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02.09.2011

Start des neuen Semesters

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geschichte — Heike Hartmann @ 8:00

Am 19. September beginnt das Herbstsemester an der ETH Zürich. Aus diesem aktuellen Anlass haben wir im Bildarchiv der ETH-Bibliothek nach historischen Fotografien recherchiert, die Studenten im Labor, in Vorlesungen oder in sonstigen Situationen abbilden.

Das erste Bild zeigt zwei Studenten im Lesesaal und ist von 1957. Auf dem jüngsten Bild von 1986 sieht man Studenten im Computer-Übungsraum im Hauptgebäude der ETH Zürich. Wenn man die Studentenzahl von damals und heute vergleicht haben sich diese mehr als vervierfacht. War die Anzahl der Studenten 1957 noch 3‘384 so waren es 1986 bereits 10‘265 und heute sind es 16‘342 (Zahl von 2010). Die erste Studentin schrieb sich bereits im Wintersemester 1871/72 am Polytechnikum ein. Im Jahr 1917  waren es bereits 31 Studentinnen, die am Polytechnikum studierten . Heute sind es immerhin über 6‘000 Studentinnen, die an der ETH Zürich eingeschrieben sind.

 

Studenten im Lesesaal, 1957 (Ans_00355)

 

Studentenhotel in Altstetten, 1966. Comet Photo AG, Zürich (Com_L15-0469-0120)

 Vogt, Jules: TC Versammlung der ETH Studenten VSS im Chemiesaal ETH Zürich, 1970. Comet Photo AG, Zürich (Com_L19-0312-0223)

 

ETH-Zürich: Pflanzenbau – Studenten, 1971. Comet Photo AG, Zürich (Com_M20-0047-0025)

 

Fluri: Computer Übungsraum für Studenten im HG, 1986. Presseinformationsdienst der ETH Zürich (PID_00008)

 

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek besitzt weitere historische Bilder zur Geschichte der ETH Zürich.

Zoombare Bilder befinden sich im Bildarchiv Online.

12.08.2011

Internierungslager in der Schweiz

Filed under: Geographie und Karten,Geschichte,Kartensammlung — Tags: — Markus Appenzeller @ 10:00

Ausschnitt aus Karte Internierungslager Schweiz

Abb.: Kartenausschnitt aus Manuskriptkarte ‘Internierungslager Schweiz’, Bern,  Armeekommando 1940-41

Auf der Flucht vor der deutschen Armee überquerten im Juni 1940 rund  50 000 französische, belgische und polnische Soldaten sowie Zivilflüchtlinge die Schweizer Grenze im Neuenburger Jura. Sie wurden entwaffnet und in Lagern interniert.  Der Kartenausschnitt zeigt die Internierungslager am 3. 7. 1940. Rot markiert die Lagerstandorte der Franzosen, blau der Polen und türkis der Belgier. Insgesamt 8 Karten zu diesem Thema sind im Bestand der Kartensammlung (ein Geschenk aus unbekannter Quelle).  Neben den Nationalität  und Standorten der Internierten zeigen die Karten auch Einteilung und Bestand der Bewachungstruppen (militärdienstleistende Schweizer und Schweizerinnen werden die Symbole  und Abkürzungen verstehen).

Bei den 8 Karten handelt es sich um Manuskriptkarten, alle Informationen zu den Lagern wurden mit Tusche und Schablone eingetragen. Als topographische Grundlage dient die Generalkarte der Schweiz 1:300 000,die von der Armee im zweiten Weltkrieg verwendet wurde.

Übrigens wurden die Internierten auch in der Wirtschaft, Landwirtschaft und vor allem im Strassenbau eingesetzt. In vielen Landesgegenden entstanden so die „Polenwege“, die wir heute als verkehrsarme Velo- und Wanderrouten schätzen.

Die 8 Karten mit der Signatur K 620103 können in Lesesaal Spezialsammlungen eingesehen werden. Link zur Titelaufnahme im Wissensportal: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=000420780

22.07.2011

Von New York ans Zürcher Polytechnikum? 1911 planen die Farbstofflieferanten Klipstein für ihre Söhne das Auslandsemester in Europa

Filed under: Archive und Nachlässe,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 7:32

Brief von Georg Wagner an Robert Gnehm 3.7.1911

Sandoz-Direktionsmitglied Georg Wagner erkundigt sich 1911 beim Schulratspräsidenten Robert Gnehm nach den Studienbedingungen für einen jungen Amerikaner (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/734)

 Vor hundert Jahren interessierte sich der Inhaber der Handelsagentur A. Klipstein & Company aus New York für die Bedingungen und Inhalte des Zürcher Studienlehrgangs in Chemie. Zu dieser Zeit begannen an der ETH jedes Jahr etwa 40 Studierende ein Chemiestudium. Im Wintersemester 1911/12 besuchten insgesamt 183 Studierende den Chemielehrgang, der vier Jahreskurse umfasste. Davon waren knapp die Hälfte Schweizer. 51 Prozent waren Chemiestudierende mit anderer Staatszugehörigkeit, wovon ein Drittel aus den Staaten Österreich-Ungarn, Russland und Frankreich stammte. Ein einziger Chemiestudent reiste zu Beginn des Wintersemesters 1911 vom amerikanischen Kontinent an. Er war einer von 13 Studierenden aus der Neuen Welt, die sich an der ETH eingeschrieben hatten.

Handelsagent A. Klipstein zog 1911 in Betracht, seinem Sohn Studien am Polytechnikum zu ermöglichen. Deshalb liess er seinen Bekannten Georg Wagner am 3. Juli in Zürich sondieren. Wie aus einem späteren Brief an Robert Gnehm vom 20. Juli 1911 hervorgeht, nahm der Sohn Herbert Klipstein im Sommer 1911 bereits am Sommerkurs des Massachusetts Institute of Technology teil. Der Sohn wollte erst später entscheiden, ob nach mindestens einem Jahr Studium am MIT ein Wechsel nach Zürich angebracht wäre. Von einem Chemiestudenten Herbert Klipstein finden sich an der ETH Zürich jedoch keine Spuren. Fest steht, dass ein Herbert C. Klipstein 1916 am Department of Chemical Engineering des MIT seine Schlussarbeit unter dem Titel „The application of the Mendius reaction to the production of ethylene diamine“ verfasst hat. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um den oben aus dem Briefwechsel bekannten Sohn des Unternehmers aus New York.

Die Handelsgesellschaft A. Klipstein & Company handelte mit chemischen Farbstoffen und hatte gemäss Firmenbriefkopf für den Handel mit „anilines, dye stuffs & chemicals“ Niederlassungen in Boston, Philadelphia, Providence, Chicago und in Charlotte, North Carolina. A. Klipstein und sein Geschäftspartner Ernest C. Klipstein verfügten über gute Beziehungen zur Schweiz, insbesondere zur Basler Chemie. Das Handelshaus Klipstein hatte offenbar zu jener Zeit die Vertretung der damaligen Ciba in New York inne. Auch zu Georg Wagner, der seit 1906 Mitglied der Direktion der Chemischen Fabrik Sandoz war, bestanden Verbindungen. A. Klipstein beauftragte 1911 als erstes Wagner, für das aktuelle Unterrichtprogramm der ETH und für detaillierte Informationen bei Robert Gnehm anzufragen, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und damit dem obersten Vorgesetzten des Polytechnikums. Robert Gnehm gehörte als ehemaliger Professor für technische Chemie und als früherer Direktor und Verwaltungsrat der Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel, der späteren Ciba, ebenfalls zum Netzwerk der Chemiker und Wissenschaftsmanager rund um die Basler Chemiebetriebe.

Kaum Dreivierteljahr vergingen, da meldete sich am 11. März 1912 nach A. Klipstein auch Ernest C. Klipstein bei Robert Gnehm. Ernest C. Klipstein war ebenfalls am Ausbildungsangebot in Zürich interessiert, da sein ältester Sohn gerade die Universität in Princeton absolvierte. E. C. Klipstein legte Wert darauf, dass sein Sohn bei seinem akademischen Aufenthalt in Europa eine Ausbildung bei Richard Willstätter erhielt, der seit 1905 Professor für allgemeine Chemie am Polytechnikum war. Das betonte Klipstein in seinem zweiten Brief an Robert Gnehm am 23. April 1912, in dem er bedauerte, dass Willstätter, der einen Ruf nach Berlin angenommen hatte, nicht mehr in Zürich lehrte.  Klipstein machte der Technischen Hochschule in Zürich keine Zusage und erklärte, dass er erst vor Ort entscheiden werde: „I shall probably take the young man with me to Europe some time during the summer, and probably be able to determine on the spot.” Auf eine anschliessende reguläre Einschreibung an der ETH Zürich gibt es keine Hinweise.

Neben der sich damals anbahnenden Umgestaltung der ETH zur modernern Lehr- und Forschungshochschule machte die Anbindung an relevante Wissenschafts- und Industriekreise, in diesem Fall an ein internationales Netzwerk von Chemikern und Farbstoffproduzenten, das Polytechnikum offenbar bereits vor dem ersten Weltkrieg in Unternehmerkreisen jenseits des Atlantiks zu einer ernsthaften Option bei der Planung von akademischen Semestern in Europa.

Links:

Programme der ETH Zürich, als Teil der Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar u.a. in der Kategorie Anhänge in Schulratsprotokolle online

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der Eidgenössischen polytechnischen Schule für 1911

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der der Eidgenössischen Technischen Hochschule für 1911/12

08.07.2011

Mittelholzers Abessinienflug (1934)

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geographie und Karten,Geschichte — Tags: , , — Nicole Graf @ 18:00

 

Links: Mittelholzer, Walter: Mazedonien, 200 km südlich von Belgrad. 07.02.1934 (LBS_MH02-22-0003)
Rechts: Mittelholzer, Walter: Fokker F. VII b-3m, CH-192 an Tankstelle. 02/1934 (LBS_MH02-22-0907)

 

Links: Mittelholzer, Walter: Männer vor Flugzeug, Ma’an, Transjordanien. 15.02.1934 (LBS_MH02-22-0012)
Rechts: Mittelholzer, Walter: Flugplatz in Addis Abeba. 03/1934 (LBS_MH02-22-0778)

  

Links: Mittelholzer, Walter: Kaiser Haile Selassie I. zu Pferd. 02/1934 (LBS_MH02-22-0382)
Rechts: Übergabe von Schild und Degen an Walter Mittelholzer, durch den Privatsekretär des Kaisers Haile Selassie I. 03/1934 (LBS_MH02-22-0789)

 

Mittelholzer, Walter: Dankali-Mädchen aus der Völkerfamilie der Galla, an der Küste von Französisch Somali-Land. 03/1934 (LBS_MH02-22-0775)

Der Fotograf, Flugpionier und Swissair-Mitgründer Walter Mittelholzer (1894–1937) und seine Crew flogen vom 2. bis 23. Februar 1934 über die Alpen – Athen – Jerusalem – Tel Aviv – Kairo – Assuan mit einem Abstecher nach Petra nach Addis Abeba. Mittelholzer flog 7‘118 km in 46,28h Flugstunden. Ziel des Abessinienflugs war ein Flugzeugtransport an den Hof des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Mittelholzer lieferte also die 3-motorige Fokker (CH 192) per Flug an die Regierung nach Äthiopien. Nebst der Dokumentation des Hinfluges mit vielen Luftbildern fotografierte Mittelholzer den Kaiser Haile Selassie, den Hof und das Militär und besuchte diverse Stämme in Süden Äthiopiens.

Die filmische und fotografische Ausbeute bei Mittelholzers Auslandflügen waren damals besonders wertvoll, wurden doch unberührte Gegenden erkundet und erstmals fotografisch festgehalten. Die vielen Pionierflüge (Afrika, Persien, Spitzbergen, Alpen, Kilimandscharo) fanden auch im Ausland stark Beachtung und machten Mittelholzer und die Schweizer Aviatik damals in weiten Kreisen bekannt.

Mittelholzer galt immer als sehr geschäftstüchtig und hat seine Auslandflüge optimal vermarktet: nicht nur hat er viel fotografiert – die Fotografien von rund 50 solcher Auslandflüge sind erhalten und werden seit dem Jahr 2009 im Bildarchiv der ETH-Bibliothek archiviert. Diese kulturhistorisch bedeutende Fotosammlung wird im Bildarchiv inventarisiert, digitalisiert und erschlossen. Der Abessinienflug ist nun der erste dieser Auslandflüge, den das Bildarchiv aufgearbeitet und übers Bildarchiv Online veröffentlicht hat.

Mittelholzer hat zudem oft auch als Regisseur für die Filmproduktionsfirma Praesens-Film, deren Mitbegründer er war, Filme über die Flüge gedreht. Seine Filme hat damals fast jeder Schweizer gesehen, es waren sehr populäre Filme zur grossen Zeit des Schweizer Films. Der Film über den Abessinienflug war Mittelholzers erster Tondokumentarfilm. Das Original ist ebenfalls Teil der Mittelholzer-Sammlung des Bildarchivs und liegt zur Zeit in der Cinemathèque Suisse im Depot. Ausserdem hat Mittelholzer in der Regel parallel zu den Flügen jeweils ein Fotobuch geschrieben. Das Buch zum Abessinienflug ist bereits 1934 erschienen und kann übers Wissensportal bestellt werden.

Die Mittelholzer-Bilder sind Bestandteil des Archivs der Stiftung Luftbild Schweiz. Sie werden kontinuierlich aufgearbeitet und sind in digitaler Form über das Wissensportal oder das Bildarchiv online öffentlich zugänglich.

10.06.2011

Hopp de Bäse! – Petitionen der Putzfrauen an der ETH für mehr Lohn

Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor, ETH Chemiegebäude, März 1917 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr 14413-005-AL-34898)

Im März 1917 posiert „Frau Augsburger, Putzfrau im technischen Labor“ oder gemäss Beschriftung des anderen Bildes „im oberen Labor“ des ETH Chemiegebäudes vor der Kamera. Sie tut so, als habe sie soeben mit dem langstieligen Gerät eine der Gaslampen angezündet. Gefährlich ist das Hantieren mit Feuer in explosiver Umgebung, sie lässt das Flämmchen des Anzünders nicht aus den Augen. Der schräge Lampenschirm wirft ein schiefes Licht auf die Arbeitsstätte: Ohne fotografische Zusatzbeleuchtung stünde Frau Augsburger im Schatten.

Neuneinhalb Jahre früher hatte sie nicht nur wie immer den Chemiestudierenden ein Licht aufgesteckt, sondern für einmal auch dem obersten Chemiker des Polytechnikums, Robert Gnehm, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und vormaligen Professor für technische Chemie.

 

Petition der Putzerinnen am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich,  7. September 1907 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1907/No.953)

Zusammen mit 30 Kolleginnen ersuchte sie in einem säuberlich getippten Schreiben am 7. September 1907 höflich um Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit. Die Putzfrauen begründeten ihr Gesuch unter anderem damit, dass sie einerseits in Privathäusern bei vergleichbarer Entschädigung zusätzlich freie Kost erhielten, anderseits die Arbeit am Polytechnikum weit anstrengender sei. Gestützt auf einen Vergleich mit den Arbeitsbedingungen des Reinigungspersonals in anderen öffentlichen Dienststellen beschloss der Schulrat am 27. September 1907, die Arbeitszeit von 10 auf 9 ½ Stunden pro Tag zu senken, nicht aber den Lohn zu erhöhen.

Frau Augsburger lächelt leicht. Während sie stellvertretend für alle Polyputzfrauen sich und ihre Arbeit bildlich ins richtige Licht rückt, fordern 18 Kolleginnen am 3. März 1917 erneut eine sofortige Erhöhung des inzwischen geltenden Halbtaglohns von Franken 2.60 auf Franken 2.80 und des Ganztaglohns von Franken 4.50 auf Franken 6.00 mit dem Hinweis auf „die gegenwärtige herrschende teure Lebenshaltung“ und angesichts „der allgemeinen Notlage des Dienst und Putzpersonals.“ 

Petition des Putzpersonals an der ETH, 3. März 1917 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1917/No.267)  

Das karierte, mit gleichmässiger Handschrift beschriebene Blatt geht zwei Tage später bei der Schulratskanzlei ein. Eine fremde Hand, vermutlich die des Schulratspräsidenten persönlich, notiert unter die geforderten Lohnansätze „2.65“ und „5.-“ sowie am unteren Blattrand „Kanton 50 Rp. pro Stunde ohne Teuerungszulage“. Der Präsident – es ist immer noch Robert Gnehm – fackelt diesmal nicht lange und verfügt schon am 10. März 1917: „Den Putzerinnen in den Gebäuden der E.T.H. wird vom 11. März 1917 an der Taglohn auf 5 ½ Fr. und der Halbtaglohn auf 2 Fr. 80 erhöht.“ Für einen kurzen Moment hat Frau Augsburger gut lächeln.

Im vierten Jahr des Weltkrieges geriet die Schweiz in eine schwere Versorgungskrise. Drohende Hungersnot, anhaltende massive Teuerung für lebensnotwendige Güter aller Art, sich verschärfende soziale Ungleichheiten führten 1917/1918 zu politischen Unruhen im Land. 

Verein der Wasch- und Putzfrauen Zürich, Frau Keller, Vereinspräsidentin, 7. April 1818 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1918/No.353)

Der Umgangston mit den Obrigkeiten wurde gereizt. In einem geharnischten Brief vom 7. April 1918 auf hochrechteckkariertem Papier, der bevorzugten Unterlage für Haushaltrechnungen, Buchhaltungen und andere Rechenaufgaben, bezichtigte die Präsidentin des Vereins der Wasch- und Putzfrauen Zürich die ETH der Lohndrückerei, verlangte Nachzahlungen für die Putzfrauen und drohte mit künftigem Boykott sowie offener Anklage in der Parteipresse.

Frau Augsburger war das Lächeln wohl vergangen.

Am 10. Juni 1918 zogen Arbeiterinnen zu einer Hungerdemonstration vor das Zürcher Rathaus. Mitte November 1918 kam es zum landesweiten Generalstreik, organisiert von Gewerkschaften und Sozialdemokratie. An zweiter Stelle der neun Streikforderungen – darunter sichere Lebensmittelversorgung, 48 Stunden Arbeitswoche, Alters- und Hinterbliebenenversicherung – stand die politische Gleichberechtigung der Frauen.

Deren Einführung erlebten erst Frau Augsburgers Töchter in fortgeschrittenem Alter. Die generelle verfassungsrechtliche und gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann zu fordern, wäre der mehrheitlich männlichen Streikführung nicht einmal im Albtraum eingefallen. Eine Mehrheit von Frau Augsburgers Enkelinnen setzte sie Jahrzehnte später durch. Um gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit in der wirtschaftlichen Realität kämpfen Frau Augsburgers Urenkelinnen immer noch.

Anmerkungen

- Gaslampen: Bereits am 25. Januar 1901 erhielt der Vorstand des technisch chemischen Laboratoriums die Ermächtigung zur Beschaffung eines Elektromotors und der nötigen Stromzufuhr aus dem städtischen Leitungsnetz. Bis 1917 dürfte somit die Beleuchtung längst auf elektrisches Licht umgestellt gewesen sein. ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2:Präsidialverfügungen1901, Präsidialverfügung Nr. 41 vom 25.01.1901 )

- Beschluss des Schulrates zur Putzfrauenpetition 1907 ( ETH-Bibliothek, Archive SR2: Schulratsprotokolle 1907, Sitzung Nr. 8 vom 27.09.1907, § 110 )

- Präsidialverfügung zur Putzfrauenpetition 1917 ( ETH-Bibliothek, Archive, SR2: Präsidialverfügungen 1917, Präsidialverfügung Nr. 87 vom 10.03.1917 )

27.05.2011

Aller guten Dinge sind drei: Die aktuelle Silbermedaille der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Kunstgeschichte — Tags: — Marion Wullschleger @ 8:30

Nachdem sich die Entstehungsgeschichten der ersten Silbermedaille der ETH Zürich (1869) und der zweiten Silbermedaille (1955) in die Länge gezogen hatten, verlief die Geburt der dritten Silbermedaille geradezu rasant.

Im Vorfeld des 125-Jahr-Jubiläums wollte der damalige Präsident der ETH Zürich Prof. Heinrich Ursprung die alte, ihm unzeitgemäss erscheinende Preismedaille ablösen und wandte sich mit diesem Auftrag 1979 direkt an den Schweizer Kunstmaler und Bildhauer Hans Erni. Die Medaille sollte thematisch zum Motto des Jubiläumsjahrs 1980 passen: „Technik wozu und wohin?“ 

 

 

Signatur: ETH-Bibliothek, Archive, Med. 203, Silbermedaille der ETH Zürich von 1980

Die von Erni gestaltete Medaille ist nicht ganz kreisrund und zeigt auf der einen Seite als Allegorie auf die Kreativität einen Mann, der die Befruchtung einer Eizelle durch Spermien verfolgt. Ganz unten sieht man die Signatur Hans Ernis mit der Jahreszahl  `80.

 

Auf der anderen Seite findet sich der Schriftzug „ETH Zürich“ über einem Schweizer Kreuz, das in eine abstrakte Topographie der Alpen eingebettet ist. Auf dieser Seite wird der Name des Preisträgers oder der Preisträgerin eingraviert.

Die erste Verleihung der neuen Medaille fand am ETH-Tag (28. November) 1980 statt. Noch heute werden herausragende Diplom-, Master- und Doktorarbeiten mit dieser Medaille prämiert.

Die Medaillensammlung der Archive & Nachlässe der ETH-Bibliothek ist durchsuchbar im Wissensportal der ETH-Bibliothek sowie in der Archivdatenbank online

 

26.04.2011

in regard of the admission … vorsichtige Balance bei der Erleichterung des Studienzugangs zum eidgenössischen Polytechnikum 1911

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 15:20

 

Vor hundert Jahren kam es an der ETH Zürich zur Prüfung der Frage, ob Reifezeugnisse aus Oxford und Cambridge anerkannt werden sollten (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/265)

Anfang 1911 sandte das eidgenössische Departement des Innern eine Anregung der britischen Gesandtschaft in Bern an die damalige ETH in Zürich. Dem Bundesrat war die Anfrage vorgelegt worden, ob nicht die in Oxford und Cambridge ausgestellten Zeugnisse über höhere Vorbildung den schweizerischen Maturitätszeugnissen gleich gestellt werden könnten.

Aus England wurde damit Interesse bekundet, den eigenen Absolventen mit Higher Certificate aus Oxford und Cambridge leichter Zugang zum Studium am eidgenössischen Polytechnikum zu ermöglichen, da ohne anerkanntes schweizerisches Maturitätszeugnis Aufnahmeprüfungen abgelegt werden mussten, deren neuste Reglementierung von 1908 stammte.

Der Schweizerische Schulrat prüfte die Eingabe und stattete am 22. April 1911 dem eidgenössischen Departement Bericht ab. In einem detaillierten Vergleich ging er die Fächer hinsichtlich nötiger und erreichter Fertigkeiten durch und stützte sich dabei auf das eigene Aufnahmeregulativ von 1908 und auf die aus England zur Verfügung gestellten Unterlagen. Nicht für jedes Fach kam er zu einem so eindeutigen Schluss wie bei „Natural Philosophy“, der theoretischen Naturwissenschaft, insbesondere Physik. „Genügende Noten… können als vollständiges Äquivalent der Aufnahmeprüfungen … in Physik und Chemie angesehen werden.“

Insgesamt ergebe sich aber, dass die Higher Certificates nicht in allen Fächern ausreichten. Die Kandidaten müssten die Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Französisch, Zeichnen (insbesondere technisches Zeichnen) und in darstellender Geometrie absolvieren oder „einen anderweitigen genügenden Ausweis“ vorlegen.

Der Bericht, der im Entwurf von Carl Friedrich Geiser verfasst wurde, schliesst mit Szenarien für die Zukunft. Wie „die grössere Zahl sehr tüchtiger französischer Studierender“ am Polytechnikum, die „seit den Beziehungen, die in den 1880er Jahren mit den französischen Unterrichtsbehörden angeknüpft wurden“, ihren Weg nach Zürich gefunden hatten, ist „das Wertvollste, was man erhoffen darf, dass mit der Zeit eine grössere Anzahl junger, gut vorgebildeter Engländer ihre Studien am eidg. Polytechnikum machen werden“. Und natürlich sollten in Zukunft die Diplome des Polytechnikums den Zugang zum mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht in Oxford und Cambridge ohne Prüfung und ohne formales Hindernis ermöglichen. Die Anerkennung der Maturitätszeugnisse der sogenannten Vertragsschulen des Polytechnikums bei den englischen Partneruniversitäten, und zwar in einem identischen Umfang, wie ihnen aus der Schweiz vorgeschlagen, könnte ebenfalls erstrebenswert sein, war eine letzte Bemerkung.

Dieses Anliegen fand in England Gehör. Der Beschluss über die Behandlung der Studierenden mit schweizerischen Maturitätszeugnissen seitens Oxford und Cambridge wurde der Schulleitung in Zürich in zwei freundlichen Schreiben 1912 respektive 1913 mitgeteilt. Die genauen Formulierungen über die Befreiung von Prüfungen je nach Schultypus wurde 1913 direkt ins Protokoll des Schweizerischen Schulrats aufgenommen und die Mitteilung dem Prüfungssekretariat in Oxford verdankt.

Links:

Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar in Schulratsprotokolle online

Eintrag des Wortlauts in den Schulratsprotokollen 1913: Schulratsprotokolle Online: ETH-Bibliothek, Archive, SR2: SR2: Präsidialverfügungen 1913, Präsidialverfügung Nr. 92 vom 18.03.1913

01.04.2011

Der Zauberlehrling: Version von Leopold Ruzicka

 

Erste Seite des Briefes 7. Dezember 1906 von Leopold Ruzicka, Chemiestudent an der TU Karlsruhe, später Professor für Chemie an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger (ETH-Bibliothek, Archive, Hs prov: Ruzicka)

 

Wozu ein Arbeitskittel? Womöglich weiss, Flecken darauf besonders gut sichtbar, resistent gegen Lauge und Waschbrett. Wer würde den Schmutzfänger reinigen? Welche Arbeit, welche Kosten!  Konnte der Sohn im fernen Karlsruhe nicht achtgeben auf seine Kleidung, statt das karge Studiengeld zu verschwenden für eine Anschaffung von zweifelhafter Zweckmässigkeit?

Im Gegenteil, sogar eine teure Massanfertigung aus bestem Gewebe musste unbedingt her! Der Sohn antwortete nach Hause in die Stadt Ossijek, gelegen im altösterreichischen Kroatien:

Karlsruhe, 7.12.1906

Liebe Mutter!

Geld, Karte erhalten (natürlich dankend). Das Geld habe ich erst den 5. abgeholt. Gib mir acht, dass der arme Franzek – mein seliger Bruder (er möge sich unter Entwicklung von wenigstens 100.000 cal Wärmemenge zu H2O, CO2 usw. zersetzen!) nicht noch vielleicht dienen muss.

Hier ist die Witterung grausslich. Immer Regen. So schöne Herbsttage wie bei uns gibt es hier nicht. Malog furtimaša pozdravi od mene  <grüss den kleinen Anhänger der Klerikalpartei von mir>. Dem Duđić wünsche ich, dass er bald herausskommt.

Einen Arbeitskittel werde ich mir nicht kaufen, sondern die Hausfrau wird mir einen von guten Stoff machen. Ich finde es für lächerlich, wenn Du schreibst, dass es nicht nötig (!) sei, dass ich mich einschmiere, da du doch nicht gesehen hast, wie es in einem Lab. zugeht. Alles ist schmierig, so dass man sich schon so den Anzug ganz ruinieren würde. Und dann erst wenn man was kocht und die Geschichte spritzt usw.

Von den Wiener Kollegen habe ich schon 2 Karten bekommen. Sie haben sicher auch so viel zu lernen als ich, davon bin ich überzeugt, sie lernen vielleicht auch und so müssen sie sich doch ein bischen amüsieren.

Heute haben wir keine “Schule” (da se izrazim onako po srednjoškolski  <um mich wie ein Mittelschüler auszudrücken> ), da der Bruder des Grossherzoges, der Hochselige Prinz Soundso, beerdigt wird. Diese Woche habe wieder jeden Tag eine Analyse gemacht. In der letzten habe gar 9 “Geschichten” gehabt: Chlorid, Schwefelwasserstoff, Sulfid, Polysulfid, Sulfat, Thiosulfat, Natrium, Kalium, Ammonium.

Vorgestern ist mir ein Gemisch von Schwefelkohlenstoff, Jod und konzentrierte Schwefelsäure ins Gesicht explodiert, es war jedoch nicht gefärlich, denn ich habe die Schwefelsäure gleich mit Ammoniak zu Ammoniumsulfat und Wasser reduziert [H2 SO4 + 2N H4OH = (NH4)2 SO4 + 2 H2O].

Vor einigen Wochen wieder bin ich mit starker Natronlauge (Na OH) auf die Zunge gekommen, hätte mir die Zunge aufgefressen, wenn ich sie nicht mit Salzsäure (H Cl) zu Kochsalz und Wasser reduzierte [Na OH + H Cl = Na Cl + H2O]. So macht man mit einer Giftigkeit die andere hin. Übrigens brauchst Dich nicht vielleicht fürchten, dass mir was passieren könnte, denn unser Laborator-Vorstand Steinkopf ist ein Spezialist für Giftigkeiten.

Auch sonst gehts hier sehr “gefärhlich” zu. Im Keller unten studiert einer Sprengstoffe, da krachts den ganzen Tag. Der Mensch wäre in Russland schon längst standrechtlich erschossen worden.

Fer…nić  <?>  fahrt jetzt nach Hause zu einer Hochzeit. Stefi wird die Karten von ihm bekommen, bis er zurückkehrt (Ende Jänner). Von Benjamin habe ich auch schon 2 Karten bekommen.

Vor Weihnachten werde der Paulitant  <österreichische Ausdrucksweise für Tante Paula>  noch schreiben.

Herzlichen Gruss an Euch alle sowie an alle Bekannte

L.R.

Der Brief gibt nicht nur Einblick in das praktische Chemiestudium  anfangs des 20. Jahrhunderts. Leopold Ruzicka (1887-1976), neunzehnjähriger Studienanfänger an der Technischen Universität Karlsruhe, später Professor an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger, war ins Spannungsfeld der unterschiedlichen Wirkungsbereiche und Rollen geraten, welche die bürgerliche Gesellschaft damals den beiden Geschlechtern zuwies:

Einerseits war da die Welt seiner Kindheit im weiblichen Einflussbereich der tüchtigen Hausfrau und fürsorglichen Mutter Amalija Ruzicka-Severt (1860-1815). Früh verwitwet vermochte sie trotz hinterlassenen Schulden ihres Gatten mit Hilfe einer Versicherungssumme, Unterstützung von Verwandten und dank Sparsamkeit ihre zwei Söhne grosszuziehen.

Unbekümmert um Existenzsorgen hatte sich anderseits der junge Leopold Ruzicka in die Welt der erwachsenen Männer aufgemacht, in die der chemischen Wissenschaft voller Abenteuer und Gefahren, die es heldenhaft – mannhaft eben – zu bestehen galt. Das aber gelang nur mit der bestmöglichen Ausrüstung, die ihn zugleich als Mitglied der neuen Welt auswies. Mit unverständlichen Formeln, fremd klingenden Begriffen führte er der Mutter ihre Inkompetenz in dem ihr nicht zustehenden männlichen Wirkungsfeld vor Augen und wies ihre Einmischung zurück. Gleichzeitig blieb er dennoch ganz der kleine Sohn, der damit prahlte, was er schon alles gelernt hatte, und dafür von Mama – ihrer Mutterrolle angemessen –gelobt und bewundert werden wollte. Allerdings konnte die drastische Beschreibung souverän gemeisterter gefährlicher Situationen auch mütterliche Ängste wecken und damit weitere Bevormundungsversuche provozieren. Also gestand er umgehend ein, dass ein Kindermädchen in Gestalt des erfahrenen Praktikumsassistenten Dr. Wilhelm Steinkopf (1879-1949) die Anfänger vor dem Schlimmsten bewahrte.

Damit wird auch die andere Seite der Sohnesrolle sichtbar, nicht nur die egoistische, sondern auch die verständnisvoll um die mütterliche Befindlichkeit bemühte. Obwohl Ruzicka in eine andere Lebenswelt aufgebrochen war, blieb er derjenigen seiner Kindheit verbunden, war er weiterhin interessiert am politischen Geschehen in seiner Heimat und am Alltag seiner Mutter, nahm er Anteil am Schicksal gemeinsamer Bekannter und Verwandter, liess er die Mutter teilhaben an Informationen über seine gleichaltrigen Kollegen und – trotz Abwehr ungebetener Ratschläge – auch an seinem Studienalltag.

Anmerkungen:

Der Brief wurde in der originalen Schreibweise und Grammatik belassen. Die Umschrift besorgten Angela Gastl und Marion Wullschleger, die Übersetzung der kroatischen Textteile in spitzen Klammern Marion Wullschleger, Ivan Macukic und Zwonimir Mitar. Der biographische Hintergrund des Briefes wurde aus Oberkofler 2001 gewonnen.

Literatur:

Kurzbiographie Leopold Ruzicka

Gerhard Oberkofler: Leopold Ruzicka. Schweizer Chemiker und Humanist aus Altösterreich, Innsbruck 2001

Tobias Straumann: Die Schöpfung im Reagenzglas: eine Geschichte der Basler Chemie (1850-1920, Basel etc. 1995

Andra Westermann: Das Chemielabor. Einübung in einen kollektiven Denkstil. In: ETHistory 1855-2005. Sightseeing durch 150 Jahre ETH Zürich, Baden 2005

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

03.02.2011

Sturm im Reagenzglas um das Element Frau: Die erste Assistentin am Eidgenössischen Polytechnikum

Petition der Studierenden für Marie Baum 1898 (ETH-Bibliothek, Archive, SR2:1898/65)

Am 7. Februar jährt sich zum 40. Mal die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, Grundlage und Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter auch in Bildung und Beruf. Gut hundert Jahre früher hatte sich die erste Studentin am Eidgenössischen Polytechnikum  für das Wintersemester 1871/72 eingeschrieben, der bald weitere folgten. Der Schulratspräsident bemerkte dazu 1873:

„In neuerer Zeit musste […] die Frage entschieden werden, ob Damen als reguläre Schülerinnen Zutritt haben sollen. Die Behörden haben die Frage einstweilen bejaht. […] Bis jetzt haben sich hieraus keinerlei Störungen ergeben. Immerhin behalten sich Lehrerschaft und Behörden vor, sei es, dass der Zudrang sich mehrte, sei es, dass Inkonvenienzen für die Schule sich ergeben würden, diese Frage in wiederholte Erwägung zu ziehen.“

Der „Zudrang“ von Studentinnen blieb die nächsten Jahrzehnte gering. Doch plagten Lehrer und Behörden sich plötzlich mit  „Inkonvenienzen“ ganz anderer Art.

Am 31. Juli 1897 beantragte nämlich Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, in einem kurzen Schreiben an den Präsidenten, die auf den 1. Oktober 1897 frei werdende Stelle als I. Assistent am chemisch-analytischen Laboratorium mit der soeben erfolgreich diplomierten Marie Baum zu besetzen.

Marie Baum, geboren am 23. März 1874 im preussischen Danzig, war das dritte von sechs Kindern eines Chirurgen und einer in der Frauenbewegung engagierten Mutter. Im Herbst 1893 erwarb sie die Matura in Zürich und schrieb sich am Polytechnikum in der Abteilung für Fachlehrer ein. Im Wintersemester 1895 vertrat sie sechs Wochen lang den wegen Militärdienst abwesenden Assistenten des chemisch-analytischen Laboratoriums. Im Sommer 1897 erhielt sie das Diplom als Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, das sie befähigte an Mittelschulen zu unterrichten.

Der Präsident bestätigte am 6. August 1897 den Eingang von Bambergers Antrag. Zwar werde weder er noch der Schulrat sich grundsätzlich gegen die Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen, doch habe er Bedenken, dass Fräulein Baum und die Behörden in Schwierigkeiten geraten könnten, auch wenn im Versuch 1895 solche nicht eingetreten seien. Der Schulrat würde wohl das Wagnis nur dann eingehen, wenn der bisherige Assistent nicht zurückgehalten oder  kein geeigneter männlicher Ersatz gefunden werden könne. Bamberger konnte oder wollte weder das eine noch andere bewerkstelligen.

Der Präsident musste pflichtgemäss am 12. August 1897 den Schulratskollegen Bambergers Antrag unterbreiten: „Es tritt demnach der etwas ungewöhnliche Fall ein, dass eine Dame zum Assistenten vorgeschlagen wird“. Wenn weibliche Studierende einmal zugelassen seien und das Studium mit Erfolg abgeschlossen hätten, könne ihnen jedoch eine Bewerbung um eine Assistentenstelle nicht „verkümmert“ werden. Die in schriftlicher Form erbetenen Stellungnahmen sind nicht erhalten, wurden womöglich gar nicht eingereicht. Das mündliche Echo war offenbar so wenig ermutigend, dass Bamberger auf Wunsch des Präsidenten am 21. September 1897 seinen Antrag zurückzog und anscheinend tatsächlich den bisherigen Chemieassistenten zum Bleiben aufforderte. Denn erst am 4. Oktober 1897 reichte dieser „in Übereinkunft mit Prof. Bamberger“ ein schriftliches Entlassungsgesuch ein, obwohl er laut den bisher kursierenden Schriften bereits Ende September die Stelle hatte verlassen wollen.

Am Tag darauf, dem 5. Oktober 1897, kam Bamberger auch im Namen seines Kollegen Frederic Pearson Treadwell, Professor für analytische Chemie, in einem fünfseitigen Schreiben an den Präsidenten auf seinen Antrag vom Juli zurück, ohne den Rückzug im September zu erwähnen. Während der Stellvertretung 1895 für den damaligen Assistenten habe Marie Baum neben vortrefflichen Kenntnissen einen „so feinen Takt in der Behandlung der ihr unterstellten Studenten“ gezeigt, „dass jede Befürchtung, ihre Eigenschaft als Dame könne zu Missständen führen, verstummen musste“. Er und Kollege Traedwell hätten daher den Wunsch gehabt, sie nach ihrer Diplomierung als Assistentin zu verpflichten. Der bisherige Stelleninhaber sei nur als provisorische Besetzung gedacht und damit einverstanden gewesen. Inzwischen habe Marie Baum ein Lehrangebot aus Amerika erhalten, weshalb er, Bamberger, beim Präsidenten und Vizepräsidenten die Erlaubnis eingeholt habe, ihr die Assistenz am Laboratorium in Aussicht zu stellen. Daraufhin habe sie die amerikanische Offerte abgelehnt. Der Präsident habe erst in seiner Antwort auf Bambergers Antrag im Juli Bedenken geäussert. Marie Baum sei übrigens unbemittelt und hätte gehofft, mit der Assistenzstelle ihre Mutter finanziell entlasten zu können. Für den bisherigen Assistenten dagegen sei gesorgt, da Georg Lunge, Professor für technische Chemie, ihn als Privatassistenten übernehme.

Die Zeit drängte, am 11. Oktober 1897 begann das Studienjahr, am 19. Oktober 1897 der Semesterbetrieb, jemand musste die Übungen im chemisch-analytischen Laboratorium leiten und überwachen, eine dazu geeignete männliche Kraft war weiterhin nicht greifbar. Da verfügte der Präsident am 21. Oktober 1897 die provisorische Anstellung von Marie Baum „bis der Schulrat einen bestimmten Beschluss gefasst haben wird“. Dieser lehnte am 6. Januar des folgenden Jahres den Antrag Bambergers ab mit der Begründung:

“Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, so lange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen. Er glaubt, dass dieses doch auf nächstes Semester möglich sein sollte”

Deshalb beauftragte er Bamberger, bis zu Ostern einen männlichen Ersatz, möglichst einen Schweizer Staatsbürger, zu suchen.

Nun erhielten Bamberger und Baum von Albert Heim, Professor für Geologie und Vorstand der Abteilung Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, Unterstützung. In einem unverblümten Brief an Bamberger vom 17. Januar 1898 bemerkte er, wenn die mögliche Ablehnung durch den Bundesrat der einzige Grund sei, Marie Baums Kandidatur zurückzuweisen, zeuge das von mangelndem Vertrauen in die Oberbehörde, die schliesslich nicht kleinlicher entscheiden könne als der Kanton Zürich, der längst mit grossem Erfolg Assistentinnen an der Universität anstelle, beispielsweise die ehemalige Polytechnikumsschülerin Marianne Plehn. Dann lobte er Marie Baums Lehrfähigkeiten sowie ihren positiven Einfluss auf Umgangsformen und Fleiss der Studenten, die einer Dame gegenüber sich keine Blösse geben wollten. Der Bundesrat könne nicht einem längst widerlegten Vorurteil zuliebe sich mit einer minderwertigen Lösung begnügen wollen, wenn er die beste haben könne. Weiter kritisierte er die nicht eingehaltenen Zusagen der Schulräte. Überdies entstehe bei einer Entlassung von Baum der falsche Eindruck, sie habe versagt, was ihr bei der weiteren Stellensuche schaden könne.

Diesen Brief legte Bamberger seinem eigenen Schreiben vom 21. Januar 1898 an den Schulrat bei, in welchem er die Argumente hervorragende Lehrbefähigung, positiver Einfluss auf die Studenten, gemachte und nicht eingehaltene Zusagen, mögliche Rufschädigung und den Hinweis auf die Anstellung von Assistentinnen im Kanton Zürich wiederholte, allerdings ohne Heims unverhohlene Deutlichkeit gegen fadenscheinige Ausflüchte. Gleichzeitig ging am 21. Januar eine von 54 Studenten unterzeichnete Petition „um Beibehaltung unseres jetzigen Assistenten Fräulein Baum“ bei der Schulbehörde ein.

Der Schulrat, dessen Argumente durchschaut oder vorsorglich durchkreuzt worden waren – die Existenzsorge um den bisherigen Assistenten oder die möglicherweise unwilligen Studenten konnte er nicht mehr vorschieben – , reichte darauf die Angelegenheit an die letztinstanzliche Bewilligungsbehörde, den Schweizerischen Bundesrat weiter. Dieser antwortete am 15. Februar 1898,

„dass wir, ohne für jetzt auf die grundsätzliche Frage, ob weibliche Personen Assistentenstellen am eidg. Polytechnikum bekleiden können einzutreten, kein Hindernis dagegen erblicken, dass Fräulein Baum von Danzig eine Assistentenstelle am chemisch-analytischen Laboratorium, auf die sie aspiriert, erhalte“.

Den Auftrag, die grundsätzliche Frage zu klären, übertrug er dem Eidgenössischen Departement des Inneren.

Auf diesen Bescheid gestützt ernannte der Schulrat des Polytechnikums mit drei Stimmen gegen eine bei zwei Enthaltungen Marie Baum am 19. Februar 1898 zur Assistentin am chemisch-analytischen Laboratorium für ein Jahr. Damit war sie nicht nur die erste Chemiassistentin, sondern die erste Assistentin am Polytechnikum überhaupt.

1899 verliess sie das Polytechnikum. Der Sturm im Reagenzglas war vorbei. Die Grundsatzfrage „Frauen auf Assistenzstellen“ war immer noch nicht geklärt. Ihr Nachfolger erhielt, wie schon ihr Vorgänger, eine unbefristete Anstellung.

Quellen:

Zitat des Präsidenten 1873 in: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich. Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich 2005, S. 115.

Alle anderen Informationen zu Professoren und Behörden stammen aus dem historischen Schulratsarchiv in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek , gegliedert in die Schulratsprotokolle und Präsidialverfügungen (SR3), eingegangene Schreiben („Akten“: SR2) und Kopien verschickter Schreiben („Missiven“: SR1).

Links:

Zum Leben von Marie Baum

Werke von Marie Baum finden sich im Wissensportal der ETH-Bibliothek

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