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03.02.2012

„haleluia!“ – Albert Einsteins Jubelschrei vom 2. Februar 1912

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Physik — Tags: — Christian John Huber @ 19:01

 

Briefkarte Albert Einstein an Alfred Stern vom 2.Februar 1912 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1510: 1)

  

Prag 2.II 12

Verehrter Herr Professor und verehrte Frau Professor Stern!

 

Vor zwei Tagen wurde ich (haleluia!) an das Polytechnikum in Zürich berufen und habe hier schon meinen k.k. Abschied angemeldet. Darob bei uns Alten und beiden Bärchen grosse Freude, sodass ich nicht umhin kann, es Ihnen mitzuteilen. Im Sommer wird schon gezügelt.

 

Beste Grüsse an Sie und Ihre Kinder

Auf frohes Wiedersehen

 

Ihr A. Einstein & Frau

 

Sicherlich war der Jubelschrei Ausdruck der Freude Albert Einsteins über die Rückkehr an die Alma Mater. Am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) hatte er 1896 bis 1900 Mathematik und Physik studiert und mit dem Fachlehrerdiplom abgeschlossen. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass seine Berufung zum Ordinarius für theoretische Physik auch Genugtuung bei ihm ausgelöst hat, und der Freudenschrei durchaus eine ironische Note besitzt. Denn Einstein hatte während des Studiums häufig durch Abwesenheit geglänzt, was seinen Lehrern auffiel und sich auch in seinen Abschlussnoten niederschlug. So schrieb er in einem früheren Brief an seinen väterlichen Freund Alfred Stern: „[…] soviel man mir sagte, bin ich bei keinem einzigen meiner früheren Lehrer gut angeschrieben“ (Albert Einstein an Alfred Stern am 3. Mai 1901). Er bekundete nach dem Studium denn auch Mühe eine Stelle zu finden.

 Mit dem Jahr 1905 nahm seine Biographie eine neue Wende. Während seiner Zeit als Patentbeamter in Bern publizierte er vier bahnbrechende Arbeiten, wurde hernach Extraordinarius an der Universität Zürich und dann Ordinarius in Prag, wo er nun seinen „k.k.“ also kaiserlich-königlichen Abschied nahm um mit seinen „beiden Bärchen“, den Söhnen Hans Albert und Eduard sowie seiner Gattin Mileva nach Zürich zurück zu kehren.

 Nicht zuletzt freute sich Albert Einstein jedoch auf das Wiedersehen mit seinem Freund Alfred Stern. Stern, wie Einstein ein deutscher Jude bürgerlicher Herkunft, wurde 1887 zum Ordinarius für Geschichte an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1928 verblieb. Die Freundschaft der beiden hatte bereits während Albert Einsteins Studium begonnen. Einstein verkehrte damals regelmässig im Hause Stern und teilte mit dem Historiker die Leidenschaft für Musik. Über das gemeinsame Musizieren hinaus schwärmte Einstein in seinen Briefen verschiedentlich von der Güte und Heiterkeit, welche in der Familie geherrscht habe. Die herzliche Beziehung Einsteins zur gesamten Familie Stern hielt ein Leben lang.

 

Link

Einstein Online

 

Literatur

Norbert Schmitz. Alfred Stern (1846-1936): Ein europäischer Historiker gegen den Strom der nationalen Geschichtsschreibung. Hannover 2009.

06.05.2011

August Wilhelm Zachariae: Die Elemente der Luftschwimmkunst (Wittenberg, 1807)

Filed under: Alte Drucke,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Jacob Degens Flugmaschine

August Wilhelm Zachariae (1769-1823) war ein deutscher Aviatiker der ersten Stunde, der heute eher etwas in Vergessenheit geraten ist. Wie der Titel seines Büchleins andeutet, ging Zachariae davon aus, dass Fluggeräte schwingende Flügel haben sollten, um sich in der Luft fortbewegen zu können. Diese sogenannten Ornithopter (Griechisch “ornithos pteron”, Deutsch “Schwingflügel-Flugzeug” und Englisch “wing-flapping craft”) imitieren den Vogelflug, indem die Flügel durch Muskelkraft bewegt werden. Allerdings waren Ornithopter nicht wirklich flugtauglich. Erst spätere Fluggeräte, die anstatt der schwingenden starre Flügel erhielten, hoben erfolgreich ab. Erste bemannte Flüge von Gleitern mit starren Flügeln fanden rund hundert Jahre nach Zachariaes Publikation statt. Es waren dies die Flugpioniere Otto Lilienthal (1891) und Gebrüder Wright (1903).

Die Abbildung von Jacob Degens Ornithopter wurde laut Bibliothekskatalog vermutlich von einem Vorbesitzer in das Buch eingeklebt. Jacob Degen war ein Schweizer Uhrmacher, der um 1800 in Wien lebte. 1809 machte Degen geltend, erfolgreich mit seiner Flugmaschine geflogen zu sein. Allerdings war er bei diesem Versuch an einem grossen Heissluftballon befestigt. Degen benutzte seine Flügel, um gerade soviel Auftrieb zu bekommen, damit er vom Ballon in die Höhe getragen wurde. Zwischen 1806 und 1817 wiederholte er dieselbe Vorführung mehrere Male in Paris und Wien.

Ornithopter haben auch Eingang in die Science-Fiction-Literatur gefunden, so etwa in Frank Herberts Romanzyklus Dune.

Links:

 Die Elemente der Luftschwimmkunst im Bibliothekskatalog NEBIS

 Die Abbildung von Jacob Degens Flugmaschine in E-Pics

17.12.2010

William Derham: The artificial clock-maker (London, 1734)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Mechanik und Maschinenbau,Physik — Roland Lüthi @ 7:00

Stereometric Diagram of a Clock Interior

Der britische Theologe und Naturforscher William Derham (1657-1735) verfasste neben Arbeiten aus dem Bereich Physik auch solche zu Biologie, Meteorologie, Astronomie, Geologie und Medizin. The artificial clock-maker  war seine erste Publikation (Erstausgabe 1696) und wurde mehrfach neu aufgelegt. Derham zeigt darin den Aufbau und die Mechanik verschiedenster Uhren, sowie einen geschichtlichen Abriss über die Uhrmacherkunst. Er war ein Vertreter der so genannten Uhrmacher-Analogie, die bereits von René Descartes und Robert Boyle ins Feld geführt wurde. Die Analogie besagt, dass die komplexe Konstruktion eines Uhrwerks einen intelligenten Konstrukteur erfordert. Daraus wird gefolgert, dass Naturphänomene wie beispielsweise das Weltall einen Schöpfergott implizieren.

1702 wurde Derham zum Fellow der Royal Society gewählt und publizierte diverse Arbeiten in den Transactions oft the Royal Society. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das eigentliche Vermächtnis Derhams weniger in seinen zahlreichen eigenen Arbeiten zu sehen, sondern vielmehr in der posthumen Herausgabe der Werke seines grossen Zeitgenossen Robert Hooke, den Philosophical experiments and observations, London 1726.

Links:

The artificial clock-maker (Rar 2002) im Bibliothekskatalog NEBIS

Tafel aus The artificial clock-maker in E-Pics Alte Drucke

Faksimile der Erstausgabe von Derhams Philosophical experiments and observations of the late Robert Hooke im Bibliothekskatalog NEBIS

04.06.2010

Jean-Baptiste de la Chapelle, Traité de la construction théorique et pratique du scaphandre, ou du bateau de l’homme, Paris 1775

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Physik — Tags: — Meda Diana Hotea @ 6:00

Falttafel mit Details und einigen Beispielen zur praktischen Anwendung des scaphandre

Der Prior Jean-Baptiste de la Chapelle (1710-1792), französischer Mathematiker und begeisterter Erfinder, machte sich in einem ganz speziellen Bereich der Meereswissenschaften einen Namen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederholte er Forschungen auf dem Gebiete des Tauchens. Sein berühmtester Vordenker war Leonardo da Vinci mit der Erfindung eines Taucheranzugs. An diesen anknüpfend hatten im 16. Jahrhundert Wissenschaftler wie Everard Digby oder Nicolas Wynman ohne Erfolg versucht, diese Ausrüstung weiter zu entwickeln.

Jean-Baptiste de la Chapelle testete seinen neu konzipierten Taucheranzug erstmals 1765 mit grossem Erfolg in der Seine und teilte dann die Resultate der Londoner Royal Society mit, welcher er seit 1747 angehörte.

Nach seiner Vorstellung sollten mit dieser Ausstattung im oder unter dem Wasser die unterschiedlichsten Tätigkeiten verrichtet werden können:

… permet de faire à la nage toutes sortes de manoeuvres comme de manger, boire, lire, écrire, combattre, charger le fusil ou le pistolet, tirer, chasser, pêcher, se sauver des naufrages, sans jamais pouvoir couler au fond, calfater un vaisseau en pleine mer, ou l’y radouber, faire passer à un corps de troupes, sans ponts, sans bateaux, sans randeaux & surtout sans bruit, les plus grands fleuves et les plus rapides, lui faciliter une descente par mer, sur une côte ou sur une terre…

Die interessanteste Nutzung, die der Erfinder für sein neues Gerät vorsah, war wohl die Verwendung als Badeanzug für Frauen. Diese heute sonderbar anmutende Idee resultiert aus den Sitten der Zeit, als man unbekleidet schwimmen ging, was aus diesem Grunde den Frauen verboten war. Nach La Chapelles Meinung hätte dieser „Schwimmanzug” den Frauen die „natürliche Freiheit” des Badens in öffentlichen Gewässern zurückgegeben.

Selbst die gründlich misslungene zweite Demonstration von 1768 in Anwesenheit des französischen Königs Louis XV entmutigte Jean-Baptiste de la Chapelle nicht, und er publizierte 1775 die erste Auflage seines Traité de la construction théorique et pratique du scaphandre, ou du bateau de l’homme. Seiner technischen Errungenschaft war kein weiterer Grosserfolg beschieden, jedoch gelang dem Erfinder auf dem Gebiet der Etymologie eine neue Wortschöpfung. Der aus den griechischen Wörtern skaphe (Boot, Schiff) und andros (Mann, Mensch) zusammengesetzte Begriff hat bis heute im Französischen (scaphandre) und Italienischen (scafandro) als Bezeichnung für den Taucheranzug überlebt.

Links:

La Chapelle, Traité  in NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=ENG&func=find-b&find_code=SYS&request=004288317

Informationen zu La Chapelles Leben und Werk in Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_de_La_Chapelle

07.05.2010

Strahlend blau wie ein Saphir – Der Swimming Pool Reaktor in Würenlingen

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Physik — Tags: , — Christian John Huber @ 9:11

ETH-Bibliothek, Archive, ARK-NA-Zü:1.9. Fotoalbum des Direktors des EIR, Werner Zünti, zum Abschied, 30.03.1973.

„The United States would seek more than the mere reduction or elimination of atomic materials for military purposes. It is not enough to take this weapon out of the hands of the soldiers. It must be put into the hands of those who will know how to strip its military casing and adapt it to the arts of peace.”

Mit seiner Rede “Atoms for Peace” vom 8. Dezember 1953 vor der UN-Vollversammlung hatte der amerikanische Präsident, Dwight D. Eisenhower, die weltweite Verbreitung amerikanischen Wissens über die zivile Nutzung der Atomenergie zum Ziel. Die UN begrüsste den Vorstoss der USA und die Vollversammlung beschloss in Genf eine Veranstaltung durchzuführen, welche unter Eisenhowers Motto stehen sollte.

Die „Atoms for Peace” Konferenz fand vom 8. bis 20. August 1955 statt. Schweizer Industrielle hatten in Zusammenarbeit mit der Forschung im März desselben Jahres die Reaktor AG gegründet. Sie bezweckte in erster Linie den „Bau und Betrieb von Versuchsreaktoren zur Schaffung wissenschaftlicher und technischer Grundlagen für die Konstruktion und den Betrieb industriell verwendbarer Reaktoren, die der Gewinnung von Energie dienen” (ETH-Bibliothek, Archive, ARK-NA-Bo:1.3. Statuten der Reaktor AG, 1.3.1955). Die Schweizer Delegation an der Genfer Konferenz zeigte sich angesichts des hohen technischen Niveaus der Forschung überrascht und musste eingestehen, dass die eigenen Reaktorpläne bereits technisch überholt waren.

Die Hauptattraktion der Genfer Konferenz war ein von den US-Amerikanern eingeflogener und betriebener Versuchsreaktor. Paul Scherrer, der Doyen der schweizerischen Nuklearforschung, und BBC-Präsident Walter Boveri handelten im Geheimen mit den Amerikanern den Kauf des Versuchsreaktors für die Reaktor AG aus. Der Vorschlag kam den US-Wissenschaftlern gerade recht, denn ihnen war nicht klar, wie der nun verseuchte Reaktor wieder sicher zurück in die USA hätte transportiert werden sollen.

Der blau schimmernde Swimming Pool Reaktor erhielt den Namen SAPHIR und kam in der Nähe von Würenlingen zu stehen. Die Reaktor AG ging 1960 an den Bund über und wurde zum EIR (Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung) eine Annexanstalt der ETH. 1988 fusionierte das EIR mit dem SIN (Schweizerisches Institut für Nuklearphysik) zum PSI (Paul Scherrer Institut). Der Reaktor SAPHIR wurde im Dezember 1993 abgeschaltet. Das Bild entstammt einem Fotoalbum, das dem scheidenden Direktor des EIR Werner Zünti 1973 zum Abschied geschenkt wurde.

Literatur:

Tobias Wildi. Der Traum vom eigenen Reaktor: Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969. Zürich 2003.

19.02.2010

Disjecta membra: Julius Schusters Faksimileausgabe von Goethes Beiträgen zur Optik (1928)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 15:26

Erstes Stück, Zweites Stück und Etui mit Karten zu Goethes Beiträgen zur Optik (Faksimile)

 

Grosse Tafel zu Goethes Beiträgen zur Optik (Faksimile)

Die von Goethe 1791/92 erstmals herausgegebenen Beiträge zur Optik wurden 1928 vom Deutschen Wissenschaftshistoriker Julius Schuster (1886-1949) neu aufgelegt. Das Werk besteht aus vier Teilen: zwei gebundenen Büchlein mit dem eigentlichen Text (“Erstes Stück” und “Zweites Stück”), einem Etui mit 27 Karten, sowie einer grossen chromatischen Tafel von 38×35 cm. Hinzu kommen in der Faksimileausgabe noch ein Nachwort des Herausgebers und eine Broschüre mit Ausführungen zur grossen Tafel. Darin äussert sich Schuster über den etwas unglücklichen Umstand, dass die Einzelteile von Text, Spielkarten und chromatischem Tableau von vornherein als einzelne Teile in den Verkauf gelangten, anstatt in einem einheitlichen Behältnis. Das hatte dann auch zur Folge, dass Teile verloren gingen und die grosse Tafel zum Zeitpunkt der Herstellung von Schusters Faksimile kaum mehr auffindbar war. Glücklicherweise konnte in der Landesbibliothek Stuttgart noch ein Exemplar gefunden werden, welches für das Faksimile originalgetreu nachgebildet wurde.

Goethe selbst meinte zu seiner grossen Tafel:

Da ich in dem Wahn stand, denen, die sich mit Naturwissenschaften abgeben, sei es um die Phänomene zu tun, so gesellte ich wie zum ersten Stücke meiner Beiträge ein Paket Karten, so zum zweiten eine Folio-Tafel, auf welcher alle Fälle von hellen, dunklen und farbigen Flächen und Bildern dergestalt angebracht waren, dass man sie nur vor sich hinstellen, durch ein Prisma betrachten durfte, um alles wovon in dem Hefte die Rede war, sogleich gewahr zu werden. Allein diese Vorsorge war gerade der Sache hinderlich [...] denn diese Tafel, vielmehr noch als die Karten, war unbequem zu packen und zu versenden, so dass selbst einige aufmerksam gewordene Liebhaber sich beklagten, die Beiträge nebst dem Apparat durch den Buchhandel nicht erhalten zu können.

Offenkundig befand sich Goethe in einem Dilemma. Um seine sinnesorientierte Farbtheorie zu stützen, wollte er ein Instrumentarium mitliefern, das die Theorie für den Leser erfahrbar machte. Fehlten einzelne Teile daraus, war seine Theorie jedoch nicht mehr nachvollziehbar.

Link:

Goethes Beiträge zur Optik im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002295866

 

04.11.2009

David Brewster: The stereoscope (London, 1856)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Physik — Tags: — Meda Diana Hotea @ 8:28

Fig. 14: Brewsters Stereoskop

Die Londoner Industrieausstellung von 1851 war ein Event mit Symbolcharakter für das Viktorianische Zeitalter und für Grossbritannien als erste Industrienation und führende Grossmacht jener Zeit. Im eigens für die Ausstellung im Hyde Park errichteten Crystal Palace wurden Kunstwerke und Industrieprodukte aus aller Welt gezeigt. Kurz vor der Schliessung des Crystal Palace präsentierte der schottische Physiker Sir David Brewster (1781-1868) seine neuste Erfindung, das Stereoskop – sehr zum Entzücken von Königin Viktoria, welche die Ausstellung bereits mehrere Male besucht hatte.

Brewster hatte zuvor bereits eine neue Version des von den Griechen erfundenen Kaleidoskops vorgelegt und patentieren lassen. Sein Stereoskop war eine Verbesserung des von Sir Charles Wheatstone (1802-1875) entwickelten Apparats. Sowohl Wheatstone wie Brewster beschäftigten sich mit dem binokularen Sehen, und ihre Beiträge auf diesem Gebiet gelten bis heute als Pionierarbeit. Während Wheatstone sein Stereoskop mit Spiegeln konstruierte, verwendete Brewster Linsen. Er experimentierte lange herum und fertigte mehrere Versionen des Instruments an. Das Linsenstereoskop setzte sich schliesslich durch.

Das Stereoskop ist ein optischer Apparat zur Betrachtung von Stereophotographien – paarweisen, leicht seitenversetzten Bildern, die bei Betrachtung mit der geeigneten Vorrichtung einen räumlichen Effekt erzeugen. Aber lassen wir den Autor selber dieses erstaunliche Gerät beschreiben:

The instrument consists of a pyramidal box, …, blackned inside, and having a lid, CD, for the admission of light when required. The top of the box consists oft wo parts, in one of which is the right-eye tube, R, containing the lens G and in the other the left-eye tube, L, containing the lens H. The two parts which hold the lenses, and which form the top oft he box, are often made to slide in grooves, so as to suit different persons whose eyes, placed at R, L, are more or less distant. This adjustment may be made by various pieces of mechanism. The simplest of these is a jointed parallelogram, moved by a screw forming ist longer diagonal, and working in nuts fixed on the top oft he box, so as separate the semi-lenses, which follow the movements of the obtuse angles of the paralleogram. The tubes R, L move up and down, in order to suit eyes of different focal lenghts, but they are prevented from turning round by a bross pin, which runs in a groove cut through the movable tube. Immediatly below the eye-tubes, R, L, there should be a groove, G, for the introduction of convex or concaves lenses, when required for a very long-sighted or short-sighted person, or for coloured glasses and other purposes. If we now put the slide AB, …, into the horizontal opening at S, turning up the sneck above S to prevent it from falling out, and place ourselves behind R, L, we shall see, by looking through R with the right eye and L with the left eye, the two images A, B united in one, and in the same relief as the living person whom they represent.

Bis heute wird Brewsters Apparat von Firmen hergestellt, die auf photographische Geräte spezialisiert sind.

Links:

Brewsters The stereoscope im elektronischen Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002282642

Zur Stereoskopie siehe auch den Beitrag über Charles Piazzi Smith: http://blogs.ethz.ch/digital-collections/2009/10/02/charles-piazzi-smyth-teneriffe-an-astronomers-experiment-or-specialities-of-a-residence-above-the-clouds-london-1858/

Sekundärliteratur zu Brewster und Wheatstone in NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=000341987; http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=000319395

30.09.2009

Jorge Juan und Antoine de Ulloa: Voyage Historique De L’Amérique Méridionale (Amsterdam, 1752)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Physik — Tags: — Roland Lüthi @ 11:25

Band 1, Planche XV, Fig. 1: Schneeberg Cotopaxi [...] als er sich im Jahre 1743 spaltete; Fig. 2: Lufterscheinung von den drey Regenbogen; Fig. 3: Lufterscheinung von dem Kreise um den Mond

Im Jahr 1735 startete im Auftrag von König Philip V von Anjou eine Expedition in die Paramos-Region in Südamerika. Mit von der Partie waren die beiden Wissenschaftler Jorge Juan (1713 – 1773) und Antoine de Ulloa (1716-1795). Sie hatten in erster Linie den Auftrag, die Länge eines Breitengrades in der Peruanischen Äquatorialregion zu bestimmen. Ihr  zweibändiger Reisebericht enthält dementsprechend astronomische und geografische Beobachtungen. Im zweiten Band steht die Kultur der Inkas im Vordergrund.

Von den Anhöhen des Pampamarca herab beobachteten die Forscher verschiedene Naturphänomene, die in einem aussergewöhnlichen Kupferstich dargestellt sind. Es handelt sich um den Ausbruch des Vulkans Cotopaxi, die Erscheinung dreier Regenbogen und eine weitere bis dahin unbekannte atmosphärische Lichterscheinung. Obwohl die drei Phänomene wohl kaum gleichzeitig wahrgenommen werden konnten, wurden sie (wohl um Kosten zu sparen?) auf einer einzigen Platte nebeneinander dargestellt. Diese Gleichzeitigkeit vermag wohl die Faszination auszumachen, die von dieser Abbildung ausgeht.

Links:

Der Druck wurde von Google digitalisiert. Leider sind die zahlreichen Falttafeln nicht ausgefaltet, was das Digitalisat praktisch wertlos macht: http://books.google.ch/books?id=ai8VAAAAQAAJ

Eine detaillierte Untersuchung der oben dargestellten Phänomene: http://www.hep.princeton.edu/~mcdonald/examples/optics/lynch_ao_30_3538_91.pdf

Die obige Abbildung kann in E-Pics näher betrachtet werden: http://ad.e-pics.ethz.ch/link.jsp?&id=Rar4031-B1_Fig1.tif&view=preview

26.06.2009

Vom Tunichtgut zum ehrbaren Professor auf Empfehlung von Marie Curie

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Physik — Tags: — Yvonne Voegeli @ 7:00

Abschrift des Briefs von Marie Curie an Pierre Weiss, Physikprofessor an der ETH, Paris, 17. November 1911.

Als Student des Eidgenössischen Polytechnikums an der Abteilung für mathematische und naturwissenschaftliche Fachlehrer war Albert Einstein der Professorenschaft durch Respektlosigkeit aufgefallen, vom Rektor mit einem Verweis wegen Unfleiss ausgezeichnet worden und hatte mit der zweitschlechtesten Abschlussprüfung seines Jahrgangs geglänzt, gerade noch ausreichend für das schlechteste Diplom, unterboten einzig von den Leistungen seiner künftigen Frau Mileva Maric.

Erst ein paar Jahre später verblüffte er die Fachwelt mit einer Folge spektakulärer Arbeiten zur theoretischen Physik, darunter die spezielle Relativitätstheorie. 1911 wurde er daher nach Brüssel an die erste internationale Physik-Konferenz des belgischen Industriellen Solvay eingeladen, wo er die polnisch französische Nobelpreisträgerin Marie Curie kennenlernte. Auf seinem holprigen akademischen Weg war der flatterhafte Querkopf inzwischen mit der stetigen Hilfe treuer Freunde bis auf einen Physiklehrstuhl an der deutschen Universität Prag gelangt. Hier gefiel es ihm allerdings nur kurz. Es traf sich somit günstig, dass die ETH sich gerade neu organisierte und den Unterricht der Grundlagenfächer ausbaute. Einmal mehr konnte Einstein auf seine verlässlichen Zürcher Freunde zählen, die nun mit Umsicht die Rückkehr des verlorenen Sohnes an die ETH einfädelten.

Dafür wurde unter anderem Marie Curie um ihre Einschätzung von Einstein gebeten. Am 17. November 1911 schrieb sie aus Paris, dass man in den noch jungen Forscher grösste Hoffnungen setzen und in ihm einen der führenden Theoretiker der Zukunft sehen könne. Das freundliche Urteil der zweifachen Nobelpreisträgerin trug schliesslich dazu bei, dass der gehörig beeindruckte Schweizer Bundesrat der Berufung Einsteins an die ETH zum ordentlichen Professor für theoretische Physik zustimmte.

Links:

Die Abschrift der Empfehlung von Marie Curie befindet sich in der Einstein-Sammlung des Schriftstellers Carl Seelig in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek.

Weitere Dokumente der ETH-Bibliothek von und zu Einstein sind zu sehen in Einstein-online.

Lektüre zu Einsteins Werdegang bietet Albrecht Fölsing, Albert Einstein. Eine Biographie, 1993. Darin steht auf Seite S. 332 eine deutsche Teilübersetzung von Marie Curies Empfehlung.

Zu Marie Curie sei hingewiesen auf Susan Quinn, Marie Curie. Eine Biographie, 1999, weiter auf das Porträt des Monats Juli 2009 der ETH-Bibliothek und auf den gehaltvollen Artikel in der Wikipedia.

09.01.2009

Die Pläne für einen eigenen Atomreaktor an der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Physik — Tags: , — Christian John Huber @ 9:53

Lageplan zum Vorprojekt für das Atomkraftwerk FHK an der ETH Zürich, 13.2.1957 (ARK-ETH01:1)

Seit 1930 werden die Gebäude der ETH Zürich durch ein Fernheizkraftwerk mit Wärme und Heisswasser versorgt. Als die Anlage 1956 an ihre Grenzen stiess, wurde die Suche nach einer neuen leistungsfähigeren Lösung lanciert. Der Direktor des Kraftwerks und ordentliche Professor für angewandte Elektrotechnik, Bruno Bauer, sprach sich für einen Atomreaktor aus. Zusammen mit namhaften Partnern aus der Privatwirtschaft wie die BBC (heute ABB), die Gebrüder Sulzer AG, oder die Escher Wyss AG wurde ein Konsortium gebildet. Geplant war der Bau eines kleinen Versuchskraftwerks in einer Kaverne an der Clausiusstrasse, direkt neben dem ETH Hauptgebäude. Weder der Schweizerische Schulrat noch der Zürcher Regierungsrat oder der Stadtrat äusserten Sicherheitsbedenken wegen eines Reaktors mitten in der Stadt. Alle drei Räte unterstützten die Pläne.

1959 reichte das Konsortium ein Gesuch um Bundessubventionen ein. Zeitgleich buhlten 2 weitere Projekte für Versuchsatomkraftwerke um die finanzielle Unterstützung des Bundes. Die Energie Nucléaire S. A. (Enusa) plante einen Westschweizer Reaktor und wurde von der Maschinenindustrie und den Elektrizitätsgesellschaften der Romandie unterstützt. Die ebenfalls als Aktiengesellschaft organisierte Suisatom wurde von den führenden Elektrizitätsgesellschaften der Schweiz finanziert. Die BBC sollte die Projektierung und Bauleitung übernehmen. Im Gegensatz zu den beiden anderen Projekten ging es der Suisatom nicht um die Entwicklung eines eigenen Reaktors, sondern um die Erfahrungen im Betrieb eines bereits erprobten Reaktors.

In gut schweizerischer Manier suchte der Bundesrat einen Kompromiss und beschloss bloss 1 Projekt zu unterstützen. Dieses Projekt sollte Elemente aller 3 Eingaben enthalten. So wurde der Versuchsreaktor wie von der Enusa vorgesehen in Lucens (VD) nach den Plänen des ETH-Fernheizreaktors gebaut und nach dem Konzept der Suisatom betrieben.

Nach grossen Verzögerungen und obgleich viele Teilhaber – u.a. die Gebrüder Sulzer AG und die BBC – das Projekt verlassen hatten,  wurde der Reaktor im Frühjahr 1968 dem Betrieb übergeben. Bereits im folgenden Januar kam es zu einem Kontrollverlust. Probleme mit dem Kühlsystem hatten zu einer partiellen Kernschmelze geführt. Damit war der schweizerische Traum vom selbst entwickelten Reaktor ausgeträumt.

Link: Die Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek besitzen mit dem Archiv zur Geschichte der Kernenergie in der Schweiz eine weltweit wohl einzigartige Sammlung von Akten und Medien zur Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie.

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