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02.12.2011

Le grand avantage des méthodes graphiques – der erste thematische Weltatlas

Filed under: Bestände,Geographie und Karten,Kartensammlung,Naturwissenschaften — Tags: , — Susanne Zollinger @ 15:44


Isothermenkarte, Berghaus’ Physikalischer Atlas, J. Perthes, Gotha, 1849
(Durch mehrfaches Anklicken werden die Karten vergrössert angezeigt)

Physikalische Karte vom Indischen Meere, Berghaus’ Physikalischer Atlas, J. Perthes, Gotha, 1849

Berghaus’ physikalischer Atlas erschien als erster thematischer Weltatlas 1852 in zweiter Auflage im auf wissenschaftliche Geografie und Kartografie spezialisierten Verlag von Justus Perthes in Gotha. Im Vorwort zitiert der Kartograf  Henrich Berghaus den von ihm verehrten Zeitgenossen und Freund, den Naturforscher und Mitbegründer der empirischen Geografie Alexander von Humboldt:

„C’est le grand avantage des méthodes graphiques appliquées aux différents objets de la philosophie naturelle, de porter dans l’esprit cette conviction intime qui accompagne toujours les notions, que nous recevons immédiatement par les sens. “ (Alexandre de Humboldt, 1825)

„In den Worten des grossen Naturforschers, welche als Wahlspruch an die Spitze dieser Umrisse gestellt worden sind, ist der Standpunkt angedeütet, auf dem der Nutzen und das Bedürfniss beurtheilt wurden, als vor beinhah‘ einem Vierteljahrhundert der Grundgedanke für die Bearbeitung und Herausgabe einer Sammlung graphischer Darstellungen zur Erlaüterung der physikalischen Erdkunde in Anregung kam […]“

Berghaus innovatives Werk trägt den Untertitel „Eine, unter der fördernden Anregung Alexander’s von Humboldt verfasste Sammlung von 93 Karten, auf denen die hauptsächlichsten Erscheinungen der anorganischen und organischen Natur nach ihrer geographischen Verbreitung und Vertheilung bildlich dargestellt sind.“  Es umfasst die Abteilungen Meteorologie und Klimatographie, Hydrologie und Hydrographie, Geologie, Tellurischer Magnetismus, Pflanzengeographie, Thiergeographie, Anthropographie und Ethnographie und soll Alexander von Humboldts Kosmos illustrieren.

Für den Atlas fasste Berghaus zeitgenössische Kartendarstellungen zusammen und ergänzte das Werk mit eigenen kunstvoll ausgeführten Darstellungen.  Die Zusammenstellung enthält aber auch Tabellen, Diagramme und ausführliche Angaben zu Art und Herkunft der verwendeten physikalischen Daten.

Der wunderschöne Atlas mit Linien- und Flächenkolorit umfasst zwei Bände und trägt die Signatur KA 500098. Der “Kosmos” von Alexander von Humboldt hat die Signatur RA 2620. Beide Werke können als Originale im Lesesaal der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

14.10.2011

Färberwaid, der europäische Indigo vor dem Jeans-Blau

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Botanik — Anna Maria Stuetzle @ 8:00

Der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) aus der Familie der Kreuzblütler ist eine zweijährige Pflanze, die in Europa seit der Antike über Jahrhunderte hinweg die Grundlage zum Blaufärben von Textilien lieferte. In den meisten Kräuterbüchern des späten 16. Jahrhunderts wird der Waid behandelt. Stehen bei den meisten anderen Kräutern ihre verschiedenen medizinischen Indikationen im Vordergrund, so wird bei Isatis an erster Stelle die Verwendung als Färberpflanze beschrieben und gleichzeitig seine wirtschaftliche Bedeutung betont.

Der Färberwaid auf Seite 209 recto im Kreuterbuch des hochgelehrten und weitberühmten Herrn Dr. Petri Andreae Matthioli 

Es gibt zwei Arten von Waid; den kultivierten (Isatis) und den wild wachsenden (Isatis silvestris). Den ersten verwenden die Tuchmacher und (vor allem) die Färber. Der Waid breitet seine Blattrosetten auf der Erde aus wie der Wegerich, nur sind sie dicker und von blauschwarzer Farbe. Die Blätter am Stengel dagegen sind länglich, spitz zulaufend und umhüllen diesen ähnlich wie beim Bauernsenf oder dem grossen Besenkraut. Der Stengel wächst etwa zwei Ellen hoch, manchmal etwas höher und treibt oben kleine, zartgelbe Blüten in Dolden. Daraus entwickeln sich die Samen in zungenförmigen Hülsen. Die Wurzel der Pflanze ist weiss und gerade ohne viele Nebenwurzeln. Das ganze Kraut wird auf von Pferden angetriebenen Mühlen zerstossen, dann zusammengeballt und zu kleinen Kugeln geformt. Diese trocknet man in der Sommerhitze und verwendet sie zum Blaufärben. Daraus haben sich bedeutende Handelsgeschäfte entwickelt.

Die wildwachsende Art (Isatis silvestris) wird nicht als Färberpflanze genutzt.

 

Fortsetzung auf Seite 209 verso

Als Medizinalpflanzen sind beide Arten bitter im Geschmack und haben zusammenziehende, trocknende Wirkung. Sie können sowohl innerlich, wie auch äusserlich angewandt werden und helfen bei „Milzsucht“, Geschwülsten und verschiedenen Wunden. 

Zum Schluss folgt die Wiedergabe der Pflanzennamen in anderen Sprachen: Weydt heisst Griechisch unnd Lateinisch Isatis. Spanisch Pastel.  Frantzösisch Pastel de languedoc. Behmisch Wayt. 

Der heute nur noch als Unkraut wachsende Waid enthält, ähnlich wie Indigofera tinctoria L. und viele andere tropische Färberpflanzen, in seinen Blättern eine Vorstufe des Farbstoffes Indigo.  

Für seine Gewinnung waren mehrere Gärungsprozesse notwendig. Ein erster fand unmittelbar nach der Ernte während dem oben beschriebenen Mahlen und Trocknen statt. Die die Bauern verkauften die Waidballen als Rohprodukt auf dem Markt, und die Waidhändler lagerten diese noch bis im Winter. Dann mussten sie zerkleinert, im Wasser zu Ende fermentiert, abgesiebt und wieder eingetrocknet werden. Die Blaufärber erwarben den Farbstoff als Indigopaste oder –Pulver und setzten damit in ihren Küpen mit Wasser und Urin eine gärende, vorerst noch farblose Brühe an. Die darin getränkten Textilien wurden schliesslich beim Trocknen der Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt, damit sich in einem Oxidationsprozess die blaue Farbe entwickeln konnte, während die Färber „Blau machten“, also einen Arbeitsunterbruch genossen.

Indischer Indigo war erstmals im 12. Jahrhundert über den Fernosthandel mit dem Zentrum Bagdad und den Umschlagplätzen Venedig und Genua nach Europa gekommen. Eine ernste Konkurrenz erhielt der Waid erst nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien, als ab dem 17. Jahrhundert der billigere Indigo in grösseren Mengen importiert wurde. Man versuchte zwar, den neuen Farbstoff mittels polizeilicher Verordnungen zu verbieten, lebten doch ganze Landstriche Deutschlands (z. B. Thüringen oder das Elsass) vom Waidanbau und seiner Verarbeitung. Trotzdem begann der Anbau zurückzugehen. Bevor der Waid ganz verdrängt wurde, setzte man der Küpe oft indischen Indigo zu, um einen satteren Ton zu erhalten, für den die Farbstoffkonzentration im Waid allein nicht ausreichte.

Als dann aber auch die Herstellung von synthetischem Indigo in industriellem Massstab möglich geworden war, fuhr man in Thüringen 1912 endgültig die letzte Waidernte ein.

Links:  

Matthioli: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001493565

Hieronymus Bock: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004900797

Tabernaemontanus: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002790418

Zur Geschichte des Indigo: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=006089867

26.08.2011

John Gerard: The Herball (London, 1597)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

John Gerard (1545-1612) gilt als einer der bekanntesten Kräuterkenner Grossbritanniens. Sein “Herball or General Historie of Plantes” erschien erstmals 1597. Wie viele Kräuterbücher der Zeit besteht es aus einer Mischung von Alt und Neu, in diesem Fall einer Adaption einer Übersetzung von Rembert Dodoens‘s Stirpium historiae pemptades sex (1583), die Gerard von Dr Robert Priest übernommen hatte. Das Buch enthält etwa 1800 Holzschnitte, von denen nur wenige neu sind. Eine dieser neuen Abbildungen zeigt eine Kartoffel und ist vermutlich das erste je publizierte Bild dieser Pflanze.

 

Holzschnitt Seite 781: Potatoes of Virginia

Trotz Neuerungen war Gerard nicht davor gefeit, Aberglaube weiter zu verbreiten. So hielt er zum Beispiel hartnäckig an der Vorstellung des „Gänsebaums“ fest. Dieser Baum komme im nördlichen Schottland vor und trage an seinen Ästen eine Art Muscheln, aus denen Nonnengänse ausschlüpfen.

 

Holzschnitt Seite 1391: The Breede of Barnakles (“Gänsebaum”)

Obwohl die alte Legende des Gänsebaums bereits im 13. Jahrhundert durch Albertus Magnus widerlegt worden war, indem dieser feststellte, dass Nonnengänse wie andere Vögel aus Eiern ausschlüpften, lebte der Gänsebaum in den Köpfen vieler späterer Autoren von Kräuterbüchern weiter. In posthumen Versionen von Gerards Herball wurde der Gänsebaum verworfen um dann allerdings bei späteren Autoren wie in Adam Lonicers Kraeuterbuch (Ausgabe 1783) wieder aufzutauchen. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff „Canard“ für eine „Zeitungsente“ (Irrtum oder Falschmeldung) auf der Legende des Gänsebaums fusst. Hierzu gibt es aber unzählige weitere Theorien.

Veranstaltungshinweis:

Das Herball von Gerard wird an der Abendführung der Sammlung Alte Drucke vom 6. September 2011 gezeigt. Unter dem Titel Die Magie der Pflanzen figurieren rund 10 weitere Pflanzenbücher von Hieronimus Bock bis zu Johann Künzle. Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Links:

The Herball ist auf einer privaten Website online: http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/gerarde/index.html; Hier werden viele weitere Autoren aus dem Bereich Biologie vorgestellt: http://www.biolib.de/.

Das Herball im Bibliothekskatalog NEBIS (Ausgabe von 1597): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001455559

Die verbesserte Ausgabe von Thomas Johnson (1636): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001480003

19.08.2011

Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

 

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 

Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

 

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

 

 

05.08.2011

Erdbeben, Gesteinsproben oder der Südpazifik – Bilder aus der Sammlung von Immanuel Friedländer

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geologie,Naturwissenschaften — Nicole Graf @ 13:22

 

links: Rittmann, Doderer: Villanova, 07.08.1930 (Hs_0625a-0001-005)
rechts: Rittmann, Doderer: Ariano di Puglia, 07.08.1930 (Hs_0625a-0001-016)

Perret, F. A.: Etna, Bomba dalla bocca no. 7;  quarzito ricoperto di lava nuova (grandezza naturale), 1910-11 (Hs_0625a-0002-002)

Friedländer, Immanuel: Fiji 1907 (Hs_0625a-0003-025)

 

Friedländer, Immanuel: Milos, Lolliu to Avlaki, 1923 (Hs_0625a-0004-074)

Das von Immanuel Friedländer (1871-1948) gegründete Vulkan-Institut in Neapel war von 1914 bis 1934 in Betrieb. Nach dessen Schliessung erhielt die ETH Zürich die Bibliothek des Vulkan-Instituts, die Foto- und Grafiksammlung sowie die Sammlung vulkanischer Gesteine im Jahr 1935 geschenkt. Die 8‘900 Fotografien aus den Vulkangebieten der Erde (ca. 1900-1935) befinden sich im Bildarchiv der ETH-Bibliothek, eine Auswahl von 800 Bildern ist nun digitalisiert und online über BildarchivOnline recherchierbar, darunter folgende Studienreisen und Bildserien: Erdbeben Irpinia, 23. Juli 1930; Bomben und andere Lavaprodukte, ca. 1910-11; Fiji, Samoa, Tonga 1902-1907; Milos, Kimolos, Polibos, Antimilos, 1923. Weitere Bilder sind in Vorbereitung.

Das Gesamtverzeichnis der Fotografien ist ebenfalls online.

 

 

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

12.02.2011

Charles Darwin und der Sonnentau

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften — Christine Verhoustraeten @ 7:00

Die Abbildung zeigt ein Blatt von Drosera rotundifolia, welche von seinem Sohn George Darwin gezeichnet wurde. An der Spitze der Auswüchse, Tentakel genannt, befinden sich Drüsenköpfchen, die einen klebrigen Fangschleim produzieren.

Man kennt Darwin als den Vater der Evolutionstheorie. Auch die Veranstaltungen am internationalen Darwin Day, http://www.darwinday.org/, die alljährlich am 12. Februar zum Gedenken an Darwins Geburtstag begangen wird, kreisen meist um evolutionstheoretische Themen. Doch Darwin hatte einen grossen Bezugspunkt zur Botanik. Er publizierte sieben grosse botanische Werke, die sich mit den Themen der Bewegung, Blütenbiologie, Kreuz- und Selbstbefruchtung, Blütenformen und Karnivorie befasste.

Zum ersten Mal stiess Darwin 1860 auf karnivore Pflanzen und hielt diese Begegnung im Buch Insectivorous Plants fest (Ein Exemplar der Erstausgabe von 1875 befindet sich im Bestand der Alten Drucke unter der Signatur Rar 02):” During the summer of 1860, I was surprised by finding how large a number of insects were caught by the leaves of the common sun-dew (Drosera rotundifolia) on a heath in Sussex. I had heard that insects were thus caught, but knew nothing further on the subject.”

Karnivore Pflanzen stellen eine besondere Form von Pflanzen dar. Sie können Tiere fangen, verdauen und aufnehmen, um sich auf nährstoffarmen Böden wie z.B. Mooren mit Mineralstoffen zu versorgen. Darwin führte viele Experimente am Sonnentau (Drosera) durch und erkannte die Wichtigkeit der Tiere als zusätzliche Nährstoffquelle für die Pflanze. Seine Forschungsergebnisse stellte er im Buch Insectivorous Plants zusammen.

Warum sich Darwin mit dieser speziellen Pflanzenform befasste, kann nur spekuliert werden. Anscheinend waren es vor allem die pflanzenuntypischen, „tierhaften“ Merkmale wie Reizbarkeit, Bewegung und Verdauung, die sein Interesse weckten, und weniger der Umstand, dass Tiere in den Fallen zu Tode kamen (Stöcklin und Höxtermann, 2009, Darwin und die Botanik).

Obwohl Darwin nicht der erste Naturforscher war, der sich mit karnivoren Pflanzen beschäftigte, kann er zurecht als Vater der Karnivorenforschung betrachtet werden. „Darwin was one of the pioneers of work on the physiology of carnivorous plants.” (Heslop-Harrison, 1978, Carnivorous plants, Scientific American 238:104-115)

03.02.2011

Sturm im Reagenzglas um das Element Frau: Die erste Assistentin am Eidgenössischen Polytechnikum

Petition der Studierenden für Marie Baum 1898 (ETH-Bibliothek, Archive, SR2:1898/65)

Am 7. Februar jährt sich zum 40. Mal die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, Grundlage und Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter auch in Bildung und Beruf. Gut hundert Jahre früher hatte sich die erste Studentin am Eidgenössischen Polytechnikum  für das Wintersemester 1871/72 eingeschrieben, der bald weitere folgten. Der Schulratspräsident bemerkte dazu 1873:

„In neuerer Zeit musste […] die Frage entschieden werden, ob Damen als reguläre Schülerinnen Zutritt haben sollen. Die Behörden haben die Frage einstweilen bejaht. […] Bis jetzt haben sich hieraus keinerlei Störungen ergeben. Immerhin behalten sich Lehrerschaft und Behörden vor, sei es, dass der Zudrang sich mehrte, sei es, dass Inkonvenienzen für die Schule sich ergeben würden, diese Frage in wiederholte Erwägung zu ziehen.“

Der „Zudrang“ von Studentinnen blieb die nächsten Jahrzehnte gering. Doch plagten Lehrer und Behörden sich plötzlich mit  „Inkonvenienzen“ ganz anderer Art.

Am 31. Juli 1897 beantragte nämlich Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, in einem kurzen Schreiben an den Präsidenten, die auf den 1. Oktober 1897 frei werdende Stelle als I. Assistent am chemisch-analytischen Laboratorium mit der soeben erfolgreich diplomierten Marie Baum zu besetzen.

Marie Baum, geboren am 23. März 1874 im preussischen Danzig, war das dritte von sechs Kindern eines Chirurgen und einer in der Frauenbewegung engagierten Mutter. Im Herbst 1893 erwarb sie die Matura in Zürich und schrieb sich am Polytechnikum in der Abteilung für Fachlehrer ein. Im Wintersemester 1895 vertrat sie sechs Wochen lang den wegen Militärdienst abwesenden Assistenten des chemisch-analytischen Laboratoriums. Im Sommer 1897 erhielt sie das Diplom als Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, das sie befähigte an Mittelschulen zu unterrichten.

Der Präsident bestätigte am 6. August 1897 den Eingang von Bambergers Antrag. Zwar werde weder er noch der Schulrat sich grundsätzlich gegen die Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen, doch habe er Bedenken, dass Fräulein Baum und die Behörden in Schwierigkeiten geraten könnten, auch wenn im Versuch 1895 solche nicht eingetreten seien. Der Schulrat würde wohl das Wagnis nur dann eingehen, wenn der bisherige Assistent nicht zurückgehalten oder  kein geeigneter männlicher Ersatz gefunden werden könne. Bamberger konnte oder wollte weder das eine noch andere bewerkstelligen.

Der Präsident musste pflichtgemäss am 12. August 1897 den Schulratskollegen Bambergers Antrag unterbreiten: „Es tritt demnach der etwas ungewöhnliche Fall ein, dass eine Dame zum Assistenten vorgeschlagen wird“. Wenn weibliche Studierende einmal zugelassen seien und das Studium mit Erfolg abgeschlossen hätten, könne ihnen jedoch eine Bewerbung um eine Assistentenstelle nicht „verkümmert“ werden. Die in schriftlicher Form erbetenen Stellungnahmen sind nicht erhalten, wurden womöglich gar nicht eingereicht. Das mündliche Echo war offenbar so wenig ermutigend, dass Bamberger auf Wunsch des Präsidenten am 21. September 1897 seinen Antrag zurückzog und anscheinend tatsächlich den bisherigen Chemieassistenten zum Bleiben aufforderte. Denn erst am 4. Oktober 1897 reichte dieser „in Übereinkunft mit Prof. Bamberger“ ein schriftliches Entlassungsgesuch ein, obwohl er laut den bisher kursierenden Schriften bereits Ende September die Stelle hatte verlassen wollen.

Am Tag darauf, dem 5. Oktober 1897, kam Bamberger auch im Namen seines Kollegen Frederic Pearson Treadwell, Professor für analytische Chemie, in einem fünfseitigen Schreiben an den Präsidenten auf seinen Antrag vom Juli zurück, ohne den Rückzug im September zu erwähnen. Während der Stellvertretung 1895 für den damaligen Assistenten habe Marie Baum neben vortrefflichen Kenntnissen einen „so feinen Takt in der Behandlung der ihr unterstellten Studenten“ gezeigt, „dass jede Befürchtung, ihre Eigenschaft als Dame könne zu Missständen führen, verstummen musste“. Er und Kollege Traedwell hätten daher den Wunsch gehabt, sie nach ihrer Diplomierung als Assistentin zu verpflichten. Der bisherige Stelleninhaber sei nur als provisorische Besetzung gedacht und damit einverstanden gewesen. Inzwischen habe Marie Baum ein Lehrangebot aus Amerika erhalten, weshalb er, Bamberger, beim Präsidenten und Vizepräsidenten die Erlaubnis eingeholt habe, ihr die Assistenz am Laboratorium in Aussicht zu stellen. Daraufhin habe sie die amerikanische Offerte abgelehnt. Der Präsident habe erst in seiner Antwort auf Bambergers Antrag im Juli Bedenken geäussert. Marie Baum sei übrigens unbemittelt und hätte gehofft, mit der Assistenzstelle ihre Mutter finanziell entlasten zu können. Für den bisherigen Assistenten dagegen sei gesorgt, da Georg Lunge, Professor für technische Chemie, ihn als Privatassistenten übernehme.

Die Zeit drängte, am 11. Oktober 1897 begann das Studienjahr, am 19. Oktober 1897 der Semesterbetrieb, jemand musste die Übungen im chemisch-analytischen Laboratorium leiten und überwachen, eine dazu geeignete männliche Kraft war weiterhin nicht greifbar. Da verfügte der Präsident am 21. Oktober 1897 die provisorische Anstellung von Marie Baum „bis der Schulrat einen bestimmten Beschluss gefasst haben wird“. Dieser lehnte am 6. Januar des folgenden Jahres den Antrag Bambergers ab mit der Begründung:

“Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, so lange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen. Er glaubt, dass dieses doch auf nächstes Semester möglich sein sollte”

Deshalb beauftragte er Bamberger, bis zu Ostern einen männlichen Ersatz, möglichst einen Schweizer Staatsbürger, zu suchen.

Nun erhielten Bamberger und Baum von Albert Heim, Professor für Geologie und Vorstand der Abteilung Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, Unterstützung. In einem unverblümten Brief an Bamberger vom 17. Januar 1898 bemerkte er, wenn die mögliche Ablehnung durch den Bundesrat der einzige Grund sei, Marie Baums Kandidatur zurückzuweisen, zeuge das von mangelndem Vertrauen in die Oberbehörde, die schliesslich nicht kleinlicher entscheiden könne als der Kanton Zürich, der längst mit grossem Erfolg Assistentinnen an der Universität anstelle, beispielsweise die ehemalige Polytechnikumsschülerin Marianne Plehn. Dann lobte er Marie Baums Lehrfähigkeiten sowie ihren positiven Einfluss auf Umgangsformen und Fleiss der Studenten, die einer Dame gegenüber sich keine Blösse geben wollten. Der Bundesrat könne nicht einem längst widerlegten Vorurteil zuliebe sich mit einer minderwertigen Lösung begnügen wollen, wenn er die beste haben könne. Weiter kritisierte er die nicht eingehaltenen Zusagen der Schulräte. Überdies entstehe bei einer Entlassung von Baum der falsche Eindruck, sie habe versagt, was ihr bei der weiteren Stellensuche schaden könne.

Diesen Brief legte Bamberger seinem eigenen Schreiben vom 21. Januar 1898 an den Schulrat bei, in welchem er die Argumente hervorragende Lehrbefähigung, positiver Einfluss auf die Studenten, gemachte und nicht eingehaltene Zusagen, mögliche Rufschädigung und den Hinweis auf die Anstellung von Assistentinnen im Kanton Zürich wiederholte, allerdings ohne Heims unverhohlene Deutlichkeit gegen fadenscheinige Ausflüchte. Gleichzeitig ging am 21. Januar eine von 54 Studenten unterzeichnete Petition „um Beibehaltung unseres jetzigen Assistenten Fräulein Baum“ bei der Schulbehörde ein.

Der Schulrat, dessen Argumente durchschaut oder vorsorglich durchkreuzt worden waren – die Existenzsorge um den bisherigen Assistenten oder die möglicherweise unwilligen Studenten konnte er nicht mehr vorschieben – , reichte darauf die Angelegenheit an die letztinstanzliche Bewilligungsbehörde, den Schweizerischen Bundesrat weiter. Dieser antwortete am 15. Februar 1898,

„dass wir, ohne für jetzt auf die grundsätzliche Frage, ob weibliche Personen Assistentenstellen am eidg. Polytechnikum bekleiden können einzutreten, kein Hindernis dagegen erblicken, dass Fräulein Baum von Danzig eine Assistentenstelle am chemisch-analytischen Laboratorium, auf die sie aspiriert, erhalte“.

Den Auftrag, die grundsätzliche Frage zu klären, übertrug er dem Eidgenössischen Departement des Inneren.

Auf diesen Bescheid gestützt ernannte der Schulrat des Polytechnikums mit drei Stimmen gegen eine bei zwei Enthaltungen Marie Baum am 19. Februar 1898 zur Assistentin am chemisch-analytischen Laboratorium für ein Jahr. Damit war sie nicht nur die erste Chemiassistentin, sondern die erste Assistentin am Polytechnikum überhaupt.

1899 verliess sie das Polytechnikum. Der Sturm im Reagenzglas war vorbei. Die Grundsatzfrage „Frauen auf Assistenzstellen“ war immer noch nicht geklärt. Ihr Nachfolger erhielt, wie schon ihr Vorgänger, eine unbefristete Anstellung.

Quellen:

Zitat des Präsidenten 1873 in: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich. Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich 2005, S. 115.

Alle anderen Informationen zu Professoren und Behörden stammen aus dem historischen Schulratsarchiv in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek , gegliedert in die Schulratsprotokolle und Präsidialverfügungen (SR3), eingegangene Schreiben („Akten“: SR2) und Kopien verschickter Schreiben („Missiven“: SR1).

Links:

Zum Leben von Marie Baum

Werke von Marie Baum finden sich im Wissensportal der ETH-Bibliothek

12.11.2010

Begeisterung, Fachwissen und Passion: Schweizer Botanik in den 1820er Jahren

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Botanik — Tags: — Evelyn Boesch Trüeb @ 11:00

J.G. Custer an J. Hegetschweiler, 1827 

Brief des Botanikers Jakob Gottlieb Custer über seine Proben von Schweizer Pflanzen und über den wissenschaftlichen Fortschritt in der Floristik
(ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 517:2)

„Sonderbar genug ist es, dass gerade die sogenannt gemeinen Pflanzen… lange nicht immer die am besten untersuchten und geordneten sind.  Man will – besonders der Sammler – immer eher das Seltene, Weiterentlegene.“

Der Bezirksarzt und Botaniker Jakob Gottlieb Custer (1789-1850) aus Rheineck konstatierte 1827 in einem Brief mit seiner Bemerkung über die Jagd nach Raritäten ein immer wieder feststellbares Phänomen. Er war daran, Pflanzenbelege zusammenzustellen, die er an einen ebenfalls sehr versierten Botaniker weiterreichen wollte, den er mit „Herr College“ ansprach. Custer war sich zuerst nicht ganz schlüssig, was er alles versandbereit machen sollte. Er leistete seinem Briefpartner denn auch  „Abbitte“, wegen des grossen Packes keineswegs seltener Pflanzen“ und fuhr fort: „Während Sie ohne Zweifel Bürger der höhern und südlichen Alpen erwarteten, komme ich Ihnen mit einer Schaar Thal- und Vorgebirgspflanzen des Nordens der Schweiz daher“. Custer bezeichnete sich selbst als „wahren Verehrer des Pflanzenstudiums“. Seit Jahren sammelte er unermüdlich Proben aus seiner Umgebung. Die von ihm begutachteten und gepflückten Pflanzen stammten aus „Vorarlberg, Kanton Appenzell und aus den Gebirgen des Distrikts Sargans bis zum Calanda“.

Obwohl an der überliefernden Stelle keine Gegenbriefe an Custer vorhanden sind, wissen wir aus den Briefen, dass nicht nur Custer Belege an sein Gegenüber versandte, sondern dass auch sein Briefpartner ihm Sendungen zukommen liess. Der Austausch diente den beiden Briefpartnern dazu, das Urteil des Kollegen zur Einordnung des Pflanzenbelegs einzuholen.

Custer legte ein reichhaltiges Herbar an und verfasste eine Abhandlung über phänerogamische Gewächse des Rheintals, die 1821 im Band 1 der Neuen Alpina erschien und 1827 Ergänzungen erfuhr. Er wird 1854 als einer der „Gewährsmännner“ der Flora von Tirol geführt und der Autor Franz Freiherr von Hausmann vermerkt in Band 3 eine weitere von Custer angelegte Sammlung, die 1846 das Vorarlberger Gebiet dokumentierte und in die Museal-Sammlungen Innsbruck gegeben wurde. Eine Reihe der Schweizer Fundbelege Custers liegt heute im Naturmuseum St.Gallen.

„Dergleichen Männern wie Sie, Selbstbeobachtern der Gewächse im Freÿen, kommt es allein zu, solche Genera zu bearbeiten, wenn sie aus ihrem Chaos herauskommen sollen, fallen sie hingegen in die Hände von zwar sehr gelehrten, aber nur trocken zugeschickte Exemplar beschauen könnende Botaniker  (sic)…, so ist an keine Entwirrung zu denken.“

Die Aussage über das Beobachten in der freien Natur lässt vermuten, dass die Briefe, deren Überlieferungsgeschichte keine eindeutigen Schlüsse zulässt, an Johannes Hegetschweiler (1789-1839) gerichtet gewesen waren und weniger an seinen Bruder  Johann Jakob Hegetschweiler (1795-1860), der auch als Adressat ins Spiel gebracht wird. Johannes Hegetschweiler  kannte Custer seit der Schulzeit an der Aargauer Kantonsschule. Er gab Custers dokumentierender Arbeit  ihren Platz in seinem Werk „Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen“, das 1831 erschien und das eine Florenliste der Appenzeller Alpen von Custer enthielt.

Die Zuordnung der zwei Briefe zu einem Briefwechsel mit Johannes Hegetschweiler wird gestützt durch eine weitere Briefstelle, in der Custer seinen Briefpartner auf seine Schrift „Reise“ anspricht, die er schon im letzten Sommer kennen gelernt habe und die ihm ein wahrer Genuss gewesen sei, gerade hinsichtlich der Ausführungen über die Species. Damit dürfte der Band Hegetschweilers  zu seinen Tödireisen gemeint sein, der 1825 erschien.

Die Briefe Custers und die angesprochenen Werke geben einen schönen Einblick, wie akribisch und versiert im 19. Jahrhundert die Arbeit an einer zeitgemässen Floristik der Schweiz vorangetrieben wurde.

Literatur mit einer Florenliste von Custer:

Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen, 1831

Die Tödireise von Johannes Hegetschweiler ist bei Google Books digitalisiert:

 Johannes Hegetschweiler Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus und Graubünden in den Jahren 1819, 1820 und 1822,  Zürich 1825

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