Altmetrics – neue Formen der Impact-Messung auf dem Vormarsch?

Der oft zitierte Slogan „publish or perish“ ist vielen ein Begriff. Er verweist darauf, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend danach bewertet werden, wo und wie viel sie publizieren. Auch Berufungskommissionen legen Wert auf eine umfangreiche Publikationsliste. Artikel in den „Top-Journals“ eines Fachgebiets sind also die Währung, mit der in der wissenschaftlichen Community gehandelt wird.

Doch woran lässt sich festmachen, welchen Einfluss eine Zeitschrift in der Fach-Community hat? In den letzten Jahrzehnten hat sich hierfür der Journal Impact Factor (JIF) als klassischer Vergleichswert etabliert. Der JIF berechnet den „Einfluss“ einer Fachzeitschrift anhand der durchschnittlichen Anzahl von Zitaten, die ein darin veröffentlichter Artikel erreicht.

[Abbildung 1: Berechnung des Journal Impact Factor. Bildquelle: http://library.buffalo.edu/scholarly/

Abbildung 1: Berechnung des Journal Impact Factor. Bildquelle: http://library.buffalo.edu/scholarly/

Über den tatsächlichen Einfluss eines einzelnen Artikels sowie dessen Reichweite in der Fachwelt und darüber hinaus sagt dieser Wert jedoch wenig aus. Somit ist es kaum verwunderlich, dass mit der zunehmenden Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Artikeln im Internet vermehrt auch Kritik am Journal Impact Factor und dessen Allgegenwärtigkeit bei der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen geäussert wird. In der Ende 2012 veröffentlichten San Francisco Declaration of Research Assessment (DORA) spricht sich etwa eine prominente Gruppe von Wissenschaftlern und Verlegern für ein Umdenken aus. Eine Form der Impact-Messung, die sich allein auf der Ebene von Zeitschriften errechnet, scheint unter den heutigen Bedingungen eines durchwegs digitalisierten Publikationsprozesses nicht mehr zeitgemäss. Zudem zeigen eine Reihe von Studien, dass die Berechnung des JIF fehler- und manipulationsanfällig ist.

Die sogenannten Altmetrics sind als Antwort auf die am JIF geäusserten Kritiken entstanden. Sie können sowohl als „Alternative Metrics“ als auch als „Article Level Metrics“ verstanden werden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie den Einfluss einer wissenschaftlichen Publikation auf der Ebene des einzelnen Artikels (Buches, Kapitels etc.) messen möchten und dabei nicht allein auf das Zitate-Zählen abstellen, sondern vor allem auch darüberhinausgehende Einflussfaktoren, wie Nennungen auf Twitter, Bookmarks auf Mendeley oder Download-Zahlen mitberücksichtigen. Altmetrics messen somit nicht ausschliesslich die Reichweite von Publikationen in der Fachcommunity, sondern vor allem auch die Reichweite in einer breiteren Öffentlichkeit.

[Abbildung 2: Eines von vielen Altmetric-Tools, der Altmetric-Donut von www.altmetric.com: Er zeigt auf einen Blick, wie stark der Artikel in sozialen Medien und Social-Bookmarking-Diensten rezipiert wurde. Bildquelle: www.altmetric.com.]

Abbildung 2: Eines von vielen Altmetric-Tools, der Altmetric-Donut von www.altmetric.com: Er zeigt auf einen Blick, wie stark der Artikel in sozialen Medien und Social-Bookmarking-Diensten rezipiert wurde. Bildquelle: www.altmetric.com.

Einige Verlage sind auf den Trend aufgesprungen und haben verschiedene Altmetric-Anwendungen in ihre Plattformen integriert. Als Vorreiter in diesem Bereich gilt der Open-Access-Verlag Public Library of Science, der zu jedem publizierten Artikel umfangreiche Nutzungsdaten anbietet (ein Beispiel ansehen) und die gesammelten Daten auch zur Nachnutzung für Dritte zur Verfügung stellt.

Aber auch Bibliotheken bietet sich hier ein Handlungsfeld: In Repositorien, Hochschulbibliographien oder Discovery-Systemen können Altmetric-Anwendungen integriert werden. Die ETH-Bibliothek bietet auf ihrem Dokumentenserver ETH E-Collection zum Beispiel Download-Statistiken für Einzeldokumente an. Dieser Service dient nicht nur den Autorinnen und Autoren als Messfaktor für die Nutzung ihrer Dokumente, sondern kann auch gezielt vom Repository-Betreiber als Marketinginstrument eingesetzt werden: Das Angebot detaillierter Nutzungszahlen erhöht die Attraktivität einer Publikationsplattform und motiviert Hochschulangehörige, ihre Dokumente dort zu veröffentlichen.

[Abbildung 3: Download-Statistiken in der ETH E-Collection]

Abbildung 3: Download-Statistiken in der ETH E-Collection

Was aber sagt nun die Erwähnung auf Twitter oder die Anzahl von Downloads über die wissenschaftliche Relevanz eines Artikels aus? Nicht viel, möchte man meinen. Und tatsächlich muss die Aussagkraft mancher Werkzeuge differenziert betrachtet werden. Der Verdienst von Altmetrics liegt jedoch im Moment vor allem darin, dass die Diskussion um diese neuen Tools uns mittelfristig zu einer differenzierteren Betrachtung dessen, was wir unter Impact verstehen, führen kann.

impact

Abbildung 4: Kriterien für wissenschaftlichen Impact. Bildquelle: http://altmetrics.org/manifesto/

Dem Begriff des „wissenschaftlichen Impacts“ liegt letzten Endes keine eindeutige Definition zugrunde. Somit kann auch die Bemessung einer solchen Kategorie anhand eines einzelnen Faktors, wie dem JIF, nicht zielführend sein. Vielmehr gilt es, den Impact eines Artikels anhand einer Kombination verschiedener Kriterien festzumachen: anhand von Nutzungszahlen (zum Beispiel Downloads), Expertenmeinungen (über einen Peer-Review-Prozess), der Rezeption in der breiteren Öffentlichkeit (u.a. in sozialen Medien) und klassischer Zitationsauswertungen.


Dieses Werk unterliegt einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Public License.

CC-BY-SA

DOI Link: 10.16911/ethz-ib-1141-de

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  1. Roland Suri

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