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03.02.2012

„haleluia!“ – Albert Einsteins Jubelschrei vom 2. Februar 1912

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Physik — Tags: — Christian John Huber @ 19:01

 

Briefkarte Albert Einstein an Alfred Stern vom 2.Februar 1912 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1510: 1)

  

Prag 2.II 12

Verehrter Herr Professor und verehrte Frau Professor Stern!

 

Vor zwei Tagen wurde ich (haleluia!) an das Polytechnikum in Zürich berufen und habe hier schon meinen k.k. Abschied angemeldet. Darob bei uns Alten und beiden Bärchen grosse Freude, sodass ich nicht umhin kann, es Ihnen mitzuteilen. Im Sommer wird schon gezügelt.

 

Beste Grüsse an Sie und Ihre Kinder

Auf frohes Wiedersehen

 

Ihr A. Einstein & Frau

 

Sicherlich war der Jubelschrei Ausdruck der Freude Albert Einsteins über die Rückkehr an die Alma Mater. Am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) hatte er 1896 bis 1900 Mathematik und Physik studiert und mit dem Fachlehrerdiplom abgeschlossen. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass seine Berufung zum Ordinarius für theoretische Physik auch Genugtuung bei ihm ausgelöst hat, und der Freudenschrei durchaus eine ironische Note besitzt. Denn Einstein hatte während des Studiums häufig durch Abwesenheit geglänzt, was seinen Lehrern auffiel und sich auch in seinen Abschlussnoten niederschlug. So schrieb er in einem früheren Brief an seinen väterlichen Freund Alfred Stern: „[…] soviel man mir sagte, bin ich bei keinem einzigen meiner früheren Lehrer gut angeschrieben“ (Albert Einstein an Alfred Stern am 3. Mai 1901). Er bekundete nach dem Studium denn auch Mühe eine Stelle zu finden.

 Mit dem Jahr 1905 nahm seine Biographie eine neue Wende. Während seiner Zeit als Patentbeamter in Bern publizierte er vier bahnbrechende Arbeiten, wurde hernach Extraordinarius an der Universität Zürich und dann Ordinarius in Prag, wo er nun seinen „k.k.“ also kaiserlich-königlichen Abschied nahm um mit seinen „beiden Bärchen“, den Söhnen Hans Albert und Eduard sowie seiner Gattin Mileva nach Zürich zurück zu kehren.

 Nicht zuletzt freute sich Albert Einstein jedoch auf das Wiedersehen mit seinem Freund Alfred Stern. Stern, wie Einstein ein deutscher Jude bürgerlicher Herkunft, wurde 1887 zum Ordinarius für Geschichte an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1928 verblieb. Die Freundschaft der beiden hatte bereits während Albert Einsteins Studium begonnen. Einstein verkehrte damals regelmässig im Hause Stern und teilte mit dem Historiker die Leidenschaft für Musik. Über das gemeinsame Musizieren hinaus schwärmte Einstein in seinen Briefen verschiedentlich von der Güte und Heiterkeit, welche in der Familie geherrscht habe. Die herzliche Beziehung Einsteins zur gesamten Familie Stern hielt ein Leben lang.

 

Link

Einstein Online

 

Literatur

Norbert Schmitz. Alfred Stern (1846-1936): Ein europäischer Historiker gegen den Strom der nationalen Geschichtsschreibung. Hannover 2009.

13.01.2012

Die Tücken des Fahrradfahrens

Filed under: Archive und Nachlässe,Bildarchiv — Tags: , , — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

„Wärst‘ net aufi gstiegn – Warst net obi gfolln.“

Professor Johannes Barbieri fällt vom Velo. (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_11378-S1 und Portr_11378-S2)

 

„Wärst‘ net aufi gstiegn – Warst net obi gfolln.“ Johannes Barbieri, Professor für Photographie am Eidgenössischen Polytechnikum von 1879 bis 1895, demonstriert in Wort und Bild das Prinzip von Ursache und Wirkung. Die Beschriftung ist in der Mundart von Barbieris österreichischer Heimat verfasst. Die zwei Fotografien sind auf die beiden Seiten desselben Kartons montiert, das Missgeschick bildet somit die sprichwörtliche Kehrseite der Medaille.

Die Aufnahmen sind nicht datiert, doch dürften sie frühestens irgendwann nach 1880 entstanden sein. Barbieri präsentiert sich nämlich mit einem erst ab dann sich verbreitenden Radtyp, der im Unterschied zum bisher beliebten, jedoch akrobatisches Geschick erfordernden Hochrad unter dem Namen Sicherheitsniederrad lief. Barbieris fotografischer Scherz kann durchaus als Kommentar zu dieser Bezeichnung betrachtet werden.

Die Idee zur kurzen Bildgeschichte mochte ihm beim Beobachten entsprechender Ereignisse in freier Natur* eingefallen sein oder dann in seinem Atelier, falls die ersten Versuche, standhaft an Ort zu balancieren, fehlgeschlagen waren.

Jedenfalls war die gängige fotografische Technik, von der experimentellen Serienfotografie und dem noch  jungen bewegten Film abgesehen, im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht geeignet, unruhige Objekte in gewünschter Bildschärfe festzuhalten. So inszenierte Barbieri sich und das neumodische Sportgerät im Atelier inmitten einer Bühnenkulisse. Vom hohen Stahlross blickt er mit aufgerissenen Augen starr in die leicht nach unten versetzte Kamera herab, um den Lidschlag während der langen Belichtungszeit zu vermeiden. Bei der unsanften Landung auf dem Kulissenwaldboden – oder sollte es dramatischerweise gar in den Fluten eines Bachbettes sein, wie das brückenähnliche Mäuerchen rechts im Bild andeutet? – verhinderte wohl der Pulsschlag oder beginnender Muskelschmerz eine längere reglose Haltung des linken Arms. Immerhin wird hier im unscharfen Detail der jähe Sturz oder der schnelle Griff nach der davonschwimmenden Mütze umso glaubhafter.

Die Bilder gelangten 1981 mit Materialien, die zu einem Teil Hinterlassenschaften von Barbieri enthalten, aus dem ehemaligen Photographischen Institut der ETH an die ETH-Bibliothek.

Anmerkungen

*Ein Beobachtungsbeispiel in freier Natur, das in die Literatur einging, vom französischen Schriftsteller und Regisseur  Marcel Pagnol (1895-1974) aus dessen sechstem Lebensjahr:

„Dort gab es eine uralte schattige Platanenallee, wildwuchernde Sträucher, Wiesen, die einluden darauf herumzutollen […] Dort fanden sich zu jener Zeit auch Leute ein, die radfahren lernten. Mit starrem Blick und angespanntem Kinn verloren sie zum Schrecken ihrer Lehrer manchmal die Herrschaft über ihr Rad, überquerten die Allee, verschwanden in den Büschen und erschienen wieder, ihr Vehikel um den Hals. Dieses Schauspiel war nicht uninteressant, und ich lachte Tränen darüber.“

In: Eine Kindheit in der Provence, München 1969, S. 25.

 Technisches und Historisches zu Fahrrad sowie Fotografie und Film siehe Wikipedia Artikel „Fahrrad“, „Fahrradtypen“, „Hochrad“, „Sicherheitsniederrad“, „Fotografie“, „Film“ etc.

Links

Kurzbiografie von Barbieri

Findmittel zu Unterlagen in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek: Photographisches Institut der ETH/Teilnachlass Johannes Barbieri 

09.12.2011

Leuchtendes Beispiel – 111 Jahre elektrisches Licht in der ETH-Bibliothek

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Ingenieurwissenschaften — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

Werbekarte für die Nernst-Expresslampe aus Professor Walter Wysslings Sammlung von Werbeprospekten und Preislisten zur Elektrotechnik (ETH-Bibliothek, Archive, 48291 (Hs):59, Fasc. 22/I e.) 

Der zündende Funke war eine massive Kostenüberschreitung gewesen. Seit 1898 wurde die unter Raumnot leidende Bibliothek des Polytechnikums umgebaut und in der Südwestecke des Hauptgebäudes, am heutigen Standort der Graphischen Sammlung, erweitert. Alte Baumängel in den Räumen strapazierten dabei das Budget derart, dass Schulratspräsident Hermann Bleuler am 17. November 1899 das Eidgenössische Departement des Innern um einen happigen Nachtragskredit anging. Bei der Gelegenheit beantragte er gleich noch einen Extrazuschlag zur Einrichtung einer bisher nicht vorgesehenen elektrischen Beleuchtung.

Die eidgenössischen Räte, die über das Begehren zu befinden hatten, verschoben jedoch vorsichtshalber die Entscheidung auf den Abschluss der Bautätigkeit, wenn die gesamte Kostenüberschreitung bekannt sein würde. Bleuler schrieb daraufhin am 9. Dezember 1899 nochmals nach Bern, ob nicht doch im Hinblick auf den später zu gewährenden Nachtragskredit die elektrische Beleuchtung noch während der laufenden Bauarbeiten installiert werden dürfe:

„Eine neue Einrichtung für Beleuchtung in den Räumen der Bibliothek muss unter allen Umständen ausgeführt werden und wird für Gas nicht weniger kosten als für Elektrizität. […] Wollte man nun […] zu warten, […] würde später die Ausführung einer endgültigen Einrichtung mehr Mühe, Kosten und Ungelegenheiten aller Art verursachen, als wenn jetzt gleich noch mit der Vollendung der neuen Einrichtung der Bibliotheksräume dieselbe vorgenommen werden kann.“

Diese Argumentation leuchtete den vorgesetzten Behörden ein. So kam es, dass die erweiterte Bibliothek bei der Eröffnung am 26. April 1900 mehr als eineinhalb Jahre früher als das gesamte Hauptgebäude in elektrischem Licht erstrahlte mit Strom aus dem soeben in der Nachbarschaft fertiggestellten Maschinenlabor. Die Zürcher Bibliotheksfachleute waren von der „Musterbibliothek“ nicht zuletzt auch wegen der neuartigen Erhellung der Räume begeistert. Hermann Escher, späterer Direktor der Zentralbibliothek, beschloss seine Lobeshymne über den geglückten Erweiterungsbau mit den Worten:

„Die jüngste der drei hiesigen Bibliotheken ist den anderen mit leuchtendem Beispiel vorangegangen.”

Am Polytechnikum war die Freude dagegen etwas gedämpft. Bibliotheksdirektor Ferdinand Rudio beklagte in seinem Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 „unvorhergesehene Ausgaben, zum Teil auch solche, die eigentlich auf das Baubudget hätten gesetzt werden sollen“. Das Loch in der Kasse war vielleicht ein Grund, dass kein Fotograf zur Ablichtung der neuen Räumlichkeiten engagiert wurde. Jedenfalls finden sich in den Beständen der heutigen ETH-Bibliothek keine Bilder von damals.

Ähnliches wiederholte sich nach der Elektrifizierung des gesamten Hauptgebäudes. Die Schulleitung war erleichtert, als Planung und Ausführung nach der Gewährung eines ausserordentlichen Kredits durch die eidgenössischen Räte endlich abgeschlossen waren. Im Jahresbericht 1901 hielt sie fest:

„Die neue Beleuchtung ist nun seit Mitte Dezember im Gange und hat sich bis jetzt gut bewährt und sich gegenüber der bisherigen in den schlecht ventilierten Räumen die Luft verderbenden, blendenden Gasbeleuchtung auch in hygienischer Beziehung als wohltätig erwiesen.“

Auch diesmal blieb anscheinend nichts übrig, um das neu ausgeleuchtete Hauptgebäude zu fotografieren. Dabei wäre in Gestalt von Johannes Barbieri, Titularprofessor für Photographie, sogar ein hauseigener Fachmann zur Verfügung gestanden.  In den Akten fehlen zudem nähere Details zu den gewählten Beleuchtungstypen.

Als Ersatz für zeitgenössische Bilder dient daher die Werbekarte eines Beleuchtungsmittels aus der umfangreichen Dokumentation von Walter Wyssling, Professor für angewandte Elektrotechnik, der damals die Elektrifizierung der Bibliothek und des gesamten Hauptgebäudes geplant hatte. Nernstlampen wurden ab 1897 produziert, waren langlebiger und somit kostengünstiger als Glühlampen mit Kohlefaden, erbrachten aber erst nach Erwärmung des Glühkörpers die volle Leistung. Die abgebildete Expresslampe wurde um das Jahr 1904 entwickelt. Sie kombinierte die Nernstlampe mit der herkömmlichen Kohlefadenlampe zur Erwärmung des Glühkörpers und sorgte damit gleich beim Einschalten noch während der Aufwärmphase für Helligkeit.

Anmerkungen

Kopien der Schreiben von Schulratspräsident Bleuler an das eidgenössische Departement des Innern 17. November und 9. Dezember 1899 in den Missiven (ETH-Bibliothek, Archive, SR1: 1899, Nr. 481 und Nr. 516)  

Theodor Vetter, Eine Musterbibliothek, in: Züricher Post, No. 105, Sonntag 6. Mai 1900, Frontseite

Hermann Escher, Die neuen Bibliotheksräume im Polytechnikum, Beilage zu Neue Zürcher Zeitung, Nr. 128, Mittwoch 9. Mai 1900

Ferdinand Rudio, Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1901 No. 38)

Entwurf “Bericht des Eidgenössischen Polytechnikums über das Jahr 1901″, S. 21/22 in: ETH-Bibliothek Archive, SR2 Schulratsprotokolle 1902, Sitzung Nr. 2 vom 27.02.1902, Traktandum 42, S. 33/34

Literatur

BLÄTTERN & BROWSEN – 150 Jahre ETH-Bibliothek, Hrsg. ETH-Bibliothek Zürich, 2005 

11.11.2011

Der Schuss aus dem Chemiegebäude – Mysteriöser Kriminalfall am Eidgenössischen Polytechnikum

 

 

Brief von Rudolf Wolf an Hermann Bleuler, Sternwarte Zürich, 12. Oktober 1891

(ETH-Bibliothek, Archive, SR3 1891, Nr. 470)

Als Professor Rudolf Wolf am zweiten Oktoberwochenende 1891 an die Sempersche Sternwarte heimkehrte, wo er ab 1864 zunächst mit Mutter und Schwester in der direktorialen Dienstwohnung im gesamten ersten Obergeschoss des Hauptbaus residiert hatte und seit dem Tod der Schwester vor zehn Jahren alleine hauste, erwartete ihn im Wohnzimmer eine üble Überraschung. Nachdem er sich wieder gefasst, die Situation analysiert, das weitere Vorgehen überdacht hatte, griff er zur Feder und schrieb an Hermann Bleuler, Präsident des Schweizerischen Schulrates:

Hochgeehrter Herr Präsident. 

So eben nach Zürich zurückgekehrt, erfahre ich dass letzten Freitag auf Samstag in ein Fenster meines Wohnzimmers geschossen wurde. Das Vorfenster zeigt ein kleines, das innere Fenster ein grosses Loch, und die durch die beiden Löcher bestimmte Schussrichtung weist unzweifelhaft auf das oberste Stockwerk des Chemie-Gebäudes als Absende-Ort.

Glücklicher Weise befand sich Niemand in dem Zimmer, sonst hätte leicht eine Verwundung eintreten können, da die Glassplitter durch das ganze Zimmer zerstreut wurden.

Da ich mir denken muss, es wäre Ihnen unangenehm eine gewissermassen im Innern des Polytechnikums, durch Angestellte desselben oder deren Familien-Angehörige, verübte, strafbare Handlung an die Öffentlichkeit gebracht zu sehen, so glaube ich von einer Anzeige an die Polizei Umgang nehmen zu sollen, und ersuche Sie diesen Vorfall in Ihnen geeignet scheinender Weise untersuchen zu lassen, – den Thäter aber jedenfalls gehörig ins Gebet zu nehmen.

Die Fenster werde ich vorerst nicht reparieren lassen, damit Sie die wünschbare Controle vornehmen lassen können, das kleine Geschoss kann ebenfalls vorgewiesen werden.

 Ihr Hochachtungsvollst Ergebenster

 Sternwarte Zürich 1891 X 12.                 Prof. R. Wolf

Für Professor Wolf, Astronom, Mathematiker und Geodät, der die angehenden Ingenieure in Vermessungskunde unterrichtete, und in seiner anderen Funktion als Oberbibliothekar den Bücherschatz der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft Zürichs inklusive Werke zur Ballistik und Artillerie anno 1880 ans Polytechnikum geholt hatte, war es ein leichtes, Einschusswinkel und Herkunftsort des Geschosses zu bestimmen.

  

Abbildung 1: Zürich, Stadtansicht mit Hochschulviertel. Links die Sternwarte mit Kuppelturm, rechts das Chemiegebäude mit hohem Kamin, um 1890 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00331-F)

Im obersten Stockwerk des Chemiegebäudes, in Sicht- und offenbar auch Schussweite der Sternwarte und umgekehrt (Abbildung 1), war in der Mitte die technologisch-chemische Sammlung untergebracht, „ein stets zur öffentlichen Benutzung, insbesondere natürlich zum Studium der Schüler dienendes […] Museum“ ohne permanente „Bedienung und Überwachung“.  An beiden Schmalseiten befanden sich Wohnungen für die Hauswarte und deren Familien.

   

Abbildung 2: ETH Zürich, Chemiegebäude, rechts im Hintergrund die Sternwarte, um 1889 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00382) 

Wolfs Wohnzimmer im ersten Obergeschoss der Sternwarte lag exakt südlich dem Kuppelturm gegenüber mit je einem Fenster auf drei Seiten, eines davon sichtbar vom Chemiegebäude her. Über dem Wohnzimmer lag ein Rechnungssaal für die Auswertung astronomischer Messungen zusammen mit dem Büro der Schweizerischen Meteorologischen Centralanstalt. Bei genauer Betrachtung von Abbildung 2 mit dem Chemiegebäude in der Mitte und der Sternwarte rechts daneben im Hintergrund ist ersichtlich (Vergrösserungsmöglichkeit  hier), dass vor den Fenstern der Sternwarte teilweise die Storen geschlossen sind zum Schutz vor der Nachmittagssonne.

Möglicherweise hatten Wolf oder seine Mitarbeiter im Stockwerk darüber vor dem Verlassen der Sternwarte an besagtem Wochenende keinen Anlass zum Herunterkurbeln der Sonnenstoren gehabt. Wenn irgendwann danach die Sonne in die Fenster schien, wurden vielleicht Personen im Chemiegebäude geblendet. Es ist daher denkbar, dass dann der „Thäter“ dem Spuk mit einem Schuss in die Richtung des grellen Scheins ein Ende bereiten wollte. Es sei denn, er (oder sie?) habe wirklich aus welchem Anlass auch immer in die dunkle Nacht hinausgeschossen, wie Wolfs zeitliche Annahme von „Freitag auf Samstag“ nahelegt.

Leider wurde die Angelegenheit tatsächlich diskret behandelt. Weder in den Verwaltungsakten der ETH, noch in überlieferten privaten Unterlagen der Beteiligten konnten bisher weitere Hinweise auf den Fall aufgespürt werden.

Anmerkungen

Zitate zum Chemiegebäude auf Seiten 31/32 in: Die chemischen Laboratorien des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, Hgg. F. Bluntschli, G. Lasius, G. Lunge, Zürich 1889

Zur Sternwarte Seite 360 in: Gottfried Semper 1803-1879. Architektur und Wissenschaft, Hgg. Winfried Nerdinger, Werner Oechslin, Zürich 2003

21.10.2011

Wenn die Chemie stimmt – Zur Abendführung an der ETH-Bibliothek am 1.11.11

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

Reibereien, Streitigkeiten, Kriegsstimmung. Typoskriptfragment von Albert Frey-Wyssling, Lehre und Forschung. Autobiographische Erinnerungen, 1984 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 443a: 38, Nachträge)

 

Ätzende Konflikte, heftige Reaktionen mit nachhaltigen Folgen: die Chemie an der ETH stimmte nicht immer. Knapp und klar berichtet Albert Frey-Wyssling, Professor für Botanik, in seinen Erinnerungen ab Seite 100 über die Abteilung für Chemie zwischen den ausgehenden 1920er und den späten 1950er Jahren:

„Ruzicka baute ein sehr erfolgreiches Forscherteam mit zahlreichen Professoren auf, für welche er Räumlichkeiten beschaffte und Lehrplanumgestaltungen durchsetzte. Diese Aktivität führte zu Reibereien bis hin zu Streitigkeiten in der Abteilung für Chemie. Die anorganische Chemie wurde nicht entsprechend gefördert, und mit der technischen Chemie kam es zeitweilig zu kriegerischer Spannung. Die Auseinandersetzungen führten zur Aufspaltung in zwei getrennte Studienpläne: einerseits wie bisher für Chemieingenieure mit technischer Chemie und andererseits für Absolventen in ‚reiner Chemie‘. Das Ergebnis dieser Massnahmen war ein Zerwürfnis mit zahlreichen Kollegen, zum Beispiel mit Paul Niggli und namentlich mit dem Farbstoffchemiker Hans Eduard Fierz (1882-1953). Nicht alle Mitglieder des Lehrkörpers der ETH billigten Ruzicka zu, dass ein grosses Licht auch starke Schatten werfen würde [im abgebildetenTyposkriptfragment: dürfe].

Hoch im Kurs stand unser Kollege dagegen bei der chemischen Industrie der pharmazeutischen Richtung, die auf komplizierte Neusynthesen, wie sie die Schule Ruzicka pflegt, angewiesen ist. Sie stiftete beim Rücktritt des draufgängerischen Kämpfers den geschätzten Ruzicka-Preis für erfolgreiche junge Chemiker.“

In der ursprünglichen maschinenschriftlichen Fassung wird der Draufgänger gar als rücksichtsloser Kämpfer bezeichnet.

Veranstaltungshinweis:

Zur bewegten Entwicklung von der chemischen Ausbildung am Eidgenössischen Polytechnikum im 19. Jahrhundert bis hin zur modernen Forschung mit enger Bindung zur Privatindustrie im 20. Jahrhundert zeigen die Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek während der öffentlichen Abendführung “Wenn die Chemie stimmt – Chemie an der ETH” am 1. November 2011 aus ihren Beständen historische Unterlagen der ETH und solche von prägenden Persönlichkeiten, wie den Nobelpreisträgern Leopold Ruzicka und Vladimir Prelog sowie anderen.

Treffpunkt: ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

 

16.09.2011

„Gekochte noch heisse Milch“ für die Studierenden der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte,Medizin — Tags: — Christian John Huber @ 18:18

Marie Heim-Vögtlin an den Schweizerischen Schulrat, 21.11.1904 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1904/No.1312)

Jeder Studierende kennt das signalrote SV des Betreibers der meisten Mensen und Cafeterien an der ETH Zürich. Nur wenige wissen jedoch, dass der SV-Service im Herbst 1914 als „Gemeinnütziger Verein für alkoholfreie Verpflegung der Truppen“ gegründet wurde, um die zu Beginn des 1. Weltkriegs mobilisierten Schweizer Soldaten mit gesunder Nahrung zu versorgen. Der bereits im selben Jahr in „Schweizer Verband Soldatenwohl“ umbenannte Verein eröffnete eine Reihe Soldatenstuben, welche von sogenannten Soldatenmüttern unentgeltlich betrieben wurden. Nach dem Krieg übertrug der Schweizer Verband Volksdienst (SVV), wie sich der Verein nun nannte, sein Konzept auf Kantinen und später auch auf Mensen. Die erste Mensa an der ETH Zürich wurde 1930 eröffnet.

Gegründet wurde die Keimzelle des SV-Service 1914 von Vertretern der Zürcher Abstinenzbewegung (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 276). Dieser Kreis, welcher vornehmlich aus Frauen bürgerlicher Herkunft bestand, hatte sich bereits lange vor der Gründung der ersten Mensa an der ETH Zürich Sorgen um das leibliche Wohl der Studierenden gemacht. 1904 lancierte Marie Heim-Vögtlin, erste praktizierende Ärztin der Schweiz und Gattin des ETH-Professors Albert Heim, im Namen des Vorstandes des Vereins abstinenter Frauen von Zürich, einen Vorstoss zur Gesunderhaltung der Studentenschaft.

“Der unterzeichnete Vorstand der Zürcher Ortsgruppe abstinenter Frauen erlaubt sich, dem hohen Schulrath das Gesuch um die Erlaubniss einzureichen, die Studierenden beider Hochschulen je Vormittags 10 Uhr, Nachmittags 4 Uhr in den Räumen des Polytechnikums warme Milch ausschenken zu dürfen. Die Erfahrungen die an deutschen Universitäten & neuestens an der Züricher Kantonsschule mit dieser Einrichtung gemacht werden, sind derart erfreulich, dass es uns zeitgemäss erscheint, sie auch an unserer Hochschule ins Leben zu rufen.“

Um die absehbare Gegenwehr aus männlich dominierten Kreisen gegen das Gesuch des Vereins abstinenter Frauen schon im Keim zu ersticken, präsentierte Marie Heim dem Schulrat eine bis ins Detail ausgearbeitete Lösung:

„Herr & Frau Hauswart Weerli haben sich bereitwilligst angeboten im Falle Ihrer gütigen Erlaubniss den Milchausschank selbst an die Hand zu nehmen, im Winter in ihren eigenen Wohnräumen, im Sommer in der westlichen Vorhalle des Gebäudes. In diesem Anerbieten  erblicken wir die Garantie dafür, dass jede  eventuelle Ruhestörung & Unordnung vermieden würde. Die Centralmolkerei würde die gekochte noch heisse Milch in verschlossenem Behälter an Frau Weerli abliefern, welche die gefüllten Gläser zu den bestimmten Stunden bereithalten müsste.“

Wie Jakob Tanner in seiner Habilitationsschrift aufzeigt, führte in der Schweiz die “nationalistische Aufladung der Ernährungsfrage zu einer besonders stark verwurzelten Affinität zu Molkereiprodukten“. Das Bild des kerngesunden Alpenbewohners, der sich vornehmlich von Milchprodukten ernährte und dessen kraftstrotzende körperliche Überlegenheit im Erfolg des eidgenössischen Söldners sein pointiertestes Sinnbild fand, hatte sich bereits im Ancien Regime herausgebildet und wurde ab dem 19. Jahrhundert von Medizinern zementiert (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 107).

Trotz der minutiösen Vorbereitung und den Hinweisen auf die Erfolge an deutschen Universitäten wies der Schweizerische Schulrat den Antrag ab mit den Argumenten des Direktors des Eidgenössischen Polytechnikums, Robert Gnehm:

  1. Dass von einem Bedürfniss nach einer derartigen Neuerung bei uns bis jetzt nichts bekannt geworden ist;
  2. Dass ein solches auch schwerlich wird nachgewiesen werden können;
  3. Dass der Betrieb einer Getränke-Wirtschaft im besonderen bei unseren beschränkten Raumverhältnissen Gefahr für den ungestörten Unterrichtsbetrieb in sich birgt;
  4. dass durch die Bewilligung zum Milchausschank ein Präjudiz geschaffen würde, welches zu bedenklichen Konsequenzen führen könnte;

 

 

Literaturhinweise:

Verena E. Müller. Marie Heim Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007.

Jakob Tanner. Fabrikmahlzeit: Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890-1950. Zürich 1999.

19.08.2011

Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

 

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 

Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

 

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

 

 

22.07.2011

Von New York ans Zürcher Polytechnikum? 1911 planen die Farbstofflieferanten Klipstein für ihre Söhne das Auslandsemester in Europa

Filed under: Archive und Nachlässe,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 7:32

Brief von Georg Wagner an Robert Gnehm 3.7.1911

Sandoz-Direktionsmitglied Georg Wagner erkundigt sich 1911 beim Schulratspräsidenten Robert Gnehm nach den Studienbedingungen für einen jungen Amerikaner (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/734)

 Vor hundert Jahren interessierte sich der Inhaber der Handelsagentur A. Klipstein & Company aus New York für die Bedingungen und Inhalte des Zürcher Studienlehrgangs in Chemie. Zu dieser Zeit begannen an der ETH jedes Jahr etwa 40 Studierende ein Chemiestudium. Im Wintersemester 1911/12 besuchten insgesamt 183 Studierende den Chemielehrgang, der vier Jahreskurse umfasste. Davon waren knapp die Hälfte Schweizer. 51 Prozent waren Chemiestudierende mit anderer Staatszugehörigkeit, wovon ein Drittel aus den Staaten Österreich-Ungarn, Russland und Frankreich stammte. Ein einziger Chemiestudent reiste zu Beginn des Wintersemesters 1911 vom amerikanischen Kontinent an. Er war einer von 13 Studierenden aus der Neuen Welt, die sich an der ETH eingeschrieben hatten.

Handelsagent A. Klipstein zog 1911 in Betracht, seinem Sohn Studien am Polytechnikum zu ermöglichen. Deshalb liess er seinen Bekannten Georg Wagner am 3. Juli in Zürich sondieren. Wie aus einem späteren Brief an Robert Gnehm vom 20. Juli 1911 hervorgeht, nahm der Sohn Herbert Klipstein im Sommer 1911 bereits am Sommerkurs des Massachusetts Institute of Technology teil. Der Sohn wollte erst später entscheiden, ob nach mindestens einem Jahr Studium am MIT ein Wechsel nach Zürich angebracht wäre. Von einem Chemiestudenten Herbert Klipstein finden sich an der ETH Zürich jedoch keine Spuren. Fest steht, dass ein Herbert C. Klipstein 1916 am Department of Chemical Engineering des MIT seine Schlussarbeit unter dem Titel „The application of the Mendius reaction to the production of ethylene diamine“ verfasst hat. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um den oben aus dem Briefwechsel bekannten Sohn des Unternehmers aus New York.

Die Handelsgesellschaft A. Klipstein & Company handelte mit chemischen Farbstoffen und hatte gemäss Firmenbriefkopf für den Handel mit „anilines, dye stuffs & chemicals“ Niederlassungen in Boston, Philadelphia, Providence, Chicago und in Charlotte, North Carolina. A. Klipstein und sein Geschäftspartner Ernest C. Klipstein verfügten über gute Beziehungen zur Schweiz, insbesondere zur Basler Chemie. Das Handelshaus Klipstein hatte offenbar zu jener Zeit die Vertretung der damaligen Ciba in New York inne. Auch zu Georg Wagner, der seit 1906 Mitglied der Direktion der Chemischen Fabrik Sandoz war, bestanden Verbindungen. A. Klipstein beauftragte 1911 als erstes Wagner, für das aktuelle Unterrichtprogramm der ETH und für detaillierte Informationen bei Robert Gnehm anzufragen, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und damit dem obersten Vorgesetzten des Polytechnikums. Robert Gnehm gehörte als ehemaliger Professor für technische Chemie und als früherer Direktor und Verwaltungsrat der Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel, der späteren Ciba, ebenfalls zum Netzwerk der Chemiker und Wissenschaftsmanager rund um die Basler Chemiebetriebe.

Kaum Dreivierteljahr vergingen, da meldete sich am 11. März 1912 nach A. Klipstein auch Ernest C. Klipstein bei Robert Gnehm. Ernest C. Klipstein war ebenfalls am Ausbildungsangebot in Zürich interessiert, da sein ältester Sohn gerade die Universität in Princeton absolvierte. E. C. Klipstein legte Wert darauf, dass sein Sohn bei seinem akademischen Aufenthalt in Europa eine Ausbildung bei Richard Willstätter erhielt, der seit 1905 Professor für allgemeine Chemie am Polytechnikum war. Das betonte Klipstein in seinem zweiten Brief an Robert Gnehm am 23. April 1912, in dem er bedauerte, dass Willstätter, der einen Ruf nach Berlin angenommen hatte, nicht mehr in Zürich lehrte.  Klipstein machte der Technischen Hochschule in Zürich keine Zusage und erklärte, dass er erst vor Ort entscheiden werde: „I shall probably take the young man with me to Europe some time during the summer, and probably be able to determine on the spot.” Auf eine anschliessende reguläre Einschreibung an der ETH Zürich gibt es keine Hinweise.

Neben der sich damals anbahnenden Umgestaltung der ETH zur modernern Lehr- und Forschungshochschule machte die Anbindung an relevante Wissenschafts- und Industriekreise, in diesem Fall an ein internationales Netzwerk von Chemikern und Farbstoffproduzenten, das Polytechnikum offenbar bereits vor dem ersten Weltkrieg in Unternehmerkreisen jenseits des Atlantiks zu einer ernsthaften Option bei der Planung von akademischen Semestern in Europa.

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Programme der ETH Zürich, als Teil der Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar u.a. in der Kategorie Anhänge in Schulratsprotokolle online

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der Eidgenössischen polytechnischen Schule für 1911

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der der Eidgenössischen Technischen Hochschule für 1911/12

10.06.2011

Hopp de Bäse! – Petitionen der Putzfrauen an der ETH für mehr Lohn

Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor, ETH Chemiegebäude, März 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr 14413-005-AL-34898)

Im März 1917 posiert „Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor“ oder gemäss Beschriftung des anderen Bildes „im oberen Labor“ des ETH Chemiegebäudes vor der Kamera. Sie tut so, als habe sie soeben mit dem langstieligen Gerät eine der Gaslampen angezündet. Gefährlich ist das Hantieren mit Feuer in explosiver Umgebung, sie lässt das Flämmchen des Anzünders nicht aus den Augen. Der schräge Lampenschirm wirft ein schiefes Licht auf die Arbeitsstätte: Ohne fotografische Zusatzbeleuchtung stünde Frau Augsburger im Schatten.

Neuneinhalb Jahre früher hatte sie nicht nur wie immer den Chemiestudierenden ein Licht aufgesteckt, sondern für einmal auch dem obersten Chemiker des Polytechnikums, Robert Gnehm, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und vormaligen Professor für technische Chemie.

 

Petition der Putzerinnen am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich,  7. September 1907 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1907/No.953)

Zusammen mit 30 Kolleginnen ersuchte sie in einem säuberlich getippten Schreiben am 7. September 1907 höflich um Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Die Putzfrauen begründeten ihr Gesuch unter anderem damit, dass sie einerseits in Privathäusern bei vergleichbarer Entschädigung zusätzlich freie Kost erhielten, anderseits die Arbeit am Polytechnikum weit anstrengender sei. Gestützt auf einen Vergleich mit den Arbeitsbedingungen des Reinigungspersonals in anderen öffentlichen Dienststellen beschloss der Schulrat am 27. September 1907, die Arbeitszeit von 10 auf 9 ½ Stunden pro Tag zu senken, nicht aber den Lohn zu erhöhen.

Frau Augsburger lächelt leicht. Während sie stellvertretend für alle Polyputzfrauen sich und ihre Arbeit bildlich ins richtige Licht rückt, fordern 18 Kolleginnen am 3. März 1917 erneut eine sofortige Erhöhung des inzwischen geltenden Halbtaglohns von Franken 2.60 auf Franken 2.80 und des Ganztaglohns von Franken 4.50 auf Franken 6.00 mit dem Hinweis auf „die gegenwärtige herrschende teure Lebenshaltung“ und angesichts „der allgemeinen Notlage des Dienst und Putzpersonals.“ 

Petition des Putzpersonals an der ETH, 3. März 1917 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1917/No.267)  

Das karierte, mit gleichmässiger Handschrift beschriebene Blatt geht zwei Tage später bei der Schulratskanzlei ein. Eine fremde Hand, vermutlich die des Schulratspräsidenten persönlich, notiert unter die geforderten Lohnansätze „2.65“ und „5.-“ sowie am unteren Blattrand „Kanton 50 Rp. pro Stunde ohne Teuerungszulage“. Der Präsident – es ist immer noch Robert Gnehm – fackelt diesmal nicht lange und verfügt schon am 10. März 1917: „Den Putzerinnen in den Gebäuden der E.T.H. wird vom 11. März 1917 an der Taglohn auf 5 ½ Fr. und der Halbtaglohn auf 2 Fr. 80 erhöht.“ Für einen kurzen Moment hat Frau Augsburger gut lächeln.

Im vierten Jahr des Weltkrieges geriet die Schweiz in eine schwere Versorgungskrise. Drohende Hungersnot, anhaltende massive Teuerung für lebensnotwendige Güter aller Art, sich verschärfende soziale Ungleichheiten führten 1917/1918 zu politischen Unruhen im Land. 

Verein der Wasch- und Putzfrauen Zürich, Frau Keller, Vereinspräsidentin, 7. April 1818 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1918/No.353)

Der Umgangston mit den Obrigkeiten wurde gereizt. In einem geharnischten Brief vom 7. April 1918 auf hochrechteckkariertem Papier, der bevorzugten Unterlage für Haushaltrechnungen, Buchhaltungen und andere Rechenaufgaben, bezichtigte die Präsidentin des Vereins der Wasch- und Putzfrauen Zürich die ETH der Lohndrückerei, verlangte Nachzahlungen für die Putzfrauen und drohte mit künftigem Boykott sowie offener Anklage in der Parteipresse.

Frau Augsburger war das Lächeln wohl vergangen.

Am 10. Juni 1918 zogen Arbeiterinnen zu einer Hungerdemonstration vor das Zürcher Rathaus. Mitte November 1918 kam es zum landesweiten Generalstreik, organisiert von Gewerkschaften und Sozialdemokratie. An zweiter Stelle der neun Streikforderungen – darunter sichere Lebensmittelversorgung, 48 Stunden Arbeitswoche, Alters- und Hinterbliebenenversicherung – stand die politische Gleichberechtigung der Frauen.

Deren Einführung erlebten erst Frau Augsburgers Töchter in fortgeschrittenem Alter. Die generelle verfassungsrechtliche und gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann zu fordern, wäre der mehrheitlich männlichen Streikführung nicht einmal im Albtraum eingefallen. Eine Mehrheit von Frau Augsburgers Enkelinnen setzte sie Jahrzehnte später durch. Um gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit in der wirtschaftlichen Realität kämpfen Frau Augsburgers Urenkelinnen immer noch.

Anmerkungen

- Gaslampen: Bereits am 25. Januar 1901 erhielt der Vorstand des technisch chemischen Laboratoriums die Ermächtigung zur Beschaffung eines Elektromotors und der nötigen Stromzufuhr aus dem städtischen Leitungsnetz. Bis 1917 dürfte somit die Beleuchtung längst auf elektrisches Licht umgestellt gewesen sein. ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2:Präsidialverfügungen1901, Präsidialverfügung Nr. 41 vom 25.01.1901 )

- Beschluss des Schulrates zur Putzfrauenpetition 1907 ( ETH-Bibliothek, Archive SR2: Schulratsprotokolle 1907, Sitzung Nr. 8 vom 27.09.1907, § 110 )

- Präsidialverfügung zur Putzfrauenpetition 1917 ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2: Präsidialverfügungen 1917, Präsidialverfügung Nr. 87 vom 10.03.1917 )

06.06.2011

Das rote Buch vor dem Roten Buch: Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961)

Filed under: Alte Drucke,Archive und Nachlässe — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 6:00

 

ETHBib_Rar_1486

C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Leipzig/Wien 1911-1912 (ETH-Bibliothek: Rar 1486)

 

Das sogenannte Rote Buch, das in rotes Leder gebundene Dokument des langjährigen privaten Selbstfindungsprozesses von Carl Gustav Jung nach einer Reihe beruflicher und persönlicher Brüche wie der Entfremdung von seinem Lehrer Sigmund Freud (1856-1939), war bis zur Publikation im Herbst 2009 nicht öffentlich zugänglich.

Die Abkehr von der Freudschen Psychoanalyse markierte Jung hingegen nachlesbar sowohl für die Fachwelt wie auch ein weiteres interessiertes Publikum mit seinem Werk „Wandlungen und Symbole der Libido. Entwicklungsgeschichte des Denkens“, das in zwei Teilen 1911 und 1912 im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“ erschien.

Einen Sonderabdruck des ersten Teils mit der handschriftlichen Widmung auf dem Titelblatt „In freundschaftlicher Verehrung vom Verf.“ überreichte Jung seiner engen Mitarbeiterin Toni Wolff (1888-1953), die bei der Edition mitgewirkt hatte. Den Sonderabdruck des zweiten Teils beschriftete er im folgenden Jahr „mit herzlichem Grusse und bestem Dank Der Verf.“

Die beiden Teile wurden zu einem Halbpergamentband mit schwarzem Lederpapier überzogenen Buchdeckeln vereinigt, Deckel und Buchblock mit rotem Vorsatz verbunden. Auf den vorderen Innendeckel kam das Exlibris von Toni Wolff mit dem seitenverkehrten Wappen des Zürcher Geschlechtes Wolff. Die Farbwahl für den Einband und besonders für das Vorsatz war bei einem Werk wie diesem wohl kaum zufällig und nicht allein dem optischen Reiz verpflichtet. Dem Bestreben, das ursprünglich schlichte Äussere der Sonderabdrucke prächtiger auszustaffieren, ihrem emotionalen Wert für den Autor und für die Beschenkte angemessen, fielen allerdings die handschriftlichen Widmungen zum Opfer. Beim Begradigen des Buchblocks mit der Schneidmaschine wurden die Oberlängen mancher Buchstaben beschnitten und damit das ästhetische Gesamtbild der Titelblätter beeinträchtigt. Der üppigen Symbolik der Gabe dürfte dies weniger geschadet als sie vielmehr um eine weitere Deutungsmöglichkeit angereichert haben.

 Toni Wolff gab das einmalige Stück später an Jungs Zahnarzt Siegmund Hurwitz (1904-1994) weiter, der von Jung und ihr selber sowie Marie-Louise von Franz (1915-1998) zum analytischen Psychologen ausgebildet worden war und sich mit jüdischer Mystik befasste. Hurwitz schenkte den Band 1982 zusammen mit Originalbriefen von Jung an ihn und seine Gattin der ETH-Bibliothek.

Hier wird das Buch, dem beim Blättern immer noch ein Hauch Zigarettenrauch der früheren nikotingewohnten Besitzerin entströmt, in der Spezialsammlung „Alte Drucke“ aufbewahrt. Die Briefe von Jung an Siegmund Hurwitz und seine Frau Lena Hurwitz-Eisner (gestorben 1965), Mitherausgeberin der Gesammelten Werke C.G. Jungs, befinden sich in den Beständen der „Archive und Nachlässe“. Die „Archive und Nachlässe“ betreuen auch den testamentarisch der ETH Zürich vermachten wissenschaftlichen Nachlass von C.G. Jung, der von 1933 bis 1941 als Privatdozent und Titularprofessor Psychologie an der Hochschule lehrte und 1955 zu deren Ehrendoktor ernannt wurde.

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