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22.06.2011

Aussicht von der Weid bei Zürich

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: , — Susanne Zollinger @ 18:28

Panorama von der Weid von Heinrich Keller von 1880

Ausschnitt aus: Südliche Aussicht von der Weid bei Zürich, Heinrich Keller, 1880

Um 1880 zeichnet Heinrich Keller von der Weid aus ein detailgetreues Panorama der Stadt Zürich, das ein ländlich anmutendes, locker bebautes Stadtgebiet zeigt. Bereits sind jedoch auch Zeugen des Fortschrittes sichtbar. So ist in der Ansicht ist ein bereits ansehnliches Eisenbahnnetz abgebildet. Die Strecke der Schweizerischen Nordostbahn  verläuft auf einem mächtigen Damm  und über ein  Viadukt über die Limmat nach Oerlikon und weiter bis nach Romanshorn.  Am Rand der dicht bebauten Zürcher Innenstadt ist das Portal des 1870 fertig gestellen Hauptbahnhofes sichtbar. Industriegebäude mit hohen Kaminen sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. In Wipkingen bezieht die  Stadtmühle Elektrizität vom Flusskraftwerk beim Unteren Letten.

Im Hintergrund des Panoramas ist die atemberaubende Bergkulisse des Alpenrandes sichtbar und verweist auf die Bedeutung von Panoramen als touristische Souvenirs. Aus heutiger Sicht ist die Darstellung ein wichtiges Zeugnis der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung der Stadt Zürich.

Das wunderschöne 13 x 89 cm grosse Panorama von Heinrich Keller hat die Signatur K 690326 und kann im Lesesaal Spezialsammlungen der ETH Bibliothek eingesehen werden.

Informationen zu Heinrich Keller findet man im Lexikon zur Kunst in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein.

20.05.2011

Strassen am Gotthard

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Markus Appenzeller @ 9:00

Landeskarte 1:25 000                                                                     2011 swisstopo (JD100042)

Landeskarte 1:50 000                                                            2011 swisstopo (JD100042)

 

Landeskarte 1:100 000                                                       2011 swisstopo (JD100042)

Am 5. Mai machte ich eine Velofahrt über den St.Gotthardpass, der nach einem schneearmen Winter ungewöhnlich früh für den Verkehr geöffnet wurde. Eigentlich wäre ich lieber kurz vor der Aufhebung der Wintersperre gefahren, wenn die Strassenarbeiter die Strasse schon freigefräst haben aber immer noch mit Unterhaltsarbeiten beschäftigt sind.

Vor dem Start informierte ich mich über die Streckenführung anhand  der Landeskarten der Swisstopo.  Was ich auf der Karte sah, machte mich nicht glücklich: Zwischen der Passhöhe und Airolo gibt es einen richtigen Strassensalat. Auf der Landeskarte 1:50 000 und vor allem auf der Landeskarte 1:100 000 sieht man vor lauter Strassen die Landschaft nicht mehr. Auf der Landeskarte 1:25 000 ist es deutlich besser, die vorhandenen Zwischenräume zwischen den grossen Strassen, hat man allerdings wieder mit Nebenstrassen gefüllt, also noch mehr Strassen, die in den Karten 1:50 000 und 1:100 000 auf Platzgründen nicht eingezeichnet  sind. Korrekterweise müssten die eingezeichneten Strassen  auch in ihrer Breite massstabsgetreu eingezeichnet werden. Bei der 1:25 000 ist dies noch einigermassen möglich: Eine Strassenbreite von ungefähr 0,7 mm (von mir gemessen) ergibt in der Wirklichkeit eine Strassenbreite von ca. 17.5 m, was ungefähr auf die Nationalstrassen in diesem Gebiet (auf der 1:50 000 und 1:100 000 in roter Farbe auf der 1:25 000 ohne Farbe eingezeichnet) zutrifft. Bei der 1:100 000 messe ich ebenfalls eine Strassenbreite von ungefähr 0.7 mm, was aber eine wirkliche Strassenbreite von ca. 70 m ergäbe. Meine Folgerung:  auf der Landeskarte 1:100 000 sind die Strassen zu breit eingezeichnet, deshalb sieht es so aus, als sei der ganze Berghang oberhalb Airolo flächendeckend unter Strassen begraben.

Für meine Velofahrt entschied ich mich für die gelbe, im oberen Teil des Passes sehr kurvenreiche Strasse durch das Val Tremola (Tal des Zitterns!), die später in die roten und orangen Strassen einmündet. Aber ich hatte Pech: Meine bevorzugte Strasse war noch schneebedeckt. Diese alte Passstrasse, die mit Vorliebe von Velofahrenden und Autofahrenden, die nicht pressiert sind, befahren wird, geniesst bei der Schneeräumung keine Priorität. Wohl oder übel entschied ich mich für die rote Nationalstrasse (zurückfahren nach Norden wollte ich nicht). Nach ca. 1 km mündet die Strasse in eine Galerie (eine Art Halbtunnel, die auf einer Seite offen ist), auf den Karten mit kleinen Querstrichen eingezeichnet  und später in einen echten Tunnel, auf  den Karten mit kleinen Längsstrichen eingezeichnet (nicht zu verwechseln mit Wanderwegen, die eine ähnliche Signatur haben). Die Strasse holt anschliessend weit gegen Westen aus (phantastischer Blick ins Val Bedretto). Nach einer spektakulären Kurve bei Höhenpunkt 1797  m (mit Stützpfeilern, die in der Karte 1:25 000 eingezeichnet sind) geht’s weiter bis zum Höhenpunkt 1631 m, wo ich endlich die Nationalstrasse verlassen kann. Die abzweigende Strasse ist nur auf der 1:25 000 Karte dargestellt, wir sind jetzt im Herzen des Strassensalats, wo es für Nebenstrassen auf den kleinmassstäbigeren Karten keinen Platz mehr hat. Wenn man diese Nebenstrasse genau unter die Lupe nimmt, sieht man, dass sie am Anfang und am Ende mit einer Strassensperre versehen ist (ein kleiner, brauner Querstrich). Also kein Durchkommen? Mit dem Velo kein Problem: Zwischen den riesigen Felsblöcken, die auf der Strasse platziert sind, hat  es genügend breite Durchfahrtsmöglichkeiten. Nach einigen Passagen mit Kopfsteinpflastern  (wahrscheinlich aus Denkmalschutzgründen nicht mit Teer zugedeckt) fahre ich nach kurzer Zeit arg durchgeschüttelt in Airolo ein.

Sämtliche topographischen Karten der Swisstopo, auch ältere Ausgaben,  können in der Kartensammlung eingesehen oder auch ausgeliehen werden: http://www.library.ethz.ch/de/Ressourcen/Geodaten-Karten

Auf der Internetseite http://map.geo.admin.ch/ kann man die Landeskarten blattschnittfrei anschauen, beim Herein zoomen erscheint zuerst die Karten 1:200 000 , dann alle grösseren Masstäbe bis zur Massstab 1:25 000.

Noch eine Frage: Beim Punkt mit den Koordinaten 687 550/155 000 hat es in der Nähe der alten Passstrasse ein schwarzes Dreieck auf der 1:25 000 und 1:50 000 Karte eingezeichnet. Was ist das?

 

11.03.2011

Reisekarten

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: — Susanne Hofacker @ 8:00

Panorama vom Gottschalkenberg, 1886                           Reisekarte von Graubünden, 1944

USA, 1964/65                                                                        Alpen, ca. 2002

Seit Ende des 18. Jahrhunderts begab sich eine wachsende Zahl (männlicher) Angehöriger eines frühen, vermögenden Bürgertums auf Reisen zu Bildungszwecken oder zum Vergnügen, was einen Bedarf an ersten Reisekarten auslöste. Das Gelände dieser Karten wurde bewusst einfach dargestellt, im Zentrum des Interesses standen vielmehr Informationen zu religiösen Stätten, Sehenswürdigkeiten und zum Wegnetz.

Mit dem Aufschwung des Alpinismus Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Ruf nach Karten in einem grösseren Massstab und einer detaillierteren Geländedarstellung. Reliefkarten mit Höhenlinien, farbigen Höhenschichten und Reliefschattierung deckten diese Bedürfnisse zunehmend ab.

Eine Vielfalt an Exkursionskarten und Panoramen, die als Souvenirs verkauft wurden, zeugen von der Blütezeit des Tourismus in der Schweiz  vor dem ersten Weltkrieg.

In der Nachkriegszeit setzte der Massentourismus ein, begünstigt durch die rasche Entwicklung des Strassennetzes und der Erschwinglichkeit von Autos. Strassenkarten, wie wir sie bis heute kennen,  wurden zu wichtigen Reisekarten.

Reisekarten dokumentieren kartographische und kulturelle Entwicklungen gleichermassen. Sie geben zum Beispiel Auskunft über den Ausbau des Verkehrsnetzes, bevorzugte Ausflugsziele und Sportarten im Laufe der Zeit.

An der Abendführung  der Kartensammlung der ETH-Bibliothek wird eine Auswahl an Reisekarten der letzten 200 Jahre gezeigt.

Abendführung: 22. März 2011, 18.15 – 19.15 Uhr, Lesesaal Spezialsammlungen

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

28.01.2011

100 Jahre Schweizer Weltatlas

Filed under: Bestände,Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: — Susanne Hofacker @ 8:00

Schweizer Weltatlas Erstausgabe 1910, S. 14-15 und Schweizer Weltatlas 2010, S.  5

Umschlag des “Atlas für Schweizerische Mittelschulen”, 1910 / Umschlag des “Schweizer Weltatlas”, 2010

„Der Atlas möge für den geographischen Unterricht im Schweizerlande reiche Anregung und Förderung bringen.“ Mit diesen hoffnungsvollen Wünschen gab die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren 1910 die erste Ausgabe des “Atlas für Schweizerische Mittelschulen” heraus. Damit begann eine bisher 100-jährige Erfolgsgeschichte.

Inhaltlich konzentrierte sich das neue Lehrmittel  weitgehend auf die physische Beschreibung der Erdoberfläche, was dem damaligen Verständnis von Geographie entsprach. Der Atlas umfasste Karten zu sämtliche Regionen der Erde. Ein spezieller Fokus lag auf der Schweiz und auf Staaten, die für die schweizerischen Beziehungen besonders wichtig waren.

Ab 1928 übernahm Eduard Imhof die Bearbeitung weiterer Auflagen und veröffentlichte 1962 eine völlig neu bearbeitete Ausgabe unter dem Titel „Schweizerischer Mittelschulatlas“. Darin wurden alle topographischen Karten in der von ihm entwickelten Methode naturnaher Farbgebung und mit  schattenplastischen Reliefs dargestellt, wie wir sie heute noch kennen.

1981 erfuhr der „Schweizer Weltatlas“ unter Ernst Spiess eine grundlegende Neuerung. Die Thematisierung des menschlichen Einflusses auf die Umwelt gewann immer mehr an Bedeutung und wurde im Atlas integriert. So sind auch in der neusten Jubiläumsausgabe von 2010 mit Lorenz Hurni als Chefredaktor die humangeographischen Aspekte, wie z.B. die Stadtentwicklung und insbesondere die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf die Umwelt stark vertreten.

Komplett neu ist der Zugang des „Schweizer Weltatlas interaktiv“ über das Internet. Der Web-Atlas enthält ausgesuchte Karten aus der Schweiz sowie aus europäischen und aussereuropäischen Ländern. Zudem wurden kartenverwandte, animierte und interaktive Darstellungen beigefügt. Ergänzend zur gedruckten Ausgabe bietet der Web-Atlas somit neue Möglichkeiten für den Geografieunterricht.

Die Erstausgabe von 1910 mit der Signatur KA 210365 Ed. 1910, die neuste Ausgabe mit der Signatur KA 010 WELT 2010 sowie weitere Ausgaben können in der Kartensammlung der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

Schweizer Weltatlas interaktiv: http://www.schweizerweltatlas.ch/

14.01.2011

Jean-Baptiste Tavernier: Reisen in die Türkei, Persien und Indien (Genf, 1681)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Kupferstich auf Frontispiz: Tavernier beim Diamantenhandel mit Ureinwohnern

Kupferstich Seite 143: Vorstellung der 20 besten Diamanten [...] die Herr Tavernier bey seiner letzten Rückkunft aus Indien [...] dem König verkauft

Der französische Handelsreisende Jean-Baptiste Tavernier (1605-1689) unternahm zwischen 1638 und 1668 sechs Reisen, die ihn auf dem Landweg über die Türkei, den Iran, die Mongolei und Indien bis an die Grenzen Chinas und Japans führten. Er reiste als wohlhabender Händler von Edelsteinen und verkehrte mit den reichen Monarchen des Orients. In seiner Heimat brachten ihm die Reisen Ruhm und Bewunderung ein. Zwischen 1676 und 1679 publizierte er in Paris seine Reiseerfahrungen unter dem Titel Les Six Voyages de J.B. Tavernier. Darin beschrieb er nicht nur die Reiserouten, sondern auch die Sitten und Gebräuche der durchquerten Länder. Sein Augenmerk lag dabei auf den Eigenheiten des orientalischen Handels und der Mannigfaltigkeit der wertvollen Edelsteine und Perlen.

Einer der berühmtesten und sagenumwobensten Diamanten, der dank Tavernier nach Europa gelangte, ist der “Blaue Tavernier”, später “Hope-Diamant” oder “Blue Hope” genannt. Einer Legende zufolge gehörte der 45,5 Karat schwere blaue Diamant zum Auge einer Statue der indischen Göttin Sita. Diese soll wegen des Verlustes den künftigen Eigentümern Unglück prophezeit haben. Allerdings wird diese Hypothese des Fluchs heute in Frage gestellt und als Erfindung abgetan, welche den Wert des Steins in die Höhe treiben sollte.

1669 verkaufte Tavernier den blauen Diamanten zusammen mit ungefähr tausend weiteren an König Louis XIV für 220’000 Livres, was damals einem Gegenwert von 147 kg Gold entsprach. Heute wird der Wert des blauen Diamanten auf etwa 200 bis 250 Millionen Dollar geschätzt. Er befindet sich in der Smithsonian Institution.

Links:

Taverniers Reisebericht im Bibliothekskatalog NEBIS

Ein E-Text der englischen Ausgabe von London 1925 ist online bei der Columbia University New York.

03.12.2010

Bis hierher kam Capt. Cook – Schauplatz der fünf Theile der Welt

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: , — Susanne Zollinger @ 17:34

Abbildung Weltkarte

Weltkarte aus Schauplatz der fünf Theile der Welt, Reilly, Wien, 1791

Karte Grönlands aus Schauplatz der fünf Theile der Welt, Reilly, Wien, 1791

Zwischen 1791 und 1806 publizierte der Kartograf und Verleger Franz Joseph Johann Reilly in Wien den Weltatlas “Schauplatz der fünf Theile der Welt”. Das mehrbändige Werk  beschreibt auf 830 Karten die räumliche Gestalt Europas  „mit beständiger Rücksicht auf die besten Originalwerke […] zusammengetragen von einer Gesellschaft Geographen“.  Der Atlas wurde zu einem Verkaufserfolg, wohl auch aufgrund des handlichen Formates von 44 x 29 cm, mit dem er sich von anderen zeitgenössischen Kartendarstellungen unterschied.   Ab 1802 verzögerte sich der Arbeitsfortschritt des Vorhabens alle fünf “Theile” oder Kontinente der Welt kartografisch darzustellen  durch die Napoleonischen Kriege. 1806  kam es schliesslich sogar zum Abbruch des Unternehmens. Der dritte Teil des Atlas, der die aussereuropäischen Gebiete beschreiben sollte, erschien nie.

Das faszinierende Werk enthält neben der Darstellung topografischer Elemente auch Notizen zu Landschaft,  Bevölkerung, Gebräuchen und dem geografischen Wissen der damaligen Zeit. So findet man auf einer Weltkarte  auf 70 Grad südlicher Breite die Notiz „Bis hierher kam Capt. Cook im Feb. 1771“.  Die erste Sichtung der antarktischen Landmassen fand im Januar 1820 statt.

Auf dem Blatt  „Grönland, soweit es bekannt ist“ findet man am Kartenrand folgende Notiz: „Ob Grönland […] oben mit Nordamerika zusammen hänge, ist ungewiss, und man weiss also nicht, ob es eine Insel oder eine Halbinsel sey.“ . Vor der Ostküste von Grönland findet sich die Notiz zu „Oertern die wegen der schwimmenden oder festen Eisbergen unschifbar sind“.

Der wunderschöne Atlas in 7 Bänden hat die Signatur KA 500027 und kann in der Kartensammlung der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

Quellen:
Dörflinger, Johannes, „ Reilly, Franz Johann Joseph“, in: Neue Deutsche Biographie21 (2003), S. 334 [Onlinefassung]; http://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118748017.html, 03. 12.2010


19.11.2010

Jean Chappe d‘Auteroche: Voyage en Sibérie (Paris, 1768)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Soziologie, Ethnologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Tafel 16: Femme Samoyède

Der französische Astronom Jean Chappe d’Auteroche (1728-1765) wurde 1759 als Nachfolger von Joseph Lalande in die Académie des sciences gewählt. Diese beauftragte ihn, den Venustransit von 1761 in Sibirien zu beobachten. Im November 1760 brach Chappe von Paris auf und reiste trotz Schwierigkeiten mit dem Pferdeschlitten von St. Petersburg nach Tobolsk, wo er mit seinen Instrumenten am 10. April 1761 eintraf. Es wurde ein kleines Observatorium errichtet, von dem aus er am 6. Juni das Phänomen beobachten und aufzeichnen konnte.

Nach seiner Rückkehr in Paris im August 1762 hielt er seine Reiseeindrücke schriftlich fest und gab diese 1768 unter dem Titel Voyage en Sibérie  heraus. Der Reisebericht enthält zahlreiche Einzelheiten über Kultur und Politik im Russischen Reich, wobei Chappe das negative Bild der Zeit wiedergab oder gar noch verstärkte. Kaiserin Katharina II. von Russland fühlte sich daraufhin veranlasst, eine Widerlegung unter dem Titel Antidote ou Examen du mauvais livre intitulé: Voyage…, etc. (St. Petersburg, 1770-71) zu publizieren. Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort spricht die Zarin eine deutliche Sprache:

Je vous promets bien des démentis, M. l’abbé Chappe, et je prouverai ce que je dirai, sur les faits propres à répandre du jour que vous osez avancer autant d’inexactitude que de verbiage; car il faut en convenir, les trois quarts de votre livre ne sont que du babil rempli d’animosité.

Die erzürnte Regentin verspricht Chappe eine beweiskräftige Widerlegung seines Berichts und macht keinen Hehl daraus, dass sie seine Behauptungen als ein durch Feindseligkeit geprägtes Geplapper betrachtet. Dazu bemerkt Hélène Carrère d‘Encausse in ihrer kürzlich erschienen Untersuchung der Polemik, dass Chappes Darstellung der Russen zwar nicht gerade wohlwollend sei. Immerhin gehöre ihm aber der Verdienst, ihre Lebensbedingungen und Sitten äusserst präzise beschrieben zu haben.

Links:

Voyage en Sibérie im Bibliothekskatalog NEBIS

Literatur zum Streit zwischen Jean Chappe d’Auteroche und Katharina II. von Hélène Carrère d‘Encausse: L’impératrice et l’abbé, un duel littéraire inédit entre Catherine II et l’abbé Chappe d’Auteroche (Paris, 2003)  

08.11.2010

Insel mit literarischem Potential

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten — Tags: — Roland Lüthi @ 7:16

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 10: Isla Robinson Crusoe

George Anson,Voyage autour du Monde, Tafel 9: Isla Robinson Crusoe

Die kleine Insel Isla Robinson Crusoe oder früher Mas a Tierra oder Juan Fernandez liegt im Pazifischen Ozean, rund 600 km westlich des chilenischen Festlandes. Sie ist Teil eines 1574 vom spanischen Seefahrer Juan Fernandez entdeckten Archipels, der später nach ihm benannt wurde. Früher war sie wegen ihrer Abgelegenheit ein beliebtes Versteck für Piraten. Von 1704 bis 1709 lebte der schottische Seemann Alexander Selkirk als Deserteur allein auf Mas a Tierra. Angeblich diente seine Geschichte Daniel Defoe als Grundlage für den Roman Robinson Crusoe (1719). Erst 1966 wurde die Insel dann nach ihrem berühmten fiktiven Bewohner umbenannt.

1740 weilte der britische Admiral George Anson auf Mas a Tierra. Die Engländer erholten und stärkten sich hier von der strapaziösen Reise um das Kap Horn:

The excellence of the climate and the looseness of the soil render this place extremely proper for all kinds of vegetation; for if the ground be anywhere accidentally turned up, it is immediately overgrown with turnips and Sicilian radishes; and therefore, Mr. Anson having with him garden seeds of all kinds, and stones of different sorts of fruits, he, for the better accommodation of his countrymen who should hereafter touch here, sowed both lettuces, carrots, and other garden plants, and set in the woods a great variety of plum, apricot, and peach stones.

Wie bereits Selkirk fanden Anson und seine Gefährten reiche Nahrung und frisches Trinkwasser. Es gab keine gefährlichen oder giftigen Tiere und – anders als bei Robinson – keine Kannibalen und keinen “Freitag”. Nach kurzer Zeit waren die Engländer wieder soweit gestärkt, dass sie sich auf Scharmützel mit der spanischen Flotte einlassen konnten.

Robinsons Insel hat bis in die heutige Zeit ihre Faszination nicht verloren. 2005 teilte eine chilenische Sicherheitsfirma mit, dass sie auf der Insel mit Hilfe von Metalldetektoren mehrere Tonnen Juwelen und Gold im Wert von Rund zehn Milliarden Dollar aufgespürt habe. Ähnlich wie im Roman Treasure Island (1883) von Robert Louis Stevenson soll der Schatz ursprünglich 1715 von einem Seefahrer vergraben worden sein. Angeblich hat ihn später ein britischer Matrose gehoben, und an einer anderen Stelle erneut vergraben.

Links:

George Ansons Voyage autour du Monde im Bibliothekskatalog NEBIS (Französische Übersetzung, Amsterdam und Leipzig, 1749): http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002021297

Voyage autour du Monde online als E-text bei Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/16611/16611-h/16611-h.htm

Eine Einführung in die Geschichte und Geografie der Robinsoninsel bietet Alexander Ermel: Eine Reise nach der Robinson-Crusoe-Insel (Hamburg, 1889)

08.10.2010

Plan des Ausflusses des Wallen Sees und des Laufs der Linth bis in den Zürich See

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: , — Susanne Hofacker @ 8:00

 

Hans Konrad Escher: Plan des Wallen Sees und des Laufs der Linth bis in den Zürich See, 1804

Ausschnitt aus: Hans Konrad Escher: Plan des Wallen Sees und des Laufs der Linth bis in den Zürich See, 1804

Im späten 18. Jahrhundert herrschte “Wassersnot” im unteren Glarnerland, am Walensee und in der Linthebene. Immer häufiger wurden Ortschaften und ganze Landstriche überschwemmt. Ausserordentlich häufige Regenfälle im 18. Jahrhundert verursachten vermehrt Hochwasser, Bergrutsche und höhere Geschiebemengen. Die übermässige Abholzung der Wälder, insbesondere für die ansässige Textilindustrie und den Export, verstärkte die Erosionsprozesse zusätzlich. Der Zustand der Landwege und Wasserstrassen verschlechterte sich zusehends und bereits kultiviertes Land begann zu versumpfen. Malaria und andere Krankheiten erschwerten das Leben der Bevölkerung.

Den Menschen an der Linth konnte geholfen werden, wenn die wilde Glarner Linth in den Walensee umgeleitet würde, um ihr Geröll, Kies und Sand in dessen Tiefe zu deponieren, anstatt es in der Ebene um Ziegelbrücke abzulagern, was zu einem verheerenden Rückstau der Gewässer führte.

So wurde Hans Konrad Escher (1767 – 1823) mit der Leitung der Linthkorrektion betraut und verschaffte sich 1804 mit dem „Plan des Ausflusses des Wallen Sees und des Laufs der Linth bis in den Zürichsee” einen ersten Überblick über die Situation. Nebst des ursprünglichen Verlaufs der Linth und der Maag, dem alten Ausfluss aus dem See sowie der versumpften Gebiete zeigt der Plan mit feinen, unterbrochenen Linien Vorschläge, „die zur Austroknung der Sümpfe dieser Gegend der Eydsgenössischen Tagsazung in Bern Ao. 1804 als Auftrag derselben gemacht wurden.”

Die von 1807 bis 1823 realisierte Linthkorrektion war ein Pionierwerk, sowohl in wasserbautechnischer wie auch in politischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht.

Der 19 x 42 cm grosse Plan mit der Signatur K 804043 kann in der Kartensammlung der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

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