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29.07.2011

Adam Olearius: Voyages très curieux et très renommez faits en Moscovie, Tartarie et Perse (Amsterdam, 1727)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:30

Kupferstich Seite 40: Die holsteinische Delegation beim russischen Zaren in Moskau, 19. August 1634

Der deutsche Schriftsteller und Diplomat Adam Oehlschlegel (1599-1671) begab sich 1633 als Sekretär einer holsteinischen Delegation auf eine Reise nach Russland und Persien. Im Auftrag des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf sollten die 34 Delegierten eine wirtschaftliche Anbindung Norddeutschlands mit Russland und Persien erreichen. Die Mission dauerte von 1633 bis 1639 und endete ohne Erfolg. Die Gründe für das Scheitern waren vielfältig: Die lange und gefährliche Route, die hohen Zölle, welche die Russen und Schweden verlangten, der Umstand, dass Holländer und Armenier den Seidenhandel in Isfahan bereits kontrollierten, und am schwerwiegendsten die Tatsache, dass Persien nicht genug Seide produzierte, um das Unternehmen profitabel zu machen.

Der Reisebericht von Olearius erschien erstmals 1647 unter dem Titel Die Offt Begehrte Beschreibung der Newen Orientalischen Rejse. Sie vereint eine Beschreibung der Völker Persiens, Informationen über Geografie, Biologie, Linguistik, Geschichte und Naturgeschichte. Der Text gehört dabei zu einem Genre von Reisebericht, der Augenzeugenberichte über eine relativ unbekannte Gegend zu vermitteln sucht. Das Buch wurde schnell zu einem Bestseller und es folgten holländische, englische, französische und italienische Ausgaben.

Link:

Voyages faits en Moscovie, Tartarie et Perse im Bibliothekskatalog NEBIS

Literaturhinweis:

Elio Christoph Brancaforte:Visions of Persia: mapping the travels of Adam Olearius (Cambridge, 2003)

01.07.2011

Ludwig Choris: Voyage pittoresque autour du monde (Paris, 1822)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:35

Abbildung III: Costumes des Malais de l’ile de Luzon

Abbildung XV (Alaska): Ours marins dans l’île de St. Paul

Der junge ukrainische Künstler Ludwig Choris (1795-1828) wurde 1815 von Kapitän Otto von Kotzebue zu einer Expedition ins Nordpolarmeer eingeladen. Zweck der Reise war die Suche nach der legendären Nordwestpassage durch die Beringstrasse. Unter den 27 Passagieren des russischen Forschungsschiffs Rurik befanden sich neben Choris auch der deutsche Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838).

Wie viele vorgängige und spätere Expeditionen erreichten Kotzebue und seine Gefährten das gesteckte Ziel nicht. Sie konnten jedoch eine zusammenhängende Meeresströmung nachweisen, die der erste wissenschaftliche Beleg für die Existenz der Nordwestpassage war. Ausserdem kartographierte Kotzebue über 400 Inseln in Polynesien und weite Teile der Westküste Alaskas. Während Chamisso zahlreiche neue Pflanzen entdeckte und benannte, fertigte Ludwig Choris eine grosse Anzahl  von Zeichnungen an. Die Publikation, die der Künstler nach seiner Rückkehr in Paris veröffentlichte, ist eines der wertvollsten und fundamentalen Werke über Alaska, Kalifornien und die Hawaiianische Inselwelt. Der Druck erschien zuerst mit allen Tafeln in schwarzweiss, dann mit den naturgeschichtlichen Tafeln in Farbe und schliesslich mit allen Tafeln in Farbe. Die ETH-Bibliothek besitzt die farbige Variante.

Link:

Ein Teil der Tafeln und Texte sind online bei http://www.americanjourneys.org/aj-087/index.asp .

Literaturhinweis:

Edward Mornin: Through Alien Eyes; the visit of the Russian ship Rurik to San Francisco in 1816 and the men behind the visit, Oxford: P. Lang, 2002

06.06.2011

Das rote Buch vor dem Roten Buch: Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961)

Filed under: Alte Drucke,Archive und Nachlässe — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 6:00

 

ETHBib_Rar_1486

C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Leipzig/Wien 1911-1912 (ETH-Bibliothek: Rar 1486)

 

Das sogenannte Rote Buch, das in rotes Leder gebundene Dokument des langjährigen privaten Selbstfindungsprozesses von Carl Gustav Jung nach einer Reihe beruflicher und persönlicher Brüche wie der Entfremdung von seinem Lehrer Sigmund Freud (1856-1939), war bis zur Publikation im Herbst 2009 nicht öffentlich zugänglich.

Die Abkehr von der Freudschen Psychoanalyse markierte Jung hingegen nachlesbar sowohl für die Fachwelt wie auch ein weiteres interessiertes Publikum mit seinem Werk „Wandlungen und Symbole der Libido. Entwicklungsgeschichte des Denkens“, das in zwei Teilen 1911 und 1912 im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“ erschien.

Einen Sonderabdruck des ersten Teils mit der handschriftlichen Widmung auf dem Titelblatt „In freundschaftlicher Verehrung vom Verf.“ überreichte Jung seiner engen Mitarbeiterin Toni Wolff (1888-1953), die bei der Edition mitgewirkt hatte. Den Sonderabdruck des zweiten Teils beschriftete er im folgenden Jahr „mit herzlichem Grusse und bestem Dank Der Verf.“

Die beiden Teile wurden zu einem Halbpergamentband mit schwarzem Lederpapier überzogenen Buchdeckeln vereinigt, Deckel und Buchblock mit rotem Vorsatz verbunden. Auf den vorderen Innendeckel kam das Exlibris von Toni Wolff mit dem seitenverkehrten Wappen des Zürcher Geschlechtes Wolff. Die Farbwahl für den Einband und besonders für das Vorsatz war bei einem Werk wie diesem wohl kaum zufällig und nicht allein dem optischen Reiz verpflichtet. Dem Bestreben, das ursprünglich schlichte Äussere der Sonderabdrucke prächtiger auszustaffieren, ihrem emotionalen Wert für den Autor und für die Beschenkte angemessen, fielen allerdings die handschriftlichen Widmungen zum Opfer. Beim Begradigen des Buchblocks mit der Schneidmaschine wurden die Oberlängen mancher Buchstaben beschnitten und damit das ästhetische Gesamtbild der Titelblätter beeinträchtigt. Der üppigen Symbolik der Gabe dürfte dies weniger geschadet als sie vielmehr um eine weitere Deutungsmöglichkeit angereichert haben.

 Toni Wolff gab das einmalige Stück später an Jungs Zahnarzt Siegmund Hurwitz (1904-1994) weiter, der von Jung und ihr selber sowie Marie-Louise von Franz (1915-1998) zum analytischen Psychologen ausgebildet worden war und sich mit jüdischer Mystik befasste. Hurwitz schenkte den Band 1982 zusammen mit Originalbriefen von Jung an ihn und seine Gattin der ETH-Bibliothek.

Hier wird das Buch, dem beim Blättern immer noch ein Hauch Zigarettenrauch der früheren nikotingewohnten Besitzerin entströmt, in der Spezialsammlung „Alte Drucke“ aufbewahrt. Die Briefe von Jung an Siegmund Hurwitz und seine Frau Lena Hurwitz-Eisner (gestorben 1965), Mitherausgeberin der Gesammelten Werke C.G. Jungs, befinden sich in den Beständen der „Archive und Nachlässe“. Die „Archive und Nachlässe“ betreuen auch den testamentarisch der ETH Zürich vermachten wissenschaftlichen Nachlass von C.G. Jung, der von 1933 bis 1941 als Privatdozent und Titularprofessor Psychologie an der Hochschule lehrte und 1955 zu deren Ehrendoktor ernannt wurde.

03.06.2011

Das Buch als Ort der Utopie

Filed under: Alte Drucke,Architektur,Bestände — Tags: — Roland Lüthi @ 6:58

Centre Mondial de Communication: Perspective Generale

Der in Rom lebende Norwegisch-Amerikanischer Künstler Hendrik Christian Andersen (1872-1940) suchte Anfangs des 20. Jahrhunderts einen Ort, an dem er seine monumentalen klassizistischen Skulpturen aufstellen konnte. Er träumte von einer perfekten Metropolis, die mit Kunst gefüllt ist. Für die Planung zog er den französischen Architekten Ernest Hébrard bei. Andersen war davon überzeugt, dass die monumentale Beaux-Arts Architektur den Weltfrieden und internationale Harmonie herbeibringen würde.

Als Propagandavehikel für seine Stadtutopie gab Andersen ein aufwändig gestaltetes Buch mit dem Titel Création d’un centre mondial de communication (Paris, 1913-1918) heraus. Auf seiner Suche nach einem möglichen Ort für die Stadt verschenkte er das reich bebilderte Werk an Staatspräsidenten und andere wichtige Akteure. Auch dem damalige Rektor der ETH Zürich, Emil Bosshard, wurde ein Exemplar überreicht. Dieses von Andersen signierte Exemplar befindet sich heute in der Sammlung Alte Drucke.

Das Projekt Andersens erwies sich als Utopie – die Stadt wurde nie gebaut. Auch sein Glaube daran, dass die Kunst die Welt verändern könnte, fruchtete nicht. Das Stadtprojekt wurde von vielen als megalomanisch empfunden und Unverständnis schlug ihm selbst von Seiten seines engen Freundes Henry James entgegen. Trotz dieses Scheiterns kann Andersen als ein Vorläufer für spätere Stadtplanungen wie etwa die Konzepte Le Corbusiers angesehen werden. Bei der Betrachtung des Buches wird zudem klar, dass die Stadt, die nie gebaut wurde im Buch – wenn auch als Utopie – einen dauerhaften Ort gefunden hat.

Links:

Création d’un centre mondial de communication im Bibliothekskatalog NEBIS : http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002020678

Literatur:

Der Zwist zwischen Hendrik Andersen und Henry James ist im Briefwechsel zwischen den zwei Freunden dokumentiert: Beloved boy: letters to Hendrik C. Andersen, 1899-1915; edited by Rosella Mamoli Zorzi, Charlottesville: University of Virginia Press, 2004.

06.05.2011

August Wilhelm Zachariae: Die Elemente der Luftschwimmkunst (Wittenberg, 1807)

Filed under: Alte Drucke,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Jacob Degens Flugmaschine

August Wilhelm Zachariae (1769-1823) war ein deutscher Aviatiker der ersten Stunde, der heute eher etwas in Vergessenheit geraten ist. Wie der Titel seines Büchleins andeutet, ging Zachariae davon aus, dass Fluggeräte schwingende Flügel haben sollten, um sich in der Luft fortbewegen zu können. Diese sogenannten Ornithopter (Griechisch “ornithos pteron”, Deutsch “Schwingflügel-Flugzeug” und Englisch “wing-flapping craft”) imitieren den Vogelflug, indem die Flügel durch Muskelkraft bewegt werden. Allerdings waren Ornithopter nicht wirklich flugtauglich. Erst spätere Fluggeräte, die anstatt der schwingenden starre Flügel erhielten, hoben erfolgreich ab. Erste bemannte Flüge von Gleitern mit starren Flügeln fanden rund hundert Jahre nach Zachariaes Publikation statt. Es waren dies die Flugpioniere Otto Lilienthal (1891) und Gebrüder Wright (1903).

Die Abbildung von Jacob Degens Ornithopter wurde laut Bibliothekskatalog vermutlich von einem Vorbesitzer in das Buch eingeklebt. Jacob Degen war ein Schweizer Uhrmacher, der um 1800 in Wien lebte. 1809 machte Degen geltend, erfolgreich mit seiner Flugmaschine geflogen zu sein. Allerdings war er bei diesem Versuch an einem grossen Heissluftballon befestigt. Degen benutzte seine Flügel, um gerade soviel Auftrieb zu bekommen, damit er vom Ballon in die Höhe getragen wurde. Zwischen 1806 und 1817 wiederholte er dieselbe Vorführung mehrere Male in Paris und Wien.

Ornithopter haben auch Eingang in die Science-Fiction-Literatur gefunden, so etwa in Frank Herberts Romanzyklus Dune.

Links:

 Die Elemente der Luftschwimmkunst im Bibliothekskatalog NEBIS

Die Abbildung von Jacob Degens Flugmaschine in E-Pics

08.04.2011

Musaeum hermeticum (Frankfurt, 1678)

Filed under: Alte Drucke,Chemie und Pharmazie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

 

„Ouroboros“ aus Nicholas Barnaud Delphinas; Das Buch Lambsprinck, Figur VI

Das Musaeum hermeticum reformatum et amplificatum wurde 1678 in Latein in Frankfurt herausgegeben. Wie der Titel andeutet, handelt es sich um die überarbeitete Version einer früheren Ausgabe von Lucas Jennis, die 1625 erschienen war und sehr selten ist. Das Musaeum versucht in kompakter Form die jüngeren Alchemisten zu versammeln, die nicht in den grossen hermetischen Werken wie Theatrum Chemicum oder Bibliotheca Chemica Curiosa figurieren. Während viele Autoren in diesem Kompendium anonym bleiben, finden sich bekannte Namen wie Nicolas Flamel, Helvetius, Irenaeus Philalethes, Michael Maier, Michael Sendivogius und Basilius Valentinus.

Auffällig sind die qualitativ hochstehenden Kupferstiche in diesem Buch, darunter auch der oben abgebildete Ouroboros. Laut Wikipedia ist dieser

in der alchemistischen Symbolik […] das Bildsymbol eines in sich geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozesses der Materie, der im Erhitzen, Verdampfen, Abkühlen und Kondensieren einer Flüssigkeit zur Verfeinerung von Substanzen dienen soll.

Sinngemäss lautet denn auch die Beschreibung zum Bild: „Dies ist sicherlich ein grosses Wunder. Dass in einem Drachen die grosse Medizin sei. Das Quecksilber wird ausgefällt oder sublimiert, im eigenen Wasser aufgelöst und wiederum koaguliert.“

Links:

Musaeum hermeticum im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002666748

Ausgabe von 1678 online bei der Biblioteca Complutense Madrid: http://alfama.sim.ucm.es/dioscorides/consulta_libro.asp?ref=b19884941

Ausgabe von 1625 online bei der SLUB Dresden: http://digital.slub-dresden.de/id277285313

25.03.2011

Das erste Lehrbuch der Chemie: Andreas Libavius‘ Alchemia (Frankfurt, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Chemie und Pharmazie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Zuweilen ist es nicht nur von Vorteil, die Erstausgabe eines wichtigen Werkes zu besitzen: Während die zweite und letzte Ausgabe von 1606 mit dem leicht abgeänderten Titel Alchymia reich illustriert ist, präsentiert sich die extrem seltene Alchemia von 1597 als ein nüchternes Textbuch ohne Abbildungen.

In der eigentlichen Übergangszeit von der mittelalterlichen Alchimie zur wissenschaftlichen Chemie schuf Andreas Libavius (1555-1616) mit seiner Alchemia das erste Lehrbuch der Chemie im modernen Sinn. Sein Verdienst liegt darin, dass er das gesamte bisher bekannte chemische Wissen systematisch zusammentrug. Die Quellen, die er hauptsächlich auswertete, können in drei Stränge aufgeteilt werden: Erstens die seit Urzeiten aus Empirie entstandene Rezeptliteratur (Verfahren der praktischen Chemie), zweitens die aus dem griechischen Rationalismus erwachsene „theoretische Chemie“ und drittens die alchemistische Literatur im engeren Sinn (Umwandlung der Metalle). Letztere behandelte er nicht wie viele seiner Vorgänger als Geheimwissenschaft, denn als Pädagoge und Humanist glaubte er an die Vermittelbarkeit des chemischen Wissens.

Links:

Alchemia (Frankfurt, 1597) im Bibliothekskatalog NEBIS (nicht ausleihbar): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002249296. Das Werk ist zusammengebunden mit Commentationum metallicarum libri quatuor (Frankfurt, 1597).

Alchemia (Frankfurt, 1597) online bei e-rara.ch: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-4600

Eine deutsche Übersetzung basierend auf der zweiten Ausgabe von 1606 (mit Abbildungen) wurde 1964 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker herausgegeben: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002140328

Erstausgabe der Alchemia digital bei der SLUB Dresden: http://digital.slub-dresden.de/id279696132.

12.02.2011

Charles Darwin und der Sonnentau

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Christine Verhoustraeten @ 7:00

Die Abbildung zeigt ein Blatt von Drosera rotundifolia, welche von seinem Sohn George Darwin gezeichnet wurde. An der Spitze der Auswüchse, Tentakel genannt, befinden sich Drüsenköpfchen, die einen klebrigen Fangschleim produzieren.

Man kennt Darwin als den Vater der Evolutionstheorie. Auch die Veranstaltungen am internationalen Darwin Day, http://www.darwinday.org/, die alljährlich am 12. Februar zum Gedenken an Darwins Geburtstag begangen wird, kreisen meist um evolutionstheoretische Themen. Doch Darwin hatte einen grossen Bezugspunkt zur Botanik. Er publizierte sieben grosse botanische Werke, die sich mit den Themen der Bewegung, Blütenbiologie, Kreuz- und Selbstbefruchtung, Blütenformen und Karnivorie befasste.

Zum ersten Mal stiess Darwin 1860 auf karnivore Pflanzen und hielt diese Begegnung im Buch Insectivorous Plants fest (Ein Exemplar der Erstausgabe von 1875 befindet sich im Bestand der Alten Drucke unter der Signatur Rar 02):” During the summer of 1860, I was surprised by finding how large a number of insects were caught by the leaves of the common sun-dew (Drosera rotundifolia) on a heath in Sussex. I had heard that insects were thus caught, but knew nothing further on the subject.”

Karnivore Pflanzen stellen eine besondere Form von Pflanzen dar. Sie können Tiere fangen, verdauen und aufnehmen, um sich auf nährstoffarmen Böden wie z.B. Mooren mit Mineralstoffen zu versorgen. Darwin führte viele Experimente am Sonnentau (Drosera) durch und erkannte die Wichtigkeit der Tiere als zusätzliche Nährstoffquelle für die Pflanze. Seine Forschungsergebnisse stellte er im Buch Insectivorous Plants zusammen.

Warum sich Darwin mit dieser speziellen Pflanzenform befasste, kann nur spekuliert werden. Anscheinend waren es vor allem die pflanzenuntypischen, „tierhaften“ Merkmale wie Reizbarkeit, Bewegung und Verdauung, die sein Interesse weckten, und weniger der Umstand, dass Tiere in den Fallen zu Tode kamen (Stöcklin und Höxtermann, 2009, Darwin und die Botanik).

Obwohl Darwin nicht der erste Naturforscher war, der sich mit karnivoren Pflanzen beschäftigte, kann er zurecht als Vater der Karnivorenforschung betrachtet werden. „Darwin was one of the pioneers of work on the physiology of carnivorous plants.” (Heslop-Harrison, 1978, Carnivorous plants, Scientific American 238:104-115)

09.02.2011

Stoff für einen Kriminalroman: Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae (Hanau, 1609)

Filed under: Alte Drucke,Chemie und Pharmazie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Es liegt in der Natur der alchemistischen Schriften, dass sie schwer zugänglich und verständlich sind. Noch dazu haben solche Drucke oftmals eine obskure Editionsgeschichte. In besonderem Mass trifft dies auf Heinrich Kunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae zu. Wie Umberto Eco schreibt, ist die posthum erschienene Hanau-Ausgabe dieses Werkes eine unter vielen aber weitaus die bekannteste. Der Deutsche Arzt, Alchemist und Kabbalist Heinrich Khunrath (1560-1605) gab den Druck bereits 1595 in kleiner Auflage vermutlich in Hamburg für einen engen Kreis von Eingeweihten heraus. Während die spätere Hanau-Ausgabe heute in mehreren Bibliotheken und Sammlungen vorhanden ist, ist die Erstausgabe mit nur gerade zwei bekannten Exemplaren sehr rar.

Die Exemplare der Hanau-Ausgabe sind keineswegs alle gleich gebunden. Bei vielen fehlen einzelne Tafeln und deren Anordnung im Text variiert von Exemplar zu Exemplar:

Lorsqu’on signale à un collectionneur un exemplaire de l‘ Amphitheatrum, sa première question est: y-a-t-il la planche avec la chouette? (Appelée aussi orfraie). Ensuite même question pour la planche avec les ennemis (Eco, S. 18).

Die Tafel mit der Eule, die Eco hier anspricht, fehlt im Exemplar der ETH-Bibliothek tatsächlich, während die offenbar eher seltene Tafel der „Feinde“ – dieser erstaunliche J.J. Grandville „par anticipation“ – vorhanden ist:

Tafel „Feinde“ (Khunrath umgeben von seinen Feinden, die in Grandville‘ scher Manier als Vögel und Insekten dargestellt sind)

Selbst ein gewiefter Bücherwurm wie Eco bekundet seine liebe Mühe mit der Vielzahl von verschiedenen Ausgaben des Amphitheatrum. So gibt es nicht nur verschiedene Kollationen der Hanauer und Hamburger Ausgaben, sondern auch mehrere Phantome, die zwischen und nach diesen Ausgaben in den Katalogen und in der Literatur herumgeistern. Im kriminalistischen Stil, wie wir ihn von Il Nome della Rosa her kennen, versucht Eco schliesslich, die Verwirrung aufzulösen: 1595 möchte der gute Khunrath seine Karriere mit dem Amphitheatrum krönen und lässt die runden Platten schneiden. 1598 ist er schon so weit, dass er um das königliche Druckprivileg anfrägt. 1602, schreibt und datiert er den Epilog und lässt die Titelseite gravieren – dies um Zeit zu gewinnen. In den drei Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1605 gibt er Instruktionen für die Herstellung der rechteckigen Tafeln. 1605 tritt sein Freund Erasmus Wolfart auf den Plan und gibt das Werk in den Druck – es erscheint 1609 mit entsprechendem Kolophon. Hier passiert nun das Entscheidende: A) Der Drucker Guillaume Antoine bindet seine Ausgabe mit allen bereits existierenden Tafeln und fügt das mit 1602 datierte Titelblatt hinzu. Auf diesen Moment hat der gerissene Buchhändler von Magdeburg Levinus Brauns nur gewartet, denn er sitzt bereits seit 1608 auf einem Stapel von Titelblättern, die mit 1608 datiert sind, und die er nun in seine Lieferung der 1609er Ausgabe einfügt und diese sozusagen „vordatiert“, um den drohenden Verlust des königlichen Druckprivilegs abzuwenden. Oder Hypothese B): Levinus Brauns ist der tatsächliche Auftraggeber und sonst irgend ein Schlitzohr missbraucht die Exemplare aus Hanau, indem er sie sie mit dem Titelblatt von 1602 zirkulieren lässt.

Wie auch immer das gewesen sein mag, ist damit die Diversität der Hanauer Ausgabe noch nicht geklärt. Wie kommt es, dass in einigen Hanauer Exemplaren die Eule und wieder in anderen die Tafel mit den „Feinden“ fehlt? Weshalb erscheinen die Tafeln derselben Ausgabe in verschiedener Reihenfolge? Eco kommt zum Schluss, dass wahrscheinlich jedes Exemplar der Hanau-Ausgabe ein Unikat ist. Die 16 Exemplare, die er vergleicht, weisen alle eine andere Abfolge der Tafeln auf. Eine Überprüfung unseres Exemplars zeigt, dass auch hier die Tafeln in einer Sequenz auftreten, die in keinem anderen Exemplar zu finden ist. Auch unser Exemplar mit der Reihenfolge „Titelblatt, Porträt, Feinde, Christus, Adam, Rebis, Laboratorium, Designatio Pyramidum, Porta Amphitheatri, Adumbratio Gymnasii, Hypotyposis Arcis, (Eule fehlt)“ darf somit als weltweit einzigartig gelten.

Titelblatt

Porträt

Feinde

Christus

Adam

 Rebis

 

Laboratorium

Designatio Pyramidum

Porta Amphitheatri

Adumbratio Gymnasii

Hypotyposis Arcis

Links:

Khunraths Amphitheatrum im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004980521

Umberto Eco: L’énigme de la Hanau (Paris, 1990): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001127257

14.01.2011

Jean-Baptiste Tavernier: Reisen in die Türkei, Persien und Indien (Genf, 1681)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Kupferstich auf Frontispiz: Tavernier beim Diamantenhandel mit Ureinwohnern

Kupferstich Seite 143: Vorstellung der 20 besten Diamanten [...] die Herr Tavernier bey seiner letzten Rückkunft aus Indien [...] dem König verkauft

Der französische Handelsreisende Jean-Baptiste Tavernier (1605-1689) unternahm zwischen 1638 und 1668 sechs Reisen, die ihn auf dem Landweg über die Türkei, den Iran, die Mongolei und Indien bis an die Grenzen Chinas und Japans führten. Er reiste als wohlhabender Händler von Edelsteinen und verkehrte mit den reichen Monarchen des Orients. In seiner Heimat brachten ihm die Reisen Ruhm und Bewunderung ein. Zwischen 1676 und 1679 publizierte er in Paris seine Reiseerfahrungen unter dem Titel Les Six Voyages de J.B. Tavernier. Darin beschrieb er nicht nur die Reiserouten, sondern auch die Sitten und Gebräuche der durchquerten Länder. Sein Augenmerk lag dabei auf den Eigenheiten des orientalischen Handels und der Mannigfaltigkeit der wertvollen Edelsteine und Perlen.

Einer der berühmtesten und sagenumwobensten Diamanten, der dank Tavernier nach Europa gelangte, ist der “Blaue Tavernier”, später “Hope-Diamant” oder “Blue Hope” genannt. Einer Legende zufolge gehörte der 45,5 Karat schwere blaue Diamant zum Auge einer Statue der indischen Göttin Sita. Diese soll wegen des Verlustes den künftigen Eigentümern Unglück prophezeit haben. Allerdings wird diese Hypothese des Fluchs heute in Frage gestellt und als Erfindung abgetan, welche den Wert des Steins in die Höhe treiben sollte.

1669 verkaufte Tavernier den blauen Diamanten zusammen mit ungefähr tausend weiteren an König Louis XIV für 220’000 Livres, was damals einem Gegenwert von 147 kg Gold entsprach. Heute wird der Wert des blauen Diamanten auf etwa 200 bis 250 Millionen Dollar geschätzt. Er befindet sich in der Smithsonian Institution.

Links:

Taverniers Reisebericht im Bibliothekskatalog NEBIS

Ein E-Text der englischen Ausgabe von London 1925 ist online bei der Columbia University New York.

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