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25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

14.10.2011

Färberwaid, der europäische Indigo vor dem Jeans-Blau

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Botanik — Anna Maria Stuetzle @ 8:00

Der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) aus der Familie der Kreuzblütler ist eine zweijährige Pflanze, die in Europa seit der Antike über Jahrhunderte hinweg die Grundlage zum Blaufärben von Textilien lieferte. In den meisten Kräuterbüchern des späten 16. Jahrhunderts wird der Waid behandelt. Stehen bei den meisten anderen Kräutern ihre verschiedenen medizinischen Indikationen im Vordergrund, so wird bei Isatis an erster Stelle die Verwendung als Färberpflanze beschrieben und gleichzeitig seine wirtschaftliche Bedeutung betont.

Der Färberwaid auf Seite 209 recto im Kreuterbuch des hochgelehrten und weitberühmten Herrn Dr. Petri Andreae Matthioli 

Es gibt zwei Arten von Waid; den kultivierten (Isatis) und den wild wachsenden (Isatis silvestris). Den ersten verwenden die Tuchmacher und (vor allem) die Färber. Der Waid breitet seine Blattrosetten auf der Erde aus wie der Wegerich, nur sind sie dicker und von blauschwarzer Farbe. Die Blätter am Stengel dagegen sind länglich, spitz zulaufend und umhüllen diesen ähnlich wie beim Bauernsenf oder dem grossen Besenkraut. Der Stengel wächst etwa zwei Ellen hoch, manchmal etwas höher und treibt oben kleine, zartgelbe Blüten in Dolden. Daraus entwickeln sich die Samen in zungenförmigen Hülsen. Die Wurzel der Pflanze ist weiss und gerade ohne viele Nebenwurzeln. Das ganze Kraut wird auf von Pferden angetriebenen Mühlen zerstossen, dann zusammengeballt und zu kleinen Kugeln geformt. Diese trocknet man in der Sommerhitze und verwendet sie zum Blaufärben. Daraus haben sich bedeutende Handelsgeschäfte entwickelt.

Die wildwachsende Art (Isatis silvestris) wird nicht als Färberpflanze genutzt.

 

Fortsetzung auf Seite 209 verso

Als Medizinalpflanzen sind beide Arten bitter im Geschmack und haben zusammenziehende, trocknende Wirkung. Sie können sowohl innerlich, wie auch äusserlich angewandt werden und helfen bei „Milzsucht“, Geschwülsten und verschiedenen Wunden. 

Zum Schluss folgt die Wiedergabe der Pflanzennamen in anderen Sprachen: Weydt heisst Griechisch unnd Lateinisch Isatis. Spanisch Pastel.  Frantzösisch Pastel de languedoc. Behmisch Wayt. 

Der heute nur noch als Unkraut wachsende Waid enthält, ähnlich wie Indigofera tinctoria L. und viele andere tropische Färberpflanzen, in seinen Blättern eine Vorstufe des Farbstoffes Indigo.  

Für seine Gewinnung waren mehrere Gärungsprozesse notwendig. Ein erster fand unmittelbar nach der Ernte während dem oben beschriebenen Mahlen und Trocknen statt. Die die Bauern verkauften die Waidballen als Rohprodukt auf dem Markt, und die Waidhändler lagerten diese noch bis im Winter. Dann mussten sie zerkleinert, im Wasser zu Ende fermentiert, abgesiebt und wieder eingetrocknet werden. Die Blaufärber erwarben den Farbstoff als Indigopaste oder –Pulver und setzten damit in ihren Küpen mit Wasser und Urin eine gärende, vorerst noch farblose Brühe an. Die darin getränkten Textilien wurden schliesslich beim Trocknen der Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt, damit sich in einem Oxidationsprozess die blaue Farbe entwickeln konnte, während die Färber „Blau machten“, also einen Arbeitsunterbruch genossen.

Indischer Indigo war erstmals im 12. Jahrhundert über den Fernosthandel mit dem Zentrum Bagdad und den Umschlagplätzen Venedig und Genua nach Europa gekommen. Eine ernste Konkurrenz erhielt der Waid erst nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien, als ab dem 17. Jahrhundert der billigere Indigo in grösseren Mengen importiert wurde. Man versuchte zwar, den neuen Farbstoff mittels polizeilicher Verordnungen zu verbieten, lebten doch ganze Landstriche Deutschlands (z. B. Thüringen oder das Elsass) vom Waidanbau und seiner Verarbeitung. Trotzdem begann der Anbau zurückzugehen. Bevor der Waid ganz verdrängt wurde, setzte man der Küpe oft indischen Indigo zu, um einen satteren Ton zu erhalten, für den die Farbstoffkonzentration im Waid allein nicht ausreichte.

Als dann aber auch die Herstellung von synthetischem Indigo in industriellem Massstab möglich geworden war, fuhr man in Thüringen 1912 endgültig die letzte Waidernte ein.

Links:  

Matthioli: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001493565

Hieronymus Bock: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004900797

Tabernaemontanus: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002790418

Zur Geschichte des Indigo: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=006089867

26.08.2011

John Gerard: The Herball (London, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

John Gerard (1545-1612) gilt als einer der bekanntesten Kräuterkenner Grossbritanniens. Sein “Herball or General Historie of Plantes” erschien erstmals 1597. Wie viele Kräuterbücher der Zeit besteht es aus einer Mischung von Alt und Neu, in diesem Fall einer Adaption einer Übersetzung von Rembert Dodoens‘s Stirpium historiae pemptades sex (1583), die Gerard von Dr Robert Priest übernommen hatte. Das Buch enthält etwa 1800 Holzschnitte, von denen nur wenige neu sind. Eine dieser neuen Abbildungen zeigt eine Kartoffel und ist vermutlich das erste je publizierte Bild dieser Pflanze.

 

Holzschnitt Seite 781: Potatoes of Virginia

Trotz Neuerungen war Gerard nicht davor gefeit, Aberglaube weiter zu verbreiten. So hielt er zum Beispiel hartnäckig an der Vorstellung des „Gänsebaums“ fest. Dieser Baum komme im nördlichen Schottland vor und trage an seinen Ästen eine Art Muscheln, aus denen Nonnengänse ausschlüpfen.

 

Holzschnitt Seite 1391: The Breede of Barnakles (“Gänsebaum”)

Obwohl die alte Legende des Gänsebaums bereits im 13. Jahrhundert durch Albertus Magnus widerlegt worden war, indem dieser feststellte, dass Nonnengänse wie andere Vögel aus Eiern ausschlüpften, lebte der Gänsebaum in den Köpfen vieler späterer Autoren von Kräuterbüchern weiter. In posthumen Versionen von Gerards Herball wurde der Gänsebaum verworfen um dann allerdings bei späteren Autoren wie in Adam Lonicers Kraeuterbuch (Ausgabe 1783) wieder aufzutauchen. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff „Canard“ für eine „Zeitungsente“ (Irrtum oder Falschmeldung) auf der Legende des Gänsebaums fusst. Hierzu gibt es aber unzählige weitere Theorien.

Veranstaltungshinweis:

Das Herball von Gerard wird an der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 6. September 2011 gezeigt. Unter dem Titel Die Magie der Pflanzen figurieren rund 10 weitere Pflanzenbücher von Hieronimus Bock bis zu Johann Künzle. Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Links:

The Herball ist auf einer privaten Website online: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/gerarde/index.html; Hier werden viele weitere Autoren aus dem Bereich Biologie vorgestellt: http://www.biolib.de/.

Das Herball im Bibliothekskatalog NEBIS (Ausgabe von 1597): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001455559

Die verbesserte Ausgabe von Thomas Johnson (1636): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001480003

12.02.2011

Charles Darwin und der Sonnentau

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Christine Verhoustraeten @ 7:00

Die Abbildung zeigt ein Blatt von Drosera rotundifolia, welche von seinem Sohn George Darwin gezeichnet wurde. An der Spitze der Auswüchse, Tentakel genannt, befinden sich Drüsenköpfchen, die einen klebrigen Fangschleim produzieren.

Man kennt Darwin als den Vater der Evolutionstheorie. Auch die Veranstaltungen am internationalen Darwin Day, http://www.darwinday.org/, die alljährlich am 12. Februar zum Gedenken an Darwins Geburtstag begangen wird, kreisen meist um evolutionstheoretische Themen. Doch Darwin hatte einen grossen Bezugspunkt zur Botanik. Er publizierte sieben grosse botanische Werke, die sich mit den Themen der Bewegung, Blütenbiologie, Kreuz- und Selbstbefruchtung, Blütenformen und Karnivorie befasste.

Zum ersten Mal stiess Darwin 1860 auf karnivore Pflanzen und hielt diese Begegnung im Buch Insectivorous Plants fest (Ein Exemplar der Erstausgabe von 1875 befindet sich im Bestand der Alten Drucke unter der Signatur Rar 02):” During the summer of 1860, I was surprised by finding how large a number of insects were caught by the leaves of the common sun-dew (Drosera rotundifolia) on a heath in Sussex. I had heard that insects were thus caught, but knew nothing further on the subject.”

Karnivore Pflanzen stellen eine besondere Form von Pflanzen dar. Sie können Tiere fangen, verdauen und aufnehmen, um sich auf nährstoffarmen Böden wie z.B. Mooren mit Mineralstoffen zu versorgen. Darwin führte viele Experimente am Sonnentau (Drosera) durch und erkannte die Wichtigkeit der Tiere als zusätzliche Nährstoffquelle für die Pflanze. Seine Forschungsergebnisse stellte er im Buch Insectivorous Plants zusammen.

Warum sich Darwin mit dieser speziellen Pflanzenform befasste, kann nur spekuliert werden. Anscheinend waren es vor allem die pflanzenuntypischen, „tierhaften“ Merkmale wie Reizbarkeit, Bewegung und Verdauung, die sein Interesse weckten, und weniger der Umstand, dass Tiere in den Fallen zu Tode kamen (Stöcklin und Höxtermann, 2009, Darwin und die Botanik).

Obwohl Darwin nicht der erste Naturforscher war, der sich mit karnivoren Pflanzen beschäftigte, kann er zurecht als Vater der Karnivorenforschung betrachtet werden. „Darwin was one of the pioneers of work on the physiology of carnivorous plants.” (Heslop-Harrison, 1978, Carnivorous plants, Scientific American 238:104-115)

12.11.2010

Begeisterung, Fachwissen und Passion: Schweizer Botanik in den 1820er Jahren

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Botanik — Tags: — Evelyn Boesch Trüeb @ 11:00

J.G. Custer an J. Hegetschweiler, 1827 

Brief des Botanikers Jakob Gottlieb Custer über seine Proben von Schweizer Pflanzen und über den wissenschaftlichen Fortschritt in der Floristik
(ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 517:2)

„Sonderbar genug ist es, dass gerade die sogenannt gemeinen Pflanzen… lange nicht immer die am besten untersuchten und geordneten sind.  Man will – besonders der Sammler – immer eher das Seltene, Weiterentlegene.“

Der Bezirksarzt und Botaniker Jakob Gottlieb Custer (1789-1850) aus Rheineck konstatierte 1827 in einem Brief mit seiner Bemerkung über die Jagd nach Raritäten ein immer wieder feststellbares Phänomen. Er war daran, Pflanzenbelege zusammenzustellen, die er an einen ebenfalls sehr versierten Botaniker weiterreichen wollte, den er mit „Herr College“ ansprach. Custer war sich zuerst nicht ganz schlüssig, was er alles versandbereit machen sollte. Er leistete seinem Briefpartner denn auch  „Abbitte“, wegen des grossen Packes keineswegs seltener Pflanzen“ und fuhr fort: „Während Sie ohne Zweifel Bürger der höhern und südlichen Alpen erwarteten, komme ich Ihnen mit einer Schaar Thal- und Vorgebirgspflanzen des Nordens der Schweiz daher“. Custer bezeichnete sich selbst als „wahren Verehrer des Pflanzenstudiums“. Seit Jahren sammelte er unermüdlich Proben aus seiner Umgebung. Die von ihm begutachteten und gepflückten Pflanzen stammten aus „Vorarlberg, Kanton Appenzell und aus den Gebirgen des Distrikts Sargans bis zum Calanda“.

Obwohl an der überliefernden Stelle keine Gegenbriefe an Custer vorhanden sind, wissen wir aus den Briefen, dass nicht nur Custer Belege an sein Gegenüber versandte, sondern dass auch sein Briefpartner ihm Sendungen zukommen liess. Der Austausch diente den beiden Briefpartnern dazu, das Urteil des Kollegen zur Einordnung des Pflanzenbelegs einzuholen.

Custer legte ein reichhaltiges Herbar an und verfasste eine Abhandlung über phänerogamische Gewächse des Rheintals, die 1821 im Band 1 der Neuen Alpina erschien und 1827 Ergänzungen erfuhr. Er wird 1854 als einer der „Gewährsmännner“ der Flora von Tirol geführt und der Autor Franz Freiherr von Hausmann vermerkt in Band 3 eine weitere von Custer angelegte Sammlung, die 1846 das Vorarlberger Gebiet dokumentierte und in die Museal-Sammlungen Innsbruck gegeben wurde. Eine Reihe der Schweizer Fundbelege Custers liegt heute im Naturmuseum St.Gallen.

„Dergleichen Männern wie Sie, Selbstbeobachtern der Gewächse im Freÿen, kommt es allein zu, solche Genera zu bearbeiten, wenn sie aus ihrem Chaos herauskommen sollen, fallen sie hingegen in die Hände von zwar sehr gelehrten, aber nur trocken zugeschickte Exemplar beschauen könnende Botaniker  (sic)…, so ist an keine Entwirrung zu denken.“

Die Aussage über das Beobachten in der freien Natur lässt vermuten, dass die Briefe, deren Überlieferungsgeschichte keine eindeutigen Schlüsse zulässt, an Johannes Hegetschweiler (1789-1839) gerichtet gewesen waren und weniger an seinen Bruder  Johann Jakob Hegetschweiler (1795-1860), der auch als Adressat ins Spiel gebracht wird. Johannes Hegetschweiler  kannte Custer seit der Schulzeit an der Aargauer Kantonsschule. Er gab Custers dokumentierender Arbeit  ihren Platz in seinem Werk „Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen“, das 1831 erschien und das eine Florenliste der Appenzeller Alpen von Custer enthielt.

Die Zuordnung der zwei Briefe zu einem Briefwechsel mit Johannes Hegetschweiler wird gestützt durch eine weitere Briefstelle, in der Custer seinen Briefpartner auf seine Schrift „Reise“ anspricht, die er schon im letzten Sommer kennen gelernt habe und die ihm ein wahrer Genuss gewesen sei, gerade hinsichtlich der Ausführungen über die Species. Damit dürfte der Band Hegetschweilers  zu seinen Tödireisen gemeint sein, der 1825 erschien.

Die Briefe Custers und die angesprochenen Werke geben einen schönen Einblick, wie akribisch und versiert im 19. Jahrhundert die Arbeit an einer zeitgemässen Floristik der Schweiz vorangetrieben wurde.

Literatur mit einer Florenliste von Custer:

Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen, 1831

Die Tödireise von Johannes Hegetschweiler ist bei Google Books digitalisiert:

 Johannes Hegetschweiler Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus und Graubünden in den Jahren 1819, 1820 und 1822,  Zürich 1825

17.09.2010

Die peinliche Befragung – Prüfungen an der ETH

 

“Prüefigsfrage” aus: V.OCT.MCMLXIII.,

Hg. Mitarbeitende des Institutes für Spezielle Botanik ETH Zürich,

in: Ernst Gäumann, Biographische Sammlung. Archive und Nachlässe ETH-Bibliothek Zürich

 

 

Vor rund zwei Wochen – die sommerliche Prüfungssaison kaum zu Ende, die Resultate noch nicht bekannt, knapp vor dem neuen Herbstsemester – war in der Presse zum Schrecken der Geprüften und der erwartungsvollen Neulinge zu lesen, dass an der ETH Zürich ein Drittel der Studierenden das erste Jahr nicht überstehe. Diesmal wurde die Meldung im Zusammenhang mit dem Ansturm schwacher Bachelorabsolventen und -absolventinnen aus dem Ausland auf Schweizer Universitäten verbreitet. Doch waren Abschreckung und strenge Examen seit jeher bewährte Mittel, um die Studierenden auf das gewünschte Leistungsniveau aus- und abzurichten zur Sicherung von Ausbildungsqualität und Ansehen der Lehranstalt.

 

Gefürchtet waren beispielsweise die Prüfungen bei Ernst Gäumann (1893-1963), Professor für Botanik, über den eine kleine Erinnerungsschrift zum 70. Geburtstag berichtet: “Auf Exkursionen ist er flott, doch im Examen – Gnad uns Gott!”. Was Prüflingen bei ihm blühen konnte, hält das abgebildete Gedicht aus der humoristischen Zeitung fest, die seine Institutsangehörigen ihm zur Geburtstagsfeier schrieben. Für Lesende, die der Berner Mundart – Gäumanns Muttersprache – nicht mächtig sind, eine Übersetzung in die Schriftsprache:

 

Prüfungsfragen

 

Wann haben die alten Eidgenossen

das erste Bündnis geschlossen?

Und was haben sie in Stans beschlossen?

Und warum den Gessler denn/dann erschossen?

Was vor der Schlacht bei Sempach gegessen?

Hast du die Tiefe der Aare auch schon gemessen?

Wieso hast du das alles schon vergessen?

Kannst du eigentlich auch Pflanzen pressen?

Wer hat den Lötschbergtunnel konstruiert?

Wer hat den Schatz von Karl dem Kühnen abserviert?

Und wer hat das grosse Moos drainiert?

Hast du Cyperales auch studiert?

Wieso geht (fliesst) die Linth in den Walensee?

Hast du schon einmal eine Lilie gesehen?

Wieso weisst du über diese Familie nicht mehr?

Woher stammt eigentlich der Tee?

Warum gehört Aarau nicht mehr zu Bern?

(Das hört er zwar nicht grauslich [sehr] gern)

Was ist ein rechter Morgenstern?

Wieso haben die Zwetschgen keine Kerne?

Wer ist Niklaus von der Flüe?

Was hat es im Berneroberland für Kühe/welche Kühe gibt es im Berneroberland?

Und warum blühen die Anemonen früh?

Macht solch eine Frage dir Mühe?

 

Der vierzeilige Schlusskommentar aus dem Basler Dialekt übersetzt:

 

Hat er dir fast den Nerv ausgerissen?

Du merkst es bald und kriegst ein unruhig Gewissen,

bei Gäu musst du über Pflanzen auch ein bisschen etwas wissen,

doch ohne Schweizergeschichte bist du einfach beschissen.

 

Gäumann pflegte seine Studierenden und Institutsangehörigen zu duzen, was diese in der Regel als Privileg empfanden und worum sie von Aussenstehenden gelegentlich beneidet wurden. Dass er Kandidatinnen und Kanditaten aus der deutschsprachigen Schweiz tatsächlich in Mundart prüfte statt in der deutschen Unterrichtssprache, ist nirgens erwähnt, obschon durchaus denkbar. Dagegen ist verbürgt, dass Gäumann die Studierenden zu selbständigem Denken und Arbeiten anhielt. Entsprechend ungnädig reagierte er, wenn an Prüfungen bloss auswendig gelernte Vorlesungsinhalte  “wiedergekäut” wurden. Dies dürfte neben Gäumanns Patriotismus auch ein Grund gewesen sein, die Kandidatinnen und Kandidaten mit Fragen ausserhalb des eigentlichen Lernstoffes zu traktieren.

 

Literatur:

 

- V.OCT.MCMLXIII., Hg. Mitarbeitende des Institutes für Spezielle Botanik ETH Zürich. Die Geburtstagszeitung mit dem Prüfungsgedicht findet sich im Dossier Ernst Gäumann der Biographischen Sammlungen, einer Dokumentation mit Zeitungsausschnitten, Nachrufen etc. zu Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Technik sowie über ETH Einrichtungen, in der Spezialsammlung “Archive und Nachlässe” der ETH-Bibliothek

 

- Herrn Professor Dr. Ernst Gäumann zum siebzigsten Geburtstag gewidmet von seinen Schülern und Mitarbeitern, Kollegen und Freunden, Wabern-Bern, 1963

 

 

Link:

Ernst Gäumann

 

31.05.2010

110 Jahre Mammut von Niederweningen

  

Ausschnitt der Falttafel “Der Mammutfund von Niederweningen” in: Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde, Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 1892

Im Sommer 1890 beutete die Schweizerische Nordostbahn [...] ein in Niederweningen gelegenes Stück Land als Materialgrube aus. Dieses Stück Land liegt an dem Wege, welcher vom Gasthaus zum Löwen [...] in Niederweningen zum oberen Dorfe, wo die Dorfkirche steht, in sanfter Steigung gegen die Lägern emporsteigt, etwa drei Minuten von dem erwähnten Gasthause entfernt, auf der linken Seite des Weges. Schon Mitte Juli stiessen die Arbeiter bei der Ausbeutung der Materialgrube auf grosse Knochen, und von da an wiederholten sich solche Funde täglich. Sie wurden einstweilen im Gasthof zum Löwen deponirt.

Arnold Lang, Professor für Zoologie am Eidgenössischen Polytechnikum und an der Universität Zürich, von dem die exakte Lagebeschreibung stammt, wurde erst anfangs August telegraphisch über die Knochenfunde informiert und überzeugte sich leicht verspätet vor Ort, dass es sich keineswegs um einen alkoholisierten Scherz der Gasthausgäste handelte. Schon kurz darauf leitete er die nun systematischen Ausgrabungen, die auch im folgenden Jahr andauerten. Als wertvollster Fund wurden Knochen eines jungen Mammuts geborgen nebst zahlreichen Überresten von erwachsenen Tieren. Aus diesen liess Lang in den geologischen Sammlungen des Polytechnikums ein zwar unvollständiges, aber dennoch imposantes Skelett zusammenstellen. Ab 1914 sollte es im Zoologischen Museum des neu erbauten Universitätsgebäudes bis heute das Publikum beeindrucken. 

Zusammen mit seinen Kollegen Albert Heim, Geologieprofessor an beiden Zürcher Hochschulen, der die geologischen Verhältnisse der Grabungsstätte begutachtete, und Carl Schröter, Professor für Botanik am Polytechnikum, der die pflanzlichen Überreste im Torf der Fundschicht bestimmte, präsentierte er die Untersuchungen der sensationellen Endeckung 1892 im Neujahrsblatt der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft.

Für die Druckvorlage der beigebundenen Falttafel zur Veranschaulichung der schriftlichen Ergebnisse zeichnete Lang persönlich die Figuren des rekonstruierten Skelettes, eines Unterkiefers und der Knochen des Jungtieres sowie das mögliche äussere Erscheinungsbild eines Mammuts. Dabei legte er Wert auf die saubere Unterscheidung zwischen originalem Material und zeitgenössischen Ergänzungen: Beim Skelett sind die Knochen naturgetreu und mit plastischen Schattierungen ausgeführt, während die fehlenden ergänzten Teile der Hinterbeine, des Beckens und der Vorderfüsse als hell belassene Umrisse kontrastieren. Grössenangaben komplettieren die wissenschaftliche visuelle Darstellung.

Auf der Originalvorlage, die an der ETH-Bibliothek in den Archiven und Nachlässen aufbewahrt wird, ist als Zeichner der kleinformatigen pflanzlichen Überreste “Schröter” vermerkt. Damit bleibt im Dunkeln, ob Ludwig Schröter, wissenschaftlicher Zeichner und jüngerer Bruder des Botanikprofessors, am Werk war oder ob der ebenfalls talentierte Carl Schröter es sich nicht nehmen liess, bei diesem aufsehenerregenden Fund selber Hand anzulegen.

Links:

Biografien von Albert Heim ,  Arnold Lang  und Carl Schröter 

Arnold Lang, Geschichte der Mammutfunde – Ein Stück Geschichte der Paläontologie  nebst einem Bericht über den schweizerischen Mammutfund in Niederweningen 1890/1891. Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft auf das Jahr 1892. XCIV, Zürich 1892

14.05.2010

Biologie an der ETH Zürich

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Botanik — Tags: — Heike Hartmann @ 7:00

Gentiana alpina: Grat zwischen Camoghé und Garzirola, ca. 2050 m (Dia 282: 7411) 

 

Kaffee. Coffea-Arten. [...] Coffea robusta [...] Soerabaja (Dia 249: Gs 235)

 

Java, im Stützwurzelwald der “Waringins” (Ficus benjamin) im bot. Garten v. Buitenzorg mit C.S. [Carl Schröter] (Hs 1360: 1321)

Im Jahr 1866 wurde die Abteilung für Naturwissenschaften an der ETH Zürich gegründet, die anfänglich den Auftrag einer Fachlehrerausbildung hatte. Später, 1932, bestand die Abteilung Naturwissenschaften aus den Bereichen Biologie, Molekularwissenschaften und Umweltphysik sowie Erdwissenschaten. Zu den klassischen Disziplinen der Biologie zählten die Botanik und die Zoologie.

Bis ins Jahr 1937 hatten die ETH Zürich und die Universität Zürich ein Übereinkommen, dass die Zoologie an der Universität gelehrt wird und die Botanik an der ETH.

Nachdem diese Vereinbarung aufgehoben wurde entstand auch ein Institut für Zoologie an der ETH Zürich. Dieses wurde allerdings 1977 wieder aufgehoben, was für die Lehre in den zoologischen Grundlagen gravierende Folgen hatte.

Dahingegen entstanden in den 60er und 70er Jahren zahlreiche biologische Institute na der ETH Zürich, die sich immer wieder anpassten und veränderten. Heute  besteht das Departement Biologie aus  zehn Instituten und Gruppen, darunter auch die Pflanzenwissenschaften.

Zu den bekanntesten Botanikern, aus der Anfangszeit des Bereichs Biologie an der ETH Zürich gehören sicherlich Oswald Heer (1809 -1883), Karl Schröter (1855 – 1939) und Albert Frey-Wyssling (1900 – 1988).

Das  Jahr 2010 wurde von der UNO zum Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt oder auch Biodiversität ernannt, was den aktuellen Anlass gibt, um einige schöne Pflanzenbilder vorzustellen, die aus Nachlässen von Karl Schröter, Albert Frey-Wyssling und aus dem Geobotanischen Institut / Stiftung Rübel  zum Bildarchiv der ETH-Bibliothek gekommen sind.

Das erste Bild aus dem Bestand des Geobotanischen Institut  / Stiftung Rübel  zeigt ein Alpen-Enzian. Dieses Dia wurde im Juli 1951 im Tessin gemacht. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Auf dem zweiten Bild, aus dem Bestand von Frey-Wyssling, sieht man eine Kaffeepflanze. Dieses Dia ist handkoloriert und entstand im Zuge einer Reise zwischen 1926 und 1932 von Frey-Wyssling auf Java. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Das dritte Bild zeigt Kar Schröter in einem Stützwurzelwald. Diese Fotografie entstand während seiner Weltreise 1898 – 1899 auf der Insel Java. Ein zoombares Bild befindet sich im BildarchivOnline.

Abendführung:

Flora und Fauna – Biologie an der ETH
ETH-Bibliothek/Archive und Nachlässe
Dienstag, 18. Mai 2010, 18.15 – 19.15 Uhr
Treffpunkt: ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Lesesaal Spezialsammlungen
Keine Anmeldung erforderlich

24.07.2009

Kautschukfabrik in Sumatra (ca. 1928-1932)

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Botanik — Nicole Graf @ 16:47

 Kautschuk. Verarbeitung. Inneres einer Kautschukfabrik. Walzen und Zurechtschneiden des Kautschuks, Java-B. Ca. 1928-1932. Schwarz-weiss Dia 8,5 x 10 cm (Dia 249: Ka 112). 

Albert Frey-Wyssling (1900-1988) war seit 1938 Professor für allgemeine Botanik an der ETH Zürich und amtierte von 1957-1961 als deren Rektor. Von 1928 bis 1932 arbeitete er als Pflanzenphysiologe an der holländischen Kautschuk-Versuchsanstalt in Medan/Sumatra, die bestrebt war, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden die Ertragskraft von Kautschuk zu steigern. Frey-Wyssling untersuchte die physiologischen Vorgänge, die sich beim Zapfen in der Rinde des Kautschukbaumes abspielen. Eine seiner Entdeckungen ist in der Fachliteratur als “Frey-Wyssling complex” bekannt. Frey-Wyssling wurde für seine bahnbrechenden Arbeiten über den Feinbau von Zellwänden noch vor der Einführung der Elektronenmikroskopie 1938 auf den Lehrstuhl für “Allgemeine Botanik und Pflanzenphysiologie” an der ETH Zürich berufen.

Seine umfangreiche Diasammlung befindet sich im Bildarchiv der ETH-Bibliothek, sein wissenschaftlicher Nachlass bei den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek.

01.07.2009

Christian Konrad Sprengel: Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen (Berlin, 1793)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 8:15

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Titelkupfer

Der deutsche Theologe und Botaniker Christian Konrad Sprengel (1750-1816) begründete mit  ”Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen” einen Zweig der biologischen Wissenschaften, der erst Jahrzehnte später seinen heutigen Namen “Blütenökologie” erhielt. 

Sprengel beschäftigte sich auf Anraten seines Arztes mit Botanik und erforschte von 1787 bis 1792 die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Insekten. Insbesondere ging er der Frage nach, wie der Bau, die Farbgebung, und spezifische Farbzeichnungen von Blumen die verschiedenen Insekten anlocken, um die Bestäubung zu ermöglichen. Der deutsche Botaniker Gerhard Wagenitz fasst die Grundaussage des Buches so zusammen: “Blüten sind zum überwiegenden Teil auf ihre Bestäuber angewiesen, und die Eigentümlichkeiten ihres Baues lassen sich als Anpassungen verstehen, die die Bestäubung sicherstellen. Dabei wird die Selbstbestäubung weitgehend vermieden.”

Der Gedanke der Beförderung der Fremdbefruchtung war wohl das, was Charles Darwin knapp 50 Jahre später an dem Buch von Sprengel beeindruckte. Darwin selbst sah die sexuelle Fortpflanzung als Quelle der Variabilität und publizierte 1862 sein blütenökologisches Hauptwerk On the various contrivances by which British and foreign orchids are fertilised by insects, and on the good effects of intercrossing. “Intercrossing” übersetzt als “Befruchtung durch eine andere Art” impliziert hier bereits auch den Begriff der “Koevolution”, die wechselseitige Anpassung von Pflanze und Tier.

Links:

Das entdeckte Geheimniss der Natur im Bibliothekskatalog NEBIS

Das Titelkupfer in E-Pics Alte Drucke 

Ein deutscher Imker hat das Buch als Faksimile erworben und eingescannt. Er stellt es online als PDF (20 MB) zur Verfügung.

Literatur:

Gerhard Wagenitz: Sprengels „Entdecktes Geheimniss der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ aus dem Jahre 1793 und seine Wirkung. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: 2, Mathematisch-Physikalische Klasse; 1993, 1. Göttingen 1993.  

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