Informationsfreiheit versus Privatsphäre – ein Innovationsthema für Bibliotheken?

Im Oktober 2014 wurde der Friedenspreis des deutschen Buchhandels an den amerikanischen Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier verliehen. Die Begründung der Jury: „Eindringlich weist Jaron Lanier auf die Gefahren hin, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird, und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden.“

Im Dezember 2014 erhielt der ehemalige amerikanische CIA-Mitarbeiter Edward Snowden den Right Livelihood Award „[…] for his courage and skill in revealing the unprecedented extent of state surveillance violating basic democratic processes and constitutional rights“.

Im Mai 2014 entschied der Europäische Gerichtshof, dass Betreiber von Suchmaschinen im Sinne des Datenschutzes dazu verpflichtet sind, gewisse Webseiten aus ihren Suchergebnissen zu entfernen, um das sogenannte Recht auf Vergessen bezogen auf sensible persönliche Daten zu wahren. Europaweit erhielt Google bislang insgesamt 205.724 Anträge zur Löschung von Webseiten. 747.832 Webseiten prüfte Google und entfernte davon 40,4 Prozent. Von den Löschungen waren insbesondere soziale Netzwerke und weitere Suchdienste betroffen. Das Urteil wurde grundsätzlich positiv aufgenommen. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass das öffentliche Interesse an bestimmten Personen durch das Urteil massiv eingeschränkt werden kann und jeder Löschung mithin eine gründliche Prüfung durch Experten vorangehen müsse.

Diese medienwirksamen Beispiele der Präsenz des Digitalen führen vor Augen, dass unsere Gesellschaft in verschiedensten Teilbereichen bereits von Möglichkeiten und Grenzen des Digitalen geprägt ist. Die Beispiele zeigen insbesondere auch, dass Gefahren für Einzelne wie auch für die Gesellschaft von den Funktionsweisen des Digitalen ausgehen können. Nahtlose Informationsversorgung, mobile räumliche Navigation, berufliche und private Vernetzung über Social-Media-Kanäle bringen neben mehr Flexibilität potenziell auch mehr Transparenz über individuelle Aktivitäten mit sich. Private Daten werden kommerziell nachgenutzt und die Macht über einmal öffentlich zugänglich gemachte Inhalte im Netz lag und liegt häufig – zumindest bis zum Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Mai 2014 – gänzlich ausserhalb der Kontrolle der Person, auf die sich die Daten beziehen. Sehr eindrücklich weist z.B. der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Text Transparenzgesellschaft (Matthes & Seitz 2012, S. 76f) darauf hin, dass in der digitalen Gesellschaft durch die freiwillige Aufgabe von Privat- und Intimsphäre und die damit verbundene Transparenz neue Formen der Kontrolle möglich werden.

Trotz dieser Entwicklungen und Einsichten wächst innerhalb unserer Informationsgesellschaft das Bewusstsein nur langsam, dass der digitale Raum – in seiner aktuellen Form – als quasi „öffentlich“ zu begreifen ist und dass Eigeninitiative und Zusatzaufwand erforderlich sind, um die eigene Privatsphäre zu schützen. Oftmals werden persönliche Daten vorbehaltlos – z.B. durch Zustimmung zu nicht gelesenen Datenschutzklauseln oder durch öffentliche Zugänglichmachung in sozialen Netzwerken – zur weitgehend unkontrollierbaren Nachnutzung freigegeben. Der Schutz von schützenswerten privaten Daten kommt dabei häufig zu kurz.

Abbildung 1: Sayings of DonkeyHotey #002, Flickr, CC-BY-2.0

Abb.1: Sayings of DonkeyHotey #002, Flickr, CC-BY-2.0

Die Präsenz des Digitalen prägt – insbesondere in ihren positiven und erweiternden Möglichkeiten – auch die Arbeit wissenschaftlicher Bibliotheken. So werden u.a. Publikationen und die den Publikationen zu Grunde liegenden Forschungsdaten zunehmen digital zur Verfügung gestellt und damit für verschiedene Kontexte nachnutzbar gemacht. Auch darüber hinaus bewegen sich Bibliotheken und ihre Kundinnen und Kunden zu grossen Teilen im digitalen Raum.

Damit werden Schnittstellen und systemübergreifende Funktionen von digitaler Authentifizierung und Autorisierung immer wichtiger. Denn diese machen es technisch erst möglich, einen umfassenden und nahtlosen Zugriff auf Informationen zu gewährleisten. Bibliotheken, deren Rolle es ist, in diesem Feld neue technische Lösungen auszuloten, bewegen sich hier zunehmend im Spannungsverhältnis zweier gleichrangiger Grundrechte: Der Informationsfreiheit und dem Schutz der Privatsphäre.

ETH-Bibliothek_digitale-Nutzungsszenarien

Abb. 2: Beispiele digitaler Nutzungsszenarien bei denen wissenschaftliche Bibliotheken Unterstützung bieten
(© ETH-Bibliothek)

Dieses Wechselverhältnis und der Umgang damit stellen ein wesentliches und dynamisches Innovationsfeld für Bibliotheken dar. Kenntnisse der Funktionsweisen und der rechtlichen Implikationen des Digitalen auszubauen, ist für Bibliotheken eine Grundvoraussetzung für eine verantwortungsvolle und rechtskonforme Bereitstellung von Informationen. Gleichzeitig gilt es, die gesellschaftlichen Folgen der zunehmenden Präsenz des Digitalen reflektiert zu beobachten. Nur so können neue Anforderungen der Informationsvermittlung und der Vermittlung von digitaler Kompetenz erfüllt werden.

Da Kundinnen und Kunden von Bibliotheken zunehmend nicht nur im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen, sondern auch in sozialen privaten und beruflichen Netzwerken zu Produzenten von Information werden, können und sollten sich Bibliotheken jenseits der klassischen Vermittlung von Informationskompetenz auch in diesem Feld beratend positionieren. Sie können auf der Grundlage fundierter technischer und rechtlicher Kenntnisse und im Wissen um die grossen Mehrwerte des Digitalen geeignete Wege des verantwortungsvollen Umgangs auch mit privaten Daten aufzeigen.

Konkret können Bibliotheken beispielsweise Studierende im sinnvollen Umgang mit der Erstellung von Selbstprofilen auf Karriereplattformen und der bestmöglichen Synchronisation von Daten auf verschiedenen Plattformen beraten. Auch können sie z.B. Orientierungshilfe bei der Nutzung von digitalen Identifikatoren, wie z.B. ORCID, bieten. Dabei sollten Bibliotheken – auch in Kooperation mit Informatik- und Rechtsdiensten an Hochschulen – verstärkt auf die rechtlichen Grundlagen des Datenschutzes und dessen Gefährdung in verschiedenen Kontexten hinweisen und möglichst konkrete Handlungsoptionen für die Nutzerinnen und Nutzer aufzeigen.

Das Spannungsverhältnis von Informationsfreiheit und Datenschutz bzw. Privatsphäre bringt im digitalen Kontext immer neue Herausforderungen für die Gesellschaft mit sich, aus denen Innovationsfelder entstehen. Ausgehend von konkreten Handlungsfeldern der Nutzerinnen und Nutzer können Bibliotheken wie auch andere Infrastruktureinrichtungen informierte Umgangsformen mit dem allgegenwärtigen Spannungsverhältnis von Informationsfreiheit und Privatsphäre entwickeln. Jenseits der konkreten Informationsversorgung wäre es wünschenswert, dass Bibliotheken hierbei auch eine gesellschaftspolitische Rolle übernehmen und sich als Akteur in die Gestaltung dieses Felds einbringen.


Dieses Werk unterliegt einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Public License.

CC-BY-SA

DOI Link: 10.16911/ethz-ib-1775-de

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