Universitätsbibliothek Salzburg geschafft, die Lehrveranstaltung „Digitales Wissensmanagement – Survival Kit Bibliothek“ im Curriculum ihrer Universität einzuführen. Roland Robwein und Karin Ruhmannseder stellten in ihrem Referat Inhalte und Lernziele sowie Struktur der Lehrveranstaltung vor, die im Rahmen des Lehrgangs Hochschuldidaktik angeboten wird. Themen der Veranstaltung sind Informationskompetenz, Zitieren und Plagiat, Zitationsdatenbanken, bibliometrische Indikatoren und Social Academic Networks, digitale Informationsressourcen, Open Access sowie Literaturverwaltung.

Neue Chancen

Die digitale und technische Entwicklung bietet Bibliotheken zunehmend neue Chancen, ihre Dienstleistungen weiterzuentwickeln. In seinem Referat stellte Patrick Danowski von der IST Austria in Klosterneuburg drei Visionen unter dem Motto „Library Science Fiction“ vor:

  • Wearables for Everybody: z. B. Smartwatch zur Authentifizierung, als Benutzerausweis, zur Personalisierung des Benutzungskontos, Informationszugriff via Recherche, Indoor Navigation
  • Information zum Anfassen und Austauschen: Touchscreens, Print-Technologie, Hologramme zur Visualisierung von Daten, neue Formen von Lehrbüchern
  • Touch war gestern: Sprache als wichtigstes Interface führt zu neuen Formen des Suchens und der Ergebnisrepräsentation.

Fazit: Vielseitig und inspirierend

Während dieser Blog-Beitrag nur vereinzelte Schlaglichter auf den diesjährigen Österreichischen Bibliothekartag werfen kann, war die Bandbreite der Themen und Vorträge vielfältig und reich an Inspirationen. So bot die Veranstaltung Gelegenheit, nicht nur neue Trends und Entwicklungen kennenzulernen, sondern auch Ideen für die Weiterentwicklung und Einführung eigener Services und Angebote mitzunehmen.


Dieses Werk unterliegt einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Public License.

CC-BY-SA

DOI Link: 10.16911/ethz-ib-2010-de

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  1. Deborah Kyburz

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