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02.04.2010

Neu entdecktes Dokument echt falsch – Albert Einsteins Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archiv, Hs 1305:15_f1

Den Leserinnen und Lesern, die dem gestrigen Einstein Bienenblog auf den Honig gekrochen sind, sei versichert: Das neu entdeckte Dokument von Albert Einstein war ein Aprilscherz. Der Titel “Bienblüte” weist darauf hin, dass es sich um eine Fälschung – eben eine sogenannte “Blüte” – handelt, nämlich um eine Tintenfederfingergymnastikübung der Blogautorin.

Am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich endete das Wintersemester 1899/1900 am 24. März 1900. Das Sommersemester 1900 begann am 17. April. Dazwischen waren Semesterferien. Am 1. April 1900, dem Datum der Notiz, fanden gar keine Lehrveranstaltungen statt.

Tatsache ist, nachzulesen In den Matrikeln von Albert Einstein und Mileva Maric, dass beide schon im Wintersemester 1897/98 bei Professor Albert Heim die Vorlesung “Urgeschichte des Menschen” belegten.

Von Heim selber, der anhand einiger Stichworte frei vorzutragen pflegte, ist kein Skript erhalten. Doch notierte im Wintersemester 1906/07 der Student und spätere Chemieprofessor an der Universität München, Arthur Stoll (1887-1971), während Heims “Urgeschichte” die Bemerkung: “Keine Trunksucht etc. keine Irrenhäuser” (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1425:7). Der in der damaligen Sittlichkeitsbewegung engagierte Heim brachte in seiner Veranstaltung also nachweislich zeitgenössische gesellschaftspolitische Fragen zur Sprache. Ob er dies allerdings immer schon so gehalten hatte, ist ungewiss. In den spärlichen Notaten aus der Vorlesung im Wintersemester 1875/76 von Georg Szavitz (1853-1915), Bauingenieurstudent, fehlen solche Hinweise (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 489:31).

Tatsache ist jedenfalls, dass Heim auf Initiative von Studenten “vor der männlichen studierenden Jugend beider Hochschulen im Schwurgerichtssaale in Zürich” über “Das Geschlechtsleben vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte” am 13. Februar 1900 vortrug. Weil das Lokal nur Platz für 700 Hörer bot, wurde angesichts der weitaus grösseren Nachfrage die Veranstaltung am 23. Februar 1900 wiederholt. In der Druckfassung des Vortrags steht auf Seite 4:

Die Sexualität [...] hat die Natur um uns belebt mit Farbenglanz von Blüten und Tieren, mit dem Gesang der Vögel, und durch die Sexualität reift die goldene Frucht am Baume.

Bienen werden hier keine erwähnt. Explizit kommen sie nur auf Seite 20 vor:

Ameisenstaat, Bienenstaat etc. gehen alle eher darauf aus, die Ausübung des Geschlechtstriebes einzugrenzen [...].

Die Herkunft des genauen Wortlauts von Albert Einsteins ungesicherter Äusserung über Bienen bleibt somit weiter ungeklärt.

Links:

Einstein Online

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Nachlassverzeichnis Arthur Stoll

Nachlassverzeichnis Georg Szavitz

01.04.2010

Albert Einstein: Bienenblüte

Mutmassliche Notiz von Albert Einstein 1. April 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1305:15_f1)

Ein gleichermassen belesener wie beredter Schweizer Bundesrat eröffnete in seinem Land vor kurzem das internationale Jahr der Biodiversität mit dem Albert Einstein zugeschriebenen Zitat: “Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.” In der Presse und im Internet wird seit längerem diskutiert, ob und in welchem Zusammenhang der theoretische Physiker sich in dieser Weise zur Ökologie geäussert haben könnte. Die Herkunft der umstrittenen Äusserung lag bisher im Dunkeln.

Nun scheint eine Spur zur Lösung des Rätsels gefunden! In nachgelassenen, an der ETH-Bibliothek archivierten Papieren von Elisabeth Heim-von Brasch (1907-1996) liegt folgende Notiz, geschrieben exakt heute vor 110 Jahren:

A. Heim 1. IV.00

Summ…

keine Bienen mehr, keine Pflanzen,

keine Thiere, keine Menschen mehr

Wer die Zeilen schrieb, war bis heute nicht bekannt. Sie stammen weder von der Hand der Nachlasserin, noch der ihres zweiten Gatten Arnold Heim (1882-1965) oder der ihres Schwiegervaters Albert Heim (1849-1937) , Professor für Geologie an der ETH. Ein Vergleich mit frühen Briefen Einsteins, die er in deutscher Kurrentschrift durchsetzt von einzelnen lateinischen Buchstaben schrieb, lässt dagegen den künftigen Nobelpreisträger als Autor vermuten. Da ähnelt einerseits die Vornamensinitiale bei “A. Heim” dem charakteristischen grossen A von Einsteins eigener Unterschrift. Andererseits zeigt das Fluggeräusch des Honiginsekts dasselbe schwungvolle S wie der Anfang einer Postkarte von Einstein an seinen Freund Conrad Habicht (Hs 1457:19).

Die Notiz vom 1. April 1900 war möglicherweise ursprünglich eine Beilage zu Einsteins Dankesschreiben an Arnold Heim vom 14. Juli 1952 gewesen, in welchem er sich an den “magischen Zauber” der Vorlesungen “Ihres unvergesslichen Vaters” erinnert. Einstein hatte während seines Studiums am Eidgenössischen Polytechnikum bei Albert Heim unter anderem über “Urgeschichte des Menschen” gehört. In dieser Veranstaltung berührte Heim auch die sexuelle Evolution der Lebewesen und plädierte für voreheliche Enthaltsamkeit nicht nur der Frauen, wie damals üblich, sondern auch der Männer als naturgewolltes Erfordernis. Ob der naturbegeisterte Heim sich bei der heiklen Aufklärung der studentischen Jugend mit der Analogie der Pflanzenbestäubung durch Bienen behalf, lässt sich heute nicht mehr schwarz auf weiss belegen. Viel eher scheint Einstein die weitschweifigen Ermahnungen seines geschätzten Lehrers auf den Punkt gebracht und sogleich in den Wind geschlagen zu haben. Denn bekanntlich hatte er sich längst seiner Mitstudentin Mileva Maric, ebenfalls Hörerin dieser Vorlesung, folgenreich genähert. Das anfängliche Bienensummen der Notiz wäre somit vielleicht als “Summa”,also Zusammenfassung beziehungsweise Ergebnis, eines verliebten Bruder Leichtfuss zu lesen.

Links:

Einstein Online

Nachlassverzeichnis Albert Heim

Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 1 , Nachlassverzeichnis Arnold Heim Nr. 2

Nachlassverzeichnis Elisabeth Heim-von Brasch

Literatur:

Albert Heim. Das Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkte der natürlichen Entwicklungsgeschichte, Zürich 1900

Marie Brockmann-Jerosch, Arnold und Helene Heim. Albert Heim – Leben und Forschung, Basel 1952

18.12.2009

Albert Heim: An die Zeit (1880-1882)

Filed under: Archive und Nachlässe,Geologie,Naturwissenschaften — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 7:00

Albert Heim, An die Zeit, undatiert (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 401:730)

Ein früh erwachtes Interesse an der Bergwelt hatte Albert Heim (1849 – 1937), Professor für technische und allgemeine Geologie am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, in die Naturforschung geführt. Dabei kam ihm seine künstlerische Mehrfachbegabung zugute, das ausgeprägte zeichnerische Talent der graphischen Darstellung seiner Erkenntnisse, das bildnerische Können und handwerkliche Geschick der plastischen Veranschaulichung in Landschaftsreliefs. Über nüchterne Wissenschaftsprosa hinaus gestaltete er als Lyriker sein persönliches Empfinden in Gedichten.

In den nachgelassenen Schriften haben sich auf verschiedenen Notizzetteln, Visiten- und Grusskarten vier Fassungen des Textes An die Zeit aus den Jahren 1880 bis 1882 erhalten. Darin fügt Heim den modernen Wissensstand über Kosmos und Erdgeschichte bis hin zur Evolution des Lebens mit der ihm eigenen Naturverbundenheit zum Welbild eines Freidenkers. Die Abbildung zeigt die undatierte Version des Gedichtes:

An die Zeit

 

Was ist und ward und werden wird,

Dein Werk ist’s, Zeit! -

Krystalle klein in dunklem Fels,

Wie Welten weit.

 

Du schaffst Gesterne, thürmest Berge,

So hoch und heer,

Der Strom er furcht dir seine Thäler,

Es nagt das Meer.

 

Auf einer ersten Zell als Keime

Hast du gebaut,

Bis zum Gedanken, der dich heute

Begeistert schaut.

 

In deinen Händen ist geworden

Die weite Welt,

Und Stern um Stern in deine Hände

Erloschen fällt.

 

Du Zeit bist ewig strömend Leben,

Und bist die Ruh,

Und zwischen gleichen Ewigkeiten

Da wandelst du!

Links:

Biographisches Porträt von Albert Heim

Nachlassverzeichnis Albert Heim

01.07.2009

Christian Konrad Sprengel: Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen (Berlin, 1793)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 8:15

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Titelkupfer

Der deutsche Theologe und Botaniker Christian Konrad Sprengel (1750-1816) begründete mit  ”Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen” einen Zweig der biologischen Wissenschaften, der erst Jahrzehnte später seinen heutigen Namen “Blütenökologie” erhielt. 

Sprengel beschäftigte sich auf Anraten seines Arztes mit Botanik und erforschte von 1787 bis 1792 die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Insekten. Insbesondere ging er der Frage nach, wie der Bau, die Farbgebung, und spezifische Farbzeichnungen von Blumen die verschiedenen Insekten anlocken, um die Bestäubung zu ermöglichen. Der deutsche Botaniker Gerhard Wagenitz fasst die Grundaussage des Buches so zusammen: “Blüten sind zum überwiegenden Teil auf ihre Bestäuber angewiesen, und die Eigentümlichkeiten ihres Baues lassen sich als Anpassungen verstehen, die die Bestäubung sicherstellen. Dabei wird die Selbstbestäubung weitgehend vermieden.”

Der Gedanke der Beförderung der Fremdbefruchtung war wohl das, was Charles Darwin knapp 50 Jahre später an dem Buch von Sprengel beeindruckte. Darwin selbst sah die sexuelle Fortpflanzung als Quelle der Variabilität und publizierte 1862 sein blütenökologisches Hauptwerk On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects, and on the good effects of intercrossing. “Intercrossing” übersetzt als “Befruchtung durch eine andere Art” impliziert hier bereits auch den Begriff der “Koevolution”, die wechselseitige Anpassung von Pflanze und Tier.

Links:

Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bibliothekskatalog NEBIS

Das Titelkupfer in E-Pics Alte Drucke 

Ein deutscher Imker hat das Buch als Faksimile erworben und eingescannt. Er stellt es online als PDF (20 MB) zur Verfügung.

Literatur:

Gerhard Wagenitz: Sprengels „Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ aus dem Jahre 1793 und seine Wirkung. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: 2, Mathematisch-Physikalische Klasse; 1993, 1. Göttingen 1993.  

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