ETHeritage
Highlights aus den Sammlungen und Archiven der ETH-Bibliothek

04.07.2014

Die Freiheit verteidigen? Klar, aber welche? Debatte um den Ausschluss des Kriegsdienstverweigerers Max Kleiber aus der ETH im Jahr 1917

Filed under: Geschichte,Hochschularchiv ETHZ — Tags: , — Michael Gasser @ 7:00

SR3_1917_985_18

Aufruf zur Teilnahme an einer Versammlung der Studierenden der ETH und der Universität Zürich im Juli 1917 zur Unterzeichnung einer Resolution gegen den Ausschluss Max Kleibers aus der ETH (Hochschularchiv der ETH Zürich, SR3 1917, 985/18).

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs war für Max Kleiber der Fall klar. Zwar hatte er erst 1913 sein Studium an der Landwirtschaftlichen Schule der ETH abgebrochen und war mit zwei Freunden nach Kanada ausgewandert, um dort eine eigene Farm aufzubauen. Jetzt aber leistete er der Mobilmachung Folge und kehrte wie viele andere Auslandschweizer in die Heimat zurück. Im Aktivdienst wurde er Artillerieleutnant und 1916 nahm er sein Studium an der ETH wieder auf.

Zum Bruch kam es ein Jahr später. 1917 verweigerte Leutnant Kleiber den weiteren Militärdienst. Sein tadelloser Leumund und die überzeugende Darlegung seiner inneren Beweggründe führte dazu, dass das Militärgericht über ihn ein verhältnismässiges mildes Urteil fällte: Kleiber wurde degradiert und zu einer viermonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Zudem wurden ihm für ein Jahr die Aktivbürgerrechte entzogen. Die Milde des Urteils wurde dadurch bekräftigt, dass Kleibers Antrag auf Verschiebung des Strafantritts bis nach dem Abschluss des Studiums statt gegeben wurde.

Dazu kam es aber vorerst nicht. Kleiber hatte seine Diplomarbeit bereits eingereicht, als ihm der Rektor der ETH mit Schreiben vom 25. Juni 1917 mitteilte, er werde „aus der Eidg. Technischen Hochschule ausgeschlossen”. Dieser Beschluss war auf Antrag der Landwirtschaflichen Schule gefällt worden. Aus den Akten und Protokollen des Schweizerischen Schulrats, dem damaligen Leitungsgremium der ETH, geht hervor, wie intensiv um die Behandlung dieses Antrags und die Begründung des Ausschlusses gerungen wurde. Der Schulrat fragte – allerdings vergeblich – sogar beim Departement des Inneren um Entscheidungs- und Argumentationshilfe nach.

Einmal gefällt, wirkte diese Disziplinarverfügung als diskursiver Brandbeschleuniger. Der „Fall Kleiber“ wurde rasch über die ETH hinaus zum Thema. An verschiedenen Schweizer Hochschulen bildeten sich „Kleiber-Komitees“ und die kontroverse Diskussion um den Fall erfasste bald auch die Presse. Im Zentrum der Debatte standen nicht etwa Kleibers Dienstverweigerung oder seine Beweggründe. Vielmehr drehte sich die Diskussion um die Frage, ob der disziplinarische Ausschluss eines verurteilten Dienstverweigerers aus der Hochschule mit der akademischen Freiheit vereinbar war. Als Eidgenössische Technische Hochschule, so die eine Seite, sei die ETH in Kriegszeiten der Schweiz als Nation und der Verteidigung ihrer Freiheit verpflichtet. Sie dürfe keinen Dienstverweigerer in ihren Reihen dulden. Dadurch würde der Antimilitarismus gefördert und die vielen Studenten, die aufgrund des Aktivdienstes ihr Studium um weitere Semester unterbrechen mussten, würden benachteiligt. Auf der anderen Seite wurde geltend gemacht, dass die Hochschule dem Ideal einer supranationalen akademischen Freiheit verpflichtet sei, die sich auch im Krieg nicht von nationalen politischen Interessen einschränken lassen dürfe. Daher sei die Relegation Kleibers nicht gerechtfertigt. Unter dem Eindruck des Krieges machte der Fall Kleiber die fragile Nahtstelle zwischen den beiden Konzepten “Nation” und “akademische Freiheit” deutlich sichtbar.

Innerhalb der Studentenschaft verlief diese Debatte interessanterweise quer zur politischen Couleur. So unterstützten auch konservative Studentenkreise, etwa Mitglieder der „Zofingia“, die Protestbewegung zugunsten Kleibers. Manche Kommentatoren sahen gerade darin, dass der „Fall Kleiber“ klare und über die Generationen hinweg verlässliche politische Positionen ins Wanken brachte, die eigentliche Gefahr. So heisst es etwa im Freisinnigen Zuger Volksblatt vom 21. Juli 1917:

„es ist a u f l ö s e n d e r Geist in der Haltung der Studentenschaft eine Gesinnungsart, die vom chaotischen Vielerlei der Oberfläche genährt ist, in der alle Begriffe nebeneinander wogen und nach Laune und zeitweiligem Interesse gebraucht werden. Es ist aber weniger staatsrevolutionäre Gesinnung als vielmehr allgemeiner Zeitgeist der Zersetzung, der Haltlosigkeit.“

Und der inzwischen prominente Max Kleiber, um den sich die politisch aufgeladene Diskussion in immer weiteren Dimensionen drehte? Weder sein eigenes Wiedererwägungsgesuch noch die zahlreichen Proteste machten den Entscheid des Schweizerischen Schulrats rückgängig. Zumindest nicht bis nach dem Krieg. Im Frühjahr 1920 allerdings kehrte Kleiber für den Studienabschluss wieder an die ETH zurück. Nach seiner Promotion wurde er 1924 Assistent am Institut für Haustierernährung. Nachdem er sich 1928 habilitiert hatte, erhielt er 1932 einen Ruf an die University of California in Davis. Der Fachwelt bekannt wurde der 1976 verstorbene Biochemiker Max Kleiber nicht als Schweizer Kriegsdienstverweigerer und Auslöser einer Grundsatzdebatte über die akademische Freiheit, sondern aufgrund seiner Beschreibung des Zusammenhangs zwischen Masse und Stoffwechsel von Tieren, dem so genannten Kleiber Gesetz.

Quellen im Hochschularchiv der ETH Zürich

Online Zugriff auf die Einträge zu Max Kleiber in den Protokollen des Schweizerischen Schulrats
Die ergänzenden Schulratsakten zum „Fall Kleiber“ (SR3 1917, 985/1-41) sind ebenso vorhanden wie Kleibers Matrikel (EZ-REK1/1/15594) und ein biografisches Dossier über ihn.

Literaturhinweis
Zur Rolle des Verbands der Studierenden an der ETH (VSETH) im Fall Kleiber siehe Lengwiler, Urs et al. Was Studenten bewegt – 150 Jahre Verband der Studierenden an der ETH. Baden: hier + jetzt, 2012, S. 61–65.

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27.06.2014

„Irgendwo jenseits des Bodensees …“ oder das glimpfliche Ende von Mittelholzers Postflug

Filed under: Bildarchiv — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Über den Postflug oder Balkanflug von Walter Mittelholzer vom 28. Juni 1934 wurde im Rahmen des Bilderrätsels vom 28.06.2013 bereits berichtet. Der achtzigste Jahrestag dieses legendären Flugs bietet nun Gelegenheit zur näheren Betrachtung seines unglücklich – glücklichen Ausgangs.

So gut nämlich das ganze Unterfangen der Flugreise von Zürich nach Istanbul und zurück mit Stopps in Neapel, Athen und Belgrad gelungen war, verlief die letzte Teilstrecke von Belgrad nach Zürich eher glimpflich. Die Mittagsausgabe der NZZ vom 29. Juni 1934 beschreibt die Stimmung in Zürich am Abend der erwarteten Rückkehr des Flugpioniers:

Eine grosse Menschenmenge erwartete am Donnerstagabend in Dübendorf die Rückkehr Walter Mittelholzers, der am Donnerstagfrüh bei günstigsten atmosphärischen Bedingungen zu seinem Eintag- Orientflug aufgestiegen war, mit etwelcher Sorge; hatte sich doch das Wetter im Laufe des Nachmittags zusehends verschlimmert, und zahlreiche Gewitter zogen sich über das nordöstliche Europa. […] Nach 21 Uhr – die Leitung des Zivilflugplatzes war ohne jegliche Nachricht – wurde die Flugplatzbeleuchtung in Funktion gesetzt, um dem Piloten bei der wegen der tiefhängenden Wolken vorhandenen schlechten Sicht die Landung zu erleichtern. Vergebens spähte man in die dunkle Nacht, vergebens strengte man sein Ohr an, um ein allfällig sich näherndes Motorengeräusch wahrzunehmen.

In der Morgenausgabe der NZZ vom 30. Juni 1934 erfahren wir dann, was jenseits des Bodensees geschah:

Um 17 Uhr 29 wurde zur letzten Etappe gestartet und südlich am Plattensee vorbei dem Semmering zugesteuert. Nach Dachstein herrschten im Bayrischen Gebiet heftige, blitzreiche Gewitter, so dass Mittelholzer genötigt war, stark nördlichen Kurs zu halten. Zweimal versuchte er vergeblich, irgendwo gegen die Schweiz hin durchzustechen; aber die Blitzgefahr war zu gross und so blieb nichts anderes übrig, als irgendwo jenseits des Bodensees niederzugehen. So setzte Mittelholzer seinen roten Vogel [eine Lockheed 9 B Orion] um 21 Uhr 10 auf einer grossen Wiese in Pfullendorf bei Ravensburg nieder. Beim Ausrollen geriet er in einen kleinen, in der Dunkelheit nicht sichtbaren Graben, was die geringfügige Strebenbeschädigung […] zur Folge hatte.

Lockheed Orion nach Landung auf Wiese

Die Lockheed Orion nach der Landung in Pfullendorf (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, LBS_MH02-27-0006)

Reparatur der Lockheed Orion

Die Lockheed Orion wird repariert (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, LBS_MH02-27-0009)

Ende gut, alles gut: Walter Mittelholzer schreibt in seinem Reisebericht in der NZZ vom 8. Juli 1937, Blatt 7:

In Pfullendorf selbst fanden wir bei den Behörden und der Bevölkerung die freundlichste Unterstützung. Die Post wurde gleich der Bahn nach Zürich übergeben, und gegen Mittag langten auch die Ersatzbestandteile aus der Schweiz ein. Die kräftigen Arme der S.A.-Mannschaft von Pfullendorf hoben unsern immerhin über 1200 kg schweren Vogel aus dem verhängnisvollen Graben, und um 18 Uhr starten wir zum letztenmal, uns mit einigen Ehrenrunden von der zahlreich erschienenen Bevölkerung des kleinen Städtchens verabschiedend. Eine Viertelstunde später hatte unsere Fahrt über 4500 km. in Dübendorf ihren Abschluss gefunden.

Link:

Bilderrätsel vom 28.06.2013: http://blogs.ethz.ch/digital-collections/2013/06/28/bilderratsel-3/

Das Rätsel ist übrigens noch immer ungelöst.

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25.06.2014

Forschung im Fokus – Eine Ausstellung des Bildarchivs in der Photobastei Zürich

Filed under: Bildarchiv,Geschichte — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich präsentiert in der Photobastei Zürich 28 historische Fotografien aus dem Forschungsbetrieb an der ETH. Es handelt sich dabei um eine Auswahl aus dem kürzlich in der Reihe Bilderwelten im Verlag Scheidegger & Spiess erschienenen Band Forschung im Fokus; Wissenschaftsfotografie aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek von Monika Burri. Das kürzlich zu einem der schönsten Bücher des Jahres 2013 erkorene Buch zeigt die Wechselbeziehung von Fotografie und Wissenschaft und bietet einen einmaligen Einblick in die Geschichte der Forschungsfotografie.

Nikotinbildung im Tabakkeimling

Nikotinbildung im Tabakkeimling, 1948 (Dia_249-EL-028-C)

Die Bilder der Ausstellung decken einen Zeitraum von ungefähr 1910 bis 1975 ab. Inhaltlich zeigen sie eine breite Palette von Themengebieten und sind direkt mit der ETH Zürich bzw. ihren Fachgebieten in Lehre und Forschung verbunden. Darunter fallen Fotografien aus den Bereichen Astronomie, Botanik, Elektrotechnik, Land- und Forstwirtschaft, Wasserbau oder Geologie. Darüber hinaus finden sich Bilder aus dem Fotonachlass des Photographischen Instituts der ETH Zürich. An dieser hochschulinternen Fachstelle für Film und Fotografie wurde von 1886–1979 einerseits Forschung auf dem Gebiet der Fotografie betrieben und andererseits wurden im Auftrag Fotos und Filme für den Wissenschaftsbetrieb erstellt.

Das Buch Forschung im Fokus; Wissenschaftsfotografie aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek wird anlässlich der Prämierung der schönsten Bücher des Jahres 2013 im Helmhaus Zürich am 26. Juni ab 18 Uhr präsentiert.

Die Ausstellung in der Photobastei dauert vom 4. bis 20. Juli 2014. Ausstellungseröffnung Donnerstag 3. Juli ab 18 Uhr. Das Bildarchiv freut sich auf Ihren Besuch!

Infos und Öffnungszeiten Photobastei Zürich: www.photobastei.ch

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20.06.2014

Die Leidenschaft für die Astronomie, das Bier und die Papageien

Filed under: Alte und Seltene Drucke,Astronomie — Meda Diana Hotea @ 7:00

Jan Hevelke (1611-1687) oder Johannes Hevelius war eine vielseitige faszinierende Persönlichkeit: Eine spannende Mischung aus Wissenschaftler und Geschäftsmann, aus prominentem Bürger und Vogelzüchter; also eine Mischung aus hanseatischem Bürger und europäischem Wissenschaftler.

In der Danziger Gesellschaft des 17. Jahrhunderts war Hevelius ein hochangesehener Bürger. Als erfolgreicher Brauereibesitzer verkehrte er in den reichen bürgerlichen Kreisen und äusserte sich als Ratsherr auch zu politischen Themen. Wenig bekannt ist allerdings bis heute, dass er eine exotische Leidenschaft hatte: Er war ein passionierter Papageienzüchter.

Sein überragendes Interesse galt jedoch …, der Astronomie.

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Tafel H: Cetus. Diversae novae stellae facies 

Im kulturellen und wissenschaftlichen barocken Ambiente des 17. Jahrhunderts imponierte der berühmte Danziger Gelehrte durch seine astronomischen Werke, als Gründer der ersten europäischen modernen Sternwarte (1657) und nicht zuletzt als Begründer der Kartographie des Mondes.

Er verkehrte in den gelehrten Zirkeln Europas, kannte John Wallis, Athanasius Kircher, Marin Mersenne, P. Gassendi und Ismael Boulliau; mit den beiden Letzteren blieb er lange Zeit in brieflichem Kontakt. Als Mäzene unterstützten ihn die Könige Ludwig XVI und Jan III Sobieski. Die Krönung seines wissenschaftlichen Schaffens war seine Mitgliedschaft in der Royal Society in London ab 1664.

mercur venus

[links] Tafel F: Mercurius in Sole observatus  ; [rechts] Tafel G: Venus in Sole observata

Eines des wichtigsten Werke von Hevelius, Mercurius in Sole Visus Gedani (…) vervollständigt eine lange Reihe astronomischer Werke, die er zwischen den Jahren 1647 und 1690 in Danzig veröffentlicht hat. Hierbei hat er das Jahr 1661 ganz dem Planeten Merkur gewidmet; er verfolgte den Merkurtransit im Angesicht der Sonne und fasste seine Beobachtungen in diesem Werk zusammen. Im folgenden Jahr wurde das Buch in Simon Reinigers Buchdruckerei auf Kosten des Autors gedruckt. Das Werk ist nicht nur berühmt wegen seiner Beobachtungen des Merkurtransits, sondern auch durch die damit verbundene Erstveröffentlichung eines Werkes des englischen Astronomen Jeremia Horrocks (1619-1641). Dessen unbekanntes und vergessenes Werk Venus in Sole (…) hat Hevelius annotiert und als Supplement zu seinem eigenen Opus erstmals publiziert. Es ist nicht nur die erste Publikation von Venus in Sole (…), sondern die erste Veröffentlichung eines Textes von Horrocks überhaupt.

Bibliographie:

  • H. Lambrecht: Leben, Welt und Werk in: Johannes Hevelius, Machinae coelestis. [Faksimile]. Leipzig: Zentralantiquariat, 1969.
  • Johannes Hevelius and his catalogs of Stars. The Millionth- Volume Acquisition the J. Reuben Clark Jr., Library. Provo: Brigham Young University Press, 1971.
  • Johannes Wünsch: Die Auswertung der Sonnen- und Mondbeobachtungen des Danziger Astronomen Johannes Hevelius. Dissertation. München: Frank, 1986.
  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. München: C. H. Beck, 2011.

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13.06.2014

Maturaprüfung abgesagt!

Filed under: *Bestände,Hochschularchiv ETHZ,Pädagogik und Didaktik — Tags: , — Christian John Huber @ 17:14

August 1914: Die Juli-Krise auf dem Balkan hat sich zum europäischen Krieg ausgeweitet. Der Schweizerische Bundesrat löst die Generalmobilmachung aus. Zwischen dem 3. und 7. August rücken rund 220‘000 Männer in den aktiven Militärdienst ein. An allen Ecken und Enden fehlen Arbeitskräfte. Auch die Mittelschulen sind vom Fehlen zahlreicher Lehrer betroffen, was insbesondere die Durchführung der Maturitätsprüfungen gefährdet und damit auch den Übertritt potentieller Absolventen an schweizerische Hochschulen. Am 20. August wendet sich die Direktion des Erziehungswesens des Kantons Zürich in einem Schreiben an die Schulleitung der ETH Zürich.

„Die europäischen Kriegswirren greifen namentlich infolge der Einberufung einer Anzahl Lehrer in den Wehrdienst so sehr auch in den Betrieb unserer Mittelschulen ein, dass die Rektorate der Kantonsschule sich veranlasst sahen, zu beantragen, es sei die diesjährige Maturitätsprüfung auf die schriftliche Prüfung zu beschränken und von der Abnahme der mündlichen Prüfung abzusehen. Bei der Festsetzung der Noten sollen die Leistungsnoten der zwei letzten Quartalzeugnisse mit berücksichtigt werden, wie die Maturitätsreglemente dies vorsehen.“

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Gesuch der Direktion des Erziehungswesens des Kantons Zürich an des Schweizerischen Schulrat vom 20. August 1914 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3:1914, 886).

Im Schreiben wird auch der Schulrat der Stadt Winterthur erwähnt, der noch einen Schritt weiter geht und die Maturitätsprüfungen gänzlich ausfallen lassen möchte. Die Noten im Maturitätszeugnis sollen anhand der letzten drei Quartalszeugnisse eruiert werden. Ein entsprechendes Gesuch um Einverständnis an die Adresse der Schulleitung der ETH Zürich hatte das Rektorat der höheren Stadtschulen in Winterthur bereits am 11. des Monats eingereicht. Ähnliche Gesuche, die Matura ohne Prüfung anzuerkennen, gehen aus Aarau, La Chaux-de-Fonds und Trogen ein. Allen Anträgen wird stattgegeben.

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06.06.2014

Der denkmalpflegerische Blick

Filed under: Architektur,Bildarchiv,Kunstgeschichte — Tags: , — Nicole Graf @ 7:00

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Poschiavo, Stiftskirche San Vittore, neue Kichenmauer. Restaurierung, 1989 (Dia_287-14847)

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Chur, Kathedrale, Hauptportal, Archivolten. Befund, 2004 (Dia_287-05307)

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St. Johannsen, Klostermauer. Fugen, 1982 (Dia_287-16276)

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Zürich, Kindergarten Zentralstrasse 105, Schirm-Ständer. Instandsetzung, 2002 (Dia_287-21459)

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Zürich, Kindergarten Zentralstrasse 105, WC; alte Fliesen (Detail). Instandsetzung, 2002 (Dia_287-21465)

Diese Bilder wurden zu einem ganz bestimmten Zweck aufgenommen. Der Urheber hat seinen denkmalpflegerischen Blick oft in der Bildbeschreibung mitgeliefert. Da finden sich Stichwörter wie Befund, Restaurierung, Instandsetzen, Inventarisation, Baugeschichte, Silhouette, Holzbau oder Denkmalbegriff. Diese fachlichen Zusatzinformationen machen die Sammlung besonders interessant und können auf Bildarchiv Online mit einer einfachen Suche abgerufen werden. Das Spektrum der abgebildeten Objekte ist breitgefächert und über die ganze Schweiz verteilt: Kirchen und Klöster, Nutzbauten, Brücken, Stadthäuser, Schulhäuser, Schlösser, Uferbebauungen, Gasthäuser usw. Es findet sich Kurioses wie Kaffeerahmdeckeli (Cafésahne) zum Denkmalbegriff neben vielen Detailaufnahmen von Gebäudeteilen wie Fassaden oder Fenster.

Bei der kürzlich online gestellten Bildersammlung handelt es sich um rund 5200 Fotos von Gebäuden und Objekten der Denkmalpflege in der Schweiz. Sie stammen von Georg Mörsch, der 1980 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Denkmalpflege an der ETH Zürich berufen wurde und bis 2005 als Institutsleiter tätig war. Der gesamte Fotonachlass umfasst 36‘000 Bilder aus Europa und den USA. Sie werden vom Bildarchiv der ETH-Bibliothek betreut und sind im Lesesaal Sammlungen und Archive einsehbar.

Die digitalisierten Fotos sind auf der Plattform Bildarchiv Online unter dem Bestandesschlagwort “ETH, Institut für Denkmalpflege” oder mit dem Bildcode “Dia_287″ recherchier- und bestellbar. Buch- und Zeitschriftenpublikationen von Georg Mörsch oder von ihm betreute Diplomarbeiten zur Denkmalpflege sind im Wissensportal der ETH-Bibliothek nachgewiesen. Seine Abschiedsvorlesung mit dem Titel „Vom Nutzen der Denkmäler für die Architektur“ ist als Film online verfügbar.

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30.05.2014

Hauptbahnhof Zürich vor 50 Jahren

Filed under: Bildarchiv,Eisenbahnwesen — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Zürich, Hauptbahnhof

Hauptbahnhof Zürich, Sommer 1964 (Com_BC24-8000-006)

Obwohl diese Aufnahme eines Fotografen der Presseagentur Comet bereits 50 Jahre alt ist und sich baulich sehr vieles verändert hat, scheint der HB Zürich an diesem Sommermorgen im Jahr 1964 seltsam vertraut. So etwa die Lichtverhältnisse, die wartenden Passagiere oder der rote TEE-Zug auf Gleis 3. Letzterer ist vielen von uns wahrscheinlich noch aus den Jugendjahren in Erinnerung. Der letzte TEE verkehrte am 24. September 1988 zwischen Zürich und Mailand. Auch der TEE im Bild auf Gleis 3 wird um 8:45 nach Mailand abfahren, der Schnellzug nebenan auf Gleis 4 um 8:53 nach Ravenna, Rimini und Ancona.

Was sich in den 50 Jahren verändert hat, sind etwa Bestandteile der Bahnhofsarchitektur und die Mode und Accessoires der Passagiere. Letztere sind im Vergleich zu heute auffällig chic gekleidet, selbst wenn sie vielleicht nur für eine Wanderung in das Tessin fahren und dazu einen Stoffrucksack geschultert haben. Viele Männer tragen Hüte und die Koffer sind noch aus Leder oder lackiertem Karton. Da ist noch nichts zu sehen von der bunten Schrillheit der Gore-Tex- und Kunststoffbekleidung, mit der man heute fast uniform auf Reisen oder zur Arbeit geht.

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23.05.2014

Neue Landeskarten

Filed under: *Bestände,Geographie und Karten,Karten — Markus Appenzeller @ 7:00

Landeskarte Ausschnitt Aarau Ausgabe 2007

Quelle: Landeskarte 1:25 000, Ausgabe 2007, Ausschnitt Blatt Aarau, Bundesamt für Landestopografie

Landeskarte Ausschnitt Aarau Ausgabe 2014

Quelle: Landeskarte 1:25 000, Ausgabe 2014, Ausschnitt Blatt Aarau, Bundesamt für Landestopografie

Legende Landeskarten neue Ausgaben

Quelle: Landeskarte 1:25 000, Ausgabe 2014, Ausschnitt Legende Blatt Aarau, Bundesamt für Landestopografie

In der Presse wurde es ausführlich besprochen: die Schweizer Landeskarten erhalten ab 2014 ein neues Erscheinungsbild, das sich vom Erscheinungsbild der älteren Ausgaben klar unterscheidet. Das Bundesamt für Landestopografie swisstopo , das für die Herausgabe der Landeskarten verantwortlich ist, informiert im Internet ausführlich über die Neuerungen. Info swisstopo

Nachfolgend die augenfälligsten Neuerungen auf den gedruckten Karten (siehe obenstehende Kartenausschnitte aus Blatt 1089, Aarau, Ausgabe 2007 ganz oben, darunter die neue Ausgabe 2014):

  • Eine neue, gut lesbare serifenlose Schrift (eine Frutiger-Schrift, verwandte Schriften von Adrian Frutiger begegnen wir im  schweizerischen Alltag immer wieder, z.B.  bei Verkehrsschildern)
  • Das Bahnnetz ist rot und die Bahnhöfe und Haltestellen mit Namen eingezeichnet
  • Abstufung der Strassen nach Breite (siehe obenstehender Ausschnitt aus Kartenlegende der neuen Kartenausgabe)
  • Die Bedeutung der Strassen wird durch Farbgebung unterstützt (Durchgangsstrassen rot, Verbindungsstrasse gelb)
  • Grenzen (Gemeinde, Bezirke , Kantone, Land) sind neu lila (im Kartenausschnitt Ausgabe 2014 sind  im Nordwesten Kantonsgrenze und Gemeindegrenze sichtbar)

Aus Kreisen der Wanderer und Alpinisten gab es besorgte Kommentare zur Darstellung der Wanderrouten. Sie befürchteten, dass aus der Luft nicht sichtbare Routen (im Gelände jedoch markiert) aus der Karte verschwinden könnten. Swisstopo beruhigt: In den neuen Landeskarten werden markierte Routen ohne Wegspur gepunktet dargestellt.  Siehe Beispiel aus „Die Alpen“ 03/2014.

Kritische Bemerkungen gibt es zu den sehr differenzierten Abstufungen der Strassen nach Breite. Es ist beispielsweise sehr schwierig auf der neuen Landeskarte eine eine 10 m – Strasse  von einer 8 m – Strasse zu unterscheiden (siehe obenstehender Ausschnitt aus der Kartenlegende).

Folgende Blätter der Landeskarten 1:25 000 im neuen Erscheinungsbild sind bereits erschienen und in der ETH-Bibliothek ausleihbar oder können im Lesesaal Sammlungen und Archive eingesehen werden:

Hauenstein : Oberdorf – Diegten – Olten
Wolhusen : Romoos – Menznau – Ruswil
Sumiswald : Lueg – Dürrenroth – Luthern
Sursee : Dagmersellen – Willisau – Nottwil
Langenthal : Madiswil – Huttwil – Zell
Schöftland : Zofingen – Triengen – Unterkulm
Murgenthal : Oensingen – Aarwangen – Oftringen
Aarau : Schönenwerd – Staffelegg – Seon

 

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16.05.2014

C.G. Jung und Thomas Mann: „Literarische Beziehungen haben nie bestanden“

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung und der deutsche Schriftsteller Thomas Mann haben Einiges gemeinsam: Beide wurden 1875 geboren und (streng) protestantisch erzogen, Jung in Basel, Mann im norddeutschen Lübeck. Beide lebten zeitweise in Küsnacht, auch gleichzeitig, Jung von 1909 bis 1961, Mann von 1934 bis 1938, bis zu seinem Exil in Amerika. Zu ihrem 80. Geburtstag erhielten beide den Ehrendoktor in Naturwissenschaften der ETH Zürich auf Bestreben des damaligen Rektors und Germanisten Karl Schmid (1907-1977), der mit beiden bekannt war. C.G. Jung starb an einem 6. Juni (1961), dem Geburtstag Thomas Manns (gest. 1955).

 „Jung habe ich in der Schweiz nie gesehen“, berichtet Thomas Mann 1945 in einem Brief an Anna Jacobson (22.2.1945), sondern nur „einmal in München“. Jung habe damals einen „außerordentlich gescheiten Eindruck“ gemacht. Das Datum des Besuchs ist nicht bekannt, das Treffen muss aber zwischen 1921 und 1929 stattgefunden haben. Offenbar blieb man in Kontakt, denn Thomas Mann schreibt am 1. April 1929 C.G. Jung folgende Briefkarte:

 

Hs_1056_422_0001_lo-res

Hs_1056_422_0002_lo-res

Briefkarte von Thomas Mann an Carl Gustav Jung, 1.4.1929, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1056: 422

 

München, den  1. IV.29.

                                                                           Poschingerstr. 1

 Sehr verehrter Herr Dr. Jung,

für die Uebersendung Ihrer schönen, bedeutenden Arbeit sage ich vielen Dank. Es war mir umso wichtiger, sie zu studieren, als ich gerade etwas Einschlägiges an die Psychoanalytische Gesellschaft in Wien abgeliefert habe, was ich nun im Licht Ihrer Ausführungen nachprüfen konnte. So zutreffend es ist, wenn Sie Freud einen Zerstörer idealistischer Illusionen über das Wesen des Menschen nennen, so bestätigend geht mir doch auch aus Ihrer Vorstellung hervor, daß das analytische Interesse fürs Irrationale-Nächtige nicht Sympathie, nicht Geistfeindschaft ist, sondern daß dieses Interesse nur Mittel ist und zuletzt dem Primat der Vernunft und des Geistes gilt.

                                                        Ihr ergebener Thomas Mann.

 

Ab 1934 ändert sich der Tonfall. Thomas Mann äussert sich in seinen Tagebüchern, auch vereinzelt in Briefen, nur noch ambivalent bis abfällig über Jung: „Klug, aber nicht achtenswert“ (Tagebuch vom 16.3.1935), urteilt er und noch Schlimmeres. Was war geschehen?

 Thomas Mann war ein Leser, Freund und Verehrer des jüdischen Psychoanalytikers Sigmund Freud (1856-1939). Er verfasste im Verlaufe seines schriftstellerischen Lebens zwei Essays über Sigmund Freud (1929; 1936), die zu seinen bedeutendsten gehören. So mag es nicht verwundern, dass er die als antisemitisch interpretierbaren Äusserungen Jungs über die „jüdische“ Seele (Freud!), seine Forderung einer „arischen“ Psychotherapie (Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie; 1934) und Jungs zumindest anfängliche Nicht-Distanzierung von den Nationalsozialisten scharf verurteilte. So führt Thomas Mann im bereits erwähnten Brief an Anna Jacobson vom 22.2.1945 zu Jung weiter aus: „Seine Haltung gegenüber den Nazis war anfangs sehr zweifelhaft und mehr als das. Literarische Beziehungen haben nie bestanden.“

 „Literarische Beziehungen haben nie bestanden.“ Das stimmt so nicht. Die moralisch bedingte Abwehr Thomas Manns bezog sich klar auf die politische Haltung Jungs bis 1940, nicht aber auf sein fachliches Wissen. Denn die Psychologie des Schweizers stand Thomas Mann sehr viel näher als etwa die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Jungs Archetypen, seine Lehre vom kollektiven Unterbewusstsein und die Verbindung von Psychologie und Mythos stimmten mit gewissen Ideen des Schriftstellers überein und liessen sich literarisch fruchtbar gestalten.

 Vermittler zwischen C.G. Jung und Thomas Mann war aber der Religionswissenschaftler und Mythenforscher Karl Kerényi (1897-1973), der mit Jung zusammen publizierte. Kerényi förderte und begleitete Manns Interesse an Mythologie und Religionsgeschichte. Er zählte über 20 Jahre zu seinen Briefpartnern. Kerényi schickte Mann regelmässig seine Publikationen, auch diejenigen, die er zusammen mit Jung verfasste. In der Nachlassbibliothek von Thomas Mann befinden sich mehrere Bücher von Jung/Kerényi, die mit An- und Unterstreichungen des Schriftstellers versehen sind. Wie die Anstreichungen belegen, hat Thomas Mann die Beiträge von C.G. Jung gelesen und sie auch literarisch verarbeitet, vor allem in seinen Joseph-Romanen (1933-1943) und auch noch im Felix Krull (1954).

 

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C.G. Jung/ Karl Kerényi: Das göttliche Kind in mythologischer und psychologischer Beleuchtung. Albae Vigiliae, H.VI/VII [Amsterdam 1940]. In dem von Jung verfassten Kapitel über Kindgott und Heldenkind finden sich z.B. auf S. 106 Unterstreichungen von Thomas Mann (ETH-Bibliothek, TMA, Signatur: Thomas Mann 2623).

 

Die Nachlässe von Thomas Mann und C.G. Jung liegen heute in der ETH-Bibliothek in Zürich. C.G. Jung hatte von 1933 bis 1941 an der ETH Zürich Psychologie gelehrt, zunächst als Privatdozent, ab 1935 als Titularprofessor. Die Schenkung von Thomas Manns Nachlass an die ETH war laut des damaligen Rektors Karl Schmid eine direkte Folge der Verleihung der Ehrendoktorwürde.

 

Quellen:

Paul Bishop: ‚Literarische Beziehungen haben nie bestanden‘? Thomas Mann und C.G. Jung (Oxford German Studies, 23, 1994, S. 124-172).

Manfred Dirks: Opfergänge. C.G. Jung und Thomas Mann, S. 109-128. In: Das Unbewusste in Zürich. Literatur und Tiefenpsychologie um 1900. Sigmund Freud, Thomas Mann und C.G. Jung. Hg. Thomas Sprecher, Zürich 2000.

Thomas Mann: Briefe II (1914-1923). Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Frankfurt 2004, GKFA 22, 922.

Thomas Mann: Briefe III (1924-1932). Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Frankfurt 2011, GKFA 23.2, 406-408.

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09.05.2014

Flugzeuge fürs Vaterland: Schleppender Start der schweizerischen Fliegertruppen im Ersten Weltkrieg

Filed under: Bildarchiv,Geschichte,Militärwissenschaften — Tags: , — Michael Gasser @ 7:00

Ans_05035-033

Präsentation des Geschwaders der schweizerischen Fliegertruppen auf dem Flugplatz Dübendorf während des Ersten Weltkriegs, Ende 1915, Anfang 1916 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_05035-033).

Die Technisierung der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg machte auch vor dem Luftraum nicht halt. Die grossen europäischen Militärnationen wie Frankreich, Deutschland, Oesterreich-Ungarn und England hatten schon vor 1914 mit dem Aufbau von Luftwaffen begonnen. Mit Kriegsbeginn setzte auch in dieser jungen Truppengattung ein Wettrüsten ein. Die Rüstungsindustrien lieferten sowohl Luftschiffe als auch immer leistungsfähigere Ein- und Doppeldecker, die als Aufklärungsflugzeuge, Jagdflieger oder Bomber eingesetzt wurden. Die Luftwaffen bildeten parallel dazu immer mehr Piloten, Beobachter, Funker und technisches Personal aus.

Ein Blick auf die Entwicklung der Schweizer Luftwaffe im Vorfeld und während des Ersten Weltkriegs zeigt ein gemischtes Bild. Einerseits gehörten zahlreiche Schweizer zur kleinen Gruppe enthusiastischer Flugpioniere, die sich vor 1914 international zusammensetzte und bewegte. So erwarb etwa Oskar Bider sein Fliegerbrevet 1912 an der Fliegerschule der Firma Blériot in Frankreich. Der ETH-Absolvent und später erste Kommandant der Schweizerischen Fliegertruppen, Theodor Real, besuchte 1910/11 die Flugschule des deutschen Flugpioniers August Euler. Zudem erfasste vor Kriegsausbruch eine Mischung aus Flugbegeisterung und Nationalstolz die Schweiz. Vergleichbaren Aktionen in Frankreich und Deutschland folgend, rief 1912 die als privater Verein organisierte Schweizerische Offiziersgesellschaft zu einer nationalen Flugspende auf. Die Aktion wurde nicht zuletzt dank zahlreicher Flugtage zu einem grossen Erfolg. Als Beitrag zum Aufbau einer Fliegertruppe wurden 1,7 Millionen Franken gespendet.

Andererseits tat man sich auf staatlicher Ebene und in der Armeeführung unter General Wille schwer mit der neuen Truppengattung. Unter dem Eindruck der nationalen Flugspende wurden zwar bei Kriegsausbruch Ende Juli 1914 in aller Eile die Schweizerischen Fliegertruppen gegründet und im Dezember auf dem Flugplatz Dübendorf stationiert. Die Aufbauphase aber verlief schleppend. Gewissermassen als Vorgeschmack auf die nachfolgenden Debatten um Tiger-, F/A-18- oder mögliche Gripen-Beschaffungen entspann sich sogar in Kriegszeiten eine langwierige Diskussion um den Kauf bzw. Bau von Flugzeugen. Hauptmann Real plädierte mit der einen Seite für privatwirtschaftliche Rüstungsproduktion und setzte sich für den Kauf von Wild-Maschinen ein. Ihre Gegner wollten mit der Beschaffung von Haefeli-Maschinen die staatliche Rüstungsindustrie fördern.

Anfang 1916 erhielten die Fliegertruppen schliesslich eine Serie von sechs Aufklärern des Typs Wild WT-1. Auf der oben gezeigten Aufnahme der Präsentation des Fliegergeschwaders auf dem Flugplatz Dübendorf sind sie in der zweiten Reihe deutlich zu erkennen. Bemerkenswert ist die Aufnahme vor allem aber deshalb, weil sie mit den Stapeln von Bauholz im Vordergrund schon fast überdeutlich zum Ausdruck bringt, wie stark die Fliegertruppen und deren Infrastruktur in Dübendorf noch im Aufbau begriffen waren. Propagandabilder einer wehrhaften Schweiz im Ersten Weltkrieg, die in ihrem Luftraum Präsenz markiert, sehen anders aus. Beispiele dafür hat aus gegebenem Anlass das Schweizerische Bundesarchiv aus seinem Bildbestand der geografisch-archivistischen Sektion des Armeestabes auf Wikimedia Commons veröffentlicht.

Weitere Bildquellen:
Fotografien im Bildarchiv der ETH-Bibliothek aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Literaturhinweise:
- Kreis, Georg. Schweizer Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Baden, 2013, S. 111-31.
- Urech, Jakob; Hunziker, Emil. Die Flugzeuge der schweizerischen Fliegertruppe seit 1914. 3. Aufl. Stäfa, 1979.
- Renati, Anne-Marie. “Theodor Real (1881-1971)”. In: Schweizer Wegbereiter des Luftverkehrs (Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik Bd.67). Meilen, 1998, S. 8-28.

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