Logo Ethbib Spezialsammlungen Digital

25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

26.08.2011

John Gerard: The Herball (London, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

John Gerard (1545-1612) gilt als einer der bekanntesten Kräuterkenner Grossbritanniens. Sein “Herball or General Historie of Plantes” erschien erstmals 1597. Wie viele Kräuterbücher der Zeit besteht es aus einer Mischung von Alt und Neu, in diesem Fall einer Adaption einer Übersetzung von Rembert Dodoens‘s Stirpium historiae pemptades sex (1583), die Gerard von Dr Robert Priest übernommen hatte. Das Buch enthält etwa 1800 Holzschnitte, von denen nur wenige neu sind. Eine dieser neuen Abbildungen zeigt eine Kartoffel und ist vermutlich das erste je publizierte Bild dieser Pflanze.

 

Holzschnitt Seite 781: Potatoes of Virginia

Trotz Neuerungen war Gerard nicht davor gefeit, Aberglaube weiter zu verbreiten. So hielt er zum Beispiel hartnäckig an der Vorstellung des „Gänsebaums“ fest. Dieser Baum komme im nördlichen Schottland vor und trage an seinen Ästen eine Art Muscheln, aus denen Nonnengänse ausschlüpfen.

 

Holzschnitt Seite 1391: The Breede of Barnakles (“Gänsebaum”)

Obwohl die alte Legende des Gänsebaums bereits im 13. Jahrhundert durch Albertus Magnus widerlegt worden war, indem dieser feststellte, dass Nonnengänse wie andere Vögel aus Eiern ausschlüpften, lebte der Gänsebaum in den Köpfen vieler späterer Autoren von Kräuterbüchern weiter. In posthumen Versionen von Gerards Herball wurde der Gänsebaum verworfen um dann allerdings bei späteren Autoren wie in Adam Lonicers Kraeuterbuch (Ausgabe 1783) wieder aufzutauchen. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff „Canard“ für eine „Zeitungsente“ (Irrtum oder Falschmeldung) auf der Legende des Gänsebaums fusst. Hierzu gibt es aber unzählige weitere Theorien.

Veranstaltungshinweis:

Das Herball von Gerard wird an der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 6. September 2011 gezeigt. Unter dem Titel Die Magie der Pflanzen figurieren rund 10 weitere Pflanzenbücher von Hieronimus Bock bis zu Johann Künzle. Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Links:

The Herball ist auf einer privaten Website online: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/gerarde/index.html; Hier werden viele weitere Autoren aus dem Bereich Biologie vorgestellt: http://www.biolib.de/.

Das Herball im Bibliothekskatalog NEBIS (Ausgabe von 1597): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001455559

Die verbesserte Ausgabe von Thomas Johnson (1636): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001480003

12.11.2010

Begeisterung, Fachwissen und Passion: Schweizer Botanik in den 1820er Jahren

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Botanik — Tags: — Evelyn Boesch Trüeb @ 11:00

J.G. Custer an J. Hegetschweiler, 1827 

Brief des Botanikers Jakob Gottlieb Custer über seine Proben von Schweizer Pflanzen und über den wissenschaftlichen Fortschritt in der Floristik
(ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 517:2)

„Sonderbar genug ist es, dass gerade die sogenannt gemeinen Pflanzen… lange nicht immer die am besten untersuchten und geordneten sind.  Man will – besonders der Sammler – immer eher das Seltene, Weiterentlegene.“

Der Bezirksarzt und Botaniker Jakob Gottlieb Custer (1789-1850) aus Rheineck konstatierte 1827 in einem Brief mit seiner Bemerkung über die Jagd nach Raritäten ein immer wieder feststellbares Phänomen. Er war daran, Pflanzenbelege zusammenzustellen, die er an einen ebenfalls sehr versierten Botaniker weiterreichen wollte, den er mit „Herr College“ ansprach. Custer war sich zuerst nicht ganz schlüssig, was er alles versandbereit machen sollte. Er leistete seinem Briefpartner denn auch  „Abbitte“, wegen des grossen Packes keineswegs seltener Pflanzen“ und fuhr fort: „Während Sie ohne Zweifel Bürger der höhern und südlichen Alpen erwarteten, komme ich Ihnen mit einer Schaar Thal- und Vorgebirgspflanzen des Nordens der Schweiz daher“. Custer bezeichnete sich selbst als „wahren Verehrer des Pflanzenstudiums“. Seit Jahren sammelte er unermüdlich Proben aus seiner Umgebung. Die von ihm begutachteten und gepflückten Pflanzen stammten aus „Vorarlberg, Kanton Appenzell und aus den Gebirgen des Distrikts Sargans bis zum Calanda“.

Obwohl an der überliefernden Stelle keine Gegenbriefe an Custer vorhanden sind, wissen wir aus den Briefen, dass nicht nur Custer Belege an sein Gegenüber versandte, sondern dass auch sein Briefpartner ihm Sendungen zukommen liess. Der Austausch diente den beiden Briefpartnern dazu, das Urteil des Kollegen zur Einordnung des Pflanzenbelegs einzuholen.

Custer legte ein reichhaltiges Herbar an und verfasste eine Abhandlung über phänerogamische Gewächse des Rheintals, die 1821 im Band 1 der Neuen Alpina erschien und 1827 Ergänzungen erfuhr. Er wird 1854 als einer der „Gewährsmännner“ der Flora von Tirol geführt und der Autor Franz Freiherr von Hausmann vermerkt in Band 3 eine weitere von Custer angelegte Sammlung, die 1846 das Vorarlberger Gebiet dokumentierte und in die Museal-Sammlungen Innsbruck gegeben wurde. Eine Reihe der Schweizer Fundbelege Custers liegt heute im Naturmuseum St.Gallen.

„Dergleichen Männern wie Sie, Selbstbeobachtern der Gewächse im Freÿen, kommt es allein zu, solche Genera zu bearbeiten, wenn sie aus ihrem Chaos herauskommen sollen, fallen sie hingegen in die Hände von zwar sehr gelehrten, aber nur trocken zugeschickte Exemplar beschauen könnende Botaniker  (sic)…, so ist an keine Entwirrung zu denken.“

Die Aussage über das Beobachten in der freien Natur lässt vermuten, dass die Briefe, deren Überlieferungsgeschichte keine eindeutigen Schlüsse zulässt, an Johannes Hegetschweiler (1789-1839) gerichtet gewesen waren und weniger an seinen Bruder  Johann Jakob Hegetschweiler (1795-1860), der auch als Adressat ins Spiel gebracht wird. Johannes Hegetschweiler  kannte Custer seit der Schulzeit an der Aargauer Kantonsschule. Er gab Custers dokumentierender Arbeit  ihren Platz in seinem Werk „Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen“, das 1831 erschien und das eine Florenliste der Appenzeller Alpen von Custer enthielt.

Die Zuordnung der zwei Briefe zu einem Briefwechsel mit Johannes Hegetschweiler wird gestützt durch eine weitere Briefstelle, in der Custer seinen Briefpartner auf seine Schrift „Reise“ anspricht, die er schon im letzten Sommer kennen gelernt habe und die ihm ein wahrer Genuss gewesen sei, gerade hinsichtlich der Ausführungen über die Species. Damit dürfte der Band Hegetschweilers  zu seinen Tödireisen gemeint sein, der 1825 erschien.

Die Briefe Custers und die angesprochenen Werke geben einen schönen Einblick, wie akribisch und versiert im 19. Jahrhundert die Arbeit an einer zeitgemässen Floristik der Schweiz vorangetrieben wurde.

Literatur mit einer Florenliste von Custer:

Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen, 1831

Die Tödireise von Johannes Hegetschweiler ist bei Google Books digitalisiert:

 Johannes Hegetschweiler Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus und Graubünden in den Jahren 1819, 1820 und 1822,  Zürich 1825

31.05.2010

110 Jahre Mammut von Niederweningen

  

Ausschnitt der Falttafel “Der Mammutfund von Niederweningen” in: Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde, Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 1892

Im Sommer 1890 beutete die Schweizerische Nordostbahn [...] ein in Niederweningen gelegenes Stück Land als Materialgrube aus. Dieses Stück Land liegt an dem Wege, welcher vom Gasthaus zum Löwen [...] in Niederweningen zum oberen Dorfe, wo die Dorfkirche steht, in sanfter Steigung gegen die Lägern emporsteigt, etwa drei Minuten von dem erwähnten Gasthause entfernt, auf der linken Seite des Weges. Schon Mitte Juli stiessen die Arbeiter bei der Ausbeutung der Materialgrube auf grosse Knochen, und von da an wiederholten sich solche Funde täglich. Sie wurden einstweilen im Gasthof zum Löwen deponirt.

Arnold Lang, Professor für Zoologie am Eidgenössischen Polytechnikum und an der Universität Zürich, von dem die exakte Lagebeschreibung stammt, wurde erst anfangs August telegraphisch über die Knochenfunde informiert und überzeugte sich leicht verspätet vor Ort, dass es sich keineswegs um einen alkoholisierten Scherz der Gasthausgäste handelte. Schon kurz darauf leitete er die nun systematischen Ausgrabungen, die auch im folgenden Jahr andauerten. Als wertvollster Fund wurden Knochen eines jungen Mammuts geborgen nebst zahlreichen Überresten von erwachsenen Tieren. Aus diesen liess Lang in den geologischen Sammlungen des Polytechnikums ein zwar unvollständiges, aber dennoch imposantes Skelett zusammenstellen. Ab 1914 sollte es im Zoologischen Museum des neu erbauten Universitätsgebäudes bis heute das Publikum beeindrucken. 

Zusammen mit seinen Kollegen Albert Heim, Geologieprofessor an beiden Zürcher Hochschulen, der die geologischen Verhältnisse der Grabungsstätte begutachtete, und Carl Schröter, Professor für Botanik am Polytechnikum, der die pflanzlichen Überreste im Torf der Fundschicht bestimmte, präsentierte er die Untersuchungen der sensationellen Endeckung 1892 im Neujahrsblatt der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft.

Für die Druckvorlage der beigebundenen Falttafel zur Veranschaulichung der schriftlichen Ergebnisse zeichnete Lang persönlich die Figuren des rekonstruierten Skelettes, eines Unterkiefers und der Knochen des Jungtieres sowie das mögliche äussere Erscheinungsbild eines Mammuts. Dabei legte er Wert auf die saubere Unterscheidung zwischen originalem Material und zeitgenössischen Ergänzungen: Beim Skelett sind die Knochen naturgetreu und mit plastischen Schattierungen ausgeführt, während die fehlenden ergänzten Teile der Hinterbeine, des Beckens und der Vorderfüsse als hell belassene Umrisse kontrastieren. Grössenangaben komplettieren die wissenschaftliche visuelle Darstellung.

Auf der Originalvorlage, die an der ETH-Bibliothek in den Archiven und Nachlässen aufbewahrt wird, ist als Zeichner der kleinformatigen pflanzlichen Überreste “Schröter” vermerkt. Damit bleibt im Dunkeln, ob Ludwig Schröter, wissenschaftlicher Zeichner und jüngerer Bruder des Botanikprofessors, am Werk war oder ob der ebenfalls talentierte Carl Schröter es sich nicht nehmen liess, bei diesem aufsehenerregenden Fund selber Hand anzulegen.

Links:

Biografien von Albert Heim ,  Arnold Lang  und Carl Schröter 

Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde – Ein Stück Geschichte der Paläontologie  nebst einem Bericht über den schweizerischen Mammutfund in Niederweningen 1890/1891. Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft auf das Jahr 1892. XCIV, Zürich 1892

14.05.2010

Biologie an der ETH Zürich

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Botanik — Tags: — Heike Hartmann @ 7:00

Gentiana alpina: Grat zwischen Camoghé und Garzirola, ca. 2050 m (Dia 282: 7411) 

 

Kaffee. Coffea-Arten. [...] Coffea robusta [...] Soerabaja (Dia 249: Gs 235)

 

Java, im Stützwurzelwald der “Waringins” (Ficus benjamin) im bot. Garten v. Buitenzorg mit C.S. [Carl Schröter] (Hs 1360: 1321)

Im Jahr 1866 wurde die Abteilung für Naturwissenschaften an der ETH Zürich gegründet, die anfänglich den Auftrag einer Fachlehrerausbildung hatte. Später, 1932, bestand die Abteilung Naturwissenschaften aus den Bereichen Biologie, Molekularwissenschaften und Umweltphysik sowie Erdwissenschaten. Zu den klassischen Disziplinen der Biologie zählten die Botanik und die Zoologie.

Bis ins Jahr 1937 hatten die ETH Zürich und die Universität Zürich ein Übereinkommen, dass die Zoologie an der Universität gelehrt wird und die Botanik an der ETH.

Nachdem diese Vereinbarung aufgehoben wurde entstand auch ein Institut für Zoologie an der ETH Zürich. Dieses wurde allerdings 1977 wieder aufgehoben, was für die Lehre in den zoologischen Grundlagen gravierende Folgen hatte.

Dahingegen entstanden in den 60er und 70er Jahren zahlreiche biologische Institute na der ETH Zürich, die sich immer wieder anpassten und veränderten. Heute  besteht das Departement Biologie aus  zehn Instituten und Gruppen, darunter auch die Pflanzenwissenschaften.

Zu den bekanntesten Botanikern, aus der Anfangszeit des Bereichs Biologie an der ETH Zürich gehören sicherlich Oswald Heer (1809 -1883), Karl Schröter (1855 – 1939) und Albert Frey-Wyssling (1900 – 1988).

Das  Jahr 2010 wurde von der UNO zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt oder auch Biodiversität ernannt, was den aktuellen Anlass gibt, um einige schöne Pflanzenbilder vorzustellen, die aus Nachlässen von Karl Schröter, Albert Frey-Wyssling und aus dem Geobotanischen Institut / Stiftung Rübel  zum Bildarchiv der ETH-Bibliothek gekommen sind.

Das erste Bild aus dem Bestand des Geobotanischen Institut  / Stiftung Rübel  zeigt ein Alpen-Enzian. Dieses Dia wurde im Juli 1951 im Tessin gemacht. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Auf dem zweiten Bild, aus dem Bestand von Frey-Wyssling, sieht man eine Kaffeepflanze. Dieses Dia ist handkoloriert und entstand im Zuge einer Reise zwischen 1926 und 1932 von Frey-Wyssling auf Java. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Das dritte Bild zeigt Kar Schröter in einem Stützwurzelwald. Diese Fotografie entstand während seiner Weltreise 1898 – 1899 auf der Insel Java. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Abendführung:

Flora und Fauna – Biologie an der ETH
ETH-Bibliothek/Archive und Nachlässe
Dienstag, 18. Mai 2010, 18.15 – 19.15 Uhr
Treffpunkt: ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Lesesaal Spezialsammlungen
Keine Anmeldung erforderlich

02.04.2010

Neu entdecktes Dokument echt falsch – Albert Einsteins Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archiv, Hs 1305:15_f1

Den Leserinnen und Lesern, die dem gestrigen Einstein Bienenblog auf den Honig gekrochen sind, sei versichert: Das neu entdeckte Dokument von Albert Einstein war ein Aprilscherz. Der Titel “Bienblüte” weist darauf hin, dass es sich um eine Fälschung – eben eine sogenannte “Blüte” – handelt, nämlich um eine Tintenfederfingergymnastikübung der Blogautorin.

Am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich endete das Wintersemester 1899/1900 am 24. März 1900. Das Sommersemester 1900 begann am 17. April. Dazwischen waren Semesterferien. Am 1. April 1900, dem Datum der Notiz, fanden gar keine Lehrveranstaltungen statt.

Tatsache ist, nachzulesen In den Matrikeln von Albert Einstein und Mileva Maric, dass beide schon im Wintersemester 1897/98 bei Professor Albert Heim die Vorlesung “Urgeschichte des Menschen” belegten.

Von Heim selber, der anhand einiger Stichworte frei vorzutragen pflegte, ist kein Skript erhalten. Doch notierte im Wintersemester 1906/07 der Student und spätere Chemieprofessor an der Universität München, Arthur Stoll (1887-1971), während Heims “Urgeschichte” die Bemerkung: “Keine Trunksucht etc. keine Irrenhäuser” (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1425:7). Der in der damaligen Sittlichkeitsbewegung engagierte Heim brachte in seiner Veranstaltung also nachweislich zeitgenössische gesellschaftspolitische Fragen zur Sprache. Ob er dies allerdings immer schon so gehalten hatte, ist ungewiss. In den spärlichen Notaten aus der Vorlesung im Wintersemester 1875/76 von Georg Szavitz (1853-1915), Bauingenieurstudent, fehlen solche Hinweise (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 489:31).

Tatsache ist jedenfalls, dass Heim auf Initiative von Studenten “vor der männlichen studierenden Jugend beider Hochschulen im Schwurgerichtssaale in Zürich” über “Das Geschlechtsleben vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte” am 13. Februar 1900 vortrug. Weil das Lokal nur Platz für 700 Hörer bot, wurde angesichts der weitaus grösseren Nachfrage die Veranstaltung am 23. Februar 1900 wiederholt. In der Druckfassung des Vortrags steht auf Seite 4:

Die Sexualität [...] hat die Natur um uns belebt mit Farbenglanz von Blüten und Tieren, mit dem Gesang der Vögel, und durch die Sexualität reift die goldene Frucht am Baume.

Bienen werden hier keine erwähnt. Explizit kommen sie nur auf Seite 20 vor:

Ameisenstaat, Bienenstaat etc. gehen alle eher darauf aus, die Ausübung des Geschlechtstriebes einzugrenzen [...].

Die Herkunft des genauen Wortlauts von Albert Einsteins ungesicherter Äusserung über Bienen bleibt somit weiter ungeklärt.

Links:

Einstein Online

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Nachlassverzeichnis Arthur Stoll

Nachlassverzeichnis Georg Szavitz

01.04.2010

Albert Einstein: Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1305:15_f1)

Ein gleichermassen belesener wie beredter Schweizer Bundesrat eröffnete in seinem Land vor kurzem das internationale Jahr der Biodiversität mit dem Albert Einstein zugeschriebenen Zitat: “Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.” In der Presse und im Internet wird seit längerem diskutiert, ob und in welchem Zusammenhang der theoretische Physiker sich in dieser Weise zur Ökologie geäussert haben könnte. Die Herkunft der umstrittenen Äusserung lag bisher im Dunkeln.

Nun scheint eine Spur zur Lösung des Rätsels gefunden! In nachgelassenen, an der ETH-Bibliothek archivierten Papieren von Elisabeth Heim-von Brasch (1907-1996) liegt folgende Notiz, geschrieben exakt heute vor 110 Jahren:

A. Heim 1. IV.00

Summ…

keine Bienen mehr, keine Pflanzen,

keine Thiere, keine Menschen mehr

Wer die Zeilen schrieb, war bis heute nicht bekannt. Sie stammen weder von der Hand der Nachlasserin, noch der ihres zweiten Gatten Arnold Heim (1882-1965) oder der ihres Schwiegervaters Albert Heim (1849-1937) , Professor für Geologie an der ETH. Ein Vergleich mit frühen Briefen Einsteins, die er in deutscher Kurrentschrift durchsetzt von einzelnen lateinischen Buchstaben schrieb, lässt dagegen den künftigen Nobelpreisträger als Autor vermuten. Da ähnelt einerseits die Vornamensinitiale bei “A. Heim” dem charakteristischen grossen A von Einsteins eigener Unterschrift. Andererseits zeigt das Fluggeräusch des Honiginsekts dasselbe schwungvolle S wie der Anfang einer Postkarte von Einstein an seinen Freund Conrad Habicht (Hs 1457:19).

Die Notiz vom 1. April 1900 war möglicherweise ursprünglich eine Beilage zu Einsteins Dankesschreiben an Arnold Heim vom 14. Juli 1952 gewesen, in welchem er sich an den “magischen Zauber” der Vorlesungen “Ihres unvergesslichen Vaters” erinnert. Einstein hatte während seines Studiums am Eidgenössischen Polytechnikum bei Albert Heim unter anderem über “Urgeschichte des Menschen” gehört. In dieser Veranstaltung berührte Heim auch die sexuelle Evolution der Lebewesen und plädierte für voreheliche Enthaltsamkeit nicht nur der Frauen, wie damals üblich, sondern auch der Männer als naturgewolltes Erfordernis. Ob der naturbegeisterte Heim sich bei der heiklen Aufklärung der studentischen Jugend mit der Analogie der Pflanzenbestäubung durch Bienen behalf, lässt sich heute nicht mehr schwarz auf weiss belegen. Viel eher scheint Einstein die weitschweifigen Ermahnungen seines geschätzten Lehrers auf den Punkt gebracht und sogleich in den Wind geschlagen zu haben. Denn bekanntlich hatte er sich längst seiner Mitstudentin Mileva Maric, ebenfalls Hörerin dieser Vorlesung, folgenreich genähert. Das anfängliche Bienensummen der Notiz wäre somit vielleicht als “Summa”,also Zusammenfassung beziehungsweise Ergebnis, eines verliebten Bruder Leichtfuss zu lesen.

Links:

Einstein Online

Nachlassverzeichnis Albert Heim

Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 1 , Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 2

Nachlassverzeichnis Elisabeth Heim-von Brasch

Literatur:

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Marie Brockmann-Jerosch, Arnold und Helene Heim. Albert Heim – Leben und Forschung, Basel 1952

01.07.2009

Christian Konrad Sprengel: Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen (Berlin, 1793)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 8:15

rar1878_0001.jpg

Titelkupfer

Der deutsche Theologe und Botaniker Christian Konrad Sprengel (1750-1816) begründete mit  ”Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen” einen Zweig der biologischen Wissenschaften, der erst Jahrzehnte später seinen heutigen Namen “Blütenökologie” erhielt. 

Sprengel beschäftigte sich auf Anraten seines Arztes mit Botanik und erforschte von 1787 bis 1792 die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Insekten. Insbesondere ging er der Frage nach, wie der Bau, die Farbgebung, und spezifische Farbzeichnungen von Blumen die verschiedenen Insekten anlocken, um die Bestäubung zu ermöglichen. Der deutsche Botaniker Gerhard Wagenitz fasst die Grundaussage des Buches so zusammen: “Blüten sind zum überwiegenden Teil auf ihre Bestäuber angewiesen, und die Eigentümlichkeiten ihres Baues lassen sich als Anpassungen verstehen, die die Bestäubung sicherstellen. Dabei wird die Selbstbestäubung weitgehend vermieden.”

Der Gedanke der Beförderung der Fremdbefruchtung war wohl das, was Charles Darwin knapp 50 Jahre später an dem Buch von Sprengel beeindruckte. Darwin selbst sah die sexuelle Fortpflanzung als Quelle der Variabilität und publizierte 1862 sein blütenökologisches Hauptwerk On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects, and on the good effects of intercrossing. “Intercrossing” übersetzt als “Befruchtung durch eine andere Art” impliziert hier bereits auch den Begriff der “Koevolution”, die wechselseitige Anpassung von Pflanze und Tier.

Links:

Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bibliothekskatalog NEBIS

Das Titelkupfer in E-Pics Alte Drucke 

Ein deutscher Imker hat das Buch als Faksimile erworben und eingescannt. Er stellt es online als PDF (20 MB) zur Verfügung.

Literatur:

Gerhard Wagenitz: Sprengels „Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ aus dem Jahre 1793 und seine Wirkung. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: 2, Mathematisch-Physikalische Klasse; 1993, 1. Göttingen 1993.  

06.02.2009

Oswald Heer – der Entdecker der fossilen Schweizer Flora

Filed under: Archive und Nachlässe,Botanik — Tags: — Ursula Steinhauser @ 14:48

Oswald Heers Zeichnung verschiedener Typen von Ahornsamen (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 204:188)

Oswald Heer (1809-1883) studierte zuerst Theologie, widmete sich aber anschliessend den Naturwissenschaften und gilt heute als einer der Begründer der Paläontologie und der Archäo- bzw. Paläobotanik. An der ETH, wie auch an der Universität Zürich wirkte er als Professor für Botanik. Zu seinen wichtigsten Werken gehört unter anderen die Flora tertiaria Helvetiae. In ihr beschrieb er 720 bis dahin unbekannte fossile Pflanzen auf schweizerischem Gebiet. Damit war der Grundstein für seinen guten internationalen Ruf als Paläobotaniker gelegt.
Von den fossilen Pflanzen zeichnete Heer sehr viele selbst und wurde erst in der Endphase von einem wissenschaftlichen Zeichner unterstützt. Heer arbeitete sehr genau und selbstkritisch und war immer offen gegenüber begründeter Kritik. Einen grossen Teil der Zeichnungen zur Flora tertiaria Helvetiae finden sich in den Beständen der Archive und Nachlässe der ETH Bibliothek.
In seinem Werk beschrieb Heer unter anderem insgesamt 35 Ahornarten (vgl. Abb. oben). Da ein Bestimmungswerk noch fehlte, versuchte Heer möglichst viele Typen herauszuarbeiten und präsentierte – dem Zeitgeist entsprechend – eine artenreiche Flora.
Aus heutiger Sicht sind natürlich einige seiner Erkenntnisse (z.B. der Artenreichtum beim Ahorn) überholt, dies schmälert seine Leistung aber in keiner Weise (nach wie vor findet seine Arbeit Eingang in die heutige Forschung).

Links:

Die Originalzeichnungen zur Flora tertiaria Helvetia befinden sich in den Archiven und Nachlässen der ETH Bibliothek Zürich.
Die Flora tertiaria Helvetia kann im Bibliothekskatalog NEBIS bestellt und im Lesesaal der Spezialsammlungen eingesehen werden.
Das Nachlassverzeichnis von Oswald Heer kann online eingesehen werden.
Ein Portrait des Monats von Oswald Heer findet sich auf der Homepage der ETH Bibliothek Zürich.

Powered by WordPress