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26.04.2011

in regard of the admission … vorsichtige Balance bei der Erleichterung des Studienzugangs zum eidgenössischen Polytechnikum 1911

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 15:20

 

Vor hundert Jahren kam es an der ETH Zürich zur Prüfung der Frage, ob Reifezeugnisse aus Oxford und Cambridge anerkannt werden sollten (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/265)

Anfang 1911 sandte das eidgenössische Departement des Innern eine Anregung der britischen Gesandtschaft in Bern an die damalige ETH in Zürich. Dem Bundesrat war die Anfrage vorgelegt worden, ob nicht die in Oxford und Cambridge ausgestellten Zeugnisse über höhere Vorbildung den schweizerischen Maturitätszeugnissen gleich gestellt werden könnten.

Aus England wurde damit Interesse bekundet, den eigenen Absolventen mit Higher Certificate aus Oxford und Cambridge leichter Zugang zum Studium am eidgenössischen Polytechnikum zu ermöglichen, da ohne anerkanntes schweizerisches Maturitätszeugnis Aufnahmeprüfungen abgelegt werden mussten, deren neuste Reglementierung von 1908 stammte.

Der Schweizerische Schulrat prüfte die Eingabe und stattete am 22. April 1911 dem eidgenössischen Departement Bericht ab. In einem detaillierten Vergleich ging er die Fächer hinsichtlich nötiger und erreichter Fertigkeiten durch und stützte sich dabei auf das eigene Aufnahmeregulativ von 1908 und auf die aus England zur Verfügung gestellten Unterlagen. Nicht für jedes Fach kam er zu einem so eindeutigen Schluss wie bei „Natural Philosophy“, der theoretischen Naturwissenschaft, insbesondere Physik. „Genügende Noten… können als vollständiges Äquivalent der Aufnahmeprüfungen … in Physik und Chemie angesehen werden.“

Insgesamt ergebe sich aber, dass die Higher Certificates nicht in allen Fächern ausreichten. Die Kandidaten müssten die Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Französisch, Zeichnen (insbesondere technisches Zeichnen) und in darstellender Geometrie absolvieren oder „einen anderweitigen genügenden Ausweis“ vorlegen.

Der Bericht, der im Entwurf von Carl Friedrich Geiser verfasst wurde, schliesst mit Szenarien für die Zukunft. Wie „die grössere Zahl sehr tüchtiger französischer Studierender“ am Polytechnikum, die „seit den Beziehungen, die in den 1880er Jahren mit den französischen Unterrichtsbehörden angeknüpft wurden“, ihren Weg nach Zürich gefunden hatten, ist „das Wertvollste, was man erhoffen darf, dass mit der Zeit eine grössere Anzahl junger, gut vorgebildeter Engländer ihre Studien am eidg. Polytechnikum machen werden“. Und natürlich sollten in Zukunft die Diplome des Polytechnikums den Zugang zum mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht in Oxford und Cambridge ohne Prüfung und ohne formales Hindernis ermöglichen. Die Anerkennung der Maturitätszeugnisse der sogenannten Vertragsschulen des Polytechnikums bei den englischen Partneruniversitäten, und zwar in einem identischen Umfang, wie ihnen aus der Schweiz vorgeschlagen, könnte ebenfalls erstrebenswert sein, war eine letzte Bemerkung.

Dieses Anliegen fand in England Gehör. Der Beschluss über die Behandlung der Studierenden mit schweizerischen Maturitätszeugnissen seitens Oxford und Cambridge wurde der Schulleitung in Zürich in zwei freundlichen Schreiben 1912 respektive 1913 mitgeteilt. Die genauen Formulierungen über die Befreiung von Prüfungen je nach Schultypus wurde 1913 direkt ins Protokoll des Schweizerischen Schulrats aufgenommen und die Mitteilung dem Prüfungssekretariat in Oxford verdankt.

Links:

Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar in Schulratsprotokolle online

Eintrag des Wortlauts in den Schulratsprotokollen 1913: Schulratsprotokolle Online: ETH-Bibliothek, Archive, SR2: SR2: Präsidialverfügungen 1913, Präsidialverfügung Nr. 92 vom 18.03.1913

01.04.2011

Der Zauberlehrling: Version von Leopold Ruzicka

 

Erste Seite des Briefes 7. Dezember 1906 von Leopold Ruzicka, Chemiestudent an der TU Karlsruhe, später Professor für Chemie an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger (ETH-Bibliothek, Archive, Hs prov: Ruzicka)

 

Wozu ein Arbeitskittel? Womöglich weiss, Flecken darauf besonders gut sichtbar, resistent gegen Lauge und Waschbrett. Wer würde den Schmutzfänger reinigen? Welche Arbeit, welche Kosten!  Konnte der Sohn im fernen Karlsruhe nicht achtgeben auf seine Kleidung, statt das karge Studiengeld zu verschwenden für eine Anschaffung von zweifelhafter Zweckmässigkeit?

Im Gegenteil, sogar eine teure Massanfertigung aus bestem Gewebe musste unbedingt her! Der Sohn antwortete nach Hause in die Stadt Ossijek, gelegen im altösterreichischen Kroatien:

Karlsruhe, 7.12.1906

Liebe Mutter!

Geld, Karte erhalten (natürlich dankend). Das Geld habe ich erst den 5. abgeholt. Gib mir acht, dass der arme Franzek – mein seliger Bruder (er möge sich unter Entwicklung von wenigstens 100.000 cal Wärmemenge zu H2O, CO2 usw. zersetzen!) nicht noch vielleicht dienen muss.

Hier ist die Witterung grausslich. Immer Regen. So schöne Herbsttage wie bei uns gibt es hier nicht. Malog furtimaša pozdravi od mene  <grüss den kleinen Anhänger der Klerikalpartei von mir>. Dem Duđić wünsche ich, dass er bald herausskommt.

Einen Arbeitskittel werde ich mir nicht kaufen, sondern die Hausfrau wird mir einen von guten Stoff machen. Ich finde es für lächerlich, wenn Du schreibst, dass es nicht nötig (!) sei, dass ich mich einschmiere, da du doch nicht gesehen hast, wie es in einem Lab. zugeht. Alles ist schmierig, so dass man sich schon so den Anzug ganz ruinieren würde. Und dann erst wenn man was kocht und die Geschichte spritzt usw.

Von den Wiener Kollegen habe ich schon 2 Karten bekommen. Sie haben sicher auch so viel zu lernen als ich, davon bin ich überzeugt, sie lernen vielleicht auch und so müssen sie sich doch ein bischen amüsieren.

Heute haben wir keine “Schule” (da se izrazim onako po srednjoškolski  <um mich wie ein Mittelschüler auszudrücken> ), da der Bruder des Grossherzoges, der Hochselige Prinz Soundso, beerdigt wird. Diese Woche habe wieder jeden Tag eine Analyse gemacht. In der letzten habe gar 9 “Geschichten” gehabt: Chlorid, Schwefelwasserstoff, Sulfid, Polysulfid, Sulfat, Thiosulfat, Natrium, Kalium, Ammonium.

Vorgestern ist mir ein Gemisch von Schwefelkohlenstoff, Jod und konzentrierte Schwefelsäure ins Gesicht explodiert, es war jedoch nicht gefärlich, denn ich habe die Schwefelsäure gleich mit Ammoniak zu Ammoniumsulfat und Wasser reduziert [H2 SO4 + 2N H4OH = (NH4)2 SO4 + 2 H2O].

Vor einigen Wochen wieder bin ich mit starker Natronlauge (Na OH) auf die Zunge gekommen, hätte mir die Zunge aufgefressen, wenn ich sie nicht mit Salzsäure (H Cl) zu Kochsalz und Wasser reduzierte [Na OH + H Cl = Na Cl + H2O]. So macht man mit einer Giftigkeit die andere hin. Übrigens brauchst Dich nicht vielleicht fürchten, dass mir was passieren könnte, denn unser Laborator-Vorstand Steinkopf ist ein Spezialist für Giftigkeiten.

Auch sonst gehts hier sehr “gefärhlich” zu. Im Keller unten studiert einer Sprengstoffe, da krachts den ganzen Tag. Der Mensch wäre in Russland schon längst standrechtlich erschossen worden.

Fer…nić  <?>  fahrt jetzt nach Hause zu einer Hochzeit. Stefi wird die Karten von ihm bekommen, bis er zurückkehrt (Ende Jänner). Von Benjamin habe ich auch schon 2 Karten bekommen.

Vor Weihnachten werde der Paulitant  <österreichische Ausdrucksweise für Tante Paula>  noch schreiben.

Herzlichen Gruss an Euch alle sowie an alle Bekannte

L.R.

Der Brief gibt nicht nur Einblick in das praktische Chemiestudium  anfangs des 20. Jahrhunderts. Leopold Ruzicka (1887-1976), neunzehnjähriger Studienanfänger an der Technischen Universität Karlsruhe, später Professor an der ETH in Zürich und Nobelpreisträger, war ins Spannungsfeld der unterschiedlichen Wirkungsbereiche und Rollen geraten, welche die bürgerliche Gesellschaft damals den beiden Geschlechtern zuwies:

Einerseits war da die Welt seiner Kindheit im weiblichen Einflussbereich der tüchtigen Hausfrau und fürsorglichen Mutter Amalija Ruzicka-Severt (1860-1815). Früh verwitwet vermochte sie trotz hinterlassenen Schulden ihres Gatten mit Hilfe einer Versicherungssumme, Unterstützung von Verwandten und dank Sparsamkeit ihre zwei Söhne grosszuziehen.

Unbekümmert um Existenzsorgen hatte sich anderseits der junge Leopold Ruzicka in die Welt der erwachsenen Männer aufgemacht, in die der chemischen Wissenschaft voller Abenteuer und Gefahren, die es heldenhaft – mannhaft eben – zu bestehen galt. Das aber gelang nur mit der bestmöglichen Ausrüstung, die ihn zugleich als Mitglied der neuen Welt auswies. Mit unverständlichen Formeln, fremd klingenden Begriffen führte er der Mutter ihre Inkompetenz in dem ihr nicht zustehenden männlichen Wirkungsfeld vor Augen und wies ihre Einmischung zurück. Gleichzeitig blieb er dennoch ganz der kleine Sohn, der damit prahlte, was er schon alles gelernt hatte, und dafür von Mama – ihrer Mutterrolle angemessen –gelobt und bewundert werden wollte. Allerdings konnte die drastische Beschreibung souverän gemeisterter gefährlicher Situationen auch mütterliche Ängste wecken und damit weitere Bevormundungsversuche provozieren. Also gestand er umgehend ein, dass ein Kindermädchen in Gestalt des erfahrenen Praktikumsassistenten Dr. Wilhelm Steinkopf (1879-1949) die Anfänger vor dem Schlimmsten bewahrte.

Damit wird auch die andere Seite der Sohnesrolle sichtbar, nicht nur die egoistische, sondern auch die verständnisvoll um die mütterliche Befindlichkeit bemühte. Obwohl Ruzicka in eine andere Lebenswelt aufgebrochen war, blieb er derjenigen seiner Kindheit verbunden, war er weiterhin interessiert am politischen Geschehen in seiner Heimat und am Alltag seiner Mutter, nahm er Anteil am Schicksal gemeinsamer Bekannter und Verwandter, liess er die Mutter teilhaben an Informationen über seine gleichaltrigen Kollegen und – trotz Abwehr ungebetener Ratschläge – auch an seinem Studienalltag.

Anmerkungen:

Der Brief wurde in der originalen Schreibweise und Grammatik belassen. Die Umschrift besorgten Angela Gastl und Marion Wullschleger, die Übersetzung der kroatischen Textteile in spitzen Klammern Marion Wullschleger, Ivan Macukic und Zwonimir Mitar. Der biographische Hintergrund des Briefes wurde aus Oberkofler 2001 gewonnen.

Literatur:

Kurzbiographie Leopold Ruzicka

Gerhard Oberkofler: Leopold Ruzicka. Schweizer Chemiker und Humanist aus Altösterreich, Innsbruck 2001

Tobias Straumann: Die Schöpfung im Reagenzglas: eine Geschichte der Basler Chemie (1850-1920, Basel etc. 1995

Andra Westermann: Das Chemielabor. Einübung in einen kollektiven Denkstil. In: ETHistory 1855-2005. Sightseeing durch 150 Jahre ETH Zürich, Baden 2005

04.03.2011

„Wenn nur meine Photos gut sind!“ – Der Geologe Arnold Heim beobachtet eine tibetanische Bestattungszeremonie

 

Tagebuch VIII, China, 17.9.1930-20.2.1931, S. 55-56 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494: 254)

Fotoalbum Szechuan-Tibet Expedition 1930-1931, Bild 394-401 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 494b: 25)

In der Schweiz entwickelte sich die Ethnologie erst sehr spät zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde das Fach meist als Teil der Geografie behandelt. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerade weitgereiste Geologen waren, welche fremde Völker in ihren Reisenotizbüchern und Publikationen ausführlich studierten, beschrieben und bildlich darstellten. Einer dieser Geologen war Arnold Heim. Er wuchs als Sohn von Albert Heim, Ordinarius für Geologie an der ETH Zürich, bereits mit der Pike in der Hand auf. Nach Studium und Promotion in Zürich sowie Anstellungen als Privatdozent an der ETH Zürich entschied sich Arnold Heim zur grossen Enttäuschung seines Vaters gegen eine Karriere an der ETH Zürich und für eine Laufbahn im Ausland als Petrogeologe. Zuvor folgte er jedoch 1929 einem Ruf an die Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton (China), wo er für drei Jahre den Lehrstuhl für Geologie und die Leitung des Geologischen Instituts inne hatte.

Ebenfalls 1929 berichtete der US-amerikanische Forschungsreisende Joseph Rock von einem Berg von über 9000 Metern Höhe im Westen der Provinz Szetschuan. Dass der Minya Gongkar den Mount Everest überrage, wurde jedoch von vielen Fachleuten bezweifelt. Um dies zu überprüfen, übertrug die Universität von Kanton 1930 Arnold Heim zusammen mit dem schweizerischen Kartographen Eduard Imhof die Leitung einer chinesisch-schweizerischen Expedition. Der offizielle Auftrag bestand darin, den Minya Gongkar und seine Umgebung zu vermessen und zu kartieren. Trotz widriger Umstände – die Expedition war nur mangelhaft ausgerüstet, in China herrschte Bürgerkrieg, die Expedition wurde mehrmals von Banditen überfallen – gelang es ihnen das Gebirge zu vermessen und die Höhe des Gipfels auf 7600 m.ü.M. zu bestimmen.

Im Verlaufe dieser Expedition studierte Heim auch die regionalen Sitten und Gebräuche. Seine ethnographischen Beobachtungen beschrieb er minutiös in seinen Reisetagebüchern und dokumentierte sie mit umfangreichem Bildmaterial. Arnold Heim war seit Jugendjahren ein begeisterter Fotograf. Foto- und Filmkamera waren auch auf den beschwerlichsten Expeditionen immer mit dabei.  So auch am 2. Januar 1931, als Heim die Gelegenheit erhielt, eine tibetanische Bestattungszeremonie zu beobachten. In seinem lebhaften Tagebucheintrag ist die Aufregung, die Zeremonie miterleben zu dürfen und seine Sorge um die Qualität der Aufnahmen förmlich zu spüren:

„Aber ich will die Möglichkeit nicht verpassen, den Totenkult zu sehen, und frage Edgar, mir ein Pferd und Führer zurückzulassen. Mit 9×12 und Kinokamera beladen gehe ich auf den kahlen Hügelrücken, wo ich mit dem Feldstecher die Geier sehe. In der Nähe – 1/4 Stunde zu Fuss – welcher Anblick – eine lange Reihe roter Lamas im Gebetsang, dirigiert von einem Oberlama. Links eine rote Reihe sitzender Lamabuben, und dahinter die Geier sitzend, über 50 gewaltige Tiere, meist bèche [sic] mit weissem Schwanenhals, einige vollkommen schwarz – riesige Tiere, grösser als die jungen Lamas. Ich schiesse Kinofilm los – leider habe ich bloss 3, und das Wellington Pack streikt – hoffentlich nicht alles kaput [sic]. Nun verziehen sich die grossen Lamas, während die jungen auf mich zustürzen, neugierig das photographieren verfolgend, aber anständig.

Nun sehe ich vor mir auf einem runden Platz von ca. 5 m Durchmesser, ringsum mit Steinen markiert, einen Toten Leib, der von einem Chines [sic] in verschiedene Abschnitte mit grossem Messer, auf d. Rücken liegend, zerschnitten und geskalpt wird. Mit d. Füssen wird der Tote an einem Pflock mit einem roten Band angebunden. Wie er sich entfernt, stürzen die Geier wütend darauf – einen Knäuel bildend, so dass man vom Leichnam nichts mehr sieht, bis alle Weichteile entfernt sind. Die Tiere sind rasend, zanken sich, fauchen und zischen, lassen mich bis auf wenige Meter mit aufgestelltem Stativ herankommen. Nach etwa 10-15 Minuten ist nur noch der abgetrennte Schädel, Becken und Wirbelsäule vorhanden. Die Geier haben blutrote Köpfe und Hälse. Nun tritt ein Lama mit dem Stock vor und verjagt die Geier. (Die bleibenden Knochen sollen noch verstampft, mit Tsamka und Butter nachträglich verfüttert werden). Hauptsache ist, dass das Herz gefressen wird, sonst ist es für den Toten und seine Angehörigen ein böses Zeichen. Diese Bestattung ist etwas vom Schauerlichsten, was ich je gesehen. Wenn nur meine Photos gut sind!“

Literatur:

Arnold Heim. Minya Gongkar: Forschungsreise ins Hochgebirge von Chinesisch Tibet – Erlebnisse und Entdeckungen. Bern 1933.

Eduard Imhof. Die grossen kalten Berge von Szetschuan: Erlebnisse, Forschungen und Kartierungen im Minya-Konka-Gebirge. Zürich 1974.

Links:

Daniel Speich. Der Minya Konka. Ein Berg als umstrittenes Objekt. In: ETHistory 1855-2005: Zeitreisen durch 150 Jahre Hochschulgeschichte: Eine Web-Ausstellung des Instituts für Geschichte der ETH Zürich

Biographisches Kurzporträt Arnold Heims aus der Reihe Porträt des Monats der ETH-Bibliothek

03.02.2011

Sturm im Reagenzglas um das Element Frau: Die erste Assistentin am Eidgenössischen Polytechnikum

Petition der Studierenden für Marie Baum 1898 (ETH-Bibliothek, Archive, SR2:1898/65)

Am 7. Februar jährt sich zum 40. Mal die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz, Grundlage und Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter auch in Bildung und Beruf. Gut hundert Jahre früher hatte sich die erste Studentin am Eidgenössischen Polytechnikum  für das Wintersemester 1871/72 eingeschrieben, der bald weitere folgten. Der Schulratspräsident bemerkte dazu 1873:

„In neuerer Zeit musste […] die Frage entschieden werden, ob Damen als reguläre Schülerinnen Zutritt haben sollen. Die Behörden haben die Frage einstweilen bejaht. […] Bis jetzt haben sich hieraus keinerlei Störungen ergeben. Immerhin behalten sich Lehrerschaft und Behörden vor, sei es, dass der Zudrang sich mehrte, sei es, dass Inkonvenienzen für die Schule sich ergeben würden, diese Frage in wiederholte Erwägung zu ziehen.“

Der „Zudrang“ von Studentinnen blieb die nächsten Jahrzehnte gering. Doch plagten Lehrer und Behörden sich plötzlich mit  „Inkonvenienzen“ ganz anderer Art.

Am 31. Juli 1897 beantragte nämlich Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, in einem kurzen Schreiben an den Präsidenten, die auf den 1. Oktober 1897 frei werdende Stelle als I. Assistent am chemisch-analytischen Laboratorium mit der soeben erfolgreich diplomierten Marie Baum zu besetzen.

Marie Baum, geboren am 23. März 1874 im preussischen Danzig, war das dritte von sechs Kindern eines Chirurgen und einer in der Frauenbewegung engagierten Mutter. Im Herbst 1893 erwarb sie die Matura in Zürich und schrieb sich am Polytechnikum in der Abteilung für Fachlehrer ein. Im Wintersemester 1895 vertrat sie sechs Wochen lang den wegen Militärdienst abwesenden Assistenten des chemisch-analytischen Laboratoriums. Im Sommer 1897 erhielt sie das Diplom als Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, das sie befähigte an Mittelschulen zu unterrichten.

Der Präsident bestätigte am 6. August 1897 den Eingang von Bambergers Antrag. Zwar werde weder er noch der Schulrat sich grundsätzlich gegen die Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen, doch habe er Bedenken, dass Fräulein Baum und die Behörden in Schwierigkeiten geraten könnten, auch wenn im Versuch 1895 solche nicht eingetreten seien. Der Schulrat würde wohl das Wagnis nur dann eingehen, wenn der bisherige Assistent nicht zurückgehalten oder  kein geeigneter männlicher Ersatz gefunden werden könne. Bamberger konnte oder wollte weder das eine noch andere bewerkstelligen.

Der Präsident musste pflichtgemäss am 12. August 1897 den Schulratskollegen Bambergers Antrag unterbreiten: „Es tritt demnach der etwas ungewöhnliche Fall ein, dass eine Dame zum Assistenten vorgeschlagen wird“. Wenn weibliche Studierende einmal zugelassen seien und das Studium mit Erfolg abgeschlossen hätten, könne ihnen jedoch eine Bewerbung um eine Assistentenstelle nicht „verkümmert“ werden. Die in schriftlicher Form erbetenen Stellungnahmen sind nicht erhalten, wurden womöglich gar nicht eingereicht. Das mündliche Echo war offenbar so wenig ermutigend, dass Bamberger auf Wunsch des Präsidenten am 21. September 1897 seinen Antrag zurückzog und anscheinend tatsächlich den bisherigen Chemieassistenten zum Bleiben aufforderte. Denn erst am 4. Oktober 1897 reichte dieser „in Übereinkunft mit Prof. Bamberger“ ein schriftliches Entlassungsgesuch ein, obwohl er laut den bisher kursierenden Schriften bereits Ende September die Stelle hatte verlassen wollen.

Am Tag darauf, dem 5. Oktober 1897, kam Bamberger auch im Namen seines Kollegen Frederic Pearson Treadwell, Professor für analytische Chemie, in einem fünfseitigen Schreiben an den Präsidenten auf seinen Antrag vom Juli zurück, ohne den Rückzug im September zu erwähnen. Während der Stellvertretung 1895 für den damaligen Assistenten habe Marie Baum neben vortrefflichen Kenntnissen einen „so feinen Takt in der Behandlung der ihr unterstellten Studenten“ gezeigt, „dass jede Befürchtung, ihre Eigenschaft als Dame könne zu Missständen führen, verstummen musste“. Er und Kollege Traedwell hätten daher den Wunsch gehabt, sie nach ihrer Diplomierung als Assistentin zu verpflichten. Der bisherige Stelleninhaber sei nur als provisorische Besetzung gedacht und damit einverstanden gewesen. Inzwischen habe Marie Baum ein Lehrangebot aus Amerika erhalten, weshalb er, Bamberger, beim Präsidenten und Vizepräsidenten die Erlaubnis eingeholt habe, ihr die Assistenz am Laboratorium in Aussicht zu stellen. Daraufhin habe sie die amerikanische Offerte abgelehnt. Der Präsident habe erst in seiner Antwort auf Bambergers Antrag im Juli Bedenken geäussert. Marie Baum sei übrigens unbemittelt und hätte gehofft, mit der Assistenzstelle ihre Mutter finanziell entlasten zu können. Für den bisherigen Assistenten dagegen sei gesorgt, da Georg Lunge, Professor für technische Chemie, ihn als Privatassistenten übernehme.

Die Zeit drängte, am 11. Oktober 1897 begann das Studienjahr, am 19. Oktober 1897 der Semesterbetrieb, jemand musste die Übungen im chemisch-analytischen Laboratorium leiten und überwachen, eine dazu geeignete männliche Kraft war weiterhin nicht greifbar. Da verfügte der Präsident am 21. Oktober 1897 die provisorische Anstellung von Marie Baum „bis der Schulrat einen bestimmten Beschluss gefasst haben wird“. Dieser lehnte am 6. Januar des folgenden Jahres den Antrag Bambergers ab mit der Begründung:

“Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, so lange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen. Er glaubt, dass dieses doch auf nächstes Semester möglich sein sollte”

Deshalb beauftragte er Bamberger, bis zu Ostern einen männlichen Ersatz, möglichst einen Schweizer Staatsbürger, zu suchen.

Nun erhielten Bamberger und Baum von Albert Heim, Professor für Geologie und Vorstand der Abteilung Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, Unterstützung. In einem unverblümten Brief an Bamberger vom 17. Januar 1898 bemerkte er, wenn die mögliche Ablehnung durch den Bundesrat der einzige Grund sei, Marie Baums Kandidatur zurückzuweisen, zeuge das von mangelndem Vertrauen in die Oberbehörde, die schliesslich nicht kleinlicher entscheiden könne als der Kanton Zürich, der längst mit grossem Erfolg Assistentinnen an der Universität anstelle, beispielsweise die ehemalige Polytechnikumsschülerin Marianne Plehn. Dann lobte er Marie Baums Lehrfähigkeiten sowie ihren positiven Einfluss auf Umgangsformen und Fleiss der Studenten, die einer Dame gegenüber sich keine Blösse geben wollten. Der Bundesrat könne nicht einem längst widerlegten Vorurteil zuliebe sich mit einer minderwertigen Lösung begnügen wollen, wenn er die beste haben könne. Weiter kritisierte er die nicht eingehaltenen Zusagen der Schulräte. Überdies entstehe bei einer Entlassung von Baum der falsche Eindruck, sie habe versagt, was ihr bei der weiteren Stellensuche schaden könne.

Diesen Brief legte Bamberger seinem eigenen Schreiben vom 21. Januar 1898 an den Schulrat bei, in welchem er die Argumente hervorragende Lehrbefähigung, positiver Einfluss auf die Studenten, gemachte und nicht eingehaltene Zusagen, mögliche Rufschädigung und den Hinweis auf die Anstellung von Assistentinnen im Kanton Zürich wiederholte, allerdings ohne Heims unverhohlene Deutlichkeit gegen fadenscheinige Ausflüchte. Gleichzeitig ging am 21. Januar eine von 54 Studenten unterzeichnete Petition „um Beibehaltung unseres jetzigen Assistenten Fräulein Baum“ bei der Schulbehörde ein.

Der Schulrat, dessen Argumente durchschaut oder vorsorglich durchkreuzt worden waren – die Existenzsorge um den bisherigen Assistenten oder die möglicherweise unwilligen Studenten konnte er nicht mehr vorschieben – , reichte darauf die Angelegenheit an die letztinstanzliche Bewilligungsbehörde, den Schweizerischen Bundesrat weiter. Dieser antwortete am 15. Februar 1898,

„dass wir, ohne für jetzt auf die grundsätzliche Frage, ob weibliche Personen Assistentenstellen am eidg. Polytechnikum bekleiden können einzutreten, kein Hindernis dagegen erblicken, dass Fräulein Baum von Danzig eine Assistentenstelle am chemisch-analytischen Laboratorium, auf die sie aspiriert, erhalte“.

Den Auftrag, die grundsätzliche Frage zu klären, übertrug er dem Eidgenössischen Departement des Inneren.

Auf diesen Bescheid gestützt ernannte der Schulrat des Polytechnikums mit drei Stimmen gegen eine bei zwei Enthaltungen Marie Baum am 19. Februar 1898 zur Assistentin am chemisch-analytischen Laboratorium für ein Jahr. Damit war sie nicht nur die erste Chemiassistentin, sondern die erste Assistentin am Polytechnikum überhaupt.

1899 verliess sie das Polytechnikum. Der Sturm im Reagenzglas war vorbei. Die Grundsatzfrage „Frauen auf Assistenzstellen“ war immer noch nicht geklärt. Ihr Nachfolger erhielt, wie schon ihr Vorgänger, eine unbefristete Anstellung.

Quellen:

Zitat des Präsidenten 1873 in: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich. Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, Zürich 2005, S. 115.

Alle anderen Informationen zu Professoren und Behörden stammen aus dem historischen Schulratsarchiv in den Archiven und Nachlässen der ETH-Bibliothek , gegliedert in die Schulratsprotokolle und Präsidialverfügungen (SR3), eingegangene Schreiben („Akten“: SR2) und Kopien verschickter Schreiben („Missiven“: SR1).

Links:

Zum Leben von Marie Baum

Werke von Marie Baum finden sich im Wissensportal der ETH-Bibliothek

06.01.2011

Was lange währt, wird endlich gut: Der steinige Weg zur zweiten Silbermedaille der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Kunstgeschichte — Tags: — Marion Wullschleger @ 14:42

Seit 1870 diente die erste Silbermedaille der ETH Zürich über 80 Jahre lang als Auszeichnung für besonders begabte Studierende. Erst 1955 konnte sich ein neues Motiv für die Preismedaille durchsetzen.

 Signatur: ETH-Bibliothek, Archive, Med. 60

Silbermedaille der ETH Zürich von 1955 nach dem Modell von Franz Fischer mit dem Titel „Mass“. Baum mit Ästen und Laub, daneben die lateinische Inschrift STUDIO und LABORI, die wie schon  bei der Vorgängermedaille auf den Eifer und die Arbeit der Preisträger anspielte.

   Ein Unterarm, in dessen Hand ein Zirkel liegt. Rechts unten der Name des Medailleurs F. Fischer. Die lateinische Inschrift UNIVERSITAS POLYTECHNICA HELVETICA brachte die 1911 erfolgte Umbenennung des Eidgenössischen Polytechnikums in Eidgenössische Technische Hochschule zum Ausdruck.

 Die Silbermedaille des Eidgenössischen Polytechnikums wurde 1870 zum ersten Mal verliehen (mehr dazu im Blogbeitrag „Siegerehrung ohne Gold: Die erste Silbermedaille der ETH Zürich“). Die vom Medailleur Antoine Bovy gestaltete alte Silbermedaille war also schon über 60 Jahre in Verwendung, als Schulratspräsident Arthur Rohn in den 1930er Jahren durch die Eidgenössische Kunstkommission einen Wettbewerb für die Schaffung einer neuen Medaille ausschreiben liess, da die alte „in geschmacklicher Hinsicht veraltet“ sei. So fanden in den Jahren 1933 bis 1935 drei Wettbewerbe im Rahmen der „Hilfsaktion für schweizerische Künstler“ statt, doch die ETH Zürich legte gegen die eingereichten Gipsmodelle jedes Mal  ihr Veto ein, kein Entwurf genügte den hohen Ansprüchen. So blieb nichts anderes übrig, als weiterhin die alte Silbermedaille von 1870 zu verwenden.  

Erst 20 Jahre später wagte die ETH Zürich einen neuen Anlauf, um die alte Medaille, die „den Geist der verflossenen Zeit“ atmete und „in ästhetischer Hinsicht nicht mehr den heutigen Anschauungen“ entsprach, abzulösen.  

Wieder schrieb die Eidgenössische Kunstkommission einen Wettbewerb aus, zu dem nun 21 Bildhauer eingeladen wurden. Und wieder konnte sich die Leitung der Hochschule nicht für ein Modell entscheiden. Daraufhin wurde eine Gruppe von Architekturstudierenden der ETH unter Prof. Hans Hofmann  eingeladen, die Medaillenentwürfe zu bewerten. Sie kürten schliesslich den Entwurf von Franz Fischer zum Sieger.

Der damalige Schulratspräsident Hans Pallmann konnte zwar keine Begeisterung für den Entwurf mit dem Titel „Mass“ aufbringen, doch fand er ihn immerhin „künstlerisch schön, ohne kühn zu sein“. Kritischere Stimmen fanden das Baummotiv und den Zirkel nicht originell genug und monierten, dass die Inschrift durch den Baum zerschnitten werde. Doch die Entscheidung war gefallen, pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum der ETH Zürich im Jahr 1955 konnte die neue Silbermedaille verliehen werden.

Links:

Medaillensammlung der Archive & Nachlässe der ETH-Bibliothek, recherchierbar im Wissensportal der ETH-Bibliothek sowie in der Archivdatenbank online. Die Medaillensammlung umfasst auch einige der 1933-1935 abgelehnten Gipsmodelle.

Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar in Schulratsprotokolle online

17.09.2010

Die peinliche Befragung – Prüfungen an der ETH

 

“Prüefigsfrage” aus: V.OCT.MCMLXIII.,

Hg. Mitarbeitende des Institutes für Spezielle Botanik ETH Zürich,

in: Ernst Gäumann, Biographische Sammlung. Archive und Nachlässe ETH-Bibliothek Zürich

 

 

Vor rund zwei Wochen – die sommerliche Prüfungssaison kaum zu Ende, die Resultate noch nicht bekannt, knapp vor dem neuen Herbstsemester – war in der Presse zum Schrecken der Geprüften und der erwartungsvollen Neulinge zu lesen, dass an der ETH Zürich ein Drittel der Studierenden das erste Jahr nicht überstehe. Diesmal wurde die Meldung im Zusammenhang mit dem Ansturm schwacher Bachelorabsolventen und -absolventinnen aus dem Ausland auf Schweizer Universitäten verbreitet. Doch waren Abschreckung und strenge Examen seit jeher bewährte Mittel, um die Studierenden auf das gewünschte Leistungsniveau aus- und abzurichten zur Sicherung von Ausbildungsqualität und Ansehen der Lehranstalt.

 

Gefürchtet waren beispielsweise die Prüfungen bei Ernst Gäumann (1893-1963), Professor für Botanik, über den eine kleine Erinnerungsschrift zum 70. Geburtstag berichtet: “Auf Exkursionen ist er flott, doch im Examen – Gnad uns Gott!”. Was Prüflingen bei ihm blühen konnte, hält das abgebildete Gedicht aus der humoristischen Zeitung fest, die seine Institutsangehörigen ihm zur Geburtstagsfeier schrieben. Für Lesende, die der Berner Mundart – Gäumanns Muttersprache – nicht mächtig sind, eine Übersetzung in die Schriftsprache:

 

Prüfungsfragen

 

Wann haben die alten Eidgenossen

das erste Bündnis geschlossen?

Und was haben sie in Stans beschlossen?

Und warum den Gessler denn/dann erschossen?

Was vor der Schlacht bei Sempach gegessen?

Hast du die Tiefe der Aare auch schon gemessen?

Wieso hast du das alles schon vergessen?

Kannst du eigentlich auch Pflanzen pressen?

Wer hat den Lötschbergtunnel konstruiert?

Wer hat den Schatz von Karl dem Kühnen abserviert?

Und wer hat das grosse Moos drainiert?

Hast du Cyperales auch studiert?

Wieso geht (fliesst) die Linth in den Walensee?

Hast du schon einmal eine Lilie gesehen?

Wieso weisst du über diese Familie nicht mehr?

Woher stammt eigentlich der Tee?

Warum gehört Aarau nicht mehr zu Bern?

(Das hört er zwar nicht grauslich [sehr] gern)

Was ist ein rechter Morgenstern?

Wieso haben die Zwetschgen keine Kerne?

Wer ist Niklaus von der Flüe?

Was hat es im Berneroberland für Kühe/welche Kühe gibt es im Berneroberland?

Und warum blühen die Anemonen früh?

Macht solch eine Frage dir Mühe?

 

Der vierzeilige Schlusskommentar aus dem Basler Dialekt übersetzt:

 

Hat er dir fast den Nerv ausgerissen?

Du merkst es bald und kriegst ein unruhig Gewissen,

bei Gäu musst du über Pflanzen auch ein bisschen etwas wissen,

doch ohne Schweizergeschichte bist du einfach beschissen.

 

Gäumann pflegte seine Studierenden und Institutsangehörigen zu duzen, was diese in der Regel als Privileg empfanden und worum sie von Aussenstehenden gelegentlich beneidet wurden. Dass er Kandidatinnen und Kanditaten aus der deutschsprachigen Schweiz tatsächlich in Mundart prüfte statt in der deutschen Unterrichtssprache, ist nirgens erwähnt, obschon durchaus denkbar. Dagegen ist verbürgt, dass Gäumann die Studierenden zu selbständigem Denken und Arbeiten anhielt. Entsprechend ungnädig reagierte er, wenn an Prüfungen bloss auswendig gelernte Vorlesungsinhalte  “wiedergekäut” wurden. Dies dürfte neben Gäumanns Patriotismus auch ein Grund gewesen sein, die Kandidatinnen und Kandidaten mit Fragen ausserhalb des eigentlichen Lernstoffes zu traktieren.

 

Literatur:

 

- V.OCT.MCMLXIII., Hg. Mitarbeitende des Institutes für Spezielle Botanik ETH Zürich. Die Geburtstagszeitung mit dem Prüfungsgedicht findet sich im Dossier Ernst Gäumann der Biographischen Sammlungen, einer Dokumentation mit Zeitungsausschnitten, Nachrufen etc. zu Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Technik sowie über ETH Einrichtungen, in der Spezialsammlung “Archive und Nachlässe” der ETH-Bibliothek

 

- Herrn Professor Dr. Ernst Gäumann zum siebzigsten Geburtstag gewidmet von seinen Schülern und Mitarbeitern, Kollegen und Freunden, Wabern-Bern, 1963

 

 

Link:

Ernst Gäumann

 

03.09.2010

Historische Bilder der Swissair

Filed under: Bildarchiv,Geschichte — Tags: — Heike Hartmann @ 8:00

 

Hostessen mit Kleinkindern vor der DC-2 HB-ITO mit Neutralitätsbemalung (LBS_SR01-02259)

Die ETH-Bibliothek hat 2009 eine grosse Sammlung an historisch bedeutenden Luftaufnahmen sowie das Fotoarchiv der Swissair von der Stiftung Luftbild Schweiz übernommen. Die Bestände werden nun kontinuierlich bis 2013 in das Bildarchiv der ETH-Bibliothek integriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Sammlung enthält Bilder über die Entwicklung der Zivil-Aviatik seit ihren Anfängen bis ins Jet-Zeitalter, umfangreiche Aufnahmen zu sämtlichen Flugzeugtypen der Swissair sowie Fotografien zu unzähligen Arbeitsbereichen rund um den Flugbetrieb vor und hinter den Kulissen, die somit bildlich dokumentiert sind.

Die Fotografie zeigt eine Szene der sogenannten „Keuchhustenflüge”. Diese bildeten eine kleine, aber dennoch willkommene Zusatzeinnahme. Bereits vor dem Krieg von Deutschland aus propagiert, wurden solche Flüge ab 1940 auch in der Schweiz wieder möglich. Man brachte die Kinder in mindestens einstündigen Flügen auf ca. 4‘000 m Höhe „in die reine, kalte und sauerstoffarme Höhenluft”. Je nach Flugzeugtyp wurden, wenn möglich, sogar die Fenster geöffnet.

Auf dem Flugzeug, hinter den Hostessen mit den Kindern, erkennt man den sogenannten Neutralitätsanstrich. In der ersten Hälfte des Jahres 1940 wurden die Streckenflugzeuge der Swissair zwecks besserer Identifikation mit diesem rotweissen Anstrich versehen. (Quelle: Muser Alfred, Die Swissair 1939-1945) BildarchivOnline .

Abendführung:

Swissair – frühe historische Bilder

http://www.library.ethz.ch/de/Dienstleistungen/Schulungen-Tutorials-Fuehrungen
ETH-Bibliothek/Spezialsammlungen / Bildarchiv
Dienstag, 21. September 2010, 18.15 – 19.15 Uhr
Treffpunkt: ETH Zürich, Haupthalle
Keine Anmeldung erforderlich

27.08.2010

Jean Claude Richard de Saint-Non: Voyage pittoresque, ou description des royaumes de Naples et de Sicile (Paris, 1781-1786)

Filed under: Alte Drucke,Bestände,Geographie und Karten,Geschichte — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Band 1, Seite 208: Ausbruch des Vesuvs vom 8. August 1779

Der Pariser Theologe und Jurist Jean Claude Richard Saint-Non (1727-1791) ist vor allem als als Zeichner, Radierer, Kupfer- und Aquatintastecher bekannt. Nachdem er in den Jahren 1759-1761 mit den Malern Jean-Honoré Fragonard und Hubert Robert fast ganz Italien bereist hatte, entstand sein monumentales Hauptwerk Voyage pittoresque, ou description des royaumes de Naples et de Sicile. Das fünfbändige Werk im Folioformat enthält neben einem aufwändigen Titelkupfer für Königin Marie-Antoinette 299 Tafeln und 111 Vignetten, 6 Karten und einen Plan. Es gilt als Meisterleistung der französischen Buchkunst des 18. Jahrhunderts.

Saint-Non präsentiert eine politische und soziale Geschichte der Königreiche Neapel und Sizilien und Texte über die neuesten archäologischen Funde in Herculaneum und Pompeii. Auch die Geologie des Vesuvs und der Campi Flegrei und deren Fauna und Flora werden eingehend beschrieben. Das späte 18. Jahrhundert war eine fruchtbare Zeit für Bücher über Süditalien.Voyage pittoresque war bei weitem nicht die einzige, gilt aber als eine der besten. Bis weit ins 19. Jahrhundert setzte es einen sehr hohen Standard in der Verständlichkeit und in der Qualität der Bilder und wurde zum viel konsultierten Standardwerk für Enthusiasten der Grand Tour.

Voyage pittoresque ist im Programm der Abendführung vom 7. September vorgesehen. Unter dem Titel Reisen in Büchern – Bücher auf Reisen werden unter anderem auch Autoren wie Homer, Pausanias, Josias Simmler, Thomaso Porcacchi, Antoine de Ulloa, George Juan und William Hamilton vorgestellt. Treffpunkt: 18:15 ETH-Bibliothek, Ausleihschalter. Es ist keine Anmeldung erforderlich.

Links:

Voyage pittoresque im Bibliothekskatalog NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002331347

Die Erstausgabe ist online bei der UB Heidelberg.

28.05.2010

Glow with the flow: William Hamiltons Campi Phlegraei (Neapel 1776-1779)

Filed under: Alte Drucke,Geographie und Karten,Geologie,Geschichte — Tags: , — Roland Lüthi @ 13:47

Karte des Golfs von Neapel mit Campi Phlegraei und Vesuv

Supplement, Tafel 9: Eruption des Vesuvs vom 22. September 1822

Teil 2, Tafel 12: Eruption des Vesuvs vom 23. Dezember 1760

Teil 2, Tafel 53: Vulkangestein, Solfatara

Teil 2, Tafel 54: Vulkangestein, Vesuv

Teil 2, Tafel 37: Eruption des Stromboli

Sir William Hamilton (1730-1803) war als britischer Diplomat am Hof des Königreichs Neapel ideal platziert, um die Vulkane der Region zu studieren. Mehrfach bestieg er den Vesuv und war Zeuge der heftigen und gefährlichen Ausbrüche der Zeit. Um seine Beobachtungen in Bildern festzuhalten, liess er sich auf seinen Exkursionen durch den Neapolitaner Künstler Peter Fabris begleiten. Dieser fertigte Skizzen der Vulkanlandschaften und geologische Studien an. 1776 publizierte Fabris eine erste Reihe von Kupferstichen mit Landschaften, Eruptionen, Vulkangestein und Lavaproben. Drei Jahre später folgte ein Supplement, das den Ausbruch des Vesuvs im August 1779 zeigt. Die Stiche wurden von lokalen Künstlern in leuchtenden Farben handkoloriert. Die Texte schliessen Hamiltons Serie von Briefen an die Royal Society mit ein, in denen er über die Ausbrüche berichtet. Campi Phlegraei ist somit eine prachtvolle Verbindung von Kunst und Wissenschaft.

Links:

Campi Phlegraei ist für die Ausleihe gesperrt, kann jedoch online in e-rara.ch betrachtet werden.

Literaturhinweis zu William Hamilton:

Susan Sontag: The Volcano Lover: A Romance

12.03.2010

Leonard Meister: Helvetiens berühmte Männer in Bildnissen von Heinrich Pfenninger, Mahler, nebst kurzen biographischen Nachrichten von Leonard Meister (Zürich, 1799)

Filed under: Alte Drucke,Geschichte — Meda Diana Hotea @ 7:00

 

 

Der Theologe Leonhard Meister (1741-1811) war zu seiner Zeit eine vielbeachtete Persönlichkeit im wissenschaftlichen und kulturellen Leben Zürichs. Seine Forschungsinteressen erstreckten sich von Geschichte und Literatur bis hin zu Ethik und Recht, und seine Untersuchungen fanden in zahlreichen Veröffentlichungen Niederschlag. Der englische Historiker William Coxe nannte Meister einmal „the learned man of Zurich”. Als guter Bürger nahm Leonhard Meister Anteil an allem, was seine Stadt betraf, und er war darauf bedacht, ein umfassendes Bild von Zürich aufzuzeigen.

Meister erlebte die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, was ihn dazu bewogen haben mag, zurück zu schauen. Er verfasste rund 90 Biographien berühmter Schweizer aus dem 15. bis zum 18. Jahrhundert. Natürlich figurieren darunter Zürcher Grössen wie Conrad Gessner, Josias Simmler oder Leonhard Usteri. Das zweibändige Werk Helvetiens berühmte Männer ist zugleich eine Potraitgalerie, denn zu jeder Kurzbiographie Meisters schuf der Zürcher Maler Heinrich Pfenninger (1749-1815) einen  Kupferstich.

Dass die biographische Sammlung nicht chronologisch oder alphabetisch geordnet ist, entspricht nicht den heutigen wissenschaftlichen Methoden. Der Herausgeber J. C. Fäsi sieht jedoch gerade darin einen Vorteil. In seiner Vorrede zur 2. Auflage  von 1799 schreibt er:

Mit dem Vorsatz, und um durch Einförmigkeit nicht zu ermüden, wurden die Biographien weder systematisch noch chronologisch geordnet, dagegen aber soll dann im letzten Band, ein dreyfaches, chronologisches und alphabetisches Verzeichniss folgen.

Leonhard Meisters Werk antizipiert bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts die moderne Personalenzyklopädie „Who’s Who”.

Links:

Helvetiens berühmte Männer  in NEBIS: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002359442

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