Willkommen auf einer Reise in die Vergangenheit: 1835 mit Arnold Escher am Parpaner Rothorn und im Oberengadin

Es sind einmalige Zeichnungen und Briefe sowie geologische Tagebücher, die im Nachlass des bedeutenden Schweizer Geologen Arnold Escher liegen. Die Zeichnungen und der umfangreiche Bestand wissenschaftlicher Briefe sind digital öffentlich zugänglich auf www.e-manuscripta.ch.

Sie bilden einen der Schwerpunkte dieser neuen kooperativen Plattform, über die die Zentralbibliothek Zürich, die Universitätsbibliothek Basel und die ETH-Bibliothek ausgewählte digitalisierte Archivbestände präsentieren. Das online verfügbare Material lädt dazu ein, in die Vergangenheit zu reisen und den Spuren Arnold Eschers zu folgen.

“… bis hinauf zu den höchsten schroffen Pyramidenfelsen des Piz de Graves …“. Zeichnung von Arnold Escher vom 31.8.1835: Ansicht der Gebirge nordwestlich des Silsersees von der Anhöhe ob Isola, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:436, doi: 10.7891/e-manuscripta-3165

Es ist Hochsommer. Wir beginnen unsere Reise am 12. August 1835 und wählen eine Route, auf der man von Chur nach Parpan aufsteigt, später auf geologisch sinnvollem Weg Täler und Pässe bis nach Sondrio im Veltlin quert, über den Murettopass den Malojapass erreicht und hinab nach Sils gelangt, sowie weitere Stationen anvisiert. Am Dienstagabend trifft Bernhard Studer, Professor für Geologie in Bern, in Zürich ein, um Arnold Escher „zur Reise nach Bündten“ abzuholen. Der junge Geologe Arnold Escher von der Linth wird zusammen mit Bernhard Studer einen Monat lang durch Graubünden wandern und die geologischen Verhältnisse studieren. Bernhard Studer hat Arnold Escher am 27. Juni sein Vorhaben ausgeführt. Arnold Escher solle ihn begleiten: „Sie sehen, wie nothwendig da Ihre kunstfertige Hand wäre, wie schade, wenn diese merkwürdigen Gegenden durch meine Pfuscharbeiten entstellt würden.“ (Hs 4:1697, doi: 10.7891/e-manuscripta-8906). Ende Juli muss Studer nachdoppeln: „Schütteln Sie ja alles ab, um diese Reise möglich zu machen.“ (Hs 4:1698, doi: 10.7891/e-manuscripta-9213) Arnold Escher war im Jahr zuvor Privatdozent für Mineralogie und Geologie an der neu gegründeten Universität Zürich geworden. Während seiner Exkursionen fertigt er Notizen zum Reiseverlauf und zu den vor Ort gewonnenen geologischen Erkenntnissen an. Die an Ort ausgewählten und mitgenommenen geologischen Handproben hält er ebenfalls als Randnotizen fest.

Der Postwagen bringt die zwei Reisenden nach Chur. Später nehmen sie die Strasse in Angriff, die über „Churwalden und Parpan nach Tiefenkasten führt“. Arnold Escher notiert: „In Parpan besuchte ich sogleich Herrn Hauptmann Perini, welcher sogleich sein Möglichstes that, mir einen guten Träger zu verschaffen, indem der in Chur angenommene bereits ganz marode war. Da er aber einen solchen nicht vor dem Abend verschaffen konnte, so beschlossen wir den Tag zu einer Excursion aufs nahe liegende Rothorn zu verwenden.

In aller Eile zeichnete ich von einem nahe liegenden Hügel die Ansicht der Rothornkette deren südlichster Stock das Lenzerhorn ist. An diesem sah man jetzt bei günstiger Beleuchtung sehr deutlich die im vorigen Jahr von Herrn Studer zuerst beobachtete Auflagerung des Hornblendgesteins der Rothornkette auf Kalkstein. – V[ide]. d. Skizze.“

Ausschnitt aus der Skizze der Rothornkette: Parpaner Rothorn und Lenzerhorn, 14.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:398, doi: 10.7891/e-manuscripta-3419

Diese Ansicht ist auch auf der folgenden, nicht weiter datierten Zeichnung zu sehen.

Ansicht der Rothornkette von Parpan aus, ohne Datum, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:399, doi: 10.7891/e-manuscripta-3486

Die erste Arbeit noch in Parpan ist getan, nun steht der zusätzlichen Exkursion am Rothorn nichts mehr im Wege. Nachdem die Reisegruppe bereits bedeutend an Höhe gewonnen hat, muss der Rückzug beschlossen werden, angesichts des abschüssigen Geländes und zahlreichen Nebeln auf Gipfelhöhe. Auch so können geologische Überlegungen angestellt werden. Die Untersuchung wird nun auf die Flanken des Weisshorns und des Schwarzhorns ausgedehnt. „Bei heransinkender Dämmerung stiegen wir fortwährend über Alpweiden wieder nach Parpan hinunter.“

Die folgende Zeichnung ist wohl ebenfalls am 14. August oder dann am 15. August entworfen worden, die originale Datierung ist nicht eindeutig.

Ansicht der Kette des Rothorns ob Parpan, 14. oder 15. August 1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:397, doi: 10.7891/e-manuscripta-3463

Am Morgen des 15. August stösst ein neuer Träger zur Reisegruppe, die über den Einschnitt des Grats zwischen Rothorn und Weisshorn ins Arosertal weiter will. Nach dem anstrengenden Aufstieg wird pausiert. Arnold Escher notiert: „Steil stiegen wir dann aus diesem Thälchen über ähnlichen Kalkstein und in Mergelschiefer übergehenden Thonschiefer zu dem Einschnitt des Grates hin auf, welcher zwischen den Kuppen des Rothorns und Weisshorns liegt… Die Rastzeit benutzte ich, um einige Theile der Aussicht zu entwerfen.“

Vom Passe zwischen Parpaner Weiss- und Rothorn gegen das Arosatal, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:396, doi:10.7891/e-manuscripta-3437

Auf dem Pass ist die Sicht auf die Bergketten nur ganz ferne von etwas Wolken getrübt, sonst zeigen sich in beide Richtung wunderschöne Panoramen, die Arnold Escher zeichnet und im Tagebuch beschreibt.

Hoch ob Parpan vom Abhang des Rothorns gegen Westen, August 1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:406, doi: 10.7891/e-manuscripta-3052

Die Reisegruppe macht sich auf den Weg nach Arosa. Der Abstieg führt über Halden und Abhänge hinunter zu den Seen im Arosertal.

Ob dem obersten Arosa-See gegen den Talhintergrund des Arosa-Thals. „Standpunkt weiter thalaufwärts als bei der grossen Skizze”, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:394, doi: 10.7891/e-manuscripta-3483

Der Marsch talwärts geht weiter, eine nächste, grosse Skizze entsteht, mit noch einmal Blick zurück zum eben bewältigten Pass.

Oberhalb dem obersten Arosa-See gegen den Talhintergrund, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:395, doi: 10.7891/e-manuscripta-3117

 Endlich in Arosa angelangt, treffen die Forscher dort in den Häusern keinen Menschen an. „Alle waren ausgezogen, die Heuernte zu besorgen und schienen nicht die geringste Lust zu haben, sich um uns zu bekümmern. Unter einem Vordach verzehrten wir indess behaglich den Rest unserer Lebensmittel.“

Von Arosa gegen Westen, Teufbodenalp, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:392a, doi: 10.7891/e-manuscripta-3261

Von Arosa gegen NE an die Kette zwischen Arosa u. Davos, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:393, doi 10.7891/e-manuscripta-3002

Die letzte Wegstrecke des Tages führt wohl ober übel bis nach Langwies. Auf einen Streifzug Richtung Tschiertschen, zu dem die Berg- und Felsrücken einladen, wird verzichtet und entschieden, mehr oder weniger direkt nach Langwies zu gehen.

„Eine missverstandene Angabe über den Weg liess uns länger am linken Ufer bleiben als wir eigentlich gesollt hätten. Wir erstiegen eine kleine Höhe … und wurden überrascht durch eine schöne Profilansicht der uns gegenüber liegenden Felswand. Vide die Skizze“. Im Tagebuch ist zudem notiert: „An den höheren Theilen des Abhangs dagegen ragten zwischen der Waldung wieder bedeutende Massen von hellfarbigem Kalkstein aus.” Vermutlich ist das folgende Bild die beschriebene Skizze, vielleicht ist es auch zusätzlich entstanden.

Am Auslauf des Arosatals gegen das Schanfigg, 15.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:392b, doi: 10.7891/e-manuscripta-2791

„Sehr zufrieden mit diesen kleinen Umwegen stiegen wir wieder zum Bach hinunter“. Bald darauf ist das Dorf Langwies erreicht. Die Forscher finden „bei dem 70jährigen, sehr gefälligen Junker Daniel Bellizzari, Landammann, sehr wohl wollende Aufnahme“. Tags darauf muss Arnold Escher heftigen Regen vermerken, „so dass wir keinen Schritt aus dem Zimmer thaten. Zeichnen.“

Das noch bis Mitte September geplante Exkursionsprogramm ist anspruchsvoll – die Reise führt bis zum 12. September über nicht wenige Stationen weiter, die in gleicher Weise dokumentiert sind. Allein die klein gehaltene Reinschrift der Reisebeschreibung, die im Tagebuch II (Hs 4a:245) eingebunden ist und aus dem die Zitate entnommen sind (S. 88, 91, 95f, 100, 102f, 150f), umfasst für diese Bündner Exkursion hundert Seiten.

Als Abschluss dieser Schilderung hier treffen wir die Reisegruppe wieder, als sie von Maloja her kommt. Gerade wird die Ankunft in Sils eingetragen, am 30. August 1835, „bei eingebrochener Nacht“, zur Unterkunft „bei der Casa, die bereits seit mehr als 200 Jahre Eigenthum derselben Bündtner Familie ist, ein gutes, aber klosterartiges Unterkommen.“ Die nächste Zeit ist geologischen Studien des Oberengadins gewidmet. Am 31. August geht es „von Sils quer durch die Ebene des Thales des Inn nach dem unbekannten, aber schönsten Ort des Oberen Engadins, S. Maria. Die ganze Ebene mit Reif bedeckt.“

Es scheint, dass der Zauber der Landschaft an diesem Tag mächtig wirkt. Die weiss bedeckte Höhen und die glänzenden Gletschermassen ziehen die nächsten Stunden alle in Bann.

Für die bereits zu Beginn angeführte Zeichnung für das nordwestliche Ufer des Silsersees vermerkt Arnold Escher: „Auf den Höhen jenseits des Val d’Isola geniesst man eine ausgezeichnet schöne Übersicht des so merkwürdigen N.W. Ufers des Silsersees bis hinauf zu den höchsten schroffen Pyramidenfelsen des Piz de Graves und der südwestlichen Fortsetzung seines Kammes, die Ober Engadin und Oberhalbstein trennt. Die Zeichnung, die ich dort entwarf, gibt die beste Erläuterung dieser Ansicht“.

Sicht gezeichnet von einer Anhöhe südöstlich ob Isola, mit Kolorierung der Gesteinsarten, 31.8.1835, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4c:436, doi: 10.7891/e-manuscripta-3165

 

 

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