News and Trends aus der Informationstechnologie und dem Bibliothekswesen
November 19th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Die im letzten Beitrag erwähnten rasant zunehmenden eBooks im iTunes App Store möchte ich zuerst betrachten. Hier ist jedes eBook eine eigene Applikation mit individuellen Eigenschaften. Theoretisch kann jedes dieser eBooks andere Eigenschaften aufweisen, eigene Funktionen zum Blättern oder für Notizen enthalten. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass die eBooks hier in einem komplett proprietären Format vorliegen und sich auf keine anderen Geräte übertragen lassen. Apple spielt dabei die Rolle des Buchhändlers, der die Werke von Autoren, welche von Verlagen herausgegeben werden, an die Endkunden bringen will. Die Händler neigen dazu, ihre Produkte in einer Form anzubieten, die den Kunden möglichst an den Händler binden (Stichwort: Vendor lock-in).
Apple verfolgte diese Strategie schon bei der Musik solange, bis die Kunden sich mit ihrer Forderung nach offenen Formaten durchsetzten – und bis die Vormachtstellung des Apple-Pakets zementiert war. Die grosse Kunst von Apple ist, dass sich die Kunden dabei äusserst wohl fühlen. Der Schreibende nimmt sich hier nicht aus…
Die kostenlose Software iTunes von Apple für Mac und Windows ist in der Apple-Welt Dreh- und Angelpunkt für alle elektronischen Medien, auch für die Applikationen und somit für die eBooks. Beim durchschlagenden Erfolg im Bereich Musik spielte iTunes eine zentrale Rolle. Die Software war bedeutend besser als die Konkurrenzprodukte und ist immer noch das Mass aller Dinge beim Konsum und Verwaltung von Musik sowie der Synchronisation mit dem mobilen Gerät, dem iPod. Der damit verbundene iTunes Store wiederum ist die weltweit führende Plattform für den Kauf digitaler Musik. Die Software und der Store dienen nun auch als Plattform für die Applikationen fürs iPhone, der nächsten Erfolgsgeschichte von Apple. Die Applikationen sind ein entscheidender Erfolgsfaktor, der das iPhone gegenüber der Konkurrenz abhebt. Bei diesen Applikationen gibt es nun auch eine Rubrik „Bücher“, in der sowohl eBooks als auch Applikationen zum Konsumieren von eBooks angeboten werden. Der Vergleich der Möglichkeiten zur Suche von eBooks im iTunes Store mit denjenigen für Musik zeigt, wie rudimentär jene sind. Man kann wohl eine Suche über Titel und Autor machen und in der Rubrik Bücher nach Neuzugängen und meistgekauft sortieren – aber das wars schon. Es gibt keine Genres oder anderen differenzierten Auswahlmöglichkeiten. Wenn man das mit Amazon vergleicht, ist der iTunes Store noch bei den allerersten Schritten im Hinblick auf einen Buchshop.

Screenshot von iTunes mit dem iTunes Store, Rubrik Bücher
Die Titel können entweder über iTunes auf dem PC oder Mac gekauft und dann mit dem Endgerät (iPhone/iPod touch) synchronisiert oder direkt aus dem App Store – einer Applikation von Apple fürs iPhone – gekauft und online heruntergeladen werden. Die Synchronisation mit der iTunes-Bibliothek findet dann in umgekehrter Richtung beim nächsten Anschliessen des iPhone statt. Die Übertragung auf mehrere registrierte iPods oder iPhones ist möglich.


Screenshots: App Store auf dem iPhone mit der Rubrik Bücher und einem ausgewählten Buch.
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November 18th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Ende Oktober führte die Meldung für Aufregung, wonach die eBooks mittlerweile die grösste Katagorie bei den neu eingereichten Applikationen im iTunes Store seien und die Games überholt hätten (Quelle: Flurry). Ist das iPhone auf dem Weg, die gängigen eReader zu überholen? Bedrängt es die eReader in ihrem eigenen Bereich so wie es bei den mobilen Gamekonsolen schon passiert ist?
Zunächst muss man die Meldung von Flurry etwas relativieren. Zwar hat die Menge an eBooks stark zugenommen, aber mehr als 10‘000 eBooks sind noch nicht im iTunes Store im Angebot. Und es ist natürlich bedeutend einfacher, ein eBook zu produzieren als ein neues Game oder andere Software. Zudem sagt die Menge nichts aus über die Qualität. Und ich wage zu behaupten, dass die eBooks im App Store noch nicht die wirklich attraktiven Inhalte bieten.
Auch die Nachfrage scheint noch übersichtlich zu sein. An seinem Vortrag an den 3. E-Book-Tagen an der BSB München erwähnte ein Verlagsvertreter, dass auf 10 verkaufte eBooks für den Sony eReader eines für das iPhone käme. Und wenn man bedenkt, dass in der ersten Jahreshälfte 2009 in Deutschland nur gerade 65‘000 eBooks verkauft worden sind, relativiert sich diese Zahl noch mehr.
Gemäss meiner These, wonach das Gerät nur ein Element für den Erfolg eines eReaders ausmacht, möchte ich die verschiedenen Aspekte des iPhone als eReadr vom Angebot bis hin zur Distribution betrachten und dann mit den gängigen eReadern vergleichen. Der Vergleich spielt sich auf dem Hintergrund der grundsätzlichen Frage ab, ob die dezidierten Geräte (also die spezialisierten eReader, heute auf der eInk-Technologie basierend) oder andere Mobilgeräte, die nebst vielen anderen Funktionen auch das Lesen von eBooks anbieten, sich künftig durchsetzen werden. Das iPhone spielt hier die Rolle des mobilen Alleskönners unter den Smartphones. Daneben können aber auch andere Geräte, insbesondere die Netbooks, letztlich das Rennen machen.
Dazu werde ich in nächster Zeit eine kleine Reihe auf dem Blog veröffentlichen. Den Anstoss dafür gab mein Vortrag an der TU Hamburg Harburg vom 4. November, in dem ich über das iPhone als eReader berichtet habe. Die Powerpoint-Präsentation dazu ist auf Slideshare veröffentlicht:

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Oktober 19th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Amazon hat in den letzten Tagen angekündigt, dass der Kindle jetzt auch nach Europa komme. Tatsächlich können bereits heute schon Bücher aus dem Kindle-Store gekauft und auf den Kindle geladen werden. Ich habe es konkret mit meinem Kindle DX ausprobiert, den ich vor einiger Zeit via eBay gekauft hatte. Man muss das Gerät bei Amazon registrieren und eine Kreditkartennummer angeben. Zuvor war der Kauf von Büchern aus dem Kindle-Store nur über eine US-Kreditkarte möglich, nun klappt das auch mit meiner Schweizer Rechnungsadresse. An und für sich sollte Zentraleuropa gut durch Whispernet abgedeckt sein, wie die Karte der Abdeckung zeigt. Whispernet sollte das bestehende 3G, EDGE oder GPRS-Netz nutzen. Die Lieferung soll ausserhalb der USA mit 99 Cent in Rechnung gestellt werden. Mit dem Kindle DX hat der drahtlose Bezug der gekauften Titel in der Umgebung der ETH Zürich heute nicht geklappt. Aber man kann sich ein gekauftes Dokument auch auf den PC laden und von dort aus synchronisieren. Das hat tadellos funktioniert.
Nun habe ich nicht nur ein Buch aus der riesigen englischsprachigen Auswahl des Kindle-Store gekauft, sondern auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung abonniert. Hier hoffe ich dann natürlich auf die drahtlose Lieferung am Morgen. Die Zeitung kommt in komplett neuem Layout daher. Sie wird dem kleinen Bildschirm (ich wunderte mich schon, wie das beim 6-Zoll-Bildschirm aussehen würde) angepasst, verliert dadurch aber auch den Eindruck einer Zeitung. Ich vermisse den schnellen Überblick, den das klassische Zeitungslayout vermittelt oder den Newsticker, wie wir ihn von Webangeboten her kennen. Da sehe ich also noch durchaus Optimierungspotential.


Wenn ich die Informationen richtig interpretiere, ist übrigens nur der Kindle 2 offiziell für Europa erhältlich, nicht aber der Kindle DX.

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Oktober 16th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Auch an der diesjährigen Buchmesse #fb09 waren eReader ein präsentes Thema, aber sicherlich kein dominierendes. Es wurde an vielen Orten, auf verschiedenen Foren und Plattformen über die Zukunft des Buches und des elektronischen Publizierens und Lesens diskutiert, aber die Reader standen dabei nicht im Vordergrund.
Viel Aufhebens wurde im Vorfeld um die Lancierung des txtr Reader gemacht. An der Buchmesse wurde nun der Prototyp vorgestellt, der gegen Jahresende für 320 Euro verfügbar sein soll (vgl. dazu den ausführlichen Bericht auf heise.de). Mich persönlich hat die Navigation über einen seitlichen, schmalen Touchpad nicht überzeugt, und auch die Grösse (oder eben die Kleine) des Bildschirms mit 6 Zoll hat mich enttäuscht. Ich zweifle zudem, dass die Kombination mit einem Abo (monatlich 12-15 Euro) bei den Nutzern auf Begeisterung stossen wird. Positiv zu bemerken sind die offenen Schnittstellen. Die Web-Plattform www.txtr.com soll als Schaltstelle für den Bezug und die Verwaltung eigener und gekaufter Texte und eBooks dienen. Grundsätzlich ein interessanter Ansatz.
Zu sehen waren natürlich auch die bereits lieferbaren Geräte von Sony, auch der neue Sony Touch, der in 14 Tagen im Handel erhältlich sein soll. Auch das schon länger verfügbare jetBook von ECTACO (mit 5-Zoll-Display) wurde gezeigt.
Mehrere Anbieter aus Asien stellten ihre zum Teil bekannten, zum Teil neuen Produkte vor, alle mit 6 Zoll-Display und eInk-Technologie:
Nuut mit integriertem Adobe Reader Mobile, der von der schwedischen Firma Royal-Line vertrieben wird. Herausragende Funktion ist hier der Wechsel per Knopfdruck für Linkshänder. Die Steuerung über mehrere aktive kleine Buttons ist aber nicht wirklich intuitiv, und das Gerät ist relativ dick und schwer (300g).
Hanvons WISEreader mit mehreren Modellen, darunter eines (N518) mit Handschriftenerkennung. Die Notizen sind aber an das Gerät gebunden und können nicht weiterverarbeitet werden. Hanvon nutzt hier die Erfahrung aus der Produktion eigener Grafik-Tablets. Weitere Geräte des grössten chinesischen Herstellers sind geplant, u.a. das Modell WISEreader N520 mit Tastatur, das dem Kindle 2 ähnlich sieht.
Eine neuer Anbieter aus China war für mich Longshine. Der eReader Shinebook ist sehr einfach zu bedienen und läuft entweder mit Adobe oder Mobipocket reader. Das Gerät wirkt etwas gar leicht und zerbrechlich, könnte als günstiger Reader durchaus eine Rolle spielen. Aber dann müsste er für deutlich unter 200 Euro verkauft werden.
Am Stand von Blackbetty, dem Spezialisten für mobile Books, konnte man den Prototypen eines eReaders mit farbiger e-Ink von Fujitsu bewundern. Es handelt sich um den bereits im Frühjahr in Japan lancierten FLEPIa. Dort ist er für rund 775 Euro zu haben.

Fazit: viel Weltbewegendes war nicht zu sehen. Amazons Ankündigung, den Kindle jetzt auch nach Europa zu bringen oder Googles neue Pläne mit Google Editions scheinen mir wichtiger als diese Geräte, die mehr oder weniger auf derselben Technologie basieren.
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Oktober 1st, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Gizmodo berichtet im Blog über konkrete Pläne und Verhandlungen von Apple mit Verlagshäusern über Inhalte für den geplanten #Apple Tablet. Konkret werden Gespräche mit der NYTimes genannt, um die Zeitung auf “ein neues Gerät” zu bringen. Zudem arbeite Apple auch mit McGraw Hill und Oberlin Press zusammen, um Lehrbücher über iTunes verfügbar zu machen. Dabei verfolgt man offenbar das Ziel, Lehrbücher günstiger zum einmaligen Gebrauch zu vertreiben, was für die Verlage interessanter sei als der Wiederverkauf gebrauchter teurer Lehrbücher. Bei einem solchen Modell würden die Buchhandlungen und die Bibliotheken vermutlich umgangen.
Gerade im Hinblick auf elektronische Zeitungen bietet Apple Tablet, den man sich momentan als vergrössteren iPod Touch vorstellt, grosses Potential. Die lesefreundliche e-Ink ist sicher ausgezeichnet zur Darstellung von Texten geeignet, kann aber im Hinblick auf multimediale Inhalte zumindest momentan nicht mithalten. Mit einem grösseren Tochscreen liessen sich Bilder und Videos viel besser einbinden und darstellen.
Und wenn ich schon dabei bin, dann kann ich ja gleich noch die Verbindung zur neusten Meldung von Macrumors über Apple herstellen, wonach die Firma Placebase gekauft worden sei und deren CEO nun Mitglied des Apple Geo-Teams sei. Klar, das könnte ich mir durchaus auch als nette Anwendung auf einem Tablet vorstellen. Wobei die Inhalte mit Google Maps oder durch andere Applikationen (für die Schweiz über Swiss Map) auf dem iPhone und iPod Touch ja bereits verfügbar sind.
Ich halte die Informationen für durchaus plausibel. Es ist Apple durchaus zuzumuten, dass sie nach der Musik- auch die Buchbranche umkrempeln wollen. Dabei spielt (meine These) eben nicht nur das Endgerät eine zentrale Rolle, sondern auch der Vertriebskanal und die Inhalte. Den Vertriebskanal hat man bereits (iTunes Store), das Gerät ist offenbar am Entstehen. Logisch, dass man sich parallel auch um die Inhalte kümmert. Wenig überraschend wäre, wenn Apple dabei auf ein DRM geschütztes System setzte - wie es zu Beginn auch bei der Musik der Fall war. Etwas würde ich den Apple-Entwicklern aber auf den Weg geben: beim Gerät wird entscheidend sein (nebst der Akkulaufzeit…), dass sich die Texte in die normale Arbeitsumgebung einbinden lassen. So wie beim iPhone, das zunächst ohne copy/paste auskommen musste, wird es nicht funktionieren… Das haben ja offenbar gerade die enttäuschten Testanwender des Kindle DX an amerikanischen Universitäten festgestellt, wie Slashdot berichtet hat.

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September 30th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Wie halten Sie’s mit den Formaten? könnte man die Hersteller von eBooks und von eReadern fragen. DRM oder kein DRM? Mobipocket, EPub oder doch PDF? In meinem Blog habe ich schon mehrfach über Schwierigkeiten berichtet, die durch die unterschiedlichen Dateiformate mit oder ohne DRM entstehen. Wie zu Beginn dieser Beitragsreihe angekündigt, möchte ich auch in dieser Frage den Vergleich zur Musikbranche wagen.
Wie war das denn gleich bei der Musik? Die eigentliche Revolution löste hier das Format MP3 aus. Ein offenes Dateiformat, das die proprietären Formate das Fürchten lehrte. MP3 als offenes Format eignete sich vorzüglich für den freien, ja geradezu wilden, Austausch von Dateien. Womit MP3 das Format der Internetuser wurde, aber nicht dasjenige der Musikverlage. Die Verlage und kommerziellen Anbieter versuchten dem MP3 eigene, durch DRM geschützte Formate entgegenzuhalten. Auch Apple wandte sich vom MP3-Format ab, das durch iTunes beim Rippen von CDs durchaus unterstützt wurde, und setzte im iTunes Store ein DRM geschütztes Format (AAC) ein.
DRM geschützte Formate sind bei Kunden grundsätzlich unbeliebt. Man könnte ja mit den Einschränkungen zur Weitergabe der Inhalte irgendwie noch leben. Doch DRM verursachen früher oder später Probleme beim legitimen Käufer der Dateien, sei es bei einer Migration des Betriebssystems, beim Kauf eines neuen PCs oder wenn die Dateien auf mehreren Geräten konsumiert werden sollen. Die Gefahr ist gross, dass man nach einiger Zeit nicht mehr auf die gekauften Inhalte zugreifen kann. Oder es soll vorkommen, dass der Anbieter seine eigene DRM-Lösung nicht mehr unterstützt.
Ähnliches ist mir mit einem eBook im Mobipocket-Format passiert. Ich habe es gekauft, doch unterstützt der Kindle das entsprechende DRM nicht. Nun kann ich die erworbene Datei (und es war kein Schnäppchen) gerade noch auf dem PC mit dem Mobipocket Reader anschauen.
Der Grund für den Einsatz von DRM ist klar. Doch werden mit der Verhinderung der angeblich nicht legalen Weitergabe von Daten auch die legitimen Nutzungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Es hat einige Jahre gedauert, bis sich schliesslich Apple und die Musikverlage dazu durchringen konnten, im iTunes Store auch DRM freie Musik anzubieten. Ich habe bisher aber noch nirgends gelesen, dass dadurch die Verkäufe im Store zurückgegangen seien. Der iTunes Store besticht durch die Grösse der Auswahl (11 Mio. Titel) und der digitalen Files sowie durch seine Funktionen. Dadurch bevorzugen ihn viele Kunden gegenüber dubiosen Quellen aus dem Internet. Das könnte doch ein Fingerzeig an die Buchverlage sein, sich weniger hinter restriktiven Formaten zu verstecken und dafür kundenfreundliche Plattformen zu bieten? Sony ist mit seinem Bekenntnis zum offenen EPub-Format auf dem richtigen Weg.
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September 21st, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Für die Nutzung elektronischer Dokumente ist die Verwaltung der Dateien, also die Anreicherung mit Metadaten und die Strukturierung der Sammlung, von entscheidender Bedeutung. Der Blick zum erfolgreichen Apple-Modell im Musikbereich zeigt, dass am Anfang iTunes war. Nicht der iTunes Store, sondern die iTunes Software. Zunächst stand sie nur Mac-Anwendern zur Verfügung, doch folgte schon bald auch eine Version für die Windows-Plattform. Die war zwar weniger elegant, doch war sie ebenfalls kostenlos und bot dieselben Funktionalitäten. Das heisst, man konnte damit CDs rippen, die Dateien beschreiben, zu Wiedergabelisten zusammenstellen und diese Kompilationen dann wiederum auf CD brennen. Die Metadaten richteten sich nach internationalen Standards. Wenn der Rechner mit dem Internet verbunden war (damals war das noch nicht so selbstverständlich…), wurden die Metadaten der gerippten CD von einer zentralen Datenbank (GraceNote) in iTunes geladen. Mit dieser benutzerfreundlichen Software verfügte Apple einen Trumpf, der die Konkurrenz ausstach. Später wurde iTunes zur Plattform für Podcasts ausgebaut und verhalf damit diesem neuen Format zum Durchbruch. Heute dient iTunes ebenfalls als Verwaltungstool der Applikationen für das iPhone.
Und wie sieht das bei den elektronischen Büchern aus? Eher düster, muss ich sagen. Beim Kindle gibt es gar keine Unterstützung zur Verwaltung und Organisation der Daten – Irrtum vorbehalten, falls ich hier in Europa gewisse Dienste nicht nutzen kann, die US-Kunden geboten werden. Man lädt die eBooks entweder drahtlos direkt aus dem Store auf das Lesegerät oder via PC. Mehr als ein Ordner „Documents“ im Dateiverzeichnis wird jedoch nicht geboten. Ich habe keine Möglichkeit gefunden, die Daten zu gruppieren oder mit zusätzlichen Metadaten zu versehen. Etwas weiter ist Sony. Kürzlich wurde die
eBook Library 3.0 lanciert. Diese bietet verschiedene Möglichkeiten zur Datenverwaltung für Windows und Mac. Zunächst werden „intelligente“ Listen angeboten, welche bestimmte Formate (Audio, Bilder, Bücher, Notizen) enthalten. Über das Plus-Symbol in der linken unteren Ecke kann man neue Bücherlisten erstellen und die in der Bibliothek enthaltenen Titel einer solchen Liste zuweisen. Diese Listen sind auf dem Reader dann als Collections zu sehen. Die Metadaten lassen sich in der eBook Library jedoch nicht verändern. Auch PDF- und Word-Dokumente können mit der Software verwaltet und auf dem PC gelesen werden, aber nicht mit dem Sony Reader synchronisiert werden.

Screenshot eBook Library
Ein sehr viel versprechendes OpenSource-Tool ist Calibre. Es verwaltet nicht nur die eBooks auf einem Computer, sondern kann auch aus verschiedenen Quellen neue Ausgabeformate generieren. Leider hilft das bei DRM geschützten Werken auch nicht weiter, um einen rechtmässig gekauften Titel auf einem anderen Reader lesbar zu machen. Die unterschiedlichen Format und DRM der Anbieter limitieren also die Möglichkeiten eines solchen Tools.

Screenshot Calibre
Für Bücher im Mobipocket-Format bietet sich der Mobipocket Reader an. Auch mit diesem Tool kann man die im entsprechenden Format vorhandenen Titel auf seinem PC verwalten und auf einen angeschlossenen Reader übertragen. Im Mobipocket Reader kann man individuell Leselisten einrichten und die vorhandenen Bücher diesen Listen zuweisen. Allerdings klappt auch hier der Abgleich mit dem Kindle natürlich nur, wenn die Dateien im richtigen Format (Mobipocket) und mit dem richtigen DRM (von Amazon, nicht aber aus dem Mobipocket Store) versehen sind. Mobipocket unterstützt verschiedene eReader, u.a. die Modelle Cybook, iRex, iLiad, Hanlin oder BeBook, sowie Smartphones wie Blackberry, Palm, Modelle mit Symbian oder Windows Mobile.
Diese ersten Ansätze für geeignete Dateiverwaltungstools werden also durch die unübersichtliche Situation bei den Formaten und DRMs unterlaufen. Nach der Synchronisierung der eReader ist man immer wieder überrascht, welche Titel übertragen worden sind und welche nicht. Beim Kindle fällt erschwerend ins Gewicht, dass sich Daten überhaupt nicht strukturieren lassen und auch auf dem Lesegerät nur als unübersichtliche Liste präsentiert werden. Die Sortiermöglichkeit nach Autor, Titel oder „most recent first“ findet man auch nicht auf Anhieb. Konnte das Produkt Amazon/Kindle auf der Angebotsseite also eindeutig punkten, fällt es bei der Möglichkeit der Dateiverwaltung hinter die Konkurrenz zurück.

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September 16th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Im letzten Blogbeitrag habe ich nur die Angebote der grossen Player behandelt. Natürlich gibt es auch alternative Möglichkeiten. Ich habe ja zum Beispiel gar nichts von Google gesagt - wie kommt das? Momentan halte ich das Angebot von Google nicht wirklich dafür geeignet, den eBooks zum Durchbruch zu verhelfen. Es ist ja nett, dass man jetzt Zugriff auf hunderttausende von Büchern hat, die man dank der Kooperation mit Sony und dem Format EPUB auch auf eBook Readern lesen kann. Aber vorläufig - und ich denke noch für eine ganze Weile - beschränkt sich dieses Angebot auf alte Werke, bei denen das Urheberrecht abgelaufen ist. Zum Testen eines Readers - auch fürs iPhone - eignen sich diese Titel durchaus. Aber es ist nicht das, was mich dazu bringt, einen Reader zu kaufen und in meiner Freizeit Texte vorwiegend elektronisch zu konsumieren. Obschon sich hier zwei wichtige Elemente zeigen: grosse Quantität bei der Auswahl und offenes Format.
Dann gibt es noch einige Nischenplayer, die sich auf die Publikation elektronischer Texte aus Kleinverlagen spezialisiert haben. Sozusagen elektronische Samizdats (so hiessen diese subversiven Eigenverlage in der UdSSR…). Eine solche Plattform für kleine Verlage ist Readbox (www.readbox.net). Hier werden vorbildlich verschiedene Formate für unterschiedliche Reader angeboten. Auf http://www.mobipocket.com gibt es ebenfalls eBooks zu unterschiedlichen Themen. Bei den Bestsellers stehen Wörterbücher und medizinische Titel zuoberst. Bei der Belletristik schwingt Perry Rhodan oben aus, was nicht gerade ein Hinweis auf verfügbare Weltliteratur ist. Die Seite von Beam-eBooks ist leider momentan nicht verfügbar, doch habe ich die Situation hier ähnlich in Erinnerung: ein Angebot, das eher auf “Special Interest” ausgerichtet ist - und fürs Stöbern und Neuentdecken durchaus interessant ist. Aber die nationalen und internationalen Bestseller fehlen hier ebenfalls.
Über das iPhone und die verschiedenen Applikationen für eBooks sind Verlage wie Fictionwise (im Besitz von Barnes & Noble). Über die Applikation Stanza fürs iPhone hat man Zugriff auf über eine Million eBooks dieses grössten Anbieters. Diese Applikation der Firma Lexcycle wurde vor einigen Monaten von Amazon übernommen. Damit ist Amazon auch im Hinblick auf eBooks fürs iPhone in einer sehr günstigen Position. Was diese Deals für die Zukunft bedeuten, ist mir nicht klar. Aber man kann daraus schliessen, dass man via iPhone den Zugriff auf die grösste Auswahl hat. In den USA gibt es ja noch die Kindle-Applikation, womit auch der Kindle Store genutzt werden kann.
Wenn man sich fragt, ob Apple den Einstieg ins eBook-Geschäft wagen wird, gibt diese Ausgangslage doch einen interessanten Hinweis: Apple bietet via iPhone und die verschiedenen Applikationen in Kooperation mit verschiedenen Anbietern (u.a. Amazon) bereits heute das grösste Angebot. Ein entsprechendes Gerät, das einen grösseren Bildschirm als das iPhone bietet, wäre also in einer sehr günstigen Ausgangslage…
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September 15th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Meine These lautet, dass für den Durchbruch der eBooks die gesamte Kette vom Vertrieb bis zum Konsum durch ein nutzerfreundliches Angebot geschlossen sein muss. Bei der Musik ist es auch nicht einfach nur das Endgerät, der iPod, der das Erfolgsmodell von Apple ausmacht. Am Anfang der Kette steht aus Sicht der Konsumenten das verfügbare Angebot. Der Blick zur Musikbranche zeigt, dass heute Apples iTunes Store unbestritten das grösste Sortiment aufweist. Nicht einmal die Tauschbörsen bieten eine so grosse Auswahl. Die aktuellen Titel der Hitparaden sind lückenlos vertreten, zum Teil sogar schon im Voraus bestellbar. Dazu bietet iTunes Store aber einen riesigen Fundus an älteren Titeln – mit den Beatles als schmerzlicher Lücke. Hinter diesem riesigen Angebot stehen knallharte Verhandlungen und Vertragsabschlüsse mit den führenden Musik-Labels für die wichtigsten Märkte. Die Schweizer Kunden mussten sich seinerzeit länger gedulden, bis die Lizenzfragen geklärt und der Shop eröffnet wurde. Apple verfügt mit dem iTunes Store über das grösste Musiksortiment weltweit. Für den Kunden bedeutet dies, dass die Trefferquote bei der Suche nach einem neuen Stück im iTunes Store am grössten ist.
Wie sieht das bei den eBooks aus? Weltweit spielt Amazon mit dem Kindle-Store eine vergleichbare Rolle – oder zumindest in den USA. Ausserhalb der USA sind leider keine eBooks für den Kindle erhältlich. Dabei wäre das Angebot an englischsprachiger Literatur – sowohl an Belletristik als auch an Sachbüchern – wirklich riesig. Die Titel der New York Times Bestsellers sind im Sonderangebot erhältlich, ebenso die Neuerscheinungen. Amazon soll im Moment 300′000 eBooks im Angebot haben, Barnes & Noble sogar 700′000. Die Preise sind bei Amazon mit $9.99 deutlich tiefer als für ein gedrucktes Buch. Im deutschsprachigen Raum ist kein auch nur annähernd vergleichbares Sortiment zu finden. Von den zehn aktuellen Bestsellern (Spiegel, September 2009) sind im Bereich Belletristik nur gerade drei als EPUB-Bücher bei Thalia, Libri.de oder Books.ch erhältlich, in der Sparte Sachbücher sogar nur zwei. Die Preise entsprechen denjenigen für die gedruckten Bücher. Da die deutschen und Schweizer Buchhändler die gleichen Titel führen, ist der Schluss naheliegend, dass es nicht an ihnen, sondern an den Verlagen liegt, dass das Angebot so dürftig ist. Die Buchhändler verkaufen die eBooks schon, nur werden leider zu wenig geliefert. Für den Kunden bedeutet dies, dass man momentan die Neuerscheinungen als Hardcover kaufen muss. Es ist nicht sicher, ob ein Titel überhaupt als eBook erscheint.
Was lässt sich daraus auf die nähere Zukunft schliessen? Die europäischen Verlage stehen noch nicht voll hinter der elektronischen Publikation ihrer Titel. Amazon beschränkt sich momentan auf den US-Markt und auf englischsprachige Literatur. Hier hat man es offenbar geschafft, die wichtigsten Verlage ins Boot zu holen. Aber im Unterschied zur Musik ist Literatur viel stärker auf die jeweilige Sprachregion ausgerichtet. Das amerikanische Modell lässt sich nicht einfach so auf Deutschland oder die Schweiz übertragen, denn hier müssen neue Bücher in deutscher Sprache elektronisch publiziert und vermarktet werden. Der Ball liegt so oder so bei den deutschsprachigen Verlagen. Im Gegensatz zur Musikbranche ist der Druck, der auf ihnen liegt, aber nicht so gross. Die Musik-Labels standen unter dem Schock der illegalen Downloads, die ihr Geschäft bedrohten. Bei den Büchern gibt es diese Konkurrenz (noch) nicht. Wer kommt schon auf die Idee, sein Lieblingsbuch zu scannen, mit einigem Aufwand zu bearbeiten und es dann über eine Tauschbörse zu verteilen? Solange also die Dateien noch nicht frei verfügbar sind, ist auch die Bedrohung für die Verlage nicht so gross. Deshalb dürften die Buchverlage mit eBooks weiterhin eher zurückhaltend sein.
Etwas anders sieht es bei den Wissenschaftsverlagen aus. Doch dies ist ein Kapitel für sich…

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September 9th, 2009 von Rudolf Mumenthaler
Was wir für die Zukunft von Büchern und eBooks aus den Entwicklungen in der Musikbranche lernen können (Teil 1)
Die Musikbranche hat in den letzten zehn Jahren einen fundamentalen Wandel durchgemacht. Alles hat sich verändert: wie wir Musik kaufen, wie wir sie aufbewahren, ordnen, tauschen, kopieren und wie wir sie hören. Und natürlich auch, wie Musik aufgenommen, produziert und vermarktet wird. Ich möchte mich bei meinem Vergleich auf den Bereich der Vermittlung von Musik, also nicht mit Aufnahme und Produktion befassen. Ich bin überzeugt, dass die Bücherbranche sehr viel von diesen Entwicklungen lernen kann und lernen muss. Die aktuellen Reaktionen von vielen Mitspielern im Büchermarkt lassen befürchten, dass man dieselben Fehler wiederholen wird, welche die Musikbranche gemacht hat. Aus dem Vergleich mit den Vorgängen im Bereich Musik möchte ich aber auch zeigen, was heute für den Durchbruch von eBooks noch fehlt. Mein Vergleich gliedert sich in mehrere Teile, die ich gesondert betrachten möchte, die jedoch im Zusammenspiel entscheidend sein werden. Meine erste These: nur wenn die Anbieter von eBooks und eBook Readern die gesamte Kette von der Auswahl der Werke bis hin zur mobilen Nutzung mit einem attraktiven Angebot abdecken können, wird der Durchbruch erfolgen. Meine zweite These: Genau dann wird der Durchbruch innerhalb kürzester Zeit erfolgen, und er wird unseren Umgang mit Büchern grundlegend verändern. Es ist naheliegend, dass als Erfolgsmodell im Musikbereich das Apple/iTunes/iPod-Angebot eine zentrale Rolle spielt. Und gerade dieses Modell zeigt, dass die einzelnen Elemente nicht in der logischen zeitlichen Reihenfolge realisiert werden müssen.
In nächster Zeit werde ich im Blog Beiträge zu diesem Thema, die sich explizit als Diskussionsbeiträge verstehen. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.
(Fortsetzung folgt)
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