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25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

02.07.2010

Georges-Louis Leclerc de Buffon: Histoire Naturelle (Aux Deux-Ponts, 1786-1791)

Filed under: Alte Drucke,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

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Le Jocko ou Orang-Outang de la petite espèce, Histoire Naturelle Tome 13, Pl. 1

Der französische Naturforscher und Intendant des königlichen Gartens in Paris Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788) publizierte ab 1749 die seinerzeit populärste und umfassendste Enzyklopädie der Naturgeschichte. Er tat dies nicht in erster Linie für die wissenschaftliche Gemeinschaft, sondern für ein breites Publikum. Nicht zuletzt deshalb gilt Buffons Histoire Naturelle als das am weitesten verbreitete Werk des 18. Jahrhunderts.

Für die Beschreibung und Klassifizierung der wilden und exotischen Tierarten hatte Buffon oftmals keine lebenden Tiere zu Hand und war auf die Berichte von Reisenden angewiesen. Dies mag teilweise erklären, weshalb sich manche Darstellungen nicht mit der Vorstellung decken, die wir heute von diesen Tieren haben. Sehr deutlich zeigt sich dies etwa beim obigen “Jocko”, auch “kleiner Orang-Utan” genannt. Das Äffchen sieht sehr menschlich aus, fast so, als hätte sich Buffon nicht getraut, es gänzlich dem Tierreich zuzuordnen.

Buffon differenzierte zwischen dem kleinen Orang Utan (Jocko) und dem grossen Orang Utan (Pongo). Erst der spätere Prozess der Entdeckungen zeigte, dass es insgesamt vier Gattungen von Menschenaffen (Anthropoiden) gibt. Zum einen sind das die zwei in Ostasien heimischen Arten des Gibbon (von Buffon als “Jocko” bezeichnet) und des Orang Utan. Zum anderen gibt es die zwei westafrikanischen Arten Schimpanse und Gorilla. Auch der Mensch gehört bereits seit Linné zur Familie der Menschenaffen.

Links:

Buffons Histoire Naturelle ist online bei Gallica (Ausgabe Paris 1749-1789, leider kein permanenter Link vorhanden).

Einzelne Bilder aus der Histoire Naturelle sind in E-Pics Alte Drucke abrufbar.

Die Histoire Naturelle ist im elektronischen Bibliothekskatalog NEBIS bestellbar und kann im Lesesaal der Spezialsammlungen konsultiert werden.

31.05.2010

110 Jahre Mammut von Niederweningen

  

Ausschnitt der Falttafel “Der Mammutfund von Niederweningen” in: Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde, Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 1892

Im Sommer 1890 beutete die Schweizerische Nordostbahn [...] ein in Niederweningen gelegenes Stück Land als Materialgrube aus. Dieses Stück Land liegt an dem Wege, welcher vom Gasthaus zum Löwen [...] in Niederweningen zum oberen Dorfe, wo die Dorfkirche steht, in sanfter Steigung gegen die Lägern emporsteigt, etwa drei Minuten von dem erwähnten Gasthause entfernt, auf der linken Seite des Weges. Schon Mitte Juli stiessen die Arbeiter bei der Ausbeutung der Materialgrube auf grosse Knochen, und von da an wiederholten sich solche Funde täglich. Sie wurden einstweilen im Gasthof zum Löwen deponirt.

Arnold Lang, Professor für Zoologie am Eidgenössischen Polytechnikum und an der Universität Zürich, von dem die exakte Lagebeschreibung stammt, wurde erst anfangs August telegraphisch über die Knochenfunde informiert und überzeugte sich leicht verspätet vor Ort, dass es sich keineswegs um einen alkoholisierten Scherz der Gasthausgäste handelte. Schon kurz darauf leitete er die nun systematischen Ausgrabungen, die auch im folgenden Jahr andauerten. Als wertvollster Fund wurden Knochen eines jungen Mammuts geborgen nebst zahlreichen Überresten von erwachsenen Tieren. Aus diesen liess Lang in den geologischen Sammlungen des Polytechnikums ein zwar unvollständiges, aber dennoch imposantes Skelett zusammenstellen. Ab 1914 sollte es im Zoologischen Museum des neu erbauten Universitätsgebäudes bis heute das Publikum beeindrucken. 

Zusammen mit seinen Kollegen Albert Heim, Geologieprofessor an beiden Zürcher Hochschulen, der die geologischen Verhältnisse der Grabungsstätte begutachtete, und Carl Schröter, Professor für Botanik am Polytechnikum, der die pflanzlichen Überreste im Torf der Fundschicht bestimmte, präsentierte er die Untersuchungen der sensationellen Endeckung 1892 im Neujahrsblatt der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft.

Für die Druckvorlage der beigebundenen Falttafel zur Veranschaulichung der schriftlichen Ergebnisse zeichnete Lang persönlich die Figuren des rekonstruierten Skelettes, eines Unterkiefers und der Knochen des Jungtieres sowie das mögliche äussere Erscheinungsbild eines Mammuts. Dabei legte er Wert auf die saubere Unterscheidung zwischen originalem Material und zeitgenössischen Ergänzungen: Beim Skelett sind die Knochen naturgetreu und mit plastischen Schattierungen ausgeführt, während die fehlenden ergänzten Teile der Hinterbeine, des Beckens und der Vorderfüsse als hell belassene Umrisse kontrastieren. Grössenangaben komplettieren die wissenschaftliche visuelle Darstellung.

Auf der Originalvorlage, die an der ETH-Bibliothek in den Archiven und Nachlässen aufbewahrt wird, ist als Zeichner der kleinformatigen pflanzlichen Überreste “Schröter” vermerkt. Damit bleibt im Dunkeln, ob Ludwig Schröter, wissenschaftlicher Zeichner und jüngerer Bruder des Botanikprofessors, am Werk war oder ob der ebenfalls talentierte Carl Schröter es sich nicht nehmen liess, bei diesem aufsehenerregenden Fund selber Hand anzulegen.

Links:

Biografien von Albert Heim ,  Arnold Lang  und Carl Schröter 

Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde – Ein Stück Geschichte der Paläontologie  nebst einem Bericht über den schweizerischen Mammutfund in Niederweningen 1890/1891. Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft auf das Jahr 1892. XCIV, Zürich 1892

30.04.2010

Heimchen

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Linguistik, Literatur,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 14:29

Symbolic portrait of the author in his character of the Cricket, Acheta Domestica, selecting a title for his lucubrations (Seite 11)

Die Google-Suche nach “L.M. Budgen” fördert unter anderem folgenden Aufruf eines Schriftstellers vom 7.1.2003 auf http://www.ancestry.ca/ zutage:

Seeking information on Miss L.M. Budgen who published Episodes of Insect Life in three volumes in 1850. She used the pseudonym “Acheta Domestica” which is the latin name of the common European cricket. The book was printed first in England and then in Boston. Neat and smart lady _ I want to write about her in my next book. thanks, Bill

Bill hat bis heute keine Antwort erhalten, und es ist in der Tat schwierig, mehr über das Leben der Autorin mit dem Pseudonym “Acheta Domestica” – oder auf Deutsch übersetzt “Heimchen” – zu erfahren. William Davenport Adams notiert in seinem Dictionary of English Literature (London, 1879-1880), dass Budgen noch weitere Bücher geschrieben hat, darunter March Winds and April Showers (1854), aber das ist dann bald einmal alles, was es über die geheimnisvolle Autorin zu erzählen gibt.

In Episodes of Insect Life treten die Tiere ähnlich wie beim französischen Karikaturisten Grandville in menschlicher Gestalt auf oder tragen zumindest menschliche Attribute. So finden sich etwa die Darstellung von tanzenden Insekten auf der Titelvignette oder ein Porträt der Autorin als Heimchen. Wie die Verfasserin im Vorwort schreibt, ist das Buch kein wissenschaftliches Lehrbuch der Entomologie, sondern will vielmehr den Leser für die Welt der Insekten sensibilisieren und damit die Grundlagen für ein systematisches Studium legen. Das Ganze soll dabei auch amüsant sein, denn bevor man die Insekten studieren kann, muss man sie lieben lernen.

Links:

Episodes of Insect Life ist auf verschiedenen Plattformen online, darunter Google Books und Internet Archive:

http://books.google.ch/books?id=HyUIAQAAIAAJ&printsec=frontcover

http://openlibrary.org/a/OL2436894A/L._M._Budgen

Das Buch kann in NEBIS bestellt und im Lesesaal der Spezialsammlungen konsultiert werden.

09.04.2010

J. J. Grandville: Scènes de la vie privée et publique des animaux, Paris 1868

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:09

 

“Tanzbär”, S. 299

Die Abbildung aus Scènes de la vie privée et publique des animaux zeigt eine für Grandville typische Verkehrung des Menschlichen ins Tierische: einen Tanzbären in der Pose des Menschen, der eine Schildkröte dressiert. Das Absurde an dieser Szene liegt darin, dass hier ein Tier in einer Rolle gezeigt wird, die dem Menschen vorbehalten ist. Die Dressur ist laut dem französischen Naturforscher Georges Buffon eigentlich etwas, was das Tier vom Menschen unterscheidet: nur der Mensch dressiert Tiere, oder anders ausgedrückt, ist der Mensch das einzige Tier, das andere Tiere dressiert. Im Stil der obigen Zeichnung finden sich im Buch viele weitere Verkehrungen des Menschlichen ins Tierische, so beispielsweise ein Arzt mit Spritze als Storch, ein Philosoph als Uhu oder in den Krieg ziehende Crevetten und Krebse.

Als Mitarbeiter der Zeitschriften “Le Charivari” und La Caricature” gehörte Jean Ignace Isidore Gérard Grandville oder J.J. Grandville (1803-1847) einer Aufbruchsgeneration in Frankreich an, die zu Beginn der Julimonarchie die satirische Zeichnung als publizistische Waffe nutzte. Der zeitkritische Aspekt von Grandvilles Lithografien wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass 1835 durch die Septembergesetze die politische Satire in Frankreich verboten wurde. Nach dem Verbot wandte sich Grandville der Buchillustration zu. Er gilt als wichtiger Vorläufer des Surrealismus.

Links:

Scènes de la vie privée et publique des animaux im Bibliothekskatalog NEBIS

Einige Bilder aus dem Buch können in E-Pics Alte Drucke betrachtet werden

Weitere Illustrationen von Grandville auf Wikimedia Commons

Grandville bei BibliOdyssey (mit Links zu digitalisierten Werken von Grandville)

02.04.2010

Neu entdecktes Dokument echt falsch – Albert Einsteins Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archiv, Hs 1305:15_f1

Den Leserinnen und Lesern, die dem gestrigen Einstein Bienenblog auf den Honig gekrochen sind, sei versichert: Das neu entdeckte Dokument von Albert Einstein war ein Aprilscherz. Der Titel “Bienblüte” weist darauf hin, dass es sich um eine Fälschung – eben eine sogenannte “Blüte” – handelt, nämlich um eine Tintenfederfingergymnastikübung der Blogautorin.

Am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich endete das Wintersemester 1899/1900 am 24. März 1900. Das Sommersemester 1900 begann am 17. April. Dazwischen waren Semesterferien. Am 1. April 1900, dem Datum der Notiz, fanden gar keine Lehrveranstaltungen statt.

Tatsache ist, nachzulesen In den Matrikeln von Albert Einstein und Mileva Maric, dass beide schon im Wintersemester 1897/98 bei Professor Albert Heim die Vorlesung “Urgeschichte des Menschen” belegten.

Von Heim selber, der anhand einiger Stichworte frei vorzutragen pflegte, ist kein Skript erhalten. Doch notierte im Wintersemester 1906/07 der Student und spätere Chemieprofessor an der Universität München, Arthur Stoll (1887-1971), während Heims “Urgeschichte” die Bemerkung: “Keine Trunksucht etc. keine Irrenhäuser” (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1425:7). Der in der damaligen Sittlichkeitsbewegung engagierte Heim brachte in seiner Veranstaltung also nachweislich zeitgenössische gesellschaftspolitische Fragen zur Sprache. Ob er dies allerdings immer schon so gehalten hatte, ist ungewiss. In den spärlichen Notaten aus der Vorlesung im Wintersemester 1875/76 von Georg Szavitz (1853-1915), Bauingenieurstudent, fehlen solche Hinweise (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 489:31).

Tatsache ist jedenfalls, dass Heim auf Initiative von Studenten “vor der männlichen studierenden Jugend beider Hochschulen im Schwurgerichtssaale in Zürich” über “Das Geschlechtsleben vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte” am 13. Februar 1900 vortrug. Weil das Lokal nur Platz für 700 Hörer bot, wurde angesichts der weitaus grösseren Nachfrage die Veranstaltung am 23. Februar 1900 wiederholt. In der Druckfassung des Vortrags steht auf Seite 4:

Die Sexualität [...] hat die Natur um uns belebt mit Farbenglanz von Blüten und Tieren, mit dem Gesang der Vögel, und durch die Sexualität reift die goldene Frucht am Baume.

Bienen werden hier keine erwähnt. Explizit kommen sie nur auf Seite 20 vor:

Ameisenstaat, Bienenstaat etc. gehen alle eher darauf aus, die Ausübung des Geschlechtstriebes einzugrenzen [...].

Die Herkunft des genauen Wortlauts von Albert Einsteins ungesicherter Äusserung über Bienen bleibt somit weiter ungeklärt.

Links:

Einstein Online

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Nachlassverzeichnis Arthur Stoll

Nachlassverzeichnis Georg Szavitz

01.04.2010

Albert Einstein: Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1305:15_f1)

Ein gleichermassen belesener wie beredter Schweizer Bundesrat eröffnete in seinem Land vor kurzem das internationale Jahr der Biodiversität mit dem Albert Einstein zugeschriebenen Zitat: “Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.” In der Presse und im Internet wird seit längerem diskutiert, ob und in welchem Zusammenhang der theoretische Physiker sich in dieser Weise zur Ökologie geäussert haben könnte. Die Herkunft der umstrittenen Äusserung lag bisher im Dunkeln.

Nun scheint eine Spur zur Lösung des Rätsels gefunden! In nachgelassenen, an der ETH-Bibliothek archivierten Papieren von Elisabeth Heim-von Brasch (1907-1996) liegt folgende Notiz, geschrieben exakt heute vor 110 Jahren:

A. Heim 1. IV.00

Summ…

keine Bienen mehr, keine Pflanzen,

keine Thiere, keine Menschen mehr

Wer die Zeilen schrieb, war bis heute nicht bekannt. Sie stammen weder von der Hand der Nachlasserin, noch der ihres zweiten Gatten Arnold Heim (1882-1965) oder der ihres Schwiegervaters Albert Heim (1849-1937) , Professor für Geologie an der ETH. Ein Vergleich mit frühen Briefen Einsteins, die er in deutscher Kurrentschrift durchsetzt von einzelnen lateinischen Buchstaben schrieb, lässt dagegen den künftigen Nobelpreisträger als Autor vermuten. Da ähnelt einerseits die Vornamensinitiale bei “A. Heim” dem charakteristischen grossen A von Einsteins eigener Unterschrift. Andererseits zeigt das Fluggeräusch des Honiginsekts dasselbe schwungvolle S wie der Anfang einer Postkarte von Einstein an seinen Freund Conrad Habicht (Hs 1457:19).

Die Notiz vom 1. April 1900 war möglicherweise ursprünglich eine Beilage zu Einsteins Dankesschreiben an Arnold Heim vom 14. Juli 1952 gewesen, in welchem er sich an den “magischen Zauber” der Vorlesungen “Ihres unvergesslichen Vaters” erinnert. Einstein hatte während seines Studiums am Eidgenössischen Polytechnikum bei Albert Heim unter anderem über “Urgeschichte des Menschen” gehört. In dieser Veranstaltung berührte Heim auch die sexuelle Evolution der Lebewesen und plädierte für voreheliche Enthaltsamkeit nicht nur der Frauen, wie damals üblich, sondern auch der Männer als naturgewolltes Erfordernis. Ob der naturbegeisterte Heim sich bei der heiklen Aufklärung der studentischen Jugend mit der Analogie der Pflanzenbestäubung durch Bienen behalf, lässt sich heute nicht mehr schwarz auf weiss belegen. Viel eher scheint Einstein die weitschweifigen Ermahnungen seines geschätzten Lehrers auf den Punkt gebracht und sogleich in den Wind geschlagen zu haben. Denn bekanntlich hatte er sich längst seiner Mitstudentin Mileva Maric, ebenfalls Hörerin dieser Vorlesung, folgenreich genähert. Das anfängliche Bienensummen der Notiz wäre somit vielleicht als “Summa”,also Zusammenfassung beziehungsweise Ergebnis, eines verliebten Bruder Leichtfuss zu lesen.

Links:

Einstein Online

Nachlassverzeichnis Albert Heim

Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 1 , Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 2

Nachlassverzeichnis Elisabeth Heim-von Brasch

Literatur:

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Marie Brockmann-Jerosch, Arnold und Helene Heim. Albert Heim – Leben und Forschung, Basel 1952

11.04.2008

Etienne-Jules Marey: Le Mouvement (Paris, 1894)

Filed under: Alte Drucke,Medizin,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 9:25

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Le Mouvement, Fig. 165 – Mouvements des Pattes d’une Crevette 

Tanzende Crevetten sind in der Arbeit des französischen Physiologen und Erfinders Etienne-Jules Marey (1830-1904) ebenso anzutreffen, wie sich räkelnde Seesterne und sanft dahinschwebende Seepferdchen. Diese Bilder machen die Lektüre von Mareys wissenschaftlichen Publikationen zu einem ästhetischen Erlebnis. 

Marey forschte auf den Gebieten von Kreislaufphysiologie, Bewegung von Körpern und Aeronautik. Um Bewegungsabläufe festzuhalten, bediente er sich der von ihm erfundenen graphischen Methode und später der Fotografie und Kinematografie. Als Erfinder der Chronofotografie entwickelte er neue Gerätschaften wie etwa das “fotografische Gewehr”, welches das Fotografieren von im Raum bewegten Objekten erlaubte.  

In Le Mouvement präsentierte Marey Erkenntnisse, die er seit den 1860er Jahren in seinen Studien über die Bewegungsabläufe bei Mensch und Tier gewonnen hatte. Darin abgebildet findet sich eine Vielzahl von kuriosen Apparaturen, die er entwickelte, um Bewegungen aufzuzeichnen, zu messen und zu analysieren. Marey betrat dadurch nicht nur wissenschaftliches Neuland, sondern schuf eine radikal neue Ikonografie, die bei der künstlerischen Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts ein grosses Echo fand.  

Die in der Sammlung vorhandene Erstausgabe des Drucks ist auf dem vorderen Deckblatt vom Autor signiert. 

Links: 

Einzelbilder aus Le Mouvement sind in E-Pics Alte Drucke vorhanden.

Marey auf Wikipedia

Marey’s Flip Book 

Literatur: 

Die wichtigsten Texte Mareys sind in der ETH-Bibliothek vorhanden und über NEBIS bestellbar. Viele davon sind bereits online zugänglich, zum Beispiel bei Gallica oder über das Max Planck Institute for the History of Science, Berlin.  

15.02.2008

Thomas Pennant: History of Quadrupeds (London, 1781)

Filed under: Alte Drucke,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 11:39

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Hudson’s Bay-, Black- and Grey Squirrel; Vol. II, S. 412

Thomas Pennant (1726-1798) war einer der bedeutensten Britischen Zoologen vor Darwin und Zeitgenosse von Linnaeus und Buffon. In seiner History of Quadrupeds findet sich die Beschreibung eines Eichhörnchen, das einen Fluss überquert:

Ground Squirrel: “… as Pliny justly remarks: lays in a hoard of winter provision, such as nuts, acorns &c.: in summer feeds on buds and young shoots: is particularly fond of those of fir, and the young cones: sits up to eat, and uses its fore-feet as hands: covers itself with its tail: leaps to a surprising distance: when disposed to cross a river, a piece of bark is its boat: its tail the sail …”

Pennant hat die Anekdote von segelnden Eichhörnchen offenbar aus einem literarischen Text von Jean-François Regnard übernommen. Dieser beschreibt in einem Reisebericht über seine Lapplandreise, wie Eichhörnchen in grossen Scharen über Flüsse und Seen übersetzen. Man kann darüber rätseln, was dieser poetische Exkurs in einem zoologischen Werk mit wissenschaftlichem Anspruch zu suchen hat. Eine mögliche Erklärung ist die Entstehungszeit der History of Quadrupeds. In der viktorianischen Zeit musste selbst die wissenschaftliche Literatur einen gewissen Unterhaltungswert aufweisen, um vom breiten Publikum geschätzt zu werden.

Die Erstausgabe von Pennants History of Quadrupeds wird in der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 19. 2. 2008 vorgestellt.

Literatur:

Oeuvres Complètes de J.F. Regnard

Links:

Die entsprechende Textstelle aus der History of Quadrupeds ist in E-Pics Alte Drucke vorhanden.

05.02.2008

Franz Griendel von Ach: Micrographia Nova (Nürnberg, 1687)

Filed under: Alte Drucke,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 14:11

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Fig. IV: Pulex (Floh)

Franz Griendel von Ach war ein deutscher Hersteller optischer Geräte, der sich in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts in Nürnberg aufhielt. Über seine Lebensdaten ist sonst wenig bekannt. In seinem Pionierwek über die Mikroskopie, Micrographia Nova, beschreibt Von Ach den Kampf zwischen einem Floh und einer Laus folgendermassen:

In der römischen Antike wurden ja bekanntlich in den Amphitheatern spektakuläre Kämpfe von Menschen und wilden Tieren veranstaltet. Und nun, als ich einen Floh und eine Laus zum Kämpfen unter mein Mikroskop legte, gewissermassen in das Amphitheater der wissenschaftlichen Neugier, da kam es doch in der Tat zu einem derartigen Kampf zwischen diesen beiden stachligen, gepanzerten Insekten, dass man es kaum mit genügender Bewunderung beschreiben kann: mit welcher Wut sie ihre stachligen Füsse und Krallen ineinander schlugen, sich mit ihrem Maul und Rüssel gegenseitig packten und sich mit ungeheurer Wucht in den Körper des Gegners verbissen, wie sie in einer so gewaltigen Aufwallung des Blutes wie in einem stürmischen Gefecht aufeinander losgingen und übereinander herfielen, als ginge es um Sieg oder Niederlage – genauso, wie wenn anstelle der Laus ein Krokodil und anstelle des Flohs ein gepanzertes Rhinozeros kämpften. Wenn diese winzigen Insekten, die aus dem Schweiss der Menschen zu entstehen pflegen, so gross wären, wie sie unter dem Mikroskop erscheinen, würden sie den Zuschauern mit Sicherheit grösseres Vergnügen bereiten als irgendwelche Kämpfe zwischen Bären und Löwen.

Die seltene lateinische Ausgabe der Micrographia Nova (Nürnberg 1687), wird in der Abendführung der Alten Drucke vom 19. Februar 2008 vorgestellt. In der Führung mit dem Titel Von Rhinozerossen und anderen Tieren figurieren auch Autoren wie Conrad Gessner, Ulysses Aldrovandi, Claude Perrault, Carl von Linné, Georges-Louis Leclerc de Buffon und Thomas Pennant.

Literatur:

Doppelmayr, Johann Gabriel: Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und künstlern. Nürnberg 1730, S. 111-114

Martin, Hubert de: Griendel von Ach. Ein Mikroskopiker der Barockzeit. Wien: Höhere Graphische Bundes- Lehr und Versuchsanstalt 1970

Links:

Hochaufgelöste Bilder aus der Micrographia Nova sind in der Bilddatenbank E-Pics Alte Drucke abrufbar und bestellbar.

Die Micrographia Nova von 1687 online (virtuelle biologische Bibliothek: http://www.biolib.de/)

Informationen und weitere Links zu Franz Griendel von Ach (Astronomie in Nürnberg)

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