Randbilder und ikonische Bilder

Recherchen im Archiv fördern zuweilen unerwartete Geschichten zutage. Der Herausgeber einer Bootszeitschrift sucht eine ganz bestimmte Fotografie von Audrey Hepburn, das er im Internet gefunden hat, und von der er glaubt, dass sie vom Comet-Fotografen Hans Gerber stammt: Audrey Hepburn lachend mit Kamera – ein perfektes Bild für eine illustrierte Zeitschrift.

Das gesuchte Bild: Audrey Hepburn lachend mit Kamera (Google Bildsuche)

Der Gang ins Archiv zeigt: Das Bildarchiv hat sehr ähnliche Bilder im Bestand. Die Vermutung liegt nahe, dass die gesuchte Fotografie aus derselben Reportage von Hans Gerber stammt. Aber siehe da, das Negativ mit der lachenden Audrey ist nicht darunter. Da gibt es nur einige ähnliche Bilder, die aber bei Weitem nicht so gut sind. Ihr Gesicht ist durch die Kamera verdeckt. Und dann ist da ist auch noch der Bootsführer mit auf dem Bild …

Hans Gerber: Audrey Hepburn auf Boot mit Fotoapparat, August 1954 (Com_X-H061-002)

Hat Hans Gerber einen Papierabzug vom einen guten Negativ gemacht und das Negativ für sich behalten, oder an die Auftraggeber der Reportage verkauft? Da aber im Archiv auch keine Papierabzüge vorhanden sind, stellt sich weiter die Frage: Woher hat der Herausgeber der Bootszeitschrift das Bild, das er uns geschickt hat?

Eine Bildsuche auf Google mit “Audrey Hepburn Boot” bringt bald Klärung: Das Bild ist da, aber es stammt offenbar nicht von Hans Gerber, sondern von Audrey Hepburns Ehemann Mel Ferrer. Die Legende lautet: Audrey Hepburn in a photo by her husband Mel Ferrer, Switzerland, 1954. Auch Mel Ferrer war auf dem Boot und hat fotografiert. Gerber und Ferrer haben wohl in derselben Minute den Auslöser gedrückt. Ferrrers Foto ist ein perfektes Porträt, während das Foto von Gerber doch eher ein Randbild ist und wahrscheinlich kaum den Weg in eine Publikation gefunden hätte. Karl Hofer umschreibt den Begriff “Randbild” wie folgt:

Ein engagierter Zeitungsreporter belichtet pro Bildbericht rasch einmal hundert oder hundertfünfzig Aufnahmen, von denen vielleicht nur drei oder vier sofort in der Zeitung erscheinen. Behalten möchte der Autor aber trotzdem möglichst alles brauchbare Bildmaterial, denn die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass frühere “Randbilder” in der Aussage später plötzlich wichtiger sein können, als die einstigen Hauptsujets (S. 18).

Für unser Beispiel heisst dies, dass der Fokus unter gewissen Umständen auf den Bootsführer fallen könnte, der nur auf dem Randbild sichtbar ist. Auch ein Randbild kann plötzlich “wichtig” werden und einen ikonischen Status erlangen. Im Archiv ist es deshalb wichtig, allen Bildern die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, und nicht allein nach ästhetischen Kriterien zu urteilen, ob ein Bild für die Digitalisierung ausgewählt wird oder nicht. Dass bei der Bearbeitung des Comet-Bestands alle Originale, auch die scheinbar unwichtigen, erhalten werden, ist eine Grundregel. Wir können uns am Ende darüber freuen, dass wir ein Randbild haben, während Mel Ferrer „nur“ das ikonische Bild hat, das ja schon hinlänglich bekannt ist. Unser Randbild hat immerhin noch das Potenzial, entdeckt und berühmt zu werden. Wertvoll sind am Ende alle beide.

Literatur:

Karl Hofer: Faszination Pressefotografie. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2001.

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