Die Cometen: Werner Catrina

Comet Photo AG, auch ein Nährboden für Journalisten

Es begann im Sommer 1972 mit einem Schwatz mit dem jungen Fotografen Walter Schmid in der Dorfbeiz in Pfäfers SG. Wir erholten uns bei einem Bier vom Sinn und Unsinn des militärischen Widerholungskurses, den wir gerade absolvierten. Ich hatte kürzlich mein Studium phil. 1 an der Universität Zürich abgeschlossen und hätte als Geschichts- und Deutschleher an einer Mittelschule anheuern können. Mein Ziel war es jedoch, irgendwo in die damals viel grössere Presselandschaft einzusteigen; schon das Studium hatte ich mit Texten für Radiosendungen und mit Zeitungsberichten verdient.

„Comet Photo sucht einen Schreiberling “, warf Schmid irgendwann salopp ein, der Churer verdiente seit kurzem bei der renommierten Zürcher Presseagentur seine Sporen ab. Am nächsten Morgen rief ich Comet an. „Kommen sie doch vorbei“, sagte Chef Björn Lindroos knapp aber freundlich, als ich ihm die Kurzfassung meines Lebenslaufes durchgegeben hatte.

Werner Catrina, ca.1972

Eine Woche später sass ich auf einem Sessel im Chefbüro der Agentur an der Turnerstrasse in Zürich, auf dem Sessel nebenan fläzte sich der Dackel Pfodi. Lindi, wie man ihn nannte, erklärte mir seine Agentur und ihr Personal, ein entspannter Gentleman. Er führte mich dann ins Labor, wo Laborantinnen die damals noch sehr wichtigen Schwarzweissfilme entwickelten und anschliessend ins Archiv, wo zwei Fachkräfte Fotos und Diapositive anschrieben und Kunden bedienten, die persönlich vorbeikamen, andere forderten per Telefon Bilder an, offensichtlich ein florierendes Geschäft. Fotografen eilten geschäftig vorbei, jemand klebte an einem Tisch am Fenster Bildlegenden an aktuelle Fotos für den von Dutzenden von Zeitungen abonnierten täglichen Comet-Bilderdienst.

Wir wurden uns bald handelseinig. Zu einem Salär, weniger als halb soviel wie ich als Mittelschullehrer verdient hätte, stellte mich Lindi ein. Ich lebte günstig in der Nähe in zwei Zimmern, das Bad teilte ich mit andern Bewohnern. Und ich wurde bei der Comet gleich ins Wasser geworfen. Für die Schweizer Illustrierte sollte ich kurz nach meinem Einstand die frisch gebackene, 17jährige Olympiasiegerin Marie Theres Nadig in Flums SG interviewen, obwohl ich von Sport wenig verstand. Ein Comet Fotograf hatte sie bei ihrer Ankunft aus Japan ins Bild gesetzt. Die ausgeflippte, zweifache Goldmedalliengewinnerin von Sapporo brachte ich leider nicht vors Mikrofon, dafür ihren Bruder, der vom unglaublichen Hype um seine Schwester berichtete. Dieser Einsatz war typisch Comet, man wurde an die Front geschickt und hatte sich so gut wie möglich zu bewähren.

Jules Vogt: Flums, Empfang von Marie-Theres Nadig, 21.03.1972 (Com_L21-0189-0005-0002)

Jules Vogt: Flums, Empfang von Marie-Theres Nadig, 21.03.1972 (Com_L21-0189-0006-0001)

Grosses Potential für Reportagen

Als Journalist konnte man sich jedoch mit eigenen Ideen den kommandierten Einsätzen teilweise entziehen und selbst entwickelte Projekte gemeinsam mit Fotografen realisieren, ob es sich nun um eine Story über die Sicherung der Schweizer Staumauern, das eben erbaute New Yorker World Trade Center oder den Bericht über die Folgen eines Vulkanausbruchs in Island handelte. Bei Auslandreisen kam es oft zu einem Deal mit der Swissair: gegen Gratistickets erschien über die Destination unser honorarfreier Bericht in der edlen Kundenzeitschrift Swissair Gazette.

In der Agentur arbeiteten noch zwei weitere „Schreiberlinge“, wie uns die Fotografen nannten, um sich vom schreibenden Fussvolk abzuheben. Ein absolutes „no go“ war, wenn ein Journalist einmal die eigene Nikon mitnahm und vielleicht ein Portrait eines Gesprächspartners oder gar ein Bild für den Presseaussand schoss, für jeden einzelnen Bericht waren Bilder von Profifotografen sozusagen obligatorisch. Die Comet verstand sich als Foto-Agentur, die Journalisten waren eher Zugemüse, hielten die Steigbügel für die Fotografen.

Doch das Potential für Bild-/Textreportagen war gross. Mit Kontakten zur gesamten gedruckten Schweizer Presse, zu ausländischen Medien, die man mit attraktivem helvetischem Bildmaterial versorgte und auch zum Schweizer Fernsehen boten sich bisher nur teilweise ausgeschöpfte Möglichkeiten.

Walter Schmid: Prag, Comet-Mitarbeiter im Spiegel: Werner Catrina, Walter Schmid, unbekannt (v.l.n.r.), Mai 1974 (Com_L23-0298-0003-0006)

Gut bebilderte und professionell recherchierte und geschriebene Berichte aus dem In- und Ausland wurden damals viel besser bezahlt als heute, dennoch bedurfte es der Mehrfachauswertung, dass man die mit Reisen verbundenen Recherchen auch finanziell rentabel gestalten konnte. Nach den Hauptmedien wie NZZ, Tages Anzeiger Magazin, Weltwoche oder auch Stern wurden die Reportage mit andern Fotos einige Zeit später zum Beispiel für eine Familienzeitschrift oder für Regionalzeitungen gekürzt und umgeschrieben, nicht selten vertiefte man die Thematik noch für Fachzeitschriften und sorgte im Bildarchiv mit gefragten Fotos weiter für Umsatz. Namentlich dank dem hervorragenden und reichhaltigen Bildmaterial konnten wir Journalisten die Themen variieren und die Berichte gestaffelt, mehrfach platzieren. Die „Cometen“ waren ein verschworener Clan, man stand in Konkurrenz zueinander und zog letztlich doch am gleichen Strick.

Walter Schmid: New York City, Manhattan, Werner Catrina im Hotelzimmer, November 1973 (Com_L22-1111-0010-0007) 

Werner Catrina: New York City, Manhattan, Kamin, November 1972 (Com_L21-0960-0010-0002) 

Werner Catrina: New York City, Manhattan, Auto mit Kamin, November 1972 (Com_L21-0960-0010-0003)

Herausfordernde Vorbereitung auf die Zeit als „Freelancer“

Die Arbeit bei Comet war ausserordentlich abwechslungsreich. Auch als Journalist konnte man sich hier entfalten, wenn man kommerziell umsetzbare Ideen entwickelte, die sich mit guten Fotos bebildern liessen. Mit einzelnen Fotografen arbeitete man als Journalist lieber und besser zusammen als mit andern, was gerade auf längeren Reportagereisen im Ausland wichtig war.

Comet Photo AG: Werner Catrina und Hans Krebs in Ägypten, Februar 1976 (Com_L25-0066-0019-0006)

Blickt man aus der heutigen digitalen Szene auf die Presseszene in den 1970er und den 1980er Jahren, wirkt diese fast wie aus einer anderen Welt. Wo das Internet heute die journalistische und fotografische Arbeit durch Gratisnutzung radikal verändert und auch entwertet, florierten die Printmedien damals dank höheren Auflagen und vielen Inseraten. Reportagen von Agenturen und freien Mitarbeiten waren gefragt und wurden fair bezahlt. Für mich war der sechs Jahre dauernde Einsatz bei Comet eine intensive praktische Lehre und eine Zeit der beruflichen Entfaltung und Entwicklung. 

Hans Krebs: Senegal, Dakar, Eröffnung Sibras Brauerei, rechts Werner Catrina, 1975 (Com_L24-0136-0027-0006)

Hans Krebs: Gizeh, 1976 (Com_L25-0066-0032-0002)

Hans Witschi: Werner Catrina bei Interview, 1974 (Com_L23-0328-0002)

1978 verliess ich die Agentur in gutem Einvernehmen und arbeite seither als freier Journalist und Autor, der bei Comet auch fotografieren gelernt hatte. Dank den erworbenen, vielfältigen Kontakten, konnte ich als Freelancer für die verschiedensten Medien weiterhin arbeiten und auch das System der Mehrfachauswertung noch eine Zeitlang weiterführen, bis Medienzusammenschlüsse und Budgetkürzungen diese Quellen fast versiegen liessen. Mit Firmengeschichten und Sachbüchern über wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen bot sich eine interessante Nische, in der ich über das Pensionsalter hinaus mit eigenen Projekten und passenden Aufträgen arbeite. Zu einigen „Cometen“ verbinden mich auch nach vierzig Jahren noch freundschaftliche Kontakte. Ohne die Erfahrung bei der Comet Photo wäre mein weiterer beruflicher Weg als „Freelancer“ so kaum möglich gewesen, der Comet Photo und Björn Lindroos verdanke ich viel.

Text: Werner Catrina, 75, Journalist bei Comet von 1972 bis 1978

Bildredaktion: Roland Lüthi

Weitere Beiträge in der Reihe die Cometen:

Die Cometen: Björn Eric Lindroos

Die Cometen: Zum 100. Geburtstag von Jack Metzger

Die Cometen: Hans Gerber

Die Cometen: Heinz Baumann

Die Cometen: Walter Schmid

Geplant: Beat Albrecht, Christof Sonderegger und weitere

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