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30.09.2011

Landschaftsbilder

Erorberte Landschaft mittels Luftbilder: Spelterini, Eduard: Bâle, une prise à 3520-3820 mètres de hauteur, ca. 1895 (Ans_05752)

 

Landschaft als Souvenir und Reiseersatz: A native kraal, South Africa. Durban : publ. by Sallo Epstein & Co., ca. 1905 (Fel_035225-RE)

Nationale Landschaft: Gaberell, Jean: Steinbockgruppe in der Abteilung Jagd. Schweizerische Landesausstellung, 1939, Zürich (Ans_00796)

 Kulturlandschaft: 21. Mai 1891, Photographien vom Bau des neuen Stahlbades in St. Moritz erbaut von A. Bringolf, Architekt, 1891-1892 (Ans_05453-012-AL-PL)

„Die Landschaft“ zu beschreiben ist so unmöglich, wie die vielfältigen Bilder, die wir uns von ihr machen. Landschaft ist immer eine Konstruktion, ein kulturelles Konzept. Je nach Disziplin und Perspektive wird Landschaft interpretiert.

Landschaften repräsentieren den Abwechslungsreichtum natürlicher Bedingungen und zeigen, wie unterschiedlich sich das Verhältnis von Mensch und Natur entwickelt hat. Landschaft umspannt das weite Spektrum von naturnahen Landschaften, Flüssen und Seen, Wäldern und Gärten, hochproduktiven, land-, forstwirtschaftlich und gärtnerisch genutzten Gebieten, über Dorf- und Parklandschaften bis hin zu den dichtbesiedelten Städten mit ihren Industrie- und Gewerbegebieten und den Verkehrsflächen und -wegen.

Die ästhetische Auseinandersetzung mit Landschaft findet seit mehreren Jahrhunderten statt. Die Landschaftsfotografie hat sich rasch von der Landschaftmalerei gelöst, insbesondere weil der Dokumentationswert hohe funktionale (und neue) Ansprüche einlöste. Interessant ist, dass – obwohl das heute so naheliegend ist und Landschaftsfotografie alltäglich ist, dass die Abbildung der Landschaft lange Zeit keine Bedeutung hatte. Interessant war die Landschaft in der Fotografie höchstens als bildgebender Hintergrund.

Weitere Bilder sind im Wissensportal oder über das Bildarchiv online öffentlich zugänglich.

Veranstaltungshinweis:

An der Abendführung des Bildarchivs am 4. Oktober zeigen wir einen vielfältigen Querschnitt durch die Bestände des Bildarchivs unter dem Gesichtspunkt der Landschaftsfotografie. Wir werden Themen wie die eroberte Landschaft, Landschaft als Souvenir und Reiseersatz, die nationale Landschaft und Kulturlandschaft anhand von mannigfaltigem Bildmaterial ausleuchten.

Treffpunkt: ETH-Bibliothek, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

 

10.06.2011

Hopp de Bäse! – Petitionen der Putzfrauen an der ETH für mehr Lohn

Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor, ETH Chemiegebäude, März 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr 14413-005-AL-34898)

Im März 1917 posiert „Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor“ oder gemäss Beschriftung des anderen Bildes „im oberen Labor“ des ETH Chemiegebäudes vor der Kamera. Sie tut so, als habe sie soeben mit dem langstieligen Gerät eine der Gaslampen angezündet. Gefährlich ist das Hantieren mit Feuer in explosiver Umgebung, sie lässt das Flämmchen des Anzünders nicht aus den Augen. Der schräge Lampenschirm wirft ein schiefes Licht auf die Arbeitsstätte: Ohne fotografische Zusatzbeleuchtung stünde Frau Augsburger im Schatten.

Neuneinhalb Jahre früher hatte sie nicht nur wie immer den Chemiestudierenden ein Licht aufgesteckt, sondern für einmal auch dem obersten Chemiker des Polytechnikums, Robert Gnehm, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und vormaligen Professor für technische Chemie.

 

Petition der Putzerinnen am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich,  7. September 1907 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1907/No.953)

Zusammen mit 30 Kolleginnen ersuchte sie in einem säuberlich getippten Schreiben am 7. September 1907 höflich um Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Die Putzfrauen begründeten ihr Gesuch unter anderem damit, dass sie einerseits in Privathäusern bei vergleichbarer Entschädigung zusätzlich freie Kost erhielten, anderseits die Arbeit am Polytechnikum weit anstrengender sei. Gestützt auf einen Vergleich mit den Arbeitsbedingungen des Reinigungspersonals in anderen öffentlichen Dienststellen beschloss der Schulrat am 27. September 1907, die Arbeitszeit von 10 auf 9 ½ Stunden pro Tag zu senken, nicht aber den Lohn zu erhöhen.

Frau Augsburger lächelt leicht. Während sie stellvertretend für alle Polyputzfrauen sich und ihre Arbeit bildlich ins richtige Licht rückt, fordern 18 Kolleginnen am 3. März 1917 erneut eine sofortige Erhöhung des inzwischen geltenden Halbtaglohns von Franken 2.60 auf Franken 2.80 und des Ganztaglohns von Franken 4.50 auf Franken 6.00 mit dem Hinweis auf „die gegenwärtige herrschende teure Lebenshaltung“ und angesichts „der allgemeinen Notlage des Dienst und Putzpersonals.“ 

Petition des Putzpersonals an der ETH, 3. März 1917 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1917/No.267)  

Das karierte, mit gleichmässiger Handschrift beschriebene Blatt geht zwei Tage später bei der Schulratskanzlei ein. Eine fremde Hand, vermutlich die des Schulratspräsidenten persönlich, notiert unter die geforderten Lohnansätze „2.65“ und „5.-“ sowie am unteren Blattrand „Kanton 50 Rp. pro Stunde ohne Teuerungszulage“. Der Präsident – es ist immer noch Robert Gnehm – fackelt diesmal nicht lange und verfügt schon am 10. März 1917: „Den Putzerinnen in den Gebäuden der E.T.H. wird vom 11. März 1917 an der Taglohn auf 5 ½ Fr. und der Halbtaglohn auf 2 Fr. 80 erhöht.“ Für einen kurzen Moment hat Frau Augsburger gut lächeln.

Im vierten Jahr des Weltkrieges geriet die Schweiz in eine schwere Versorgungskrise. Drohende Hungersnot, anhaltende massive Teuerung für lebensnotwendige Güter aller Art, sich verschärfende soziale Ungleichheiten führten 1917/1918 zu politischen Unruhen im Land. 

Verein der Wasch- und Putzfrauen Zürich, Frau Keller, Vereinspräsidentin, 7. April 1818 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1918/No.353)

Der Umgangston mit den Obrigkeiten wurde gereizt. In einem geharnischten Brief vom 7. April 1918 auf hochrechteckkariertem Papier, der bevorzugten Unterlage für Haushaltrechnungen, Buchhaltungen und andere Rechenaufgaben, bezichtigte die Präsidentin des Vereins der Wasch- und Putzfrauen Zürich die ETH der Lohndrückerei, verlangte Nachzahlungen für die Putzfrauen und drohte mit künftigem Boykott sowie offener Anklage in der Parteipresse.

Frau Augsburger war das Lächeln wohl vergangen.

Am 10. Juni 1918 zogen Arbeiterinnen zu einer Hungerdemonstration vor das Zürcher Rathaus. Mitte November 1918 kam es zum landesweiten Generalstreik, organisiert von Gewerkschaften und Sozialdemokratie. An zweiter Stelle der neun Streikforderungen – darunter sichere Lebensmittelversorgung, 48 Stunden Arbeitswoche, Alters- und Hinterbliebenenversicherung – stand die politische Gleichberechtigung der Frauen.

Deren Einführung erlebten erst Frau Augsburgers Töchter in fortgeschrittenem Alter. Die generelle verfassungsrechtliche und gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann zu fordern, wäre der mehrheitlich männlichen Streikführung nicht einmal im Albtraum eingefallen. Eine Mehrheit von Frau Augsburgers Enkelinnen setzte sie Jahrzehnte später durch. Um gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit in der wirtschaftlichen Realität kämpfen Frau Augsburgers Urenkelinnen immer noch.

Anmerkungen

- Gaslampen: Bereits am 25. Januar 1901 erhielt der Vorstand des technisch chemischen Laboratoriums die Ermächtigung zur Beschaffung eines Elektromotors und der nötigen Stromzufuhr aus dem städtischen Leitungsnetz. Bis 1917 dürfte somit die Beleuchtung längst auf elektrisches Licht umgestellt gewesen sein. ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2:Präsidialverfügungen1901, Präsidialverfügung Nr. 41 vom 25.01.1901 )

- Beschluss des Schulrates zur Putzfrauenpetition 1907 ( ETH-Bibliothek, Archive SR2: Schulratsprotokolle 1907, Sitzung Nr. 8 vom 27.09.1907, § 110 )

- Präsidialverfügung zur Putzfrauenpetition 1917 ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2: Präsidialverfügungen 1917, Präsidialverfügung Nr. 87 vom 10.03.1917 )

01.04.2011

Der Zauberlehrling: Version von Leopold Ruzicka

 

Erste Seite des Briefes 7. Dezember 1906 von Leopold Ruzicka, Chemiestudent an der TU Karlsruhe, später Professor für Chemie an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger (ETH-Bibliothek, Archive, Hs prov: Ruzicka)

 

Wozu ein Arbeitskittel? Womöglich weiss, Flecken darauf besonders gut sichtbar, resistent gegen Lauge und Waschbrett. Wer würde den Schmutzfänger reinigen? Welche Arbeit, welche Kosten!  Konnte der Sohn im fernen Karlsruhe nicht achtgeben auf seine Kleidung, statt das karge Studiengeld zu verschwenden für eine Anschaffung von zweifelhafter Zweckmässigkeit?

Im Gegenteil, sogar eine teure Massanfertigung aus bestem Gewebe musste unbedingt her! Der Sohn antwortete nach Hause in die Stadt Ossijek, gelegen im altösterreichischen Kroatien:

Karlsruhe, 7.12.1906

Liebe Mutter!

Geld, Karte erhalten (natürlich dankend). Das Geld habe ich erst den 5. abgeholt. Gib mir acht, dass der arme Franzek – mein seliger Bruder (er möge sich unter Entwicklung von wenigstens 100.000 cal Wärmemenge zu H2O, CO2 usw. zersetzen!) nicht noch vielleicht dienen muss.

Hier ist die Witterung grausslich. Immer Regen. So schöne Herbsttage wie bei uns gibt es hier nicht. Malog furtimaša pozdravi od mene  <grüss den kleinen Anhänger der Klerikalpartei von mir>. Dem Duđić wünsche ich, dass er bald herausskommt.

Einen Arbeitskittel werde ich mir nicht kaufen, sondern die Hausfrau wird mir einen von guten Stoff machen. Ich finde es für lächerlich, wenn Du schreibst, dass es nicht nötig (!) sei, dass ich mich einschmiere, da du doch nicht gesehen hast, wie es in einem Lab. zugeht. Alles ist schmierig, so dass man sich schon so den Anzug ganz ruinieren würde. Und dann erst wenn man was kocht und die Geschichte spritzt usw.

Von den Wiener Kollegen habe ich schon 2 Karten bekommen. Sie haben sicher auch so viel zu lernen als ich, davon bin ich überzeugt, sie lernen vielleicht auch und so müssen sie sich doch ein bischen amüsieren.

Heute haben wir keine “Schule” (da se izrazim onako po srednjoškolski  <um mich wie ein Mittelschüler auszudrücken> ), da der Bruder des Grossherzoges, der Hochselige Prinz Soundso, beerdigt wird. Diese Woche habe wieder jeden Tag eine Analyse gemacht. In der letzten habe gar 9 “Geschichten” gehabt: Chlorid, Schwefelwasserstoff, Sulfid, Polysulfid, Sulfat, Thiosulfat, Natrium, Kalium, Ammonium.

Vorgestern ist mir ein Gemisch von Schwefelkohlenstoff, Jod und konzentrierte Schwefelsäure ins Gesicht explodiert, es war jedoch nicht gefärlich, denn ich habe die Schwefelsäure gleich mit Ammoniak zu Ammoniumsulfat und Wasser reduziert [H2 SO4 + 2N H4OH = (NH4)2 SO4 + 2 H2O].

Vor einigen Wochen wieder bin ich mit starker Natronlauge (Na OH) auf die Zunge gekommen, hätte mir die Zunge aufgefressen, wenn ich sie nicht mit Salzsäure (H Cl) zu Kochsalz und Wasser reduzierte [Na OH + H Cl = Na Cl + H2O]. So macht man mit einer Giftigkeit die andere hin. Übrigens brauchst Dich nicht vielleicht fürchten, dass mir was passieren könnte, denn unser Laborator-Vorstand Steinkopf ist ein Spezialist für Giftigkeiten.

Auch sonst gehts hier sehr “gefärhlich” zu. Im Keller unten studiert einer Sprengstoffe, da krachts den ganzen Tag. Der Mensch wäre in Russland schon längst standrechtlich erschossen worden.

Fer…nić  <?>  fahrt jetzt nach Hause zu einer Hochzeit. Stefi wird die Karten von ihm bekommen, bis er zurückkehrt (Ende Jänner). Von Benjamin habe ich auch schon 2 Karten bekommen.

Vor Weihnachten werde der Paulitant  <österreichische Ausdrucksweise für Tante Paula>  noch schreiben.

Herzlichen Gruss an Euch alle sowie an alle Bekannte

L.R.

Der Brief gibt nicht nur Einblick in das praktische Chemiestudium  anfangs des 20. Jahrhunderts. Leopold Ruzicka (1887-1976), neunzehnjähriger Studienanfänger an der Technischen Universität Karlsruhe, später Professor an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger, war ins Spannungsfeld der unterschiedlichen Wirkungsbereiche und Rollen geraten, welche die bürgerliche Gesellschaft damals den beiden Geschlechtern zuwies:

Einerseits war da die Welt seiner Kindheit im weiblichen Einflussbereich der tüchtigen Hausfrau und fürsorglichen Mutter Amalija Ruzicka-Severt (1860-1815). Früh verwitwet vermochte sie trotz hinterlassenen Schulden ihres Gatten mit Hilfe einer Versicherungssumme, Unterstützung von Verwandten und dank Sparsamkeit ihre zwei Söhne grosszuziehen.

Unbekümmert um Existenzsorgen hatte sich anderseits der junge Leopold Ruzicka in die Welt der erwachsenen Männer aufgemacht, in die der chemischen Wissenschaft voller Abenteuer und Gefahren, die es heldenhaft – mannhaft eben – zu bestehen galt. Das aber gelang nur mit der bestmöglichen Ausrüstung, die ihn zugleich als Mitglied der neuen Welt auswies. Mit unverständlichen Formeln, fremd klingenden Begriffen führte er der Mutter ihre Inkompetenz in dem ihr nicht zustehenden männlichen Wirkungsfeld vor Augen und wies ihre Einmischung zurück. Gleichzeitig blieb er dennoch ganz der kleine Sohn, der damit prahlte, was er schon alles gelernt hatte, und dafür von Mama – ihrer Mutterrolle angemessen –gelobt und bewundert werden wollte. Allerdings konnte die drastische Beschreibung souverän gemeisterter gefährlicher Situationen auch mütterliche Ängste wecken und damit weitere Bevormundungsversuche provozieren. Also gestand er umgehend ein, dass ein Kindermädchen in Gestalt des erfahrenen Praktikumsassistenten Dr. Wilhelm Steinkopf (1879-1949) die Anfänger vor dem Schlimmsten bewahrte.

Damit wird auch die andere Seite der Sohnesrolle sichtbar, nicht nur die egoistische, sondern auch die verständnisvoll um die mütterliche Befindlichkeit bemühte. Obwohl Ruzicka in eine andere Lebenswelt aufgebrochen war, blieb er derjenigen seiner Kindheit verbunden, war er weiterhin interessiert am politischen Geschehen in seiner Heimat und am Alltag seiner Mutter, nahm er Anteil am Schicksal gemeinsamer Bekannter und Verwandter, liess er die Mutter teilhaben an Informationen über seine gleichaltrigen Kollegen und – trotz Abwehr ungebetener Ratschläge – auch an seinem Studienalltag.

Anmerkungen:

Der Brief wurde in der originalen Schreibweise und Grammatik belassen. Die Umschrift besorgten Angela Gastl und Marion Wullschleger, die Übersetzung der kroatischen Textteile in spitzen Klammern Marion Wullschleger, Ivan Macukic und Zwonimir Mitar. Der biographische Hintergrund des Briefes wurde aus Oberkofler 2001 gewonnen.

Literatur:

Kurzbiographie Leopold Ruzicka

Gerhard Oberkofler: Leopold Ruzicka. Schweizer Chemiker und Humanist aus Altösterreich, Innsbruck 2001

Tobias Straumann: Die Schöpfung im Reagenzglas: eine Geschichte der Basler Chemie (1850-1920, Basel etc. 1995

Andra Westermann: Das Chemielabor. Einübung in einen kollektiven Denkstil. In: ETHistory 1855-2005. Sightseeing durch 150 Jahre ETH Zürich, Baden 2005

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

03.02.2011

Sturm im Reagenzglas um das Element Frau: Die erste Assistentin am Eidgenössischen Polytechnikum

Petition der Studierenden für Marie Baum 1898 (ETH-Bibliothek, Archive, SR2:1898/65)

Am 7. Februar jährt sich zum 40. Mal die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, Grundlage und Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter auch in Bildung und Beruf. Gut hundert Jahre früher hatte sich die erste Studentin am Eidgenössischen Polytechnikum  für das Wintersemester 1871/72 eingeschrieben, der bald weitere folgten. Der Schulratspräsident bemerkte dazu 1873:

„In neuerer Zeit musste […] die Frage entschieden werden, ob Damen als reguläre Schülerinnen Zutritt haben sollen. Die Behörden haben die Frage einstweilen bejaht. […] Bis jetzt haben sich hieraus keinerlei Störungen ergeben. Immerhin behalten sich Lehrerschaft und Behörden vor, sei es, dass der Zudrang sich mehrte, sei es, dass Inkonvenienzen für die Schule sich ergeben würden, diese Frage in wiederholte Erwägung zu ziehen.“

Der „Zudrang“ von Studentinnen blieb die nächsten Jahrzehnte gering. Doch plagten Lehrer und Behörden sich plötzlich mit  „Inkonvenienzen“ ganz anderer Art.

Am 31. Juli 1897 beantragte nämlich Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, in einem kurzen Schreiben an den Präsidenten, die auf den 1. Oktober 1897 frei werdende Stelle als I. Assistent am chemisch-analytischen Laboratorium mit der soeben erfolgreich diplomierten Marie Baum zu besetzen.

Marie Baum, geboren am 23. März 1874 im preussischen Danzig, war das dritte von sechs Kindern eines Chirurgen und einer in der Frauenbewegung engagierten Mutter. Im Herbst 1893 erwarb sie die Matura in Zürich und schrieb sich am Polytechnikum in der Abteilung für Fachlehrer ein. Im Wintersemester 1895 vertrat sie sechs Wochen lang den wegen Militärdienst abwesenden Assistenten des chemisch-analytischen Laboratoriums. Im Sommer 1897 erhielt sie das Diplom als Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, das sie befähigte an Mittelschulen zu unterrichten.

Der Präsident bestätigte am 6. August 1897 den Eingang von Bambergers Antrag. Zwar werde weder er noch der Schulrat sich grundsätzlich gegen die Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen, doch habe er Bedenken, dass Fräulein Baum und die Behörden in Schwierigkeiten geraten könnten, auch wenn im Versuch 1895 solche nicht eingetreten seien. Der Schulrat würde wohl das Wagnis nur dann eingehen, wenn der bisherige Assistent nicht zurückgehalten oder  kein geeigneter männlicher Ersatz gefunden werden könne. Bamberger konnte oder wollte weder das eine noch andere bewerkstelligen.

Der Präsident musste pflichtgemäss am 12. August 1897 den Schulratskollegen Bambergers Antrag unterbreiten: „Es tritt demnach der etwas ungewöhnliche Fall ein, dass eine Dame zum Assistenten vorgeschlagen wird“. Wenn weibliche Studierende einmal zugelassen seien und das Studium mit Erfolg abgeschlossen hätten, könne ihnen jedoch eine Bewerbung um eine Assistentenstelle nicht „verkümmert“ werden. Die in schriftlicher Form erbetenen Stellungnahmen sind nicht erhalten, wurden womöglich gar nicht eingereicht. Das mündliche Echo war offenbar so wenig ermutigend, dass Bamberger auf Wunsch des Präsidenten am 21. September 1897 seinen Antrag zurückzog und anscheinend tatsächlich den bisherigen Chemieassistenten zum Bleiben aufforderte. Denn erst am 4. Oktober 1897 reichte dieser „in Übereinkunft mit Prof. Bamberger“ ein schriftliches Entlassungsgesuch ein, obwohl er laut den bisher kursierenden Schriften bereits Ende September die Stelle hatte verlassen wollen.

Am Tag darauf, dem 5. Oktober 1897, kam Bamberger auch im Namen seines Kollegen Frederic Pearson Treadwell, Professor für analytische Chemie, in einem fünfseitigen Schreiben an den Präsidenten auf seinen Antrag vom Juli zurück, ohne den Rückzug im September zu erwähnen. Während der Stellvertretung 1895 für den damaligen Assistenten habe Marie Baum neben vortrefflichen Kenntnissen einen „so feinen Takt in der Behandlung der ihr unterstellten Studenten“ gezeigt, „dass jede Befürchtung, ihre Eigenschaft als Dame könne zu Missständen führen, verstummen musste“. Er und Kollege Traedwell hätten daher den Wunsch gehabt, sie nach ihrer Diplomierung als Assistentin zu verpflichten. Der bisherige Stelleninhaber sei nur als provisorische Besetzung gedacht und damit einverstanden gewesen. Inzwischen habe Marie Baum ein Lehrangebot aus Amerika erhalten, weshalb er, Bamberger, beim Präsidenten und Vizepräsidenten die Erlaubnis eingeholt habe, ihr die Assistenz am Laboratorium in Aussicht zu stellen. Daraufhin habe sie die amerikanische Offerte abgelehnt. Der Präsident habe erst in seiner Antwort auf Bambergers Antrag im Juli Bedenken geäussert. Marie Baum sei übrigens unbemittelt und hätte gehofft, mit der Assistenzstelle ihre Mutter finanziell entlasten zu können. Für den bisherigen Assistenten dagegen sei gesorgt, da Georg Lunge, Professor für technische Chemie, ihn als Privatassistenten übernehme.

Die Zeit drängte, am 11. Oktober 1897 begann das Studienjahr, am 19. Oktober 1897 der Semesterbetrieb, jemand musste die Übungen im chemisch-analytischen Laboratorium leiten und überwachen, eine dazu geeignete männliche Kraft war weiterhin nicht greifbar. Da verfügte der Präsident am 21. Oktober 1897 die provisorische Anstellung von Marie Baum „bis der Schulrat einen bestimmten Beschluss gefasst haben wird“. Dieser lehnte am 6. Januar des folgenden Jahres den Antrag Bambergers ab mit der Begründung:

“Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, so lange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen. Er glaubt, dass dieses doch auf nächstes Semester möglich sein sollte”

Deshalb beauftragte er Bamberger, bis zu Ostern einen männlichen Ersatz, möglichst einen Schweizer Staatsbürger, zu suchen.

Nun erhielten Bamberger und Baum von Albert Heim, Professor für Geologie und Vorstand der Abteilung Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, Unterstützung. In einem unverblümten Brief an Bamberger vom 17. Januar 1898 bemerkte er, wenn die mögliche Ablehnung durch den Bundesrat der einzige Grund sei, Marie Baums Kandidatur zurückzuweisen, zeuge das von mangelndem Vertrauen in die Oberbehörde, die schliesslich nicht kleinlicher entscheiden könne als der Kanton Zürich, der längst mit grossem Erfolg Assistentinnen an der Universität anstelle, beispielsweise die ehemalige Polytechnikumsschülerin Marianne Plehn. Dann lobte er Marie Baums Lehrfähigkeiten sowie ihren positiven Einfluss auf Umgangsformen und Fleiss der Studenten, die einer Dame gegenüber sich keine Blösse geben wollten. Der Bundesrat könne nicht einem längst widerlegten Vorurteil zuliebe sich mit einer minderwertigen Lösung begnügen wollen, wenn er die beste haben könne. Weiter kritisierte er die nicht eingehaltenen Zusagen der Schulräte. Überdies entstehe bei einer Entlassung von Baum der falsche Eindruck, sie habe versagt, was ihr bei der weiteren Stellensuche schaden könne.

Diesen Brief legte Bamberger seinem eigenen Schreiben vom 21. Januar 1898 an den Schulrat bei, in welchem er die Argumente hervorragende Lehrbefähigung, positiver Einfluss auf die Studenten, gemachte und nicht eingehaltene Zusagen, mögliche Rufschädigung und den Hinweis auf die Anstellung von Assistentinnen im Kanton Zürich wiederholte, allerdings ohne Heims unverhohlene Deutlichkeit gegen fadenscheinige Ausflüchte. Gleichzeitig ging am 21. Januar eine von 54 Studenten unterzeichnete Petition „um Beibehaltung unseres jetzigen Assistenten Fräulein Baum“ bei der Schulbehörde ein.

Der Schulrat, dessen Argumente durchschaut oder vorsorglich durchkreuzt worden waren – die Existenzsorge um den bisherigen Assistenten oder die möglicherweise unwilligen Studenten konnte er nicht mehr vorschieben – , reichte darauf die Angelegenheit an die letztinstanzliche Bewilligungsbehörde, den Schweizerischen Bundesrat weiter. Dieser antwortete am 15. Februar 1898,

„dass wir, ohne für jetzt auf die grundsätzliche Frage, ob weibliche Personen Assistentenstellen am eidg. Polytechnikum bekleiden können einzutreten, kein Hindernis dagegen erblicken, dass Fräulein Baum von Danzig eine Assistentenstelle am chemisch-analytischen Laboratorium, auf die sie aspiriert, erhalte“.

Den Auftrag, die grundsätzliche Frage zu klären, übertrug er dem Eidgenössischen Departement des Inneren.

Auf diesen Bescheid gestützt ernannte der Schulrat des Polytechnikums mit drei Stimmen gegen eine bei zwei Enthaltungen Marie Baum am 19. Februar 1898 zur Assistentin am chemisch-analytischen Laboratorium für ein Jahr. Damit war sie nicht nur die erste Chemiassistentin, sondern die erste Assistentin am Polytechnikum überhaupt.

1899 verliess sie das Polytechnikum. Der Sturm im Reagenzglas war vorbei. Die Grundsatzfrage „Frauen auf Assistenzstellen“ war immer noch nicht geklärt. Ihr Nachfolger erhielt, wie schon ihr Vorgänger, eine unbefristete Anstellung.

Quellen:

Zitat des Präsidenten 1873 in: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich. Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich 2005, S. 115.

Alle anderen Informationen zu Professoren und Behörden stammen aus dem historischen Schulratsarchiv in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek , gegliedert in die Schulratsprotokolle und Präsidialverfügungen (SR3), eingegangene Schreiben („Akten“: SR2) und Kopien verschickter Schreiben („Missiven“: SR1).

Links:

Zum Leben von Marie Baum

Werke von Marie Baum finden sich im Wissensportal der ETH-Bibliothek

19.11.2010

Jean Chappe d‘Auteroche: Voyage en Sibérie (Paris, 1768)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Soziologie, Ethnologie — Tags: — Roland Lüthi @ 7:00

Tafel 16: Femme Samoyède

Der französische Astronom Jean Chappe d’Auteroche (1728-1765) wurde 1759 als Nachfolger von Joseph Lalande in die Académie des sciences gewählt. Diese beauftragte ihn, den Venustransit von 1761 in Sibirien zu beobachten. Im November 1760 brach Chappe von Paris auf und reiste trotz Schwierigkeiten mit dem Pferdeschlitten von St. Petersburg nach Tobolsk, wo er mit seinen Instrumenten am 10. April 1761 eintraf. Es wurde ein kleines Observatorium errichtet, von dem aus er am 6. Juni das Phänomen beobachten und aufzeichnen konnte.

Nach seiner Rückkehr in Paris im August 1762 hielt er seine Reiseeindrücke schriftlich fest und gab diese 1768 unter dem Titel Voyage en Sibérie  heraus. Der Reisebericht enthält zahlreiche Einzelheiten über Kultur und Politik im Russischen Reich, wobei Chappe das negative Bild der Zeit wiedergab oder gar noch verstärkte. Kaiserin Katharina II. von Russland fühlte sich daraufhin veranlasst, eine Widerlegung unter dem Titel Antidote ou Examen du mauvais livre intitulé: Voyage…, etc. (St. Petersburg, 1770-71) zu publizieren. Nicht nur im Titel, sondern auch im Vorwort spricht die Zarin eine deutliche Sprache:

Je vous promets bien des démentis, M. l’abbé Chappe, et je prouverai ce que je dirai, sur les faits propres à répandre du jour que vous osez avancer autant d’inexactitude que de verbiage; car il faut en convenir, les trois quarts de votre livre ne sont que du babil rempli d’animosité.

Die erzürnte Regentin verspricht Chappe eine beweiskräftige Widerlegung seines Berichts und macht keinen Hehl daraus, dass sie seine Behauptungen als ein durch Feindseligkeit geprägtes Geplapper betrachtet. Dazu bemerkt Hélène Carrère d‘Encausse in ihrer kürzlich erschienen Untersuchung der Polemik, dass Chappes Darstellung der Russen zwar nicht gerade wohlwollend sei. Immerhin gehöre ihm aber der Verdienst, ihre Lebensbedingungen und Sitten äusserst präzise beschrieben zu haben.

Links:

Voyage en Sibérie im Bibliothekskatalog NEBIS

Literatur zum Streit zwischen Jean Chappe d’Auteroche und Katharina II. von Hélène Carrère d‘Encausse: L’impératrice et l’abbé, un duel littéraire inédit entre Catherine II et l’abbé Chappe d’Auteroche (Paris, 2003)  

16.01.2009

Pierre Sonnerat: Voyage aux Indes orientales et la Chine: fait par ordre du Roi depuis 1774 jusqu’en 1781 (Paris, 1782)

 

Band 1, Pl. 66, S. 182: Polléar [Ganesha]

Pierre Sonnerat (1748-1814) war ein französischer Naturforscher und Entdecker, der mehrere Reisen nach Südostasien unternahm. Von 1769 bis 1772 bereiste er die Philippinen und Molukken, von 1774 bis 1781 Indien und China. Seine Eindrücke publizierte er in Voyage à la Nouvelle-Guinée (1776) und dem hier vorliegenden zweibändigen Werk Voyage aux Indes orientales et à la Chine (1782). Die zahlreichen darin enthaltenen  Illustrationen von Handwerk, Festlichkeiten, Riten, Götterbildern, Tieren und Pflanzen gehen auf Sonnerats eigene Zeichnungen zurück.

Anders als viele seiner europäischen Zeitgenossen bewunderte und achtete Sonnerat die reiche Kultur der Bewohner Asiens und wendete sich gegen den vorherrschenden Rassismus. Während er dem Niveau der Wissenschaft und Kultur der Chinesen zwar kritisch gegenüberstand, sah er im alten Indien nicht nur den Ursprung der Menschheit und der Kultur, sondern auch die Wiege aller Religionen. In Voyage aux Indes orientales et à la Chine legte Sonnerat einen umfangreichen Abriss der indischen Mythologie vor. In der Vielzahl der hinduistischen Götter sah er den Ausgangspunkt für die spätere Götterwelt der Ägypter, Griechen und Römer.

Die obige Abbildung zeigt den elefantenköpfigen Gott Ganesha. Dieser wird im Hinduismus als Beschützer des Heims und der Ehe verehrt. Er wird auch angebetet, wenn man Glück für den Weg oder eine Unternehmung braucht. Ganesha steht für Beginn und Veränderung, verbunden mit Schutz und Gelassenheit; er verkörpert Weisheit und Intelligenz. Zu seinen Angelegenheiten gehören die Poesie, Musik und Tanz, und er ist der Herr über die Wissenschaften.

Links:

Voyage aux Indes orientales et à la Chine kann im Bibliothekskatalog NEBIS bestellt und im Lesesaal der Spezialsammlungen eingesehen werden.

Wikisource Frankreich listet unter der Suche “Sonnerat Pierre” eine ganze Reihe seiner Werke online: http://fr.wikisource.org/wiki/Sp%C3%A9cial:Recherche?search=Sonnerat+Pierre. Für die Illustrationen aus Voyage aux Indes orientales et à la Chine wird auf Gallica verwiesen: http://fr.wikisource.org/wiki/Pierre_Sonnerat . Leider sind die Illustrationen in Gallica nur schwarzweiss.

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