Warum Forschungsdaten ein Thema für wissenschaftliche Bibliotheken sind

Forschungsrelevante Informationen und Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens zu sammeln, zugänglich zu machen und zu bewahren – das sind seit jeher Aufgaben wissenschaftlicher Bibliotheken. Im Mittelpunkt stehen dabei seit langem formale Publikationen wie Zeitschriftenartikel oder Monographien. Diese werden ergänzt durch Dokumente und Quellen, die als Teil von Nachlässen in Bibliotheken gelangen und ursprünglich nicht publiziert wurden.

Obwohl Zeitschriften und Monographien seit Jahren intensiv digital genutzt werden, klingt das ein wenig nach endlos langen Regalen mit aufgereihten Büchern und Archivschränken, die selten einen Nutzenden sehen. Oder haben Sie jetzt gerade an Innovation gedacht? Und doch: Im direkten Zusammenhang mit diesen klassischen Aufgaben entstehen neue und neuartige Anforderungen. So verlangt der Erhalt digitaler Forschungsdaten nach Lösungen, die u. a. aus technischer Sicht innovativ in Ausrichtung und Umsetzung sind. Mit einer Reihe von Blogbeiträgen möchten wir daher anhand der Erfahrungen der ETH-Bibliothek Einblick in die Welt des digitalen Datenerhalts geben. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei digitalen Forschungsdaten die an Hochschulen anfallen. Den Anfang macht dieser Beitrag mit einer generellen Standortbestimmung.

In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein stetig gewachsen, dass der öffentlich zugängliche Forschungsoutput nur einen Teil der wissenschaftlichen Tätigkeit abbildet. Er ist sozusagen die Spitze eines Eisbergs aus wissenschaftlich verdichteter Information und beschreibt das gewonnene Wissen. Gleichzeitig bleiben riesige Mengen an Rohdaten oder in unterschiedlicher Art und Weise bearbeitete Daten meist unsichtbar, aus denen die publizierten wissenschaftlichen Erkenntnisse gezogen wurden.

 

[Abbildung 1: Schematische Darstellung der Informationsverdichtung im Forschungsprozess]

[Abbildung 1: Schematische Darstellung der Informationsverdichtung im Forschungsprozess]

 

Die Verdichtung von Rohdaten hin zur „lesbaren“ Publikation war und ist ein grundlegender Faktor in der wissenschaftlichen Kommunikation. Im Zuge der digitalen Transformation nimmt die technologische Durchdringung wissenschaftlicher Prozesse jedoch stetig zu. Die Reduktion auf wenige Textseiten wird daher von Forschenden zunehmend als Einschränkung empfunden, und zwar sowohl in ihrer Rolle als Autorinnen und Autoren als auch in ihrer Rolle als Lesende, die wissenschaftliche Veröffentlichungen rezipieren. Denn durch die technischen Möglichkeiten digitale Datenmengen zu sammeln und nach Bedarf auszutauschen, bietet sich die Chance, publizierte Resultate transparenter zu dokumentieren und nachvollziehbarer zu machen. Das wiederum begünstigt institutionsübergreifende, wissenschaftliche Forschungsprozesse.

Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind keine neue Forderungen. Sie sind Grundpfeiler der wissenschaftlichen Arbeitsweise, die per definitionem überprüfbar sein muss. Verändert haben sich vor allem die Menge und die Bedeutung digitaler Daten. Die Rohdaten müssen zumindest für eine gewisse Zeit greifbar bleiben – so sehen es z. B. seit Jahren auch die Richtlinien der ETH Zürich für die gute wissenschaftliche Praxis vor. Es liegt jedoch nahe, einen Schritt weiter zu gehen. Denn die einmal gemessenen oder erhobenen Daten langfristig verfügbar zu machen, ermöglicht eine spätere Nachnutzung bei der Beantwortung neuer Fragestellungen oder auch die zusätzliche Auswertung mit neuen, vielleicht effektiveren Methoden.

 

[Abbildung 2: Vereinfachte schematische Darstellung des Lebenszyklus‘ digitaler Forschungsdaten]

 

[Abbildung 2: Vereinfachte schematische Darstellung des Lebenszyklus‘ digitaler Forschungsdaten]

 

Beide Aspekte – Nachvollziehbarkeit und Nachnutzung – sind darüber hinaus Anforderungen, die Forschungsförderinstitutionen verstärkt an die Verantwortlichen der von ihnen unterstützten Forschungsvorhaben stellen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen unterstützen dieses Anliegen ebenfalls. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind daher mit höheren Erwartungen konfrontiert, die sie sinnvoll beantworten müssen. Diese Erwartungen sind zum Teil wissenschaftlicher Natur, etwa wenn Forschungsdaten von den Forschenden selbst so beschrieben und dokumentiert werden müssen, dass eine wissenschaftlich seriöse Nachnutzung möglich wird. Es fallen aber auch in grösserem Umfang Aufgaben an, die von Forschenden zwar durchaus bewältigt werden können, deren Erfüllung aber in den meisten Fällen zu Lasten ihres „Kerngeschäfts“ in Forschung und Lehre geht.

Es ist daher Aufgabe von Infrastruktureinrichtungen für Forschung und Lehre, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von diesen Aufgaben zu entlasten oder sie zumindest bei der Erfüllung zu unterstützen. Die Entscheidung darüber, welche Daten für welche Zeiträume aufbewahrt werden sollen, muss dabei innerhalb gesetzlicher Grenzen oder innerhalb des von den Richtlinien der jeweiligen Institution gesteckten Rahmens bei den Forschenden bleiben.

Welche Rolle können Bibliotheken in diesem erweiterten Verständnis von wissenschaftlicher Information, also beim Umgang mit Forschungsdaten, konkret übernehmen? Dieser Frage wird ein späterer Beitrag im Innovationsblog nachgehen.

Autor: Matthias Töwe

Comments
  1. Tolga Coban
    • Maximiliane Okonnek

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