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19.08.2011

Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

 

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 

Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

 

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

 

 

22.07.2011

Von New York ans Zürcher Polytechnikum? 1911 planen die Farbstofflieferanten Klipstein für ihre Söhne das Auslandsemester in Europa

Filed under: Archive und Nachlässe,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 7:32

Brief von Georg Wagner an Robert Gnehm 3.7.1911

Sandoz-Direktionsmitglied Georg Wagner erkundigt sich 1911 beim Schulratspräsidenten Robert Gnehm nach den Studienbedingungen für einen jungen Amerikaner (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/734)

 Vor hundert Jahren interessierte sich der Inhaber der Handelsagentur A. Klipstein & Company aus New York für die Bedingungen und Inhalte des Zürcher Studienlehrgangs in Chemie. Zu dieser Zeit begannen an der ETH jedes Jahr etwa 40 Studierende ein Chemiestudium. Im Wintersemester 1911/12 besuchten insgesamt 183 Studierende den Chemielehrgang, der vier Jahreskurse umfasste. Davon waren knapp die Hälfte Schweizer. 51 Prozent waren Chemiestudierende mit anderer Staatszugehörigkeit, wovon ein Drittel aus den Staaten Österreich-Ungarn, Russland und Frankreich stammte. Ein einziger Chemiestudent reiste zu Beginn des Wintersemesters 1911 vom amerikanischen Kontinent an. Er war einer von 13 Studierenden aus der Neuen Welt, die sich an der ETH eingeschrieben hatten.

Handelsagent A. Klipstein zog 1911 in Betracht, seinem Sohn Studien am Polytechnikum zu ermöglichen. Deshalb liess er seinen Bekannten Georg Wagner am 3. Juli in Zürich sondieren. Wie aus einem späteren Brief an Robert Gnehm vom 20. Juli 1911 hervorgeht, nahm der Sohn Herbert Klipstein im Sommer 1911 bereits am Sommerkurs des Massachusetts Institute of Technology teil. Der Sohn wollte erst später entscheiden, ob nach mindestens einem Jahr Studium am MIT ein Wechsel nach Zürich angebracht wäre. Von einem Chemiestudenten Herbert Klipstein finden sich an der ETH Zürich jedoch keine Spuren. Fest steht, dass ein Herbert C. Klipstein 1916 am Department of Chemical Engineering des MIT seine Schlussarbeit unter dem Titel „The application of the Mendius reaction to the production of ethylene diamine“ verfasst hat. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um den oben aus dem Briefwechsel bekannten Sohn des Unternehmers aus New York.

Die Handelsgesellschaft A. Klipstein & Company handelte mit chemischen Farbstoffen und hatte gemäss Firmenbriefkopf für den Handel mit „anilines, dye stuffs & chemicals“ Niederlassungen in Boston, Philadelphia, Providence, Chicago und in Charlotte, North Carolina. A. Klipstein und sein Geschäftspartner Ernest C. Klipstein verfügten über gute Beziehungen zur Schweiz, insbesondere zur Basler Chemie. Das Handelshaus Klipstein hatte offenbar zu jener Zeit die Vertretung der damaligen Ciba in New York inne. Auch zu Georg Wagner, der seit 1906 Mitglied der Direktion der Chemischen Fabrik Sandoz war, bestanden Verbindungen. A. Klipstein beauftragte 1911 als erstes Wagner, für das aktuelle Unterrichtprogramm der ETH und für detaillierte Informationen bei Robert Gnehm anzufragen, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und damit dem obersten Vorgesetzten des Polytechnikums. Robert Gnehm gehörte als ehemaliger Professor für technische Chemie und als früherer Direktor und Verwaltungsrat der Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel, der späteren Ciba, ebenfalls zum Netzwerk der Chemiker und Wissenschaftsmanager rund um die Basler Chemiebetriebe.

Kaum Dreivierteljahr vergingen, da meldete sich am 11. März 1912 nach A. Klipstein auch Ernest C. Klipstein bei Robert Gnehm. Ernest C. Klipstein war ebenfalls am Ausbildungsangebot in Zürich interessiert, da sein ältester Sohn gerade die Universität in Princeton absolvierte. E. C. Klipstein legte Wert darauf, dass sein Sohn bei seinem akademischen Aufenthalt in Europa eine Ausbildung bei Richard Willstätter erhielt, der seit 1905 Professor für allgemeine Chemie am Polytechnikum war. Das betonte Klipstein in seinem zweiten Brief an Robert Gnehm am 23. April 1912, in dem er bedauerte, dass Willstätter, der einen Ruf nach Berlin angenommen hatte, nicht mehr in Zürich lehrte.  Klipstein machte der Technischen Hochschule in Zürich keine Zusage und erklärte, dass er erst vor Ort entscheiden werde: „I shall probably take the young man with me to Europe some time during the summer, and probably be able to determine on the spot.” Auf eine anschliessende reguläre Einschreibung an der ETH Zürich gibt es keine Hinweise.

Neben der sich damals anbahnenden Umgestaltung der ETH zur modernern Lehr- und Forschungshochschule machte die Anbindung an relevante Wissenschafts- und Industriekreise, in diesem Fall an ein internationales Netzwerk von Chemikern und Farbstoffproduzenten, das Polytechnikum offenbar bereits vor dem ersten Weltkrieg in Unternehmerkreisen jenseits des Atlantiks zu einer ernsthaften Option bei der Planung von akademischen Semestern in Europa.

Links:

Programme der ETH Zürich, als Teil der Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar u.a. in der Kategorie Anhänge in Schulratsprotokolle online

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der Eidgenössischen polytechnischen Schule für 1911

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der der Eidgenössischen Technischen Hochschule für 1911/12

10.06.2011

Hopp de Bäse! – Petitionen der Putzfrauen an der ETH für mehr Lohn

Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor, ETH Chemiegebäude, März 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr 14413-005-AL-34898)

Im März 1917 posiert „Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor“ oder gemäss Beschriftung des anderen Bildes „im oberen Labor“ des ETH Chemiegebäudes vor der Kamera. Sie tut so, als habe sie soeben mit dem langstieligen Gerät eine der Gaslampen angezündet. Gefährlich ist das Hantieren mit Feuer in explosiver Umgebung, sie lässt das Flämmchen des Anzünders nicht aus den Augen. Der schräge Lampenschirm wirft ein schiefes Licht auf die Arbeitsstätte: Ohne fotografische Zusatzbeleuchtung stünde Frau Augsburger im Schatten.

Neuneinhalb Jahre früher hatte sie nicht nur wie immer den Chemiestudierenden ein Licht aufgesteckt, sondern für einmal auch dem obersten Chemiker des Polytechnikums, Robert Gnehm, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und vormaligen Professor für technische Chemie.

 

Petition der Putzerinnen am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich,  7. September 1907 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1907/No.953)

Zusammen mit 30 Kolleginnen ersuchte sie in einem säuberlich getippten Schreiben am 7. September 1907 höflich um Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Die Putzfrauen begründeten ihr Gesuch unter anderem damit, dass sie einerseits in Privathäusern bei vergleichbarer Entschädigung zusätzlich freie Kost erhielten, anderseits die Arbeit am Polytechnikum weit anstrengender sei. Gestützt auf einen Vergleich mit den Arbeitsbedingungen des Reinigungspersonals in anderen öffentlichen Dienststellen beschloss der Schulrat am 27. September 1907, die Arbeitszeit von 10 auf 9 ½ Stunden pro Tag zu senken, nicht aber den Lohn zu erhöhen.

Frau Augsburger lächelt leicht. Während sie stellvertretend für alle Polyputzfrauen sich und ihre Arbeit bildlich ins richtige Licht rückt, fordern 18 Kolleginnen am 3. März 1917 erneut eine sofortige Erhöhung des inzwischen geltenden Halbtaglohns von Franken 2.60 auf Franken 2.80 und des Ganztaglohns von Franken 4.50 auf Franken 6.00 mit dem Hinweis auf „die gegenwärtige herrschende teure Lebenshaltung“ und angesichts „der allgemeinen Notlage des Dienst und Putzpersonals.“ 

Petition des Putzpersonals an der ETH, 3. März 1917 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1917/No.267)  

Das karierte, mit gleichmässiger Handschrift beschriebene Blatt geht zwei Tage später bei der Schulratskanzlei ein. Eine fremde Hand, vermutlich die des Schulratspräsidenten persönlich, notiert unter die geforderten Lohnansätze „2.65“ und „5.-“ sowie am unteren Blattrand „Kanton 50 Rp. pro Stunde ohne Teuerungszulage“. Der Präsident – es ist immer noch Robert Gnehm – fackelt diesmal nicht lange und verfügt schon am 10. März 1917: „Den Putzerinnen in den Gebäuden der E.T.H. wird vom 11. März 1917 an der Taglohn auf 5 ½ Fr. und der Halbtaglohn auf 2 Fr. 80 erhöht.“ Für einen kurzen Moment hat Frau Augsburger gut lächeln.

Im vierten Jahr des Weltkrieges geriet die Schweiz in eine schwere Versorgungskrise. Drohende Hungersnot, anhaltende massive Teuerung für lebensnotwendige Güter aller Art, sich verschärfende soziale Ungleichheiten führten 1917/1918 zu politischen Unruhen im Land. 

Verein der Wasch- und Putzfrauen Zürich, Frau Keller, Vereinspräsidentin, 7. April 1818 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1918/No.353)

Der Umgangston mit den Obrigkeiten wurde gereizt. In einem geharnischten Brief vom 7. April 1918 auf hochrechteckkariertem Papier, der bevorzugten Unterlage für Haushaltrechnungen, Buchhaltungen und andere Rechenaufgaben, bezichtigte die Präsidentin des Vereins der Wasch- und Putzfrauen Zürich die ETH der Lohndrückerei, verlangte Nachzahlungen für die Putzfrauen und drohte mit künftigem Boykott sowie offener Anklage in der Parteipresse.

Frau Augsburger war das Lächeln wohl vergangen.

Am 10. Juni 1918 zogen Arbeiterinnen zu einer Hungerdemonstration vor das Zürcher Rathaus. Mitte November 1918 kam es zum landesweiten Generalstreik, organisiert von Gewerkschaften und Sozialdemokratie. An zweiter Stelle der neun Streikforderungen – darunter sichere Lebensmittelversorgung, 48 Stunden Arbeitswoche, Alters- und Hinterbliebenenversicherung – stand die politische Gleichberechtigung der Frauen.

Deren Einführung erlebten erst Frau Augsburgers Töchter in fortgeschrittenem Alter. Die generelle verfassungsrechtliche und gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann zu fordern, wäre der mehrheitlich männlichen Streikführung nicht einmal im Albtraum eingefallen. Eine Mehrheit von Frau Augsburgers Enkelinnen setzte sie Jahrzehnte später durch. Um gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit in der wirtschaftlichen Realität kämpfen Frau Augsburgers Urenkelinnen immer noch.

Anmerkungen

- Gaslampen: Bereits am 25. Januar 1901 erhielt der Vorstand des technisch chemischen Laboratoriums die Ermächtigung zur Beschaffung eines Elektromotors und der nötigen Stromzufuhr aus dem städtischen Leitungsnetz. Bis 1917 dürfte somit die Beleuchtung längst auf elektrisches Licht umgestellt gewesen sein. ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2:Präsidialverfügungen1901, Präsidialverfügung Nr. 41 vom 25.01.1901 )

- Beschluss des Schulrates zur Putzfrauenpetition 1907 ( ETH-Bibliothek, Archive SR2: Schulratsprotokolle 1907, Sitzung Nr. 8 vom 27.09.1907, § 110 )

- Präsidialverfügung zur Putzfrauenpetition 1917 ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2: Präsidialverfügungen 1917, Präsidialverfügung Nr. 87 vom 10.03.1917 )

06.06.2011

Das rote Buch vor dem Roten Buch: Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961)

Filed under: Alte Drucke,Archive und Nachlässe — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 6:00

 

ETHBib_Rar_1486

C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Leipzig/Wien 1911-1912 (ETH-Bibliothek: Rar 1486)

 

Das sogenannte Rote Buch, das in rotes Leder gebundene Dokument des langjährigen privaten Selbstfindungsprozesses von Carl Gustav Jung nach einer Reihe beruflicher und persönlicher Brüche wie der Entfremdung von seinem Lehrer Sigmund Freud (1856-1939), war bis zur Publikation im Herbst 2009 nicht öffentlich zugänglich.

Die Abkehr von der Freudschen Psychoanalyse markierte Jung hingegen nachlesbar sowohl für die Fachwelt wie auch ein weiteres interessiertes Publikum mit seinem Werk „Wandlungen und Symbole der Libido. Entwicklungsgeschichte des Denkens“, das in zwei Teilen 1911 und 1912 im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“ erschien.

Einen Sonderabdruck des ersten Teils mit der handschriftlichen Widmung auf dem Titelblatt „In freundschaftlicher Verehrung vom Verf.“ überreichte Jung seiner engen Mitarbeiterin Toni Wolff (1888-1953), die bei der Edition mitgewirkt hatte. Den Sonderabdruck des zweiten Teils beschriftete er im folgenden Jahr „mit herzlichem Grusse und bestem Dank Der Verf.“

Die beiden Teile wurden zu einem Halbpergamentband mit schwarzem Lederpapier überzogenen Buchdeckeln vereinigt, Deckel und Buchblock mit rotem Vorsatz verbunden. Auf den vorderen Innendeckel kam das Exlibris von Toni Wolff mit dem seitenverkehrten Wappen des Zürcher Geschlechtes Wolff. Die Farbwahl für den Einband und besonders für das Vorsatz war bei einem Werk wie diesem wohl kaum zufällig und nicht allein dem optischen Reiz verpflichtet. Dem Bestreben, das ursprünglich schlichte Äussere der Sonderabdrucke prächtiger auszustaffieren, ihrem emotionalen Wert für den Autor und für die Beschenkte angemessen, fielen allerdings die handschriftlichen Widmungen zum Opfer. Beim Begradigen des Buchblocks mit der Schneidmaschine wurden die Oberlängen mancher Buchstaben beschnitten und damit das ästhetische Gesamtbild der Titelblätter beeinträchtigt. Der üppigen Symbolik der Gabe dürfte dies weniger geschadet als sie vielmehr um eine weitere Deutungsmöglichkeit angereichert haben.

 Toni Wolff gab das einmalige Stück später an Jungs Zahnarzt Siegmund Hurwitz (1904-1994) weiter, der von Jung und ihr selber sowie Marie-Louise von Franz (1915-1998) zum analytischen Psychologen ausgebildet worden war und sich mit jüdischer Mystik befasste. Hurwitz schenkte den Band 1982 zusammen mit Originalbriefen von Jung an ihn und seine Gattin der ETH-Bibliothek.

Hier wird das Buch, dem beim Blättern immer noch ein Hauch Zigarettenrauch der früheren nikotingewohnten Besitzerin entströmt, in der Spezialsammlung „Alte Drucke“ aufbewahrt. Die Briefe von Jung an Siegmund Hurwitz und seine Frau Lena Hurwitz-Eisner (gestorben 1965), Mitherausgeberin der Gesammelten Werke C.G. Jungs, befinden sich in den Beständen der „Archive und Nachlässe“. Die „Archive und Nachlässe“ betreuen auch den testamentarisch der ETH Zürich vermachten wissenschaftlichen Nachlass von C.G. Jung, der von 1933 bis 1941 als Privatdozent und Titularprofessor Psychologie an der Hochschule lehrte und 1955 zu deren Ehrendoktor ernannt wurde.

27.05.2011

Aller guten Dinge sind drei: Die aktuelle Silbermedaille der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Kunstgeschichte — Tags: — Marion Wullschleger @ 8:30

Nachdem sich die Entstehungsgeschichten der ersten Silbermedaille der ETH Zürich (1869) und der zweiten Silbermedaille (1955) in die Länge gezogen hatten, verlief die Geburt der dritten Silbermedaille geradezu rasant.

Im Vorfeld des 125-Jahr-Jubiläums wollte der damalige Präsident der ETH Zürich Prof. Heinrich Ursprung die alte, ihm unzeitgemäss erscheinende Preismedaille ablösen und wandte sich mit diesem Auftrag 1979 direkt an den Schweizer Kunstmaler und Bildhauer Hans Erni. Die Medaille sollte thematisch zum Motto des Jubiläumsjahrs 1980 passen: „Technik wozu und wohin?“ 

 

 

Signatur: ETH-Bibliothek, Archive, Med. 203, Silbermedaille der ETH Zürich von 1980

Die von Erni gestaltete Medaille ist nicht ganz kreisrund und zeigt auf der einen Seite als Allegorie auf die Kreativität einen Mann, der die Befruchtung einer Eizelle durch Spermien verfolgt. Ganz unten sieht man die Signatur Hans Ernis mit der Jahreszahl  `80.

 

Auf der anderen Seite findet sich der Schriftzug „ETH Zürich“ über einem Schweizer Kreuz, das in eine abstrakte Topographie der Alpen eingebettet ist. Auf dieser Seite wird der Name des Preisträgers oder der Preisträgerin eingraviert.

Die erste Verleihung der neuen Medaille fand am ETH-Tag (28. November) 1980 statt. Noch heute werden herausragende Diplom-, Master- und Doktorarbeiten mit dieser Medaille prämiert.

Die Medaillensammlung der Archive & Nachlässe der ETH-Bibliothek ist durchsuchbar im Wissensportal der ETH-Bibliothek sowie in der Archivdatenbank online

 

26.04.2011

in regard of the admission … vorsichtige Balance bei der Erleichterung des Studienzugangs zum eidgenössischen Polytechnikum 1911

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 15:20

 

Vor hundert Jahren kam es an der ETH Zürich zur Prüfung der Frage, ob Reifezeugnisse aus Oxford und Cambridge anerkannt werden sollten (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/265)

Anfang 1911 sandte das eidgenössische Departement des Innern eine Anregung der britischen Gesandtschaft in Bern an die damalige ETH in Zürich. Dem Bundesrat war die Anfrage vorgelegt worden, ob nicht die in Oxford und Cambridge ausgestellten Zeugnisse über höhere Vorbildung den schweizerischen Maturitätszeugnissen gleich gestellt werden könnten.

Aus England wurde damit Interesse bekundet, den eigenen Absolventen mit Higher Certificate aus Oxford und Cambridge leichter Zugang zum Studium am eidgenössischen Polytechnikum zu ermöglichen, da ohne anerkanntes schweizerisches Maturitätszeugnis Aufnahmeprüfungen abgelegt werden mussten, deren neuste Reglementierung von 1908 stammte.

Der Schweizerische Schulrat prüfte die Eingabe und stattete am 22. April 1911 dem eidgenössischen Departement Bericht ab. In einem detaillierten Vergleich ging er die Fächer hinsichtlich nötiger und erreichter Fertigkeiten durch und stützte sich dabei auf das eigene Aufnahmeregulativ von 1908 und auf die aus England zur Verfügung gestellten Unterlagen. Nicht für jedes Fach kam er zu einem so eindeutigen Schluss wie bei „Natural Philosophy“, der theoretischen Naturwissenschaft, insbesondere Physik. „Genügende Noten… können als vollständiges Äquivalent der Aufnahmeprüfungen … in Physik und Chemie angesehen werden.“

Insgesamt ergebe sich aber, dass die Higher Certificates nicht in allen Fächern ausreichten. Die Kandidaten müssten die Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Französisch, Zeichnen (insbesondere technisches Zeichnen) und in darstellender Geometrie absolvieren oder „einen anderweitigen genügenden Ausweis“ vorlegen.

Der Bericht, der im Entwurf von Carl Friedrich Geiser verfasst wurde, schliesst mit Szenarien für die Zukunft. Wie „die grössere Zahl sehr tüchtiger französischer Studierender“ am Polytechnikum, die „seit den Beziehungen, die in den 1880er Jahren mit den französischen Unterrichtsbehörden angeknüpft wurden“, ihren Weg nach Zürich gefunden hatten, ist „das Wertvollste, was man erhoffen darf, dass mit der Zeit eine grössere Anzahl junger, gut vorgebildeter Engländer ihre Studien am eidg. Polytechnikum machen werden“. Und natürlich sollten in Zukunft die Diplome des Polytechnikums den Zugang zum mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht in Oxford und Cambridge ohne Prüfung und ohne formales Hindernis ermöglichen. Die Anerkennung der Maturitätszeugnisse der sogenannten Vertragsschulen des Polytechnikums bei den englischen Partneruniversitäten, und zwar in einem identischen Umfang, wie ihnen aus der Schweiz vorgeschlagen, könnte ebenfalls erstrebenswert sein, war eine letzte Bemerkung.

Dieses Anliegen fand in England Gehör. Der Beschluss über die Behandlung der Studierenden mit schweizerischen Maturitätszeugnissen seitens Oxford und Cambridge wurde der Schulleitung in Zürich in zwei freundlichen Schreiben 1912 respektive 1913 mitgeteilt. Die genauen Formulierungen über die Befreiung von Prüfungen je nach Schultypus wurde 1913 direkt ins Protokoll des Schweizerischen Schulrats aufgenommen und die Mitteilung dem Prüfungssekretariat in Oxford verdankt.

Links:

Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar in Schulratsprotokolle online

Eintrag des Wortlauts in den Schulratsprotokollen 1913: Schulratsprotokolle Online: ETH-Bibliothek, Archive, SR2: SR2: Präsidialverfügungen 1913, Präsidialverfügung Nr. 92 vom 18.03.1913

01.04.2011

Der Zauberlehrling: Version von Leopold Ruzicka

 

Erste Seite des Briefes 7. Dezember 1906 von Leopold Ruzicka, Chemiestudent an der TU Karlsruhe, später Professor für Chemie an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger (ETH-Bibliothek, Archive, Hs prov: Ruzicka)

 

Wozu ein Arbeitskittel? Womöglich weiss, Flecken darauf besonders gut sichtbar, resistent gegen Lauge und Waschbrett. Wer würde den Schmutzfänger reinigen? Welche Arbeit, welche Kosten!  Konnte der Sohn im fernen Karlsruhe nicht achtgeben auf seine Kleidung, statt das karge Studiengeld zu verschwenden für eine Anschaffung von zweifelhafter Zweckmässigkeit?

Im Gegenteil, sogar eine teure Massanfertigung aus bestem Gewebe musste unbedingt her! Der Sohn antwortete nach Hause in die Stadt Ossijek, gelegen im altösterreichischen Kroatien:

Karlsruhe, 7.12.1906

Liebe Mutter!

Geld, Karte erhalten (natürlich dankend). Das Geld habe ich erst den 5. abgeholt. Gib mir acht, dass der arme Franzek – mein seliger Bruder (er möge sich unter Entwicklung von wenigstens 100.000 cal Wärmemenge zu H2O, CO2 usw. zersetzen!) nicht noch vielleicht dienen muss.

Hier ist die Witterung grausslich. Immer Regen. So schöne Herbsttage wie bei uns gibt es hier nicht. Malog furtimaša pozdravi od mene  <grüss den kleinen Anhänger der Klerikalpartei von mir>. Dem Duđić wünsche ich, dass er bald herausskommt.

Einen Arbeitskittel werde ich mir nicht kaufen, sondern die Hausfrau wird mir einen von guten Stoff machen. Ich finde es für lächerlich, wenn Du schreibst, dass es nicht nötig (!) sei, dass ich mich einschmiere, da du doch nicht gesehen hast, wie es in einem Lab. zugeht. Alles ist schmierig, so dass man sich schon so den Anzug ganz ruinieren würde. Und dann erst wenn man was kocht und die Geschichte spritzt usw.

Von den Wiener Kollegen habe ich schon 2 Karten bekommen. Sie haben sicher auch so viel zu lernen als ich, davon bin ich überzeugt, sie lernen vielleicht auch und so müssen sie sich doch ein bischen amüsieren.

Heute haben wir keine “Schule” (da se izrazim onako po srednjoškolski  <um mich wie ein Mittelschüler auszudrücken> ), da der Bruder des Grossherzoges, der Hochselige Prinz Soundso, beerdigt wird. Diese Woche habe wieder jeden Tag eine Analyse gemacht. In der letzten habe gar 9 “Geschichten” gehabt: Chlorid, Schwefelwasserstoff, Sulfid, Polysulfid, Sulfat, Thiosulfat, Natrium, Kalium, Ammonium.

Vorgestern ist mir ein Gemisch von Schwefelkohlenstoff, Jod und konzentrierte Schwefelsäure ins Gesicht explodiert, es war jedoch nicht gefärlich, denn ich habe die Schwefelsäure gleich mit Ammoniak zu Ammoniumsulfat und Wasser reduziert [H2 SO4 + 2N H4OH = (NH4)2 SO4 + 2 H2O].

Vor einigen Wochen wieder bin ich mit starker Natronlauge (Na OH) auf die Zunge gekommen, hätte mir die Zunge aufgefressen, wenn ich sie nicht mit Salzsäure (H Cl) zu Kochsalz und Wasser reduzierte [Na OH + H Cl = Na Cl + H2O]. So macht man mit einer Giftigkeit die andere hin. Übrigens brauchst Dich nicht vielleicht fürchten, dass mir was passieren könnte, denn unser Laborator-Vorstand Steinkopf ist ein Spezialist für Giftigkeiten.

Auch sonst gehts hier sehr “gefärhlich” zu. Im Keller unten studiert einer Sprengstoffe, da krachts den ganzen Tag. Der Mensch wäre in Russland schon längst standrechtlich erschossen worden.

Fer…nić  <?>  fahrt jetzt nach Hause zu einer Hochzeit. Stefi wird die Karten von ihm bekommen, bis er zurückkehrt (Ende Jänner). Von Benjamin habe ich auch schon 2 Karten bekommen.

Vor Weihnachten werde der Paulitant  <österreichische Ausdrucksweise für Tante Paula>  noch schreiben.

Herzlichen Gruss an Euch alle sowie an alle Bekannte

L.R.

Der Brief gibt nicht nur Einblick in das praktische Chemiestudium  anfangs des 20. Jahrhunderts. Leopold Ruzicka (1887-1976), neunzehnjähriger Studienanfänger an der Technischen Universität Karlsruhe, später Professor an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger, war ins Spannungsfeld der unterschiedlichen Wirkungsbereiche und Rollen geraten, welche die bürgerliche Gesellschaft damals den beiden Geschlechtern zuwies:

Einerseits war da die Welt seiner Kindheit im weiblichen Einflussbereich der tüchtigen Hausfrau und fürsorglichen Mutter Amalija Ruzicka-Severt (1860-1815). Früh verwitwet vermochte sie trotz hinterlassenen Schulden ihres Gatten mit Hilfe einer Versicherungssumme, Unterstützung von Verwandten und dank Sparsamkeit ihre zwei Söhne grosszuziehen.

Unbekümmert um Existenzsorgen hatte sich anderseits der junge Leopold Ruzicka in die Welt der erwachsenen Männer aufgemacht, in die der chemischen Wissenschaft voller Abenteuer und Gefahren, die es heldenhaft – mannhaft eben – zu bestehen galt. Das aber gelang nur mit der bestmöglichen Ausrüstung, die ihn zugleich als Mitglied der neuen Welt auswies. Mit unverständlichen Formeln, fremd klingenden Begriffen führte er der Mutter ihre Inkompetenz in dem ihr nicht zustehenden männlichen Wirkungsfeld vor Augen und wies ihre Einmischung zurück. Gleichzeitig blieb er dennoch ganz der kleine Sohn, der damit prahlte, was er schon alles gelernt hatte, und dafür von Mama – ihrer Mutterrolle angemessen –gelobt und bewundert werden wollte. Allerdings konnte die drastische Beschreibung souverän gemeisterter gefährlicher Situationen auch mütterliche Ängste wecken und damit weitere Bevormundungsversuche provozieren. Also gestand er umgehend ein, dass ein Kindermädchen in Gestalt des erfahrenen Praktikumsassistenten Dr. Wilhelm Steinkopf (1879-1949) die Anfänger vor dem Schlimmsten bewahrte.

Damit wird auch die andere Seite der Sohnesrolle sichtbar, nicht nur die egoistische, sondern auch die verständnisvoll um die mütterliche Befindlichkeit bemühte. Obwohl Ruzicka in eine andere Lebenswelt aufgebrochen war, blieb er derjenigen seiner Kindheit verbunden, war er weiterhin interessiert am politischen Geschehen in seiner Heimat und am Alltag seiner Mutter, nahm er Anteil am Schicksal gemeinsamer Bekannter und Verwandter, liess er die Mutter teilhaben an Informationen über seine gleichaltrigen Kollegen und – trotz Abwehr ungebetener Ratschläge – auch an seinem Studienalltag.

Anmerkungen:

Der Brief wurde in der originalen Schreibweise und Grammatik belassen. Die Umschrift besorgten Angela Gastl und Marion Wullschleger, die Übersetzung der kroatischen Textteile in spitzen Klammern Marion Wullschleger, Ivan Macukic und Zwonimir Mitar. Der biographische Hintergrund des Briefes wurde aus Oberkofler 2001 gewonnen.

Literatur:

Kurzbiographie Leopold Ruzicka

Gerhard Oberkofler: Leopold Ruzicka. Schweizer Chemiker und Humanist aus Altösterreich, Innsbruck 2001

Tobias Straumann: Die Schöpfung im Reagenzglas: eine Geschichte der Basler Chemie (1850-1920, Basel etc. 1995

Andra Westermann: Das Chemielabor. Einübung in einen kollektiven Denkstil. In: ETHistory 1855-2005. Sightseeing durch 150 Jahre ETH Zürich, Baden 2005

17.03.2011

Lessons Learned? Nukleare Unfälle als Katalysatoren energiepolitischer Diskussionen

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände — Tags: — Michael Gasser @ 19:00

Prospekt zum Bau des Versuchsreaktors von Lucens, in dem es im Januar 1969 zum Atomunfall kam (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, ARK-NGA-Vr:6.2)

Wie die gegenwärtigen Ereignisse in Japan zeigen, stellen schwere Atomunfälle zunächst einmal eine grosse Gefahr für die direkt betroffene Bevölkerung dar. In der unmittelbaren Krisenbewältigung steht deren Schutz im Zentrum. Darüber hinaus legen aber Unfälle dieser Art auf dramatische Weise die Grenzen der Beherrschbarkeit der zivilen Anwendung von Atomkraft offen. Sie führen deshalb unweigerlich zu einer international geführten Grundsatzdebatte über die Nutzung von Atomkraft. Welche Lehren aus einem Atomunfall zu ziehen sind, ist allerdings vom jeweiligen Standpunkt abhängig. Während Atomgegner vehement den Ausstieg aus der Atomenergie fordern, plädieren Betreibergesellschaften und die Energieindustrie für verschärfte Standards und Kontrollen beim Bau und Betrieb von AKWs.

Im Gegensatz zu Japan, wo offenbar diese Grundsatzdebatte erst jetzt in Gang kommt, blickt die Schweiz bereits auf eine längere Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Atomkraft zurück. Lange vor Three Mile Island oder Tschernobyl trug auch hierzulande ein – allerdings vergleichsweise kleiner – nuklearer Unfall wesentlich zur Entzauberung der Atomkraft als saubere Energiequelle bei. Am 21. Januar 1969 kam es in dem nur ein Jahr zuvor in Betrieb genommenen Versuchsatomkraftwerk Lucencs (Kanton Waadt) zur Explosion eines der Brennelemente, was zur partiellen Kernschmelze führte. Dank der getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und der geringen Leistung des Versuchsreaktors kam es zu keiner gefährdenden Verstrahlung der Umgebung. Trotzdem bedeutete der Unfall das Aus für die Versuchsanlage, die von der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik (NGA) errichtet worden war.

Die Hintergründe des bislang grössten nuklearen Unfalls der Schweiz und seine Auswirkungen auf die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um die Verwendungen von Atomkraft, die im Scheitern des AKW-Projekts Kaiseraugst in den 1970er-80er Jahre einen vorläufigen Höhepunkt erreichten, wurden verschiedentlich aufgearbeitet (z.B. Wildi, Tobias. Der Traum vom eigenen Reaktor: Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. Zürich, 2003 oder die virtuelle Ausstellung “Der Traum vom Schweizer Reaktor” der ETH-Bibliothek). In den Archiven und Nachlässen findet sich im „Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz“ reichhaltiges Quellenmaterial zur dieser energiepolitischen Diskussion. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek hat ergänzend dazu in seine Beständen zahlreiche (Luft-)Bilder, die den Bau Schweizer AKWs dokumentieren. Benutzen Sie zur allgemeinen Recherche das Wissensportal der ETH-Bibliothek.

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

25.02.2011

Albert Einsteins Korrespondenz mit Jakob und Emma Ehrat

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände — Michael Gasser @ 8:00

Bislang unveröffentlichte Postkarte Albert Einsteins an Jakob Ehrat vom Dezember 1911 (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 1509:4)

Die ETH-Bibliothek erhielt kürzlich aus Privatbesitz die Korrespondenz zwischen Albert Einstein (1879-1955) und seinem Studienfreund Jakob Ehrat (1876-1960) bzw. dessen Mutter Emma Ehrat-Ühlinger. Der Schaffhauser Ehrat lernte Einstein 1897 im Studium an der Schule für Fachlehrer in mathematisch und naturwissenschaftlicher Richtung des Eidgenössischen Polytechnikums (heute ETH Zürich) kennen. Im Unterschied zu Einstein erhielt Ehrat nach dem 1900 abgeschlossenen Studium eine Assistenzstelle am Polytechnikum. Einstein trat 1902 eine Stelle beim Patentenamt in Bern an.

Die erhaltenen sechs Schriftstücke sind privaten Inhalts und zeigen, dass der Kontakt auch über das Studium hinaus bestehen blieb. Die Korrespondenz setzt 1903 mit einem Disput zwischen Einstein und Emma Ehrat ein, der Einsteins studentensprachliche Wendung „grüsse deine alte Frau“ (für: „grüsse deine Mutter“) in den falschen Hals geraten war. Sie setzt sich 1909 mit einem Dankesschreiben Einsteins an die Ehrats für „einen gemütlichen Unterschlupf“ fort. Es folgen Briefe Einsteins an Ehrat mit Angaben zu einer für den Sommer 1910 geplanten gemeinsamen Reise sowie Kontaktangaben für eine mögliche Zimmermiete bei einer Bekannten in Winterthur. Nach einem längeren Unterbruch endet die Korrespondenz 1952 mit einem Brief Einsteins aus Princeton.

Die Einstein-Ehrat Korrespondenz ist grösstenteils ediert. Einzig die oben abgebildete Postkarte war bislang unveröffentlicht. Gemäss einem Hinweis von Barbara Wolff des Albert Einsteins Archives, Jerusalem, schickte sie Einstein zwischen dem 16. und 19. Dezember 1911 aus Prag, wo Ehrat zusammen mit der Familie Einstein Weihnachten feierte. Unmittelbar vor einem Kurzaufenthalt in Zürich kündigte Einstein Ehrat mit der Postkarte die gemeinsame Zugreise nach Prag an:

Lieber Ehrat
Freitag Abend (mit dem Nachtzug ca 11 Uhr) fahren wir zusammen von Winterthur nach Prag. Du triffst mich im Zuge, oder ich suche Dich schon früher auf deiner Bude auf. Beste Grüsse an Dich u Deine Mutter
Dein Einstein

Sämtliche übernommenen Schriftstücke der Einstein-Ehrat Korrespondenz wurden in das bestehende Einstein Online Angebot integriert und sind dort zusammen mit vielen weiteren Dokumenten aus den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek von und zu Albert Einstein als PDF-Dokumente frei zugänglich.
Für die Edition der Einstein-Ehrat Korrespondenz siehe Collected Papers of Albert Einstein, Bd. 5 (S. 19-21, 158-59, 183-84) und Bd. 8 (S. 9-10) bzw. Wipf, Hans Ulrich, “Jakob Ehrat und Albert Einstein. Skizze einer Freundschaft,” Schaffhauser Mappe (1973), S. 29-30.

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