An der Grenze zum Plagiat? Meyers Grosser Handatlas

Der Grosse Hand-Atlas über alle Theile der Erde in 170 Karten ist nicht unbedingt das bekannteste Werk, das Carl Joseph Meyer (09.05.1796 – 27.06.1856) herausgebracht hat – das Grosse Konversationslexikon oder Meyers Universum zählen hier zu den bekanntesten und bedeutendsten Werken –, aber der zur damaligen Zeit wohl umfangreichste Weltatlas aktueller Karten bietet einige interessante Eigenheiten.

So beispielsweise, dass ohne den Einfluss seines Sohnes Herrmann Julius (04.04.1826 – 12.03.1909) vermutlich weder der Grosse Handatlas noch das Konversationslexikon je erschienen wären: Einerseits bewog erst die Geburt des Sohnes Joseph Meyer zur Gründung des Verlags „Bibliographisches Instituts“ am 1. August 1826, in welchem seine Werke dann erschienen. Andererseits übernahm Herrmann Julius nach seiner Rückkehr aus den USA und dem Tod des Vaters im Jahre 1856 den Verlag und stellte dann die Vervollständigung des Atlas sicher.

Wie für Atlanten durchaus üblich erfolgte die Publikation in Einzelblättern, die Bindung wurde also den Privatpersonen überlassen. Der doch sehr lange Publikationszeitraum von 18 Jahren (1843-1860) führte aber dazu, dass viele der Grossen Handatlanten unvollständig blieben.

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Abb. 1: Geognostische Karte von Central- und West-Europa (Tafel 29)

Der Atlas umfasst – sofern vollständig – nebst Landeskarten aus allen Teilen der Welt (davon drei geologische Karten) auch 24 detaillierte Stadtpläne und eine etwas speziellere Abbildung zur „Botanischen Geographie“. Diese Abbildung stellt eigentlich eine „Geographie der Pflanzen in den Tropen-Ländern“ dar, oder etwas genauer eine Übersicht welche Pflanzen in welcher Höhe der Anden vorkommen, und stammt ursprünglich aus Alexander von Humboldts „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ ([1807]). Die Abbildung fand dann in einer abgewandelten Form Eingang in den „General Atlas of the World“ (1854) von Adam und Charles Black, und gelangte dann – mit Ausnahme sprachlicher Anpassungen quasi unverändert – in Meyers Handatlas.

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Abb. 2: Botanische Geographie (Tafel 16)

Thematisch steht die Abbildung im Rahmen des Grossen Handatlas etwas isoliert, aber sie verweist auf eine weitere Eigenheit des Werkes: So wurden auch weitere Karten praktisch unverändert aus anderen Werken übernommen. Nachweislich sind bspw. ein Grossteil der Amerikakarten aus Tanner’s Universal Atlas (1836) “abgekupfert”. Dies dürfte aber Joseph Meyer beim Start des Projektes 1843 nicht allzu sehr beunruhigt haben, nahm er es doch auch bei anderen Produkten seines Verlags mit rechtlichen Ansprüchen und der wissenschaftlichen Akribie nicht immer genau. Gerüchten zufolge wurde er deshalb 1828 aus Gotha vertrieben und betrieb den Verlag dann in Hildburghausen. Im Zusammenspiel mit einer ungewöhnlichen Vermarktung der Produkte – als einer der ersten Verleger in Deutschland verkaufte Meyer seine Bücher über das Subskriptionsverfahren –, günstigen Preisen und hohen Auflagen avancierte der Verlag so nach seiner Gründung innert Kürze zu einer wesentlichen Grösse am Markt und ermöglichte eben auch langfristige Publikationen wie der Lexika und des Grossen Handatlas über alle Theile der Erde. Hohe Auflagen bedingen aber entsprechende technische Voraussetzungen, welche Meyer mit der Verwendung von Stahl- anstelle von Kupferstichen für die Kartenherstellung löste – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als einziger Verleger der Region. Da Stahlstiche keine Berichtigungen erlauben, vermutete bereits Adolf Stieler 1834, dass Meyer sich an fremden Material bediene. Fehlende Nachweise zum Ursprung der Karten im Grossen Handatlas führen die Arbeiten so an die Grenze zum Plagiat. Fairerweise muss aber bemerkt werden, dass sich auch in Stielers Handatlas Karten ohne korrekte Nachweise finden lassen.

Mit Abschluss der von seinem Vater übernommenen Unternehmungen hielt sich dann Herrmann Meyer bei künftigen Publikationen aber stärker an die geltenden Urheberrechte. Um sich endgültig vom Stigma der “Nachdruckerei” zu lösen verlegte Herrmann Meyer den Sitz des Verlags 1874 schliesslich nach Leipzig.

 

Literatur:

  • Behrmann, Walter (1963): 135 Jahre Kartographie im Bibliographischen Institut. Mannheim: Bibliographisches Institut.
  • Hohlfeld, Johannes. (1926): Das Bibliographische Institut: Festschrift zu seiner Jahrhundertfeier. Leipzig: Bibliographisches Institut.
  • Köhler, Franz (1987): Gothaer Wege in Geographie und Kartographie. Gotha: Haack.

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