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11.03.2011

Reisekarten

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: — Susanne Hofacker @ 8:00

Panorama vom Gottschalkenberg, 1886                           Reisekarte von Graubünden, 1944

USA, 1964/65                                                                        Alpen, ca. 2002

Seit Ende des 18. Jahrhunderts begab sich eine wachsende Zahl (männlicher) Angehöriger eines frühen, vermögenden Bürgertums auf Reisen zu Bildungszwecken oder zum Vergnügen, was einen Bedarf an ersten Reisekarten auslöste. Das Gelände dieser Karten wurde bewusst einfach dargestellt, im Zentrum des Interesses standen vielmehr Informationen zu religiösen Stätten, Sehenswürdigkeiten und zum Wegnetz.

Mit dem Aufschwung des Alpinismus Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Ruf nach Karten in einem grösseren Massstab und einer detaillierteren Geländedarstellung. Reliefkarten mit Höhenlinien, farbigen Höhenschichten und Reliefschattierung deckten diese Bedürfnisse zunehmend ab.

Eine Vielfalt an Exkursionskarten und Panoramen, die als Souvenirs verkauft wurden, zeugen von der Blütezeit des Tourismus in der Schweiz  vor dem ersten Weltkrieg.

In der Nachkriegszeit setzte der Massentourismus ein, begünstigt durch die rasche Entwicklung des Strassennetzes und der Erschwinglichkeit von Autos. Strassenkarten, wie wir sie bis heute kennen,  wurden zu wichtigen Reisekarten.

Reisekarten dokumentieren kartographische und kulturelle Entwicklungen gleichermassen. Sie geben zum Beispiel Auskunft über den Ausbau des Verkehrsnetzes, bevorzugte Ausflugsziele und Sportarten im Laufe der Zeit.

An der Abendführung  der Kartensammlung der ETH-Bibliothek wird eine Auswahl an Reisekarten der letzten 200 Jahre gezeigt.

Abendführung: 22. März 2011, 18.15 – 19.15 Uhr, Lesesaal Spezialsammlungen

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

14.01.2011

Jean-Baptiste Tavernier: Reisen in die Türkei, Persien und Indien (Genf, 1681)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Kupferstich auf Frontispiz: Tavernier beim Diamantenhandel mit Ureinwohnern

Kupferstich Seite 143: Vorstellung der 20 besten Diamanten [...] die Herr Tavernier bey seiner letzten Rückkunft aus Indien [...] dem König verkauft

Der französische Handelsreisende Jean-Baptiste Tavernier (1605-1689) unternahm zwischen 1638 und 1668 sechs Reisen, die ihn auf dem Landweg über die Türkei, den Iran, die Mongolei und Indien bis an die Grenzen Chinas und Japans führten. Er reiste als wohlhabender Händler von Edelsteinen und verkehrte mit den reichen Monarchen des Orients. In seiner Heimat brachten ihm die Reisen Ruhm und Bewunderung ein. Zwischen 1676 und 1679 publizierte er in Paris seine Reiseerfahrungen unter dem Titel Les Six Voyages de J.B. Tavernier. Darin beschrieb er nicht nur die Reiserouten, sondern auch die Sitten und Gebräuche der durchquerten Länder. Sein Augenmerk lag dabei auf den Eigenheiten des orientalischen Handels und der Mannigfaltigkeit der wertvollen Edelsteine und Perlen.

Einer der berühmtesten und sagenumwobensten Diamanten, der dank Tavernier nach Europa gelangte, ist der “Blaue Tavernier”, später “Hope-Diamant” oder “Blue Hope” genannt. Einer Legende zufolge gehörte der 45,5 Karat schwere blaue Diamant zum Auge einer Statue der indischen Göttin Sita. Diese soll wegen des Verlustes den künftigen Eigentümern Unglück prophezeit haben. Allerdings wird diese Hypothese des Fluchs heute in Frage gestellt und als Erfindung abgetan, welche den Wert des Steins in die Höhe treiben sollte.

1669 verkaufte Tavernier den blauen Diamanten zusammen mit ungefähr tausend weiteren an König Louis XIV für 220’000 Livres, was damals einem Gegenwert von 147 kg Gold entsprach. Heute wird der Wert des blauen Diamanten auf etwa 200 bis 250 Millionen Dollar geschätzt. Er befindet sich in der Smithsonian Institution.

Links:

Taverniers Reisebericht im Bibliothekskatalog NEBIS

Ein E-Text der englischen Ausgabe von London 1925 ist online bei der Columbia University New York.

19.11.2010

Jean Chappe d‘Auteroche: Voyage en Sibérie (Paris, 1768)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Soziologie, Ethnologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Tafel 16: Femme Samoyède

Der französische Astronom Jean Chappe d’Auteroche (1728-1765) wurde 1759 als Nachfolger von Joseph Lalande in die Académie des sciences gewählt. Diese beauftragte ihn, den Venustransit von 1761 in Sibirien zu beobachten. Im November 1760 brach Chappe von Paris auf und reiste trotz Schwierigkeiten mit dem Pferdeschlitten von St. Petersburg nach Tobolsk, wo er mit seinen Instrumenten am 10. April 1761 eintraf. Es wurde ein kleines Observatorium errichtet, von dem aus er am 6. Juni das Phänomen beobachten und aufzeichnen konnte.

Nach seiner Rückkehr in Paris im August 1762 hielt er seine Reiseeindrücke schriftlich fest und gab diese 1768 unter dem Titel Voyage en Sibérie  heraus. Der Reisebericht enthält zahlreiche Einzelheiten über Kultur und Politik im Russischen Reich, wobei Chappe das negative Bild der Zeit wiedergab oder gar noch verstärkte. Kaiserin Katharina II. von Russland fühlte sich daraufhin veranlasst, eine Widerlegung unter dem Titel Antidote ou Examen du mauvais livre intitulé: Voyage…, etc. (St. Petersburg, 1770-71) zu publizieren. Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort spricht die Zarin eine deutliche Sprache:

Je vous promets bien des démentis, M. l’abbé Chappe, et je prouverai ce que je dirai, sur les faits propres à répandre du jour que vous osez avancer autant d’inexactitude que de verbiage; car il faut en convenir, les trois quarts de votre livre ne sont que du babil rempli d’animosité.

Die erzürnte Regentin verspricht Chappe eine beweiskräftige Widerlegung seines Berichts und macht keinen Hehl daraus, dass sie seine Behauptungen als ein durch Feindseligkeit geprägtes Geplapper betrachtet. Dazu bemerkt Hélène Carrère d‘Encausse in ihrer kürzlich erschienen Untersuchung der Polemik, dass Chappes Darstellung der Russen zwar nicht gerade wohlwollend sei. Immerhin gehöre ihm aber der Verdienst, ihre Lebensbedingungen und Sitten äusserst präzise beschrieben zu haben.

Links:

Voyage en Sibérie im Bibliothekskatalog NEBIS

Literatur zum Streit zwischen Jean Chappe d’Auteroche und Katharina II. von Hélène Carrère d‘Encausse: L’impératrice et l’abbé, un duel littéraire inédit entre Catherine II et l’abbé Chappe d’Auteroche (Paris, 2003)  

08.11.2010

Insel mit literarischem Potential

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:16

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 10: Isla Robinson Crusoe

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 9: Isla Robinson Crusoe

Die kleine Insel Isla Robinson Crusoe oder früher Mas a Tierra oder Juan Fernandez liegt im Pazifischen Ozean, rund 600 km westlich des chilenischen Festlandes. Sie ist Teil eines 1574 vom spanischen Seefahrer Juan Fernandez entdeckten Archipels, der später nach ihm benannt wurde. Früher war sie wegen ihrer Abgelegenheit ein beliebtes Versteck für Piraten. Von 1704 bis 1709 lebte der schottische Seemann Alexander Selkirk als Deserteur allein auf Mas a Tierra. Angeblich diente seine Geschichte Daniel Defoe als Grundlage für den Roman Robinson Crusoe (1719). Erst 1966 wurde die Insel dann nach ihrem berühmten fiktiven Bewohner umbenannt.

1740 weilte der britische Admiral George Anson auf Mas a Tierra. Die Engländer erholten und stärkten sich hier von der strapaziösen Reise um das Kap Horn:

The excellence of the climate and the looseness of the soil render this place extremely proper for all kinds of vegetation; for if the ground be anywhere accidentally turned up, it is immediately overgrown with turnips and Sicilian radishes; and therefore, Mr. Anson having with him garden seeds of all kinds, and stones of different sorts of fruits, he, for the better accommodation of his countrymen who should hereafter touch here, sowed both lettuces, carrots, and other garden plants, and set in the woods a great variety of plum, apricot, and peach stones.

Wie bereits Selkirk fanden Anson und seine Gefährten reiche Nahrung und frisches Trinkwasser. Es gab keine gefährlichen oder giftigen Tiere und – anders als bei Robinson – keine Kannibalen und keinen “Freitag”. Nach kurzer Zeit waren die Engländer wieder soweit gestärkt, dass sie sich auf Scharmützel mit der spanischen Flotte einlassen konnten.

Robinsons Insel hat bis in die heutige Zeit ihre Faszination nicht verloren. 2005 teilte eine chilenische Sicherheitsfirma mit, dass sie auf der Insel mit Hilfe von Metalldetektoren mehrere Tonnen Juwelen und Gold im Wert von Rund zehn Milliarden Dollar aufgespürt habe. Ähnlich wie im Roman Treasure Island (1883) von Robert Louis Stevenson soll der Schatz ursprünglich 1715 von einem Seefahrer vergraben worden sein. Angeblich hat ihn später ein britischer Matrose gehoben, und an einer anderen Stelle erneut vergraben.

Links:

George Ansons Voyage autour du Monde im Bibliothekskatalog NEBIS (Französische Übersetzung, Amsterdam und Leipzig, 1749): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002021297

Voyage autour du Monde online als E-text bei Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/16611/16611-h/16611-h.htm

Eine Einführung in die Geschichte und Geografie der Robinsoninsel bietet Alexander Ermel: Eine Reise nach der Robinson-Crusoe-Insel (Hamburg, 1889)

22.10.2010

Spezialsammlungen vorgestern

Filed under: Alte Drucke,Bestände — Tags: — Anna Maria Stuetzle @ 9:38

Beschreibung der Wasserkirche und der Stadtbibliothek auf den Seiten 23 (unten) bis 26 (oben)

Bereits im 17. Jahrhundert, also lange vor der Zeit der ETH-Bibliothek, konnte sich der interessierte Leser und Forscher unter der Aufsicht eines schlüsselgewaltigen Herren Bibliothecarij in den Spezialsammlungen der damaligen Burgerlichen Bibliothek umsehen.

Zu entnehmen ist diese Information einem 1692 in Zürich gedruckten Reiseführer, der gleich in zwei Exemplaren  bei den Alten Drucken in der ETH-Bibliothek erhalten ist. Der 1682 mit vierunddreissig Jahren verstorbene  Maler Hans Erhard Escher beschreibt darin nicht nur landschaftliche und bauliche Merkmale oder die Fauna um den Zürichsee. Neben besonderen Vorkommnissen in der Gegend oder extremen Witterungsverhältnissen aus der jüngsten  Vergangenheit widmet er einen längeren Abschnitt  der Stadtbibliothek. Diese befand sich seit 1628 im Untergeschoss der Ende des 15. Jahrhunderts neu errichteten Wasserkirche. Escher lobt den Bau an zentraler Lage ebenso wie die übersichtliche Aufstellung der Buchbestände. Sie seye eine von den schönsten (Bibliotheken) so weit und breit gesehen wird/… nicht nur allein wegen ihrer fürtrefflichen Situation, und kommlicher Gelegenheit/sondern auch vonwegen der grossen menge … Bücheren/welche in einer schönen Ordnung beschlossen. Ausleihbar waren diese zu offenbar nicht für jedermann erschwinglichen Preisen: ein habender Burger (hat) die Freyheit/ein Buch … in sein Haus zu beschicken. Zu den Rara zählten Handschriften und alte Drucke:  allerhand kostlicher und rarer/theils getrukter/theils auch von hand geschriebner Bücheren, darunter eine alte Bibel mit kostlich illuminierten Figuren, eine von Hand geschribne Hebraische Bibel/so sauber/als wäre sie getruckt, oder gar zwei chinesische Bücher. Im Obergeschoss befanden sich die eigentlichen Spezialsammlungen: ein umfangreiches Tierkabinett samt vielen Antiquiteten - sprich archäologische Funde – inklusive Münzen, eine Portraitsammlung, mathematische und astronomische Instrumente sowie Karten, darunter  Hans Conrad Gygers detaillierte Karte des (heutigen) Kanton Zürich.

Leider handelt sich bei oben beschriebener Bibliothek nicht um einen direkten Vorfahren der Spezialsammlungen der ETH-Bibliothek! Das Naturalienkabinett ging wahrscheinlich an die 1746 gegründete Naturforschende Gesellschaft, die Münzen sind heute im Landesmuseum aufbewahrt, und der Bücherbestand befindet sich in der Zentralbibliothek, welche im kommenden Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiert.

Link: Das vorgestellte Buch ist bei GOOGLE digitalisiert.

Beschreibung des Zürich Sees : wie auch von Erbauung, Zunemmen, Stand und Wesen loblicher Statt Zürich, von der Lust- und Nutzbarkeit des Sees, von vielen Thieren, so sich in und um denselbigen befinden…, von den Stätten… so an und um disen See gelegen, von Gelehrten… so um disen See gewohnet…

24.09.2010

Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied: Reise nach Brasilien in den Jahren 1815-17 (Frankfurt, 1820-1821)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Kupferstich Band1, S. 217: Eyerlegende Schildkröte an der Seeküste

Der deutsche Entdecker, Ethnologe, Zoologe und Naturforscher Maximilian zu Wied-Neuwied (1782-1867) ist nicht so bekannt wie sein Zeitgenosse Alexander von Humboldt, spielte aber eine wesentliche Rolle in der wissenschaftlichen Erschliessung des amerikanischen Kontinents. In den Jahren 1815 bis 1817 bereiste der Forscher die Ostküste der damaligen portugiesischen Kolonie Brasilien. Sein Reisebericht ist laut Siegfried Schmidts biographischen Notizen “…insgesamt enzyklopädisch angelegt; das was dem Prinzen an Eindrücken bemerkenswert erschien, wird fachübergreifend, unsystematisch und chronologisch in erzählender Weise dem Leser dargeboten.”

Das Werk ist mit sehr schönen Stichen illustriert, die nach Originalzeichnungen des Autors angefertigt wurden. Maximilian zu Wied bemerkt dazu im Anhang des ersten Bandes:

“Den Stich der Platten haben verschiedene Kupferstecher besorgt; aller angewandten Mühe ungeachtet haben sich aber dennoch einige Unrichtigkeiten eingeschlichen. Unter diesen nenne ich auf der Vignette des VIII. Abschnitts die Zeichnung der grossen Schildkröte, welche in den naturhistorischen Cabinetten nicht selten gefunden wird [...]“

Selbst wenn einzelne Stiche mit Hilfe einer “Camera Lucida” gestochen wurden, ergab sich offenbar eine gewisse Abweichung von der erlebten “Realität”. Als Konsequenz dieser zeichnerischen Unzulänglichkeit nahm Wied auf seine zweite Entdeckungsreise nach Nordamerika (1832-1834) den jungen Schweizer Landschaftsmaler Carl Bodmer mit auf die Reise. Daraus entstand dann die reich illustrierte Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834 (Koblenz, 1839-41).

Links:

Wied-Neuwieds Reise nach Brasilien im Bibliothekskatalog NEBIS

In der Zentralbibliothek Zürich ist ein Reprint der Erstausgabe vorhanden.

Literatur:

Siegfried Schmidt: Die Büchersammlung des Prinzen Maximilian zu Wied; Entstehung, Bestandesaufnahme und Schicksal einer naturwissenschaftlichen Privatbibliothek des 19. Jahrhunderts (Bonn, 1985)

27.08.2010

Jean Claude Richard de Saint-Non: Voyage pittoresque, ou description des royaumes de Naples et de Sicile (Paris, 1781-1786)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Geschichte — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Band 1, Seite 208: Ausbruch des Vesuvs vom 8. August 1779

Der Pariser Theologe und Jurist Jean Claude Richard Saint-Non (1727-1791) ist vor allem als als Zeichner, Radierer, Kupfer- und Aquatintastecher bekannt. Nachdem er in den Jahren 1759-1761 mit den Malern Jean-Honoré Fragonard und Hubert Robert fast ganz Italien bereist hatte, entstand sein monumentales Hauptwerk Voyage pittoresque, ou description des royaumes de Naples et de Sicile. Das fünfbändige Werk im Folioformat enthält neben einem aufwändigen Titelkupfer für Königin Marie-Antoinette 299 Tafeln und 111 Vignetten, 6 Karten und einen Plan. Es gilt als Meisterleistung der französischen Buchkunst des 18. Jahrhunderts.

Saint-Non präsentiert eine politische und soziale Geschichte der Königreiche Neapel und Sizilien und Texte über die neuesten archäologischen Funde in Herculaneum und Pompeii. Auch die Geologie des Vesuvs und der Campi Flegrei und deren Fauna und Flora werden eingehend beschrieben. Das späte 18. Jahrhundert war eine fruchtbare Zeit für Bücher über Süditalien.Voyage pittoresque war bei weitem nicht die einzige, gilt aber als eine der besten. Bis weit ins 19. Jahrhundert setzte es einen sehr hohen Standard in der Verständlichkeit und in der Qualität der Bilder und wurde zum viel konsultierten Standardwerk für Enthusiasten der Grand Tour.

Voyage pittoresque ist im Programm der Abendführung vom 7. September vorgesehen. Unter dem Titel Reisen in Büchern – Bücher auf Reisen werden unter anderem auch Autoren wie Homer, Pausanias, Josias Simmler, Thomaso Porcacchi, Antoine de Ulloa, George Juan und William Hamilton vorgestellt. Treffpunkt: 18:15 ETH-Bibliothek, Ausleihschalter. Es ist keine Anmeldung erforderlich.

Links:

Voyage pittoresque im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002331347

Die Erstausgabe ist online bei der UB Heidelberg.

28.05.2010

Glow with the flow: William Hamiltons Campi Phlegraei (Neapel 1776-1779)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten,Geologie,Geschichte — Tags: , — Roland Lüthi @ 13:47

Karte des Golfs von Neapel mit Campi Phlegraei und Vesuv

Supplement, Tafel 9: Eruption des Vesuvs vom 22. September 1822

Teil 2, Tafel 12: Eruption des Vesuvs vom 23. Dezember 1760

Teil 2, Tafel 53: Vulkangestein, Solfatara

Teil 2, Tafel 54: Vulkangestein, Vesuv

Teil 2, Tafel 37: Eruption des Stromboli

Sir William Hamilton (1730-1803) war als britischer Diplomat am Hof des Königreichs Neapel ideal platziert, um die Vulkane der Region zu studieren. Mehrfach bestieg er den Vesuv und war Zeuge der heftigen und gefährlichen Ausbrüche der Zeit. Um seine Beobachtungen in Bildern festzuhalten, liess er sich auf seinen Exkursionen durch den Neapolitaner Künstler Peter Fabris begleiten. Dieser fertigte Skizzen der Vulkanlandschaften und geologische Studien an. 1776 publizierte Fabris eine erste Reihe von Kupferstichen mit Landschaften, Eruptionen, Vulkangestein und Lavaproben. Drei Jahre später folgte ein Supplement, das den Ausbruch des Vesuvs im August 1779 zeigt. Die Stiche wurden von lokalen Künstlern in leuchtenden Farben handkoloriert. Die Texte schliessen Hamiltons Serie von Briefen an die Royal Society mit ein, in denen er über die Ausbrüche berichtet. Campi Phlegraei ist somit eine prachtvolle Verbindung von Kunst und Wissenschaft.

Links:

Campi Phlegraei ist für die Ausleihe gesperrt, kann jedoch online in e-rara.ch betrachtet werden.

Literaturhinweis zu William Hamilton:

Susan Sontag: The Volcano Lover: A Romance

12.02.2010

Sebastian Münster, Cosmographia (Basel, 1544)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten — Tags: — Meda Diana Hotea @ 7:00

Tafel 8: Die erst tafel des Rheinstroms/ in der vergriffen wirt die Eidgenossenschaft/das Elsass und Brisgoew

Sebastian Münster (1488-1552), der deutsche Theologe und Humanist veröffentliche 1544 nach 18jähriger Arbeit  mit seiner Cosmographia ein monumentales Renaissance-Werk. Er hatte dazu die verschiedensten Quellen benutzt; einerseits waren dies griechische und lateinische Autoren wie Herodot, Strabo und Titus Livius, anderseits italienische, deutsche und Schweizer Historiker wie Marcantonio Sabellico, Beatus Rhenanus, und Aegidius Tschudi. Ebenso holte Münster seine Informationen vor Ort ein und sammelte Augenzeugenberichte, die er wie historische Tatsachen behandelte.

Die Cosmographia war ein grosser Erfolg. Die erste Übersetzung in die lateinische Sprache von 1550 gilt als die vollständigste und hat heute grossen Seltenheitswert. Von 1552 bis 1558 folgten Übersetzungen ins Französische, Englische, Tschechische und Italienische. Das Werk galt als die modernste und vollständigste enzyklopädische Abhandlung der Zeit und erreichte in den folgenden 84 Jahren noch über 35 Auflagen.

Ungefähr die Hälfte der Cosmographia ist germanischen Völkern gewidmet, unter denen die Schweizer einen besonderen Platz einnehmen. Sebastian Münster befasste sich speziell mit der lokalen Geographie und Geschichte, bezog aber auch volkskundliche und anthropologische Aspekte mit ein.

Die Biographen bezeichnen Münster als Pionier auf dem Gebiet der Anthropologie, denn er beschrieb Sitten und Bräuche, Kleidung, Ernährungs- und Verhaltensweisen, sowie die Charaktere der Einwohner verschiedener Länder und verglich diese miteinander.

In der Cosmographia bezieht sich Münster eher beiläufig auf die Alpen, deren Grösse ihn nach einer Reise in den Kanton Wallis und einer Bergwanderung sehr beeindruckt hatte. Münster arbeitet einen Zusammenhang zwischen der Natur  und dem Charakter der Bergbevölkerung heraus. So schildert er die Schweizer dem steilen, kalten und beinahe vegetationslosen Gebirge entsprechend als ernsthaftes, mutiges Volk, welches um seine Rechte und Freiheiten kämpft. Diese Sicht kommt auch in der Beschreibung der Geburt der Eidgenossenschaft zum Ausdruck, wo Münster aufzeigt, wie sich die  Schweizer ihre Unabhängigkeit vom „Römischen Reich Deutscher Nationen” erkämpft hatten.

Links:

Die obige Karte kann in E-Pics Alte Drucke näher betrachtet werden: http://ad.e-pics.ethz.ch/link.jsp?&id=Rar5716_TAF8.tif&view=preview

Münsters Cosmographia im online-Katalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=ENG&func=find-b&find_code=SYS&request=002318818

Literatur zu Sebastian Münsters Leben und Werk: 

Matthew McLean, The Cosmographia of Sebastian Münster: describing the world in the Reformation

Jean Bergevin, Déterminisme et géographie: Hérodote, Strabon, Albert le Grand et Sebastian Münster

Rudolf Mumenthaler, Wolfram Neubauer, Margit Unser: Die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, Buchschätze der ETH-Bibliothek aus vier Jahrhunderten

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