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17.03.2011

Lessons Learned? Nukleare Unfälle als Katalysatoren energiepolitischer Diskussionen

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände — Tags: — Michael Gasser @ 19:00

Prospekt zum Bau des Versuchsreaktors von Lucens, in dem es im Januar 1969 zum Atomunfall kam (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, ARK-NGA-Vr:6.2)

Wie die gegenwärtigen Ereignisse in Japan zeigen, stellen schwere Atomunfälle zunächst einmal eine grosse Gefahr für die direkt betroffene Bevölkerung dar. In der unmittelbaren Krisenbewältigung steht deren Schutz im Zentrum. Darüber hinaus legen aber Unfälle dieser Art auf dramatische Weise die Grenzen der Beherrschbarkeit der zivilen Anwendung von Atomkraft offen. Sie führen deshalb unweigerlich zu einer international geführten Grundsatzdebatte über die Nutzung von Atomkraft. Welche Lehren aus einem Atomunfall zu ziehen sind, ist allerdings vom jeweiligen Standpunkt abhängig. Während Atomgegner vehement den Ausstieg aus der Atomenergie fordern, plädieren Betreibergesellschaften und die Energieindustrie für verschärfte Standards und Kontrollen beim Bau und Betrieb von AKWs.

Im Gegensatz zu Japan, wo offenbar diese Grundsatzdebatte erst jetzt in Gang kommt, blickt die Schweiz bereits auf eine längere Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Atomkraft zurück. Lange vor Three Mile Island oder Tschernobyl trug auch hierzulande ein – allerdings vergleichsweise kleiner – nuklearer Unfall wesentlich zur Entzauberung der Atomkraft als saubere Energiequelle bei. Am 21. Januar 1969 kam es in dem nur ein Jahr zuvor in Betrieb genommenen Versuchsatomkraftwerk Lucencs (Kanton Waadt) zur Explosion eines der Brennelemente, was zur partiellen Kernschmelze führte. Dank der getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und der geringen Leistung des Versuchsreaktors kam es zu keiner gefährdenden Verstrahlung der Umgebung. Trotzdem bedeutete der Unfall das Aus für die Versuchsanlage, die von der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik (NGA) errichtet worden war.

Die Hintergründe des bislang grössten nuklearen Unfalls der Schweiz und seine Auswirkungen auf die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um die Verwendungen von Atomkraft, die im Scheitern des AKW-Projekts Kaiseraugst in den 1970er-80er Jahre einen vorläufigen Höhepunkt erreichten, wurden verschiedentlich aufgearbeitet (z.B. Wildi, Tobias. Der Traum vom eigenen Reaktor: Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. Zürich, 2003 oder die virtuelle Ausstellung “Der Traum vom Schweizer Reaktor” der ETH-Bibliothek). In den Archiven und Nachlässen findet sich im „Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz“ reichhaltiges Quellenmaterial zur dieser energiepolitischen Diskussion. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek hat ergänzend dazu in seine Beständen zahlreiche (Luft-)Bilder, die den Bau Schweizer AKWs dokumentieren. Benutzen Sie zur allgemeinen Recherche das Wissensportal der ETH-Bibliothek.

07.05.2010

Strahlend blau wie ein Saphir – Der Swimming Pool Reaktor in Würenlingen

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Physik — Tags: , — Christian John Huber @ 9:11

ETH-Bibliothek, Archive, ARK-NA-Zü:1.9. Fotoalbum des Direktors des EIR, Werner Zünti, zum Abschied, 30.03.1973.

„The United States would seek more than the mere reduction or elimination of atomic materials for military purposes. It is not enough to take this weapon out of the hands of the soldiers. It must be put into the hands of those who will know how to strip its military casing and adapt it to the arts of peace.”

Mit seiner Rede “Atoms for Peace” vom 8. Dezember 1953 vor der UN-Vollversammlung hatte der amerikanische Präsident, Dwight D. Eisenhower, die weltweite Verbreitung amerikanischen Wissens über die zivile Nutzung der Atomenergie zum Ziel. Die UN begrüsste den Vorstoss der USA und die Vollversammlung beschloss in Genf eine Veranstaltung durchzuführen, welche unter Eisenhowers Motto stehen sollte.

Die „Atoms for Peace” Konferenz fand vom 8. bis 20. August 1955 statt. Schweizer Industrielle hatten in Zusammenarbeit mit der Forschung im März desselben Jahres die Reaktor AG gegründet. Sie bezweckte in erster Linie den „Bau und Betrieb von Versuchsreaktoren zur Schaffung wissenschaftlicher und technischer Grundlagen für die Konstruktion und den Betrieb industriell verwendbarer Reaktoren, die der Gewinnung von Energie dienen” (ETH-Bibliothek, Archive, ARK-NA-Bo:1.3. Statuten der Reaktor AG, 1.3.1955). Die Schweizer Delegation an der Genfer Konferenz zeigte sich angesichts des hohen technischen Niveaus der Forschung überrascht und musste eingestehen, dass die eigenen Reaktorpläne bereits technisch überholt waren.

Die Hauptattraktion der Genfer Konferenz war ein von den US-Amerikanern eingeflogener und betriebener Versuchsreaktor. Paul Scherrer, der Doyen der schweizerischen Nuklearforschung, und BBC-Präsident Walter Boveri handelten im Geheimen mit den Amerikanern den Kauf des Versuchsreaktors für die Reaktor AG aus. Der Vorschlag kam den US-Wissenschaftlern gerade recht, denn ihnen war nicht klar, wie der nun verseuchte Reaktor wieder sicher zurück in die USA hätte transportiert werden sollen.

Der blau schimmernde Swimming Pool Reaktor erhielt den Namen SAPHIR und kam in der Nähe von Würenlingen zu stehen. Die Reaktor AG ging 1960 an den Bund über und wurde zum EIR (Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung) eine Annexanstalt der ETH. 1988 fusionierte das EIR mit dem SIN (Schweizerisches Institut für Nuklearphysik) zum PSI (Paul Scherrer Institut). Der Reaktor SAPHIR wurde im Dezember 1993 abgeschaltet. Das Bild entstammt einem Fotoalbum, das dem scheidenden Direktor des EIR Werner Zünti 1973 zum Abschied geschenkt wurde.

Literatur:

Tobias Wildi. Der Traum vom eigenen Reaktor: Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. Zürich 2003.

09.01.2009

Die Pläne für einen eigenen Atomreaktor an der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Physik — Tags: , — Christian John Huber @ 9:53

Lageplan zum Vorprojekt für das Atomkraftwerk FHK an der ETH Zürich, 13.2.1957 (ARK-ETH01:1)

Seit 1930 werden die Gebäude der ETH Zürich durch ein Fernheizkraftwerk mit Wärme und Heisswasser versorgt. Als die Anlage 1956 an ihre Grenzen stiess, wurde die Suche nach einer neuen leistungsfähigeren Lösung lanciert. Der Direktor des Kraftwerks und ordentliche Professor für angewandte Elektrotechnik, Bruno Bauer, sprach sich für einen Atomreaktor aus. Zusammen mit namhaften Partnern aus der Privatwirtschaft wie die BBC (heute ABB), die Gebrüder Sulzer AG, oder die Escher Wyss AG wurde ein Konsortium gebildet. Geplant war der Bau eines kleinen Versuchskraftwerks in einer Kaverne an der Clausiusstrasse, direkt neben dem ETH Hauptgebäude. Weder der Schweizerische Schulrat noch der Zürcher Regierungsrat oder der Stadtrat äusserten Sicherheitsbedenken wegen eines Reaktors mitten in der Stadt. Alle drei Räte unterstützten die Pläne.

1959 reichte das Konsortium ein Gesuch um Bundessubventionen ein. Zeitgleich buhlten 2 weitere Projekte für Versuchsatomkraftwerke um die finanzielle Unterstützung des Bundes. Die Energie Nucléaire S. A. (Enusa) plante einen Westschweizer Reaktor und wurde von der Maschinenindustrie und den Elektrizitätsgesellschaften der Romandie unterstützt. Die ebenfalls als Aktiengesellschaft organisierte Suisatom wurde von den führenden Elektrizitätsgesellschaften der Schweiz finanziert. Die BBC sollte die Projektierung und Bauleitung übernehmen. Im Gegensatz zu den beiden anderen Projekten ging es der Suisatom nicht um die Entwicklung eines eigenen Reaktors, sondern um die Erfahrungen im Betrieb eines bereits erprobten Reaktors.

In gut schweizerischer Manier suchte der Bundesrat einen Kompromiss und beschloss bloss 1 Projekt zu unterstützen. Dieses Projekt sollte Elemente aller 3 Eingaben enthalten. So wurde der Versuchsreaktor wie von der Enusa vorgesehen in Lucens (VD) nach den Plänen des ETH-Fernheizreaktors gebaut und nach dem Konzept der Suisatom betrieben.

Nach grossen Verzögerungen und obgleich viele Teilhaber – u.a. die Gebrüder Sulzer AG und die BBC – das Projekt verlassen hatten,  wurde der Reaktor im Frühjahr 1968 dem Betrieb übergeben. Bereits im folgenden Januar kam es zu einem Kontrollverlust. Probleme mit dem Kühlsystem hatten zu einer partiellen Kernschmelze geführt. Damit war der schweizerische Traum vom selbst entwickelten Reaktor ausgeträumt.

Link: Die Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek besitzen mit dem Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz eine weltweit wohl einzigartige Sammlung von Akten und Medien zur Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie.

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