«Schweizer sein, heisst tolerant sein!»

Fakten über eine Fiktion der 1970er Jahre

Fünfzig Jahre nach der ersten Abstimmung über eine «Überfremdungsinitiative» wird wohl 2020 über die «Begrenzungsinitiative» abgestimmt. Neu ist die Verknüpfung mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU. Altbekannt ist hingegen die Kritik an der Einwanderung an sich.

In den 1970er Jahren hatte Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz Konjunktur. Zwischen 1950 und 1970 war die Zahl der ausländischen Bevölkerung von 300’000 auf rund eine Million Menschen angestiegen. Diese deckten in erster Linie den Bedarf der Wirtschaft an neuen Arbeitskräften. Mit verschiedenen Volksinitiativen versuchten nun die Kritiker der Zuwanderung, angeführt vom Rechtspolitiker James Schwarzenbach, diese Entwicklung zu stoppen.

Eine von möglichen Beschränkungen besonders betroffene Branche war die Schweizer Maschinen- und Metallindustrie: Im Jahr 1973 hatten hier 87’000 von 247’000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, das heisst über 35%, keinen Schweizer Pass.

Dia aus der Tonbildschau «Die Schweiz, ein armes oder ein reiches Land?», 1973.

Politisches Schulungsprogramm «Wir in der Schweiz»

Vor diesem Hintergrund schlossen sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen im Dienst der Toleranz und gegen «Fremdenangst» zu einem Partnerschaftsfonds zusammen. Der Fonds gab der Firma Becker Audiovisuals [1] den Auftrag, unter dem Titel «Wir in der Schweiz» ein didaktisches Informationsprogramm aus Multimedia- und Printprodukten zu entwickeln.

Das sozialpsychologische Schulungsprogramm wurde vor allem in den Betrieben eingesetzt. Es sollte die Verständigung zwischen schweizerischen und ausländischen Arbeitskräften verbessern und die Annahme der verschiedenen Volksinitiativen verhindern.

«Heimisch machen, die einen, heimisch werden, die anderen!», so und ähnlich lauteten die Slogans der programmbegleitenden Zeitung des Partnerschaftsfonds von Maschinen- und Metallindustrie ab 1973.

Zu dem vierteiligen Programm gehört auch der Film «Morgen früh in der Schweiz». Er entwirft die Utopie einer Schweiz ohne ausländische Arbeitskräfte. Welche Konsequenzen dies hätte, zeigt der folgende Albtraum:

Schulungsfilm «Morgen früh in der Schweiz» des Partnerschaftsfonds, 1973.

Wie aus Fiktionen Fakten werden

Die Fiktion von damals ist für die heutige Geschichtswissenschaft ein Faktum: Sie zeigt uns, wie in den 1970er Jahren soziopsychologische Aufklärung betrieben wurde. Der Zukunftsentwurf spekuliert aus zeitgenössischer Perspektive, wie die Geschichte verlaufen könnte, wenn die eine oder andere zur Debatte stehende Initiative angenommen würde.

Im Fazit belegt das Filmbeispiel damit zwei Dinge: Erstens lassen sich Fiktionen klar von Fakten trennen. Doch gerade in ihrer Eigenschaft als Fiktionen sind sie zugleich auch historische Fakten. Als solche beeinflussen sie zweitens – selbst wenn sie wie in unserem Fall erfunden sind – immer unsere Wahrnehmung. Und damit sind sie schliesslich prinzipiell auch fähig, als neue oder gar «alternative Fakten» unsere Realität mit zu prägen…

[1] Das Archiv für Zeitgeschichte sichert und vermittelt das Geschäftsarchiv von Becker Audiovisuals. Dort findet sich das gesamte Informationsprogramm «Wir in der Schweiz».

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