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16.09.2011

„Gekochte noch heisse Milch“ für die Studierenden der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte,Medizin — Tags: — Christian John Huber @ 18:18

Marie Heim-Vögtlin an den Schweizerischen Schulrat, 21.11.1904 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1904/No.1312)

Jeder Studierende kennt das signalrote SV des Betreibers der meisten Mensen und Cafeterien an der ETH Zürich. Nur wenige wissen jedoch, dass der SV-Service im Herbst 1914 als „Gemeinnütziger Verein für alkoholfreie Verpflegung der Truppen“ gegründet wurde, um die zu Beginn des 1. Weltkriegs mobilisierten Schweizer Soldaten mit gesunder Nahrung zu versorgen. Der bereits im selben Jahr in „Schweizer Verband Soldatenwohl“ umbenannte Verein eröffnete eine Reihe Soldatenstuben, welche von sogenannten Soldatenmüttern unentgeltlich betrieben wurden. Nach dem Krieg übertrug der Schweizer Verband Volksdienst (SVV), wie sich der Verein nun nannte, sein Konzept auf Kantinen und später auch auf Mensen. Die erste Mensa an der ETH Zürich wurde 1930 eröffnet.

Gegründet wurde die Keimzelle des SV-Service 1914 von Vertretern der Zürcher Abstinenzbewegung (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 276). Dieser Kreis, welcher vornehmlich aus Frauen bürgerlicher Herkunft bestand, hatte sich bereits lange vor der Gründung der ersten Mensa an der ETH Zürich Sorgen um das leibliche Wohl der Studierenden gemacht. 1904 lancierte Marie Heim-Vögtlin, erste praktizierende Ärztin der Schweiz und Gattin des ETH-Professors Albert Heim, im Namen des Vorstandes des Vereins abstinenter Frauen von Zürich, einen Vorstoss zur Gesunderhaltung der Studentenschaft.

“Der unterzeichnete Vorstand der Zürcher Ortsgruppe abstinenter Frauen erlaubt sich, dem hohen Schulrath das Gesuch um die Erlaubniss einzureichen, die Studierenden beider Hochschulen je Vormittags 10 Uhr, Nachmittags 4 Uhr in den Räumen des Polytechnikums warme Milch ausschenken zu dürfen. Die Erfahrungen die an deutschen Universitäten & neuestens an der Züricher Kantonsschule mit dieser Einrichtung gemacht werden, sind derart erfreulich, dass es uns zeitgemäss erscheint, sie auch an unserer Hochschule ins Leben zu rufen.“

Um die absehbare Gegenwehr aus männlich dominierten Kreisen gegen das Gesuch des Vereins abstinenter Frauen schon im Keim zu ersticken, präsentierte Marie Heim dem Schulrat eine bis ins Detail ausgearbeitete Lösung:

„Herr & Frau Hauswart Weerli haben sich bereitwilligst angeboten im Falle Ihrer gütigen Erlaubniss den Milchausschank selbst an die Hand zu nehmen, im Winter in ihren eigenen Wohnräumen, im Sommer in der westlichen Vorhalle des Gebäudes. In diesem Anerbieten  erblicken wir die Garantie dafür, dass jede  eventuelle Ruhestörung & Unordnung vermieden würde. Die Centralmolkerei würde die gekochte noch heisse Milch in verschlossenem Behälter an Frau Weerli abliefern, welche die gefüllten Gläser zu den bestimmten Stunden bereithalten müsste.“

Wie Jakob Tanner in seiner Habilitationsschrift aufzeigt, führte in der Schweiz die “nationalistische Aufladung der Ernährungsfrage zu einer besonders stark verwurzelten Affinität zu Molkereiprodukten“. Das Bild des kerngesunden Alpenbewohners, der sich vornehmlich von Milchprodukten ernährte und dessen kraftstrotzende körperliche Überlegenheit im Erfolg des eidgenössischen Söldners sein pointiertestes Sinnbild fand, hatte sich bereits im Ancien Regime herausgebildet und wurde ab dem 19. Jahrhundert von Medizinern zementiert (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 107).

Trotz der minutiösen Vorbereitung und den Hinweisen auf die Erfolge an deutschen Universitäten wies der Schweizerische Schulrat den Antrag ab mit den Argumenten des Direktors des Eidgenössischen Polytechnikums, Robert Gnehm:

  1. Dass von einem Bedürfniss nach einer derartigen Neuerung bei uns bis jetzt nichts bekannt geworden ist;
  2. Dass ein solches auch schwerlich wird nachgewiesen werden können;
  3. Dass der Betrieb einer Getränke-Wirtschaft im besonderen bei unseren beschränkten Raumverhältnissen Gefahr für den ungestörten Unterrichtsbetrieb in sich birgt;
  4. dass durch die Bewilligung zum Milchausschank ein Präjudiz geschaffen würde, welches zu bedenklichen Konsequenzen führen könnte;

 

 

Literaturhinweise:

Verena E. Müller. Marie Heim Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007.

Jakob Tanner. Fabrikmahlzeit: Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890-1950. Zürich 1999.

19.08.2011

Forschungsdrang als Erbkrankheit: Alice Gaule, die erste Doktorin der Chemie an der ETH Zürich

 

Alice Gaule im Jahr 1916 (Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich, PN 42.2:2 Justus Gaule)

 

Alice Gaule war in akademischer Hinsicht sozusagen erblich vorbelastet. Ihr Vater, der deutsche Arzt Justus Gaule, lehrte als Professor an der Universität Zürich. Ihre Mutter Alice Leonard (eine US-Amerikanerin) hatte ebenfalls Medizin studiert, während ihre Tante Anne Leonard als eine der ersten Frauen an der Universität Zürich den Doktortitel in Anglistik erworben hatte.

Alice, 1890 als zweites von vier Kindern geboren, verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Zürich und legte an der Höheren Töchterschule die Matura ab. 1909 trat sie in die Fussstapfen ihrer Eltern und schrieb sich an der Universität Zürich für das Medizinstudium ein, wechselte jedoch kurz darauf ans Polytechnikum. Doch das Studium zum Fachlehrer in Naturwissenschaften verlief nicht so glatt wie gewünscht. Nachdem Alice durch die erste Vordiplomprüfung gefallen war, wechselte sie kurzfristig für ein Semester an die Universität München, wo sie vor allem Lehrveranstaltungen in Chemie besuchte. Nach ihrer Rückkehr nach Zürich gelang es ihr jedoch, das unterbrochene Studium erfolgreich zu Ende zu bringen. Am 29. Juli 1914, gerade mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhielt sie ihr Diplom.

Im Zug der Verleihung der Schweizer Staatsbürgerschaft an ihren Vater im Jahr 1911 wurde auch Alice Gaule eingebürgert. Nachdem sie im Sommer 1914 als Lehrerin in Kreuzlingen gearbeitet hatte, kehrte sie im Herbst als Vorlesungsassistentin an die ETH zurück. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen wurde sie nur befristet angestellt, nämlich als Stellvertreterin eines Chemikers, der wegen des Weltkrieges länger Militärdienst leisten musste.

Bei Hermann Staudinger beschäftigte sich Alice Gaule in ihrer Dissertation in organischer Chemie mit aliphatischen Diazoverbindungen. Sie publizierte (als Zweitautorin hinter Staudinger) auch mehrere kleinere Aufsätze zu diesem Thema. Für ihre „ausserordentlich gewandt und klar abgefasste“ Doktorarbeit wurde ihr 1916 schliesslich der Doktortitel verliehen.

Erst 1908 war das Polytechnikum vom Bundesrat zu einer akademischen Forschungsstätte aufgewertet worden, die ihren eigenen Absolventen den Doktortitel in Naturwissenschaften verleihen durfte. Besonders die Chemiker machten ausgiebig von diesem neuen Recht Gebrauch, doch vergingen noch einige Jahre, bis Alice Gaule als erste Frau mit einer Arbeit in Chemie den ETH-Doktortitel erhielt.

 

 

 

Gutachten von Korreferent Prof. F. P. Treadwell (ETH-Bibliothek, Archive, EZ-REK 1, Doktormatrikel Alice Gaule)

 

Nach ihrer Promotion arbeitete Alice Gaule unter anderem als Lehrerin, Chemikerin in einer pharmazeutisch-chemischen Fabrik und bei der Stiftung Pro Juventute. Doch die Wissenschaft und insbesondere die Medizin liessen sie nicht los. Sie schloss ihr vor über zehn Jahren abgebrochenes Medizinstudium ab, arbeitete als Assistenzärztin in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und promovierte 1932 mit einer Arbeit über die erbliche Hirnkrankheit Chorea Huntington zum zweiten Mal. Ein Jahr später starb sie in Berlin, bestattet wurde sie auf dem Friedhof Fluntern.

Die Doktorandenmatrikel und Studierendenmatrikel von Alice Gaule finden sich im Hochschularchiv der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek. Einzelne Informationen über ihr Studium finden sich auch in den Protokollen des Schweizerischen Schulrates, die online einsehbar sind. Der Nachlass von Justus Gaule mit diversen Dokumenten aus der gesamten Familie befindet sich im Archiv des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.

 

 

 

30.04.2009

„Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben“ – Eine Dokumentation der Kindheit von Arnold Heim

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geologie,Medizin — Tags: — Christian John Huber @ 15:30

Alltagsszenen aus dem Leben des zweijährigen Arnold Heim (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 495a: 34)

In unserem – dem digitalen – Zeitalter ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn Eltern detaillierte Dokumentationen besonders von Erstgeborenen in Bild und Ton anlegen. Wer hingegen im 19. Jh. bewegte Alltagsszenen eines Kleinkindes bildlich festhalten wollte, musste zum Zeichenstift greifen, kleinkindliche Lautkreationen mussten mit Hilfe des Alphabets abgebildet werden. Wer würde eine Mappe mit ebensolchen Darstellungen und Beschreibungen im Archiv einer technischen Hochschule vermuten?

Albert Heim, 1872-1911 Professor für technische und allgemeine Geologie am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, heiratete 1875 Marie Vögtlin, die ein Jahr zuvor als erste Frau in der Schweiz eine eigene Arztpraxis eröffnet hatte. Das illustre Paar hatte die Hoffnung auf Nachwuchs wohl bereits aufgegeben, als 1882 ihr Sohn Arnold zur Welt kam. Albert Heim begann eine Mappe mit Erinnerungsstücken für Arnold anzulegen. In seiner Widmung schrieb der stolze Vater:

„Du sollst dieselben [Blätter] [...] erst nach zurückgelegtem sechzehnten Altersjahr eröffnen und studieren, und dir dabei denken, Dein Vater spreche mit der ganzen Kraft seiner Liebe zu Dir. Die Stunden, in welchen ich hier einzelne Gedanken niedergesetzt habe, waren für mich das, was für den Frommen ein Gebet ist – ein Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben.”

Die Mappe enthält ungeordnete persönliche Dokumente, welche die ersten Lebensjahre Arnold Heims liebevoll dokumentieren. Die Dokumentation setzt mit der Geburtsanzeige und der Widmung ein, enthält Skizzen von der stillenden Mutter oder wie oben abgebildet Alltagsszenen des Kleinkindes, und beschreibt dessen sprachlichen Fortschritte. In den Aufzeichnungen und Skizzen zeigt sich Heim nicht bloss als liebender Vater, sondern ebenso als  exakt beobachtender und beschreibender Naturwissenschaftler. In seinen Texten werden die kleinsten Details ausführlich geschildert und als Geologe ist er im Sehen und bildlichen Darstellen geschult. Natürlich sammelte der Vater auch künstlerische Erzeugnisse des Sohnes. Zudem führte er über die ersten ca. 10 Jahre Tagebuch, wovon „Besondere Notizen und Erfahrungen betreffend Ernährung, Pflege etc.” immerhin 38 Seiten umfassen. So erstaunt es nicht, dass „Maries Dresdener Professor von Winckel [...] sich für die Tagebücher über die Kinder interessiert haben [soll]” wie Verena E. Müller in ihrer Marie-Heim-Biographie schreibt (Verena E. Müller. Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007. S. 199, Endnote 23.).

Arnold trat später in die Fussstapfen seines Vaters und wurde ein weltbekannter Erdölgeologe. Arnolds Schwester Helene, die 1886 zur Welt kam, entschied sich für den Fachbereich ihrer Mutter und wurde Krankenschwester.

11.04.2008

Etienne-Jules Marey: Le Mouvement (Paris, 1894)

Filed under: Alte Drucke,Medizin,Zoologie — Tags: — Roland Lüthi @ 9:25

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Le Mouvement, Fig. 165 – Mouvements des Pattes d’une Crevette 

Tanzende Crevetten sind in der Arbeit des französischen Physiologen und Erfinders Etienne-Jules Marey (1830-1904) ebenso anzutreffen, wie sich räkelnde Seesterne und sanft dahinschwebende Seepferdchen. Diese Bilder machen die Lektüre von Mareys wissenschaftlichen Publikationen zu einem ästhetischen Erlebnis. 

Marey forschte auf den Gebieten von Kreislaufphysiologie, Bewegung von Körpern und Aeronautik. Um Bewegungsabläufe festzuhalten, bediente er sich der von ihm erfundenen graphischen Methode und später der Fotografie und Kinematografie. Als Erfinder der Chronofotografie entwickelte er neue Gerätschaften wie etwa das “fotografische Gewehr”, welches das Fotografieren von im Raum bewegten Objekten erlaubte.  

In Le Mouvement präsentierte Marey Erkenntnisse, die er seit den 1860er Jahren in seinen Studien über die Bewegungsabläufe bei Mensch und Tier gewonnen hatte. Darin abgebildet findet sich eine Vielzahl von kuriosen Apparaturen, die er entwickelte, um Bewegungen aufzuzeichnen, zu messen und zu analysieren. Marey betrat dadurch nicht nur wissenschaftliches Neuland, sondern schuf eine radikal neue Ikonografie, die bei der künstlerischen Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts ein grosses Echo fand.  

Die in der Sammlung vorhandene Erstausgabe des Drucks ist auf dem vorderen Deckblatt vom Autor signiert. 

Links: 

Einzelbilder aus Le Mouvement sind in E-Pics Alte Drucke vorhanden.

Marey auf Wikipedia

Marey’s Flip Book 

Literatur: 

Die wichtigsten Texte Mareys sind in der ETH-Bibliothek vorhanden und über NEBIS bestellbar. Viele davon sind bereits online zugänglich, zum Beispiel bei Gallica oder über das Max Planck Institute for the History of Science, Berlin.  

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