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06.01.2012

John Smeaton: A Narrative of the building and a description of the construction of the Edystone Lighthouse (London, 1791)

Filed under: Alte Drucke,Architektur — Roland Lüthi @ 7:00

   

 Titelblatt mit Titelvignette: The Morning after a Storm

  Tafel No. 8: South Elevation of the Stone Lighthouse completetd on the Edystone in 1759

 

 Tafel No. 9: Section of the Edystone Lighthouse upon the E & W Line, as relative to No. 8

Der wohl berühmteste Leuchtturm Grossbritanniens steht auf dem Eddystone Rock, einem kleinen, für Schiffe sehr gefährlichen Felsen ungefähr 20 Kilometer südwestlich von Plymouth. Im Lauf der Zeit wurden hier nacheinander vier Leuchttürme gebaut: Winstanley’s Tower (1698-1703), Rudyerd’s Tower (1709-1755), Smeaton’s Tower (1759-1882) und Douglass’s Tower (1882-heute). Von Smeaton’s Tower steht heute nur noch der Stumpf – der obere Teil wurde abgebaut und auf dem Festland in Plymouth Hoe als Denkmal zu Ehren des Erbauers wieder errichtet.

Der britische Ingenieur John Smeaton (1724-1792) basierte seine Konstruktion auf der Form eines Eichenstammes. Gebaut wurde der Turm aus Stein, wobei für das Fundament und die Verkleidung ein lokaler Granitstein verwendet wurde. Als Mörtel setzte Smeaton einen neuartigen schnell bindenden Zement ein, der den nassen Bedingungen standhielt und noch heute Verwendung findet. Neu war auch eine revolutionäre Technik von Verzahnungen und Steindübeln, mittels denen die Granitblöcke verbunden wurden. Nach drei Jahren Bauzeit und der Inbetriebnahme im Jahr 1759 trotzte der Leuchtturm der rauen See über ein Jahrhundert, bis sich in den 1870er-Jahren Risse im Fels zeigten. Sobald eine hohe Welle den 18 Meter hohen Turm traf, geriet dieser ins Wanken und musste deshalb schliesslich abgebrochen werden. Der untere Teil erwies sich dabei als dermassen solide, dass man ihn stehen liess.   

Links:

The construction of the Edystone Lighthouse (Rar 1788 GF) im Bibliothekskatalog NEBIS

Hochaufgelöste Bilder zu Smeaton’s Tower sind in E-Pics zu finden.

 

16.12.2011

Vannoccio Biringuccio: Pirotechnia (Venedig, 1540)

Filed under: Alte Drucke,Bergbau,Chemie und Pharmazie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Holzschnitt aus der Pirotechnia von 1558: Glockenlager

Der italienische Ingenieur, Architekt, Büchsenmacher und Chemiker Vanoccio Biringuccio (1480-1537) war ein Meister des Hüttenwesens und der Schmiedekunst. Er unternahm es, sein Wissen an weite Kreise weiterzugeben und schuf mit Pirotechnia nicht nur das erste Handbuch der Metallurgie, sondern markierte damit in gewisser Weise auch den Anfang der technologischen Literatur überhaupt.

Der Praktiker Biringuccio pflegte einen beinahe „modernen“ Zugang zur Alchemie, denn er wies tunlichst allen Aberglauben und jegliche pseudo-Magie von sich. Als Handwerker war er zudem in der Lage, die Prozesse der frühen angewandten Chemie bis in alle Einzelheiten vollumfänglich zu beschreiben.

Als praktisches Handbuch erfreute sich die Pirotechnia grosser Beliebtheit. In einer Zeitspanne von 138 Jahren wurde sie neun Mal neu aufgelegt. Dennoch stand sie vielleicht wegen des unprätentiösen Schreibstils und der unscheinbaren Aufmachung etwas im Schatten von Georgius de Agricolas späteren prachtvollen De re Metallica (1556).

Links:

Die Erstausgabe von 1540 ist für die Ausleihe gesperrt.

Die dritte Ausgabe von 1558 kann in NEBIS bestellt und im Lesesaal Spezialsammlungen konsultiert werden.

Auch die fünfte Ausgabe von 1678 ist in der Sammlung vorhanden.

Schliesslich besitzt die Bibliothek drei Faksimiles: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002167472 (ab Erstausgabe, Italienisch)

http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002136453 (Deutsch)

http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002175392 (Englisch)

25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

14.10.2011

Färberwaid, der europäische Indigo vor dem Jeans-Blau

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Botanik — Anna Maria Stuetzle @ 8:00

Der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) aus der Familie der Kreuzblütler ist eine zweijährige Pflanze, die in Europa seit der Antike über Jahrhunderte hinweg die Grundlage zum Blaufärben von Textilien lieferte. In den meisten Kräuterbüchern des späten 16. Jahrhunderts wird der Waid behandelt. Stehen bei den meisten anderen Kräutern ihre verschiedenen medizinischen Indikationen im Vordergrund, so wird bei Isatis an erster Stelle die Verwendung als Färberpflanze beschrieben und gleichzeitig seine wirtschaftliche Bedeutung betont.

Der Färberwaid auf Seite 209 recto im Kreuterbuch des hochgelehrten und weitberühmten Herrn Dr. Petri Andreae Matthioli 

Es gibt zwei Arten von Waid; den kultivierten (Isatis) und den wild wachsenden (Isatis silvestris). Den ersten verwenden die Tuchmacher und (vor allem) die Färber. Der Waid breitet seine Blattrosetten auf der Erde aus wie der Wegerich, nur sind sie dicker und von blauschwarzer Farbe. Die Blätter am Stengel dagegen sind länglich, spitz zulaufend und umhüllen diesen ähnlich wie beim Bauernsenf oder dem grossen Besenkraut. Der Stengel wächst etwa zwei Ellen hoch, manchmal etwas höher und treibt oben kleine, zartgelbe Blüten in Dolden. Daraus entwickeln sich die Samen in zungenförmigen Hülsen. Die Wurzel der Pflanze ist weiss und gerade ohne viele Nebenwurzeln. Das ganze Kraut wird auf von Pferden angetriebenen Mühlen zerstossen, dann zusammengeballt und zu kleinen Kugeln geformt. Diese trocknet man in der Sommerhitze und verwendet sie zum Blaufärben. Daraus haben sich bedeutende Handelsgeschäfte entwickelt.

Die wildwachsende Art (Isatis silvestris) wird nicht als Färberpflanze genutzt.

 

Fortsetzung auf Seite 209 verso

Als Medizinalpflanzen sind beide Arten bitter im Geschmack und haben zusammenziehende, trocknende Wirkung. Sie können sowohl innerlich, wie auch äusserlich angewandt werden und helfen bei „Milzsucht“, Geschwülsten und verschiedenen Wunden. 

Zum Schluss folgt die Wiedergabe der Pflanzennamen in anderen Sprachen: Weydt heisst Griechisch unnd Lateinisch Isatis. Spanisch Pastel.  Frantzösisch Pastel de languedoc. Behmisch Wayt. 

Der heute nur noch als Unkraut wachsende Waid enthält, ähnlich wie Indigofera tinctoria L. und viele andere tropische Färberpflanzen, in seinen Blättern eine Vorstufe des Farbstoffes Indigo.  

Für seine Gewinnung waren mehrere Gärungsprozesse notwendig. Ein erster fand unmittelbar nach der Ernte während dem oben beschriebenen Mahlen und Trocknen statt. Die die Bauern verkauften die Waidballen als Rohprodukt auf dem Markt, und die Waidhändler lagerten diese noch bis im Winter. Dann mussten sie zerkleinert, im Wasser zu Ende fermentiert, abgesiebt und wieder eingetrocknet werden. Die Blaufärber erwarben den Farbstoff als Indigopaste oder –Pulver und setzten damit in ihren Küpen mit Wasser und Urin eine gärende, vorerst noch farblose Brühe an. Die darin getränkten Textilien wurden schliesslich beim Trocknen der Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt, damit sich in einem Oxidationsprozess die blaue Farbe entwickeln konnte, während die Färber „Blau machten“, also einen Arbeitsunterbruch genossen.

Indischer Indigo war erstmals im 12. Jahrhundert über den Fernosthandel mit dem Zentrum Bagdad und den Umschlagplätzen Venedig und Genua nach Europa gekommen. Eine ernste Konkurrenz erhielt der Waid erst nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien, als ab dem 17. Jahrhundert der billigere Indigo in grösseren Mengen importiert wurde. Man versuchte zwar, den neuen Farbstoff mittels polizeilicher Verordnungen zu verbieten, lebten doch ganze Landstriche Deutschlands (z. B. Thüringen oder das Elsass) vom Waidanbau und seiner Verarbeitung. Trotzdem begann der Anbau zurückzugehen. Bevor der Waid ganz verdrängt wurde, setzte man der Küpe oft indischen Indigo zu, um einen satteren Ton zu erhalten, für den die Farbstoffkonzentration im Waid allein nicht ausreichte.

Als dann aber auch die Herstellung von synthetischem Indigo in industriellem Massstab möglich geworden war, fuhr man in Thüringen 1912 endgültig die letzte Waidernte ein.

Links:  

Matthioli: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001493565

Hieronymus Bock: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004900797

Tabernaemontanus: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002790418

Zur Geschichte des Indigo: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=006089867

23.09.2011

Die Färber-Zeitung als historisches Zeugnis

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Chemie und Pharmazie — Anna Maria Stuetzle @ 7:00

Die Färber Zeitung ist  in den Beständen der Alten Drucke der ETH-Bibliothek vollständig von 1889/90 bis 1920 vorhanden. Der grosse  Aufschwung der Chemie im 19. Jahrhundert zeigt sich besonders auch auf dem Gebiete des Färbens. Farbstoffe, die Jahrhunderte lang aus Pflanzen gewonnen worden waren, konnten nun künstlich hergestellt werden. Zwei der bekanntesten Beispiele: Das Rot aus der Wurzel des Färberkrapps (Rubia tinctorum) wurde unter dem Namen Alizarin 1869 erstmals synthetisiert, und 1878 folgte das Indigoblau, für das man bis anhin auf die Pflanzen Färberwaid und Indigofera tinctoria angewiesen war. In der Folge entwickelten sich  im Bereiche der Textilindustrie neue Färbemethoden sowie Maschinen. Bis zum Ersten Weltkrieg war Deutschland führend auf diesem Gebiet, mit dem Versailler Vertrag trat eine grundlegende Änderung ein.

Die neue Strangfärbe- und Waschmaschine von Klauder & Brother in Philadelphia wurde auch in Deutschland patentiert. (Holzschnitt, Jg. 1889/90, Heft 3)

Was wir wollen! …  Die Färber-Zeitung wird vor allem bemüht sein, die Bedürfnisse des praktischen Färbers und Coloristen zu erkennen und ihnen gerecht zu werden. Sie wird auf alle neuen Errungenschaften auf dem Gesammtgebiete der Färberei-Industrie, soweit dieselben schon praktisch verwerthbar erscheinen, rechtzeitig aufmerksam zu machen. …  (Jg. 1889/90, Heft 1)

Die Zeitschrift veröffentlicht fachspezifische Aufsätze wie: Ueber Beizenfarbstoffe (1889/1-2), Die Entwicklung der Azofarben auf der Faser (1889/3), Carminfarben für Baumwolle (1889/5), Ersatz der Chlorbleiche durch Sauerstoffbleiche (1914/5), Die Aufgaben und Bedeutung des Wassers in der Baumwolltextilindustrie (1918/24) etc.

Zahlreiche Muster-Beilagen mit Erläuterungen, Patentlisten und Rezensionen zur Fachliteratur sind in der Färber-Zeitung enthalten. Auch ein Pressespiegel und der Briefkasten mit Leserfragen sowie der Reklamenteil fehlen nicht.

Muster-Beilage No. 4 mit gefärbten Textilien aus der … angesehenen Färberei oder Druckerei, in der königl. Färberei- und Appreturschule zu Crefeld oder dem eigenen gut eingerichteten Versuchslaboratorium der Redaktion … (Jg. 1889/90, Heft 1)

Der Erste Weltkrieg geht jedoch weder an der Farb- und Textilindustrie noch an der Färber-Zeitung spurlos vorüber. Symptomatisch für die Kriegsjahre tauchen immer neue Varianten, mitunter ganze Musterpaletten, der Farbe „Feldgrau“ auf. Wirtschaftlich-politische Fragen werden vermehrt diskutiert. Einige Beispiele: Ausländische Färbereien ohne deutsche Farbstoffzufuhr (1914/24), Krieg und Patentrecht (1914/24), Preiszuschläge bei Einkäufen der Kriegswirtschafts-Aktiengesellschaft (1918/7).

Und Ersatzstoffe für Fasern bleiben auch noch nach dem Krieg ein wichtiges Thema: Deutschland wird gezwungen bleiben, seine Ersatzwirtschaft soweit als möglich fortzusetzen (1919/15). Waldwolle als Spinnfaser wird … aus den Nadeln der Wald-,  Weymuts-, Schwarz-,  Zirbel- und Knieholzkiefer gewonnen; … (1919/18) oder Zur Kenntnis der Kartoffelfaser (1920/10).

Wird der Jahrgang 1914 noch mit Gratulationsschreiben zum 25-Jahrjubiläum eingeleitet, erscheint dann im Heft 17 (1914) folgender Aufruf an die Leser:

Die Verlagsbuchhandlung und der Herausgeber sind darauf bedacht, in dem Erscheinen der Zeitschrift keine Unterbrechung eintreten zu lassen. Dagegen wird der Umfang der einzelnen Hefte während der Dauer des Krieges verringert werden müssen. Die Mitarbeiter werden gebeten, für alle Mitteilungen sich einer möglichst knappen Fassung zu befleissigen.

Die Bände der nächsten Jahrgänge werden noch nicht wesentlich schlanker. Erst die letzten beiden Jahrgänge sind auffallend weniger umfangreich, und 1920 stellt die Zeitschrift schliesslich ihr Erscheinen ein.

26.08.2011

John Gerard: The Herball (London, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

John Gerard (1545-1612) gilt als einer der bekanntesten Kräuterkenner Grossbritanniens. Sein “Herball or General Historie of Plantes” erschien erstmals 1597. Wie viele Kräuterbücher der Zeit besteht es aus einer Mischung von Alt und Neu, in diesem Fall einer Adaption einer Übersetzung von Rembert Dodoens‘s Stirpium historiae pemptades sex (1583), die Gerard von Dr Robert Priest übernommen hatte. Das Buch enthält etwa 1800 Holzschnitte, von denen nur wenige neu sind. Eine dieser neuen Abbildungen zeigt eine Kartoffel und ist vermutlich das erste je publizierte Bild dieser Pflanze.

 

Holzschnitt Seite 781: Potatoes of Virginia

Trotz Neuerungen war Gerard nicht davor gefeit, Aberglaube weiter zu verbreiten. So hielt er zum Beispiel hartnäckig an der Vorstellung des „Gänsebaums“ fest. Dieser Baum komme im nördlichen Schottland vor und trage an seinen Ästen eine Art Muscheln, aus denen Nonnengänse ausschlüpfen.

 

Holzschnitt Seite 1391: The Breede of Barnakles (“Gänsebaum”)

Obwohl die alte Legende des Gänsebaums bereits im 13. Jahrhundert durch Albertus Magnus widerlegt worden war, indem dieser feststellte, dass Nonnengänse wie andere Vögel aus Eiern ausschlüpften, lebte der Gänsebaum in den Köpfen vieler späterer Autoren von Kräuterbüchern weiter. In posthumen Versionen von Gerards Herball wurde der Gänsebaum verworfen um dann allerdings bei späteren Autoren wie in Adam Lonicers Kraeuterbuch (Ausgabe 1783) wieder aufzutauchen. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff „Canard“ für eine „Zeitungsente“ (Irrtum oder Falschmeldung) auf der Legende des Gänsebaums fusst. Hierzu gibt es aber unzählige weitere Theorien.

Veranstaltungshinweis:

Das Herball von Gerard wird an der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 6. September 2011 gezeigt. Unter dem Titel Die Magie der Pflanzen figurieren rund 10 weitere Pflanzenbücher von Hieronimus Bock bis zu Johann Künzle. Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Links:

The Herball ist auf einer privaten Website online: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/gerarde/index.html; Hier werden viele weitere Autoren aus dem Bereich Biologie vorgestellt: http://www.biolib.de/.

Das Herball im Bibliothekskatalog NEBIS (Ausgabe von 1597): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001455559

Die verbesserte Ausgabe von Thomas Johnson (1636): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001480003

29.07.2011

Adam Olearius: Voyages très curieux et très renommez faits en Moscovie, Tartarie et Perse (Amsterdam, 1727)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:30

Kupferstich Seite 40: Die holsteinische Delegation beim russischen Zaren in Moskau, 19. August 1634

Der deutsche Schriftsteller und Diplomat Adam Oehlschlegel (1599-1671) begab sich 1633 als Sekretär einer holsteinischen Delegation auf eine Reise nach Russland und Persien. Im Auftrag des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf sollten die 34 Delegierten eine wirtschaftliche Anbindung Norddeutschlands mit Russland und Persien erreichen. Die Mission dauerte von 1633 bis 1639 und endete ohne Erfolg. Die Gründe für das Scheitern waren vielfältig: Die lange und gefährliche Route, die hohen Zölle, welche die Russen und Schweden verlangten, der Umstand, dass Holländer und Armenier den Seidenhandel in Isfahan bereits kontrollierten, und am schwerwiegendsten die Tatsache, dass Persien nicht genug Seide produzierte, um das Unternehmen profitabel zu machen.

Der Reisebericht von Olearius erschien erstmals 1647 unter dem Titel Die Offt Begehrte Beschreibung der Newen Orientalischen Rejse. Sie vereint eine Beschreibung der Völker Persiens, Informationen über Geografie, Biologie, Linguistik, Geschichte und Naturgeschichte. Der Text gehört dabei zu einem Genre von Reisebericht, der Augenzeugenberichte über eine relativ unbekannte Gegend zu vermitteln sucht. Das Buch wurde schnell zu einem Bestseller und es folgten holländische, englische, französische und italienische Ausgaben.

Link:

Voyages faits en Moscovie, Tartarie et Perse im Bibliothekskatalog NEBIS

Literaturhinweis:

Elio Christoph Brancaforte:Visions of Persia: mapping the travels of Adam Olearius (Cambridge, 2003)

01.07.2011

Ludwig Choris: Voyage pittoresque autour du monde (Paris, 1822)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:35

Abbildung III: Costumes des Malais de l’ile de Luzon

Abbildung XV (Alaska): Ours marins dans l’île de St. Paul

Der junge ukrainische Künstler Ludwig Choris (1795-1828) wurde 1815 von Kapitän Otto von Kotzebue zu einer Expedition ins Nordpolarmeer eingeladen. Zweck der Reise war die Suche nach der legendären Nordwestpassage durch die Beringstrasse. Unter den 27 Passagieren des russischen Forschungsschiffs Rurik befanden sich neben Choris auch der deutsche Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838).

Wie viele vorgängige und spätere Expeditionen erreichten Kotzebue und seine Gefährten das gesteckte Ziel nicht. Sie konnten jedoch eine zusammenhängende Meeresströmung nachweisen, die der erste wissenschaftliche Beleg für die Existenz der Nordwestpassage war. Ausserdem kartographierte Kotzebue über 400 Inseln in Polynesien und weite Teile der Westküste Alaskas. Während Chamisso zahlreiche neue Pflanzen entdeckte und benannte, fertigte Ludwig Choris eine grosse Anzahl  von Zeichnungen an. Die Publikation, die der Künstler nach seiner Rückkehr in Paris veröffentlichte, ist eines der wertvollsten und fundamentalen Werke über Alaska, Kalifornien und die Hawaiianische Inselwelt. Der Druck erschien zuerst mit allen Tafeln in schwarzweiss, dann mit den naturgeschichtlichen Tafeln in Farbe und schliesslich mit allen Tafeln in Farbe. Die ETH-Bibliothek besitzt die farbige Variante.

Link:

Ein Teil der Tafeln und Texte sind online bei http://www.americanjourneys.org/aj-087/index.asp .

Literaturhinweis:

Edward Mornin: Through Alien Eyes; the visit of the Russian ship Rurik to San Francisco in 1816 and the men behind the visit, Oxford: P. Lang, 2002

06.06.2011

Das rote Buch vor dem Roten Buch: Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961)

Filed under: Alte Drucke,Archive und Nachlässe — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 6:00

 

ETHBib_Rar_1486

C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Leipzig/Wien 1911-1912 (ETH-Bibliothek: Rar 1486)

 

Das sogenannte Rote Buch, das in rotes Leder gebundene Dokument des langjährigen privaten Selbstfindungsprozesses von Carl Gustav Jung nach einer Reihe beruflicher und persönlicher Brüche wie der Entfremdung von seinem Lehrer Sigmund Freud (1856-1939), war bis zur Publikation im Herbst 2009 nicht öffentlich zugänglich.

Die Abkehr von der Freudschen Psychoanalyse markierte Jung hingegen nachlesbar sowohl für die Fachwelt wie auch ein weiteres interessiertes Publikum mit seinem Werk „Wandlungen und Symbole der Libido. Entwicklungsgeschichte des Denkens“, das in zwei Teilen 1911 und 1912 im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“ erschien.

Einen Sonderabdruck des ersten Teils mit der handschriftlichen Widmung auf dem Titelblatt „In freundschaftlicher Verehrung vom Verf.“ überreichte Jung seiner engen Mitarbeiterin Toni Wolff (1888-1953), die bei der Edition mitgewirkt hatte. Den Sonderabdruck des zweiten Teils beschriftete er im folgenden Jahr „mit herzlichem Grusse und bestem Dank Der Verf.“

Die beiden Teile wurden zu einem Halbpergamentband mit schwarzem Lederpapier überzogenen Buchdeckeln vereinigt, Deckel und Buchblock mit rotem Vorsatz verbunden. Auf den vorderen Innendeckel kam das Exlibris von Toni Wolff mit dem seitenverkehrten Wappen des Zürcher Geschlechtes Wolff. Die Farbwahl für den Einband und besonders für das Vorsatz war bei einem Werk wie diesem wohl kaum zufällig und nicht allein dem optischen Reiz verpflichtet. Dem Bestreben, das ursprünglich schlichte Äussere der Sonderabdrucke prächtiger auszustaffieren, ihrem emotionalen Wert für den Autor und für die Beschenkte angemessen, fielen allerdings die handschriftlichen Widmungen zum Opfer. Beim Begradigen des Buchblocks mit der Schneidmaschine wurden die Oberlängen mancher Buchstaben beschnitten und damit das ästhetische Gesamtbild der Titelblätter beeinträchtigt. Der üppigen Symbolik der Gabe dürfte dies weniger geschadet als sie vielmehr um eine weitere Deutungsmöglichkeit angereichert haben.

 Toni Wolff gab das einmalige Stück später an Jungs Zahnarzt Siegmund Hurwitz (1904-1994) weiter, der von Jung und ihr selber sowie Marie-Louise von Franz (1915-1998) zum analytischen Psychologen ausgebildet worden war und sich mit jüdischer Mystik befasste. Hurwitz schenkte den Band 1982 zusammen mit Originalbriefen von Jung an ihn und seine Gattin der ETH-Bibliothek.

Hier wird das Buch, dem beim Blättern immer noch ein Hauch Zigarettenrauch der früheren nikotingewohnten Besitzerin entströmt, in der Spezialsammlung „Alte Drucke“ aufbewahrt. Die Briefe von Jung an Siegmund Hurwitz und seine Frau Lena Hurwitz-Eisner (gestorben 1965), Mitherausgeberin der Gesammelten Werke C.G. Jungs, befinden sich in den Beständen der „Archive und Nachlässe“. Die „Archive und Nachlässe“ betreuen auch den testamentarisch der ETH Zürich vermachten wissenschaftlichen Nachlass von C.G. Jung, der von 1933 bis 1941 als Privatdozent und Titularprofessor Psychologie an der Hochschule lehrte und 1955 zu deren Ehrendoktor ernannt wurde.

03.06.2011

Das Buch als Ort der Utopie

Filed under: Alte Drucke,Architektur,Bestände — Tags: — Roland Lüthi @ 6:58

Centre Mondial de Communication: Perspective Generale

Der in Rom lebende Norwegisch-Amerikanischer Künstler Hendrik Christian Andersen (1872-1940) suchte Anfangs des 20. Jahrhunderts einen Ort, an dem er seine monumentalen klassizistischen Skulpturen aufstellen konnte. Er träumte von einer perfekten Metropolis, die mit Kunst gefüllt ist. Für die Planung zog er den französischen Architekten Ernest Hébrard bei. Andersen war davon überzeugt, dass die monumentale Beaux-Arts Architektur den Weltfrieden und internationale Harmonie herbeibringen würde.

Als Propagandavehikel für seine Stadtutopie gab Andersen ein aufwändig gestaltetes Buch mit dem Titel Création d’un centre mondial de communication (Paris, 1913-1918) heraus. Auf seiner Suche nach einem möglichen Ort für die Stadt verschenkte er das reich bebilderte Werk an Staatspräsidenten und andere wichtige Akteure. Auch dem damalige Rektor der ETH Zürich, Emil Bosshard, wurde ein Exemplar überreicht. Dieses von Andersen signierte Exemplar befindet sich heute in der Sammlung Alte Drucke.

Das Projekt Andersens erwies sich als Utopie – die Stadt wurde nie gebaut. Auch sein Glaube daran, dass die Kunst die Welt verändern könnte, fruchtete nicht. Das Stadtprojekt wurde von vielen als megalomanisch empfunden und Unverständnis schlug ihm selbst von Seiten seines engen Freundes Henry James entgegen. Trotz dieses Scheiterns kann Andersen als ein Vorläufer für spätere Stadtplanungen wie etwa die Konzepte Le Corbusiers angesehen werden. Bei der Betrachtung des Buches wird zudem klar, dass die Stadt, die nie gebaut wurde im Buch – wenn auch als Utopie – einen dauerhaften Ort gefunden hat.

Links:

Création d’un centre mondial de communication im Bibliothekskatalog NEBIS : http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002020678

Literatur:

Der Zwist zwischen Hendrik Andersen und Henry James ist im Briefwechsel zwischen den zwei Freunden dokumentiert: Beloved boy: letters to Hendrik C. Andersen, 1899-1915; edited by Rosella Mamoli Zorzi, Charlottesville: University of Virginia Press, 2004.

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