Accessibility im Web I – Semantische Bedienungselemente

Bis vor einigen Jahren wurden die meisten Websites für eine Bedienung mit der Maus auf einem PC oder Notebook entwickelt. Sich um Zugänglichkeit für Blinde, Sehbehinderte, Hörbehinderte, motorisch oder kognitiv Behinderte zu bemühen galt als lobenswert, aber nicht zwingend notwendig. Auch heute gibt es noch Entscheider und Entwickler, die unter dieser Prämisse arbeiten. Anhand eigener Erfahrungsbeispiele  im Kontext der Entwicklung des Wissensportals der ETH-Bibliothek und des Webauftritts des NEBIS-Verbundes wollen wir aufzeigen, dass die Realität im Web zu einem anderen Vorgehen zwingt. Denn Accessibility, also die barrierefreie Zugänglichkeit von Webinhalten, ist mit Aspekten der Usability (Anwenderfreundlichkeit) des mobilen Webs aufs Engste verwoben.

[Abbildung 1: Das Wissensportal der ETH-Bibliothek und die Website des NEBIS-Verbunds]

 

Dieser Beitrag betrachtet exemplarisch ein grundlegendes semantisches Bedienungselement: den Button. Er kann z. B. eine Suche auslösen oder ein Formular abschicken. Das ist soweit intuitiv verständlich. Was passiert aber wenn einem Webdesigner eine Lupe im Suchfeld visuell ansprechender erscheint? Er integriert das Bild der Lupe, jedoch nicht als Button. Die Suche lässt er durch Javascript-Konstrukte beim Drücken der Eingabetaste im Suchfeld auslösen. Optisch ist das elegant.

[Abbildung 2: Die Lupe im Suchfeld des Wissensportals]

 

Der Nachteil dieses Vorgehens ist, dass es Software wie Screenreader – also Vorlese-Anwendungen für Blinde und Sehbehinderte – als alternative Benutzerschnittstellen unbrauchbar macht. Darüber hinaus gibt es weitere Implikationen. Derzeit erleben wir den Erfolgszug mobiler Endgeräte, die mit Touchscreens arbeiten. Hier kann uns die vom Webdesigner ansprechend gestaltete Lupe wiederbegegnen. Drückt man mit dem Finger auf das Bild, bleiben zwar Abdrücke auf dem Bildschirm, die Suche löst aber nicht aus. Das hinterlässt den Nutzer ratlos. Ein überflüssiges Ärgernis, denn durch die Implementierung eines Buttons wäre das vermeidbar gewesen. Zumal auch semantische Buttons wie eine Lupe aussehen können.

Echte Buttons sind noch für ein weiteres „magisches“ Verhalten verantwortlich. Selbst eingefleischte Mausbenutzer verwenden ein Login-Formular meist so, dass sie nach der Eingabe des Passwortes direkt die Eingabetaste drücken, um sich anzumelden. Bemühen wir wieder unseren visuell orientierten Webdesigner, so hat dieser ein attraktives Bild eines Buttons genommen und es in einen Link (<a>-Element) eingebettet. Klickt man mit der Maus auf das Bild, funktioniert das durchaus. Die alternative Nutzung der Eingabetaste nach Ausfüllen des Login-Formulars bleibt jedoch verwehrt. Dies hat auch Konsequenzen für die Anwenderfreundlichkeit der Bildschirmtastatur von Smartphones oder Tablets. In ihre Tastaturen ist ein Eingabefeld „Öffnen“ integriert, das Nutzerinnen und Nutzer nach dem Eintippen (z. B. des Passwortes) direkt anwählen können. Auch diese Funktion kann nur dann genutzt werden, wenn ein echter Button verwendet wurde.

[Abbildung 3: Beispiel Bildschirmtastatur iPhone]

 

Für viele mag die Bedienung einer Seite mit Tastatur die Ausnahme sein. Für andere ist sie jedoch eine Notwendigkeit. Eine Vielzahl assistiver Technologien für Webanwender mit motorischen oder visuellen Behinderungen basieren auf der Tastatur-Bedienung. Daneben zeichnet sich ab, dass im Rahmen zunehmender Verbreitung mobiler Endgeräte die Finger als Bedienungselement von Touchscreens immer öfter die Maus ersetzen. Auch für Blinde bieten diese Geräte mit dem Screenreader VoiceOver neue Möglichkeiten der digitalen Teilhabe.

Die Aktualisierung des Wissensportals und der Neuaufbau des Webangebots des NEBIS-Verbundes haben uns gezeigt, dass es notwendig ist, schon bei der Planung von Webprojekten barrierefreies Webdesign als Anforderungskriterium klar zu definieren. Idealerweise wird dann das Zusammenspiel von Website-Struktur, Inhalt, Aussehen und Funktionalität während des gesamten Umsetzungsprozesses berücksichtigt. Das bedeutet einen Mehraufwand. Im Ergebnis stehen so jedoch bereits ab dem „Go Live“ eines Webangebots die Zugangshilfen zur Verfügung, die Menschen mit Behinderung benötigen, um dessen Inhalte zu verstehen und sich auf der Website zurecht zu finden. Gleichzeitig können bestimmte Usability-Probleme im Bereich der mobilen Nutzung von Webapplikationen von vorneherein ausgeschlossen werden.

 

Autor: Bernd Uttenweiler
Koautorin: Maximiliane Okonnek

Comments
  1. Sven Jenzer
  2. Maximiliane Okonnek

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