“Die kokette Physikerin”: Die Montgolfière als skurrile Modeerscheinung

An der letztjährigen Abendführung hatte sich das Team Alte und Seltene Drucke mit den technischen Entwicklung in der Fortbewegung von Reisenden befasst. Getrieben von der Neugierde wurden zuerst zu Fuss, später mit dem Gespannwagen, dem Heissluftballon oder dem Zug immer schneller immer weitere Strecken zurückgelegt.

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Abb. 1: Der Start der Montgolfière “La Gustave” am 4. Juni 1784 in Lyon.

Wir erlauben uns hier das Thema noch einmal aufzugreifen und einen interessanten Nebenaspekt in aller Kürze zu betrachten, nämlich wie zeitgenössische Mode durch solch technische Neuerungen beeinflusst werden konnte. So geschah es, dass Ende des 18. Jahrhunderts ein regelrechter “Hype” um die Ballonfahrt entstand, welcher sich in alle Lebensbereiche ausbreitete. Natürlich blieb auch die Mode nicht verschont, und so sah man “les grand et le peuple” mit Luftfahrt-inspirierter Kleidung durch die Strassen wandeln. Der Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin füllten gar gewisse Kleidungsstücke mit Heissluft oder Gas, um der Silhouette einer Montgolfière möglichst nahe zu kommen oder sie wenigstens aufzugreifen…

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 Abb. 2: Zeichnungen eines männlichen und eines weiblichen Physikers mit gas- oder luftgefüllten Kleidungsstücken

Gewiss sind diese Karikaturen der “koketten Physikerin” oder des “Kleinen Meister-Physikers” überspitzt gezeichnet und dienen der Belustigung. Aber wie jede gute Karikatur spiegeln auch diese in ihrem Kern die Realität wider: So sah man ab 1783 durchaus Damen mit Kopfbedeckungen “à la Montgolfier” oder “à l’Air inflammable”, die Herren trugen bestickte Vesten “au ballon” und der Adel feine Handschuhen, bestickt mit Motiven der ersten bemannten Ballonfahrten. Hinzu kamen diverse Accessoires wie geprägte Schnupftabakdosen oder Säbelgriffe sowie Broschen und Taschen welche mit Motiven der Montgolfière oder anderen Luftfahrt-Elementen versehen wurden. Auch wenn die Kleidung wohl nicht wirklich mit Gas gefüllt wurde, so führte die Begeisterung um die Luftfahrt auch so zu heute eher skurril anmutenden Modeerscheinungen.

 

Abbildungen aus dem ersten Band der Histoire des ballons et des aéronautes célèbres von Gaston Tissandier.

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