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03.02.2012

„haleluia!“ – Albert Einsteins Jubelschrei vom 2. Februar 1912

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Physik — Tags: — Christian John Huber @ 19:01

 

Briefkarte Albert Einstein an Alfred Stern vom 2.Februar 1912 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1510: 1)

  

Prag 2.II 12

Verehrter Herr Professor und verehrte Frau Professor Stern!

 

Vor zwei Tagen wurde ich (haleluia!) an das Polytechnikum in Zürich berufen und habe hier schon meinen k.k. Abschied angemeldet. Darob bei uns Alten und beiden Bärchen grosse Freude, sodass ich nicht umhin kann, es Ihnen mitzuteilen. Im Sommer wird schon gezügelt.

 

Beste Grüsse an Sie und Ihre Kinder

Auf frohes Wiedersehen

 

Ihr A. Einstein & Frau

 

Sicherlich war der Jubelschrei Ausdruck der Freude Albert Einsteins über die Rückkehr an die Alma Mater. Am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) hatte er 1896 bis 1900 Mathematik und Physik studiert und mit dem Fachlehrerdiplom abgeschlossen. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass seine Berufung zum Ordinarius für theoretische Physik auch Genugtuung bei ihm ausgelöst hat, und der Freudenschrei durchaus eine ironische Note besitzt. Denn Einstein hatte während des Studiums häufig durch Abwesenheit geglänzt, was seinen Lehrern auffiel und sich auch in seinen Abschlussnoten niederschlug. So schrieb er in einem früheren Brief an seinen väterlichen Freund Alfred Stern: „[…] soviel man mir sagte, bin ich bei keinem einzigen meiner früheren Lehrer gut angeschrieben“ (Albert Einstein an Alfred Stern am 3. Mai 1901). Er bekundete nach dem Studium denn auch Mühe eine Stelle zu finden.

 Mit dem Jahr 1905 nahm seine Biographie eine neue Wende. Während seiner Zeit als Patentbeamter in Bern publizierte er vier bahnbrechende Arbeiten, wurde hernach Extraordinarius an der Universität Zürich und dann Ordinarius in Prag, wo er nun seinen „k.k.“ also kaiserlich-königlichen Abschied nahm um mit seinen „beiden Bärchen“, den Söhnen Hans Albert und Eduard sowie seiner Gattin Mileva nach Zürich zurück zu kehren.

 Nicht zuletzt freute sich Albert Einstein jedoch auf das Wiedersehen mit seinem Freund Alfred Stern. Stern, wie Einstein ein deutscher Jude bürgerlicher Herkunft, wurde 1887 zum Ordinarius für Geschichte an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1928 verblieb. Die Freundschaft der beiden hatte bereits während Albert Einsteins Studium begonnen. Einstein verkehrte damals regelmässig im Hause Stern und teilte mit dem Historiker die Leidenschaft für Musik. Über das gemeinsame Musizieren hinaus schwärmte Einstein in seinen Briefen verschiedentlich von der Güte und Heiterkeit, welche in der Familie geherrscht habe. Die herzliche Beziehung Einsteins zur gesamten Familie Stern hielt ein Leben lang.

 

Link

Einstein Online

 

Literatur

Norbert Schmitz. Alfred Stern (1846-1936): Ein europäischer Historiker gegen den Strom der nationalen Geschichtsschreibung. Hannover 2009.

09.12.2011

Leuchtendes Beispiel – 111 Jahre elektrisches Licht in der ETH-Bibliothek

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Ingenieurwissenschaften — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

Werbekarte für die Nernst-Expresslampe aus Professor Walter Wysslings Sammlung von Werbeprospekten und Preislisten zur Elektrotechnik (ETH-Bibliothek, Archive, 48291 (Hs):59, Fasc. 22/I e.) 

Der zündende Funke war eine massive Kostenüberschreitung gewesen. Seit 1898 wurde die unter Raumnot leidende Bibliothek des Polytechnikums umgebaut und in der Südwestecke des Hauptgebäudes, am heutigen Standort der Graphischen Sammlung, erweitert. Alte Baumängel in den Räumen strapazierten dabei das Budget derart, dass Schulratspräsident Hermann Bleuler am 17. November 1899 das Eidgenössische Departement des Innern um einen happigen Nachtragskredit anging. Bei der Gelegenheit beantragte er gleich noch einen Extrazuschlag zur Einrichtung einer bisher nicht vorgesehenen elektrischen Beleuchtung.

Die eidgenössischen Räte, die über das Begehren zu befinden hatten, verschoben jedoch vorsichtshalber die Entscheidung auf den Abschluss der Bautätigkeit, wenn die gesamte Kostenüberschreitung bekannt sein würde. Bleuler schrieb daraufhin am 9. Dezember 1899 nochmals nach Bern, ob nicht doch im Hinblick auf den später zu gewährenden Nachtragskredit die elektrische Beleuchtung noch während der laufenden Bauarbeiten installiert werden dürfe:

„Eine neue Einrichtung für Beleuchtung in den Räumen der Bibliothek muss unter allen Umständen ausgeführt werden und wird für Gas nicht weniger kosten als für Elektrizität. […] Wollte man nun […] zu warten, […] würde später die Ausführung einer endgültigen Einrichtung mehr Mühe, Kosten und Ungelegenheiten aller Art verursachen, als wenn jetzt gleich noch mit der Vollendung der neuen Einrichtung der Bibliotheksräume dieselbe vorgenommen werden kann.“

Diese Argumentation leuchtete den vorgesetzten Behörden ein. So kam es, dass die erweiterte Bibliothek bei der Eröffnung am 26. April 1900 mehr als eineinhalb Jahre früher als das gesamte Hauptgebäude in elektrischem Licht erstrahlte mit Strom aus dem soeben in der Nachbarschaft fertiggestellten Maschinenlabor. Die Zürcher Bibliotheksfachleute waren von der „Musterbibliothek“ nicht zuletzt auch wegen der neuartigen Erhellung der Räume begeistert. Hermann Escher, späterer Direktor der Zentralbibliothek, beschloss seine Lobeshymne über den geglückten Erweiterungsbau mit den Worten:

„Die jüngste der drei hiesigen Bibliotheken ist den anderen mit leuchtendem Beispiel vorangegangen.”

Am Polytechnikum war die Freude dagegen etwas gedämpft. Bibliotheksdirektor Ferdinand Rudio beklagte in seinem Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 „unvorhergesehene Ausgaben, zum Teil auch solche, die eigentlich auf das Baubudget hätten gesetzt werden sollen“. Das Loch in der Kasse war vielleicht ein Grund, dass kein Fotograf zur Ablichtung der neuen Räumlichkeiten engagiert wurde. Jedenfalls finden sich in den Beständen der heutigen ETH-Bibliothek keine Bilder von damals.

Ähnliches wiederholte sich nach der Elektrifizierung des gesamten Hauptgebäudes. Die Schulleitung war erleichtert, als Planung und Ausführung nach der Gewährung eines ausserordentlichen Kredits durch die eidgenössischen Räte endlich abgeschlossen waren. Im Jahresbericht 1901 hielt sie fest:

„Die neue Beleuchtung ist nun seit Mitte Dezember im Gange und hat sich bis jetzt gut bewährt und sich gegenüber der bisherigen in den schlecht ventilierten Räumen die Luft verderbenden, blendenden Gasbeleuchtung auch in hygienischer Beziehung als wohltätig erwiesen.“

Auch diesmal blieb anscheinend nichts übrig, um das neu ausgeleuchtete Hauptgebäude zu fotografieren. Dabei wäre in Gestalt von Johannes Barbieri, Titularprofessor für Photographie, sogar ein hauseigener Fachmann zur Verfügung gestanden.  In den Akten fehlen zudem nähere Details zu den gewählten Beleuchtungstypen.

Als Ersatz für zeitgenössische Bilder dient daher die Werbekarte eines Beleuchtungsmittels aus der umfangreichen Dokumentation von Walter Wyssling, Professor für angewandte Elektrotechnik, der damals die Elektrifizierung der Bibliothek und des gesamten Hauptgebäudes geplant hatte. Nernstlampen wurden ab 1897 produziert, waren langlebiger und somit kostengünstiger als Glühlampen mit Kohlefaden, erbrachten aber erst nach Erwärmung des Glühkörpers die volle Leistung. Die abgebildete Expresslampe wurde um das Jahr 1904 entwickelt. Sie kombinierte die Nernstlampe mit der herkömmlichen Kohlefadenlampe zur Erwärmung des Glühkörpers und sorgte damit gleich beim Einschalten noch während der Aufwärmphase für Helligkeit.

Anmerkungen

Kopien der Schreiben von Schulratspräsident Bleuler an das eidgenössische Departement des Innern 17. November und 9. Dezember 1899 in den Missiven (ETH-Bibliothek, Archive, SR1: 1899, Nr. 481 und Nr. 516)  

Theodor Vetter, Eine Musterbibliothek, in: Züricher Post, No. 105, Sonntag 6. Mai 1900, Frontseite

Hermann Escher, Die neuen Bibliotheksräume im Polytechnikum, Beilage zu Neue Zürcher Zeitung, Nr. 128, Mittwoch 9. Mai 1900

Ferdinand Rudio, Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1901 No. 38)

Entwurf “Bericht des Eidgenössischen Polytechnikums über das Jahr 1901″, S. 21/22 in: ETH-Bibliothek Archive, SR2 Schulratsprotokolle 1902, Sitzung Nr. 2 vom 27.02.1902, Traktandum 42, S. 33/34

Literatur

BLÄTTERN & BROWSEN – 150 Jahre ETH-Bibliothek, Hrsg. ETH-Bibliothek Zürich, 2005 

11.11.2011

Der Schuss aus dem Chemiegebäude – Mysteriöser Kriminalfall am Eidgenössischen Polytechnikum

 

 

Brief von Rudolf Wolf an Hermann Bleuler, Sternwarte Zürich, 12. Oktober 1891

(ETH-Bibliothek, Archive, SR3 1891, Nr. 470)

Als Professor Rudolf Wolf am zweiten Oktoberwochenende 1891 an die Sempersche Sternwarte heimkehrte, wo er ab 1864 zunächst mit Mutter und Schwester in der direktorialen Dienstwohnung im gesamten ersten Obergeschoss des Hauptbaus residiert hatte und seit dem Tod der Schwester vor zehn Jahren alleine hauste, erwartete ihn im Wohnzimmer eine üble Überraschung. Nachdem er sich wieder gefasst, die Situation analysiert, das weitere Vorgehen überdacht hatte, griff er zur Feder und schrieb an Hermann Bleuler, Präsident des Schweizerischen Schulrates:

Hochgeehrter Herr Präsident. 

So eben nach Zürich zurückgekehrt, erfahre ich dass letzten Freitag auf Samstag in ein Fenster meines Wohnzimmers geschossen wurde. Das Vorfenster zeigt ein kleines, das innere Fenster ein grosses Loch, und die durch die beiden Löcher bestimmte Schussrichtung weist unzweifelhaft auf das oberste Stockwerk des Chemie-Gebäudes als Absende-Ort.

Glücklicher Weise befand sich Niemand in dem Zimmer, sonst hätte leicht eine Verwundung eintreten können, da die Glassplitter durch das ganze Zimmer zerstreut wurden.

Da ich mir denken muss, es wäre Ihnen unangenehm eine gewissermassen im Innern des Polytechnikums, durch Angestellte desselben oder deren Familien-Angehörige, verübte, strafbare Handlung an die Öffentlichkeit gebracht zu sehen, so glaube ich von einer Anzeige an die Polizei Umgang nehmen zu sollen, und ersuche Sie diesen Vorfall in Ihnen geeignet scheinender Weise untersuchen zu lassen, – den Thäter aber jedenfalls gehörig ins Gebet zu nehmen.

Die Fenster werde ich vorerst nicht reparieren lassen, damit Sie die wünschbare Controle vornehmen lassen können, das kleine Geschoss kann ebenfalls vorgewiesen werden.

 Ihr Hochachtungsvollst Ergebenster

 Sternwarte Zürich 1891 X 12.                 Prof. R. Wolf

Für Professor Wolf, Astronom, Mathematiker und Geodät, der die angehenden Ingenieure in Vermessungskunde unterrichtete, und in seiner anderen Funktion als Oberbibliothekar den Bücherschatz der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft Zürichs inklusive Werke zur Ballistik und Artillerie anno 1880 ans Polytechnikum geholt hatte, war es ein leichtes, Einschusswinkel und Herkunftsort des Geschosses zu bestimmen.

  

Abbildung 1: Zürich, Stadtansicht mit Hochschulviertel. Links die Sternwarte mit Kuppelturm, rechts das Chemiegebäude mit hohem Kamin, um 1890 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00331-F)

Im obersten Stockwerk des Chemiegebäudes, in Sicht- und offenbar auch Schussweite der Sternwarte und umgekehrt (Abbildung 1), war in der Mitte die technologisch-chemische Sammlung untergebracht, „ein stets zur öffentlichen Benutzung, insbesondere natürlich zum Studium der Schüler dienendes […] Museum“ ohne permanente „Bedienung und Überwachung“.  An beiden Schmalseiten befanden sich Wohnungen für die Hauswarte und deren Familien.

   

Abbildung 2: ETH Zürich, Chemiegebäude, rechts im Hintergrund die Sternwarte, um 1889 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00382) 

Wolfs Wohnzimmer im ersten Obergeschoss der Sternwarte lag exakt südlich dem Kuppelturm gegenüber mit je einem Fenster auf drei Seiten, eines davon sichtbar vom Chemiegebäude her. Über dem Wohnzimmer lag ein Rechnungssaal für die Auswertung astronomischer Messungen zusammen mit dem Büro der Schweizerischen Meteorologischen Centralanstalt. Bei genauer Betrachtung von Abbildung 2 mit dem Chemiegebäude in der Mitte und der Sternwarte rechts daneben im Hintergrund ist ersichtlich (Vergrösserungsmöglichkeit  hier), dass vor den Fenstern der Sternwarte teilweise die Storen geschlossen sind zum Schutz vor der Nachmittagssonne.

Möglicherweise hatten Wolf oder seine Mitarbeiter im Stockwerk darüber vor dem Verlassen der Sternwarte an besagtem Wochenende keinen Anlass zum Herunterkurbeln der Sonnenstoren gehabt. Wenn irgendwann danach die Sonne in die Fenster schien, wurden vielleicht Personen im Chemiegebäude geblendet. Es ist daher denkbar, dass dann der „Thäter“ dem Spuk mit einem Schuss in die Richtung des grellen Scheins ein Ende bereiten wollte. Es sei denn, er (oder sie?) habe wirklich aus welchem Anlass auch immer in die dunkle Nacht hinausgeschossen, wie Wolfs zeitliche Annahme von „Freitag auf Samstag“ nahelegt.

Leider wurde die Angelegenheit tatsächlich diskret behandelt. Weder in den Verwaltungsakten der ETH, noch in überlieferten privaten Unterlagen der Beteiligten konnten bisher weitere Hinweise auf den Fall aufgespürt werden.

Anmerkungen

Zitate zum Chemiegebäude auf Seiten 31/32 in: Die chemischen Laboratorien des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, Hgg. F. Bluntschli, G. Lasius, G. Lunge, Zürich 1889

Zur Sternwarte Seite 360 in: Gottfried Semper 1803-1879. Architektur und Wissenschaft, Hgg. Winfried Nerdinger, Werner Oechslin, Zürich 2003

21.10.2011

Wenn die Chemie stimmt – Zur Abendführung an der ETH-Bibliothek am 1.11.11

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

Reibereien, Streitigkeiten, Kriegsstimmung. Typoskriptfragment von Albert Frey-Wyssling, Lehre und Forschung. Autobiographische Erinnerungen, 1984 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 443a: 38, Nachträge)

 

Ätzende Konflikte, heftige Reaktionen mit nachhaltigen Folgen: die Chemie an der ETH stimmte nicht immer. Knapp und klar berichtet Albert Frey-Wyssling, Professor für Botanik, in seinen Erinnerungen ab Seite 100 über die Abteilung für Chemie zwischen den ausgehenden 1920er und den späten 1950er Jahren:

„Ruzicka baute ein sehr erfolgreiches Forscherteam mit zahlreichen Professoren auf, für welche er Räumlichkeiten beschaffte und Lehrplanumgestaltungen durchsetzte. Diese Aktivität führte zu Reibereien bis hin zu Streitigkeiten in der Abteilung für Chemie. Die anorganische Chemie wurde nicht entsprechend gefördert, und mit der technischen Chemie kam es zeitweilig zu kriegerischer Spannung. Die Auseinandersetzungen führten zur Aufspaltung in zwei getrennte Studienpläne: einerseits wie bisher für Chemieingenieure mit technischer Chemie und andererseits für Absolventen in ‚reiner Chemie‘. Das Ergebnis dieser Massnahmen war ein Zerwürfnis mit zahlreichen Kollegen, zum Beispiel mit Paul Niggli und namentlich mit dem Farbstoffchemiker Hans Eduard Fierz (1882-1953). Nicht alle Mitglieder des Lehrkörpers der ETH billigten Ruzicka zu, dass ein grosses Licht auch starke Schatten werfen würde [im abgebildetenTyposkriptfragment: dürfe].

Hoch im Kurs stand unser Kollege dagegen bei der chemischen Industrie der pharmazeutischen Richtung, die auf komplizierte Neusynthesen, wie sie die Schule Ruzicka pflegt, angewiesen ist. Sie stiftete beim Rücktritt des draufgängerischen Kämpfers den geschätzten Ruzicka-Preis für erfolgreiche junge Chemiker.“

In der ursprünglichen maschinenschriftlichen Fassung wird der Draufgänger gar als rücksichtsloser Kämpfer bezeichnet.

Veranstaltungshinweis:

Zur bewegten Entwicklung von der chemischen Ausbildung am Eidgenössischen Polytechnikum im 19. Jahrhundert bis hin zur modernen Forschung mit enger Bindung zur Privatindustrie im 20. Jahrhundert zeigen die Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek während der öffentlichen Abendführung “Wenn die Chemie stimmt – Chemie an der ETH” am 1. November 2011 aus ihren Beständen historische Unterlagen der ETH und solche von prägenden Persönlichkeiten, wie den Nobelpreisträgern Leopold Ruzicka und Vladimir Prelog sowie anderen.

Treffpunkt: ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, H-Stock beim Ausleihschalter um 18.15 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

 

16.09.2011

„Gekochte noch heisse Milch“ für die Studierenden der ETH Zürich

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte,Medizin — Tags: — Christian John Huber @ 18:18

Marie Heim-Vögtlin an den Schweizerischen Schulrat, 21.11.1904 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1904/No.1312)

Jeder Studierende kennt das signalrote SV des Betreibers der meisten Mensen und Cafeterien an der ETH Zürich. Nur wenige wissen jedoch, dass der SV-Service im Herbst 1914 als „Gemeinnütziger Verein für alkoholfreie Verpflegung der Truppen“ gegründet wurde, um die zu Beginn des 1. Weltkriegs mobilisierten Schweizer Soldaten mit gesunder Nahrung zu versorgen. Der bereits im selben Jahr in „Schweizer Verband Soldatenwohl“ umbenannte Verein eröffnete eine Reihe Soldatenstuben, welche von sogenannten Soldatenmüttern unentgeltlich betrieben wurden. Nach dem Krieg übertrug der Schweizer Verband Volksdienst (SVV), wie sich der Verein nun nannte, sein Konzept auf Kantinen und später auch auf Mensen. Die erste Mensa an der ETH Zürich wurde 1930 eröffnet.

Gegründet wurde die Keimzelle des SV-Service 1914 von Vertretern der Zürcher Abstinenzbewegung (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 276). Dieser Kreis, welcher vornehmlich aus Frauen bürgerlicher Herkunft bestand, hatte sich bereits lange vor der Gründung der ersten Mensa an der ETH Zürich Sorgen um das leibliche Wohl der Studierenden gemacht. 1904 lancierte Marie Heim-Vögtlin, erste praktizierende Ärztin der Schweiz und Gattin des ETH-Professors Albert Heim, im Namen des Vorstandes des Vereins abstinenter Frauen von Zürich, einen Vorstoss zur Gesunderhaltung der Studentenschaft.

“Der unterzeichnete Vorstand der Zürcher Ortsgruppe abstinenter Frauen erlaubt sich, dem hohen Schulrath das Gesuch um die Erlaubniss einzureichen, die Studierenden beider Hochschulen je Vormittags 10 Uhr, Nachmittags 4 Uhr in den Räumen des Polytechnikums warme Milch ausschenken zu dürfen. Die Erfahrungen die an deutschen Universitäten & neuestens an der Züricher Kantonsschule mit dieser Einrichtung gemacht werden, sind derart erfreulich, dass es uns zeitgemäss erscheint, sie auch an unserer Hochschule ins Leben zu rufen.“

Um die absehbare Gegenwehr aus männlich dominierten Kreisen gegen das Gesuch des Vereins abstinenter Frauen schon im Keim zu ersticken, präsentierte Marie Heim dem Schulrat eine bis ins Detail ausgearbeitete Lösung:

„Herr & Frau Hauswart Weerli haben sich bereitwilligst angeboten im Falle Ihrer gütigen Erlaubniss den Milchausschank selbst an die Hand zu nehmen, im Winter in ihren eigenen Wohnräumen, im Sommer in der westlichen Vorhalle des Gebäudes. In diesem Anerbieten  erblicken wir die Garantie dafür, dass jede  eventuelle Ruhestörung & Unordnung vermieden würde. Die Centralmolkerei würde die gekochte noch heisse Milch in verschlossenem Behälter an Frau Weerli abliefern, welche die gefüllten Gläser zu den bestimmten Stunden bereithalten müsste.“

Wie Jakob Tanner in seiner Habilitationsschrift aufzeigt, führte in der Schweiz die “nationalistische Aufladung der Ernährungsfrage zu einer besonders stark verwurzelten Affinität zu Molkereiprodukten“. Das Bild des kerngesunden Alpenbewohners, der sich vornehmlich von Milchprodukten ernährte und dessen kraftstrotzende körperliche Überlegenheit im Erfolg des eidgenössischen Söldners sein pointiertestes Sinnbild fand, hatte sich bereits im Ancien Regime herausgebildet und wurde ab dem 19. Jahrhundert von Medizinern zementiert (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 107).

Trotz der minutiösen Vorbereitung und den Hinweisen auf die Erfolge an deutschen Universitäten wies der Schweizerische Schulrat den Antrag ab mit den Argumenten des Direktors des Eidgenössischen Polytechnikums, Robert Gnehm:

  1. Dass von einem Bedürfniss nach einer derartigen Neuerung bei uns bis jetzt nichts bekannt geworden ist;
  2. Dass ein solches auch schwerlich wird nachgewiesen werden können;
  3. Dass der Betrieb einer Getränke-Wirtschaft im besonderen bei unseren beschränkten Raumverhältnissen Gefahr für den ungestörten Unterrichtsbetrieb in sich birgt;
  4. dass durch die Bewilligung zum Milchausschank ein Präjudiz geschaffen würde, welches zu bedenklichen Konsequenzen führen könnte;

 

 

Literaturhinweise:

Verena E. Müller. Marie Heim Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007.

Jakob Tanner. Fabrikmahlzeit: Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890-1950. Zürich 1999.

02.09.2011

Start des neuen Semesters

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geschichte — Heike Hartmann @ 8:00

Am 19. September beginnt das Herbstsemester an der ETH Zürich. Aus diesem aktuellen Anlass haben wir im Bildarchiv der ETH-Bibliothek nach historischen Fotografien recherchiert, die Studenten im Labor, in Vorlesungen oder in sonstigen Situationen abbilden.

Das erste Bild zeigt zwei Studenten im Lesesaal und ist von 1957. Auf dem jüngsten Bild von 1986 sieht man Studenten im Computer-Übungsraum im Hauptgebäude der ETH Zürich. Wenn man die Studentenzahl von damals und heute vergleicht haben sich diese mehr als vervierfacht. War die Anzahl der Studenten 1957 noch 3‘384 so waren es 1986 bereits 10‘265 und heute sind es 16‘342 (Zahl von 2010). Die erste Studentin schrieb sich bereits im Wintersemester 1871/72 am Polytechnikum ein. Im Jahr 1917  waren es bereits 31 Studentinnen, die am Polytechnikum studierten . Heute sind es immerhin über 6‘000 Studentinnen, die an der ETH Zürich eingeschrieben sind.

 

Studenten im Lesesaal, 1957 (Ans_00355)

 

Studentenhotel in Altstetten, 1966. Comet Photo AG, Zürich (Com_L15-0469-0120)

 Vogt, Jules: TC Versammlung der ETH Studenten VSS im Chemiesaal ETH Zürich, 1970. Comet Photo AG, Zürich (Com_L19-0312-0223)

 

ETH-Zürich: Pflanzenbau – Studenten, 1971. Comet Photo AG, Zürich (Com_M20-0047-0025)

 

Fluri: Computer Übungsraum für Studenten im HG, 1986. Presseinformationsdienst der ETH Zürich (PID_00008)

 

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek besitzt weitere historische Bilder zur Geschichte der ETH Zürich.

Zoombare Bilder befinden sich im Bildarchiv Online.

12.08.2011

Internierungslager in der Schweiz

Filed under: Geographie und Karten,Geschichte,Kartensammlung — Tags: — Markus Appenzeller @ 10:00

Ausschnitt aus Karte Internierungslager Schweiz

Abb.: Kartenausschnitt aus Manuskriptkarte ‘Internierungslager Schweiz’, Bern,  Armeekommando 1940-41

Auf der Flucht vor der deutschen Armee überquerten im Juni 1940 rund  50 000 französische, belgische und polnische Soldaten sowie Zivilflüchtlinge die Schweizer Grenze im Neuenburger Jura. Sie wurden entwaffnet und in Lagern interniert.  Der Kartenausschnitt zeigt die Internierungslager am 3. 7. 1940. Rot markiert die Lagerstandorte der Franzosen, blau der Polen und türkis der Belgier. Insgesamt 8 Karten zu diesem Thema sind im Bestand der Kartensammlung (ein Geschenk aus unbekannter Quelle).  Neben den Nationalität  und Standorten der Internierten zeigen die Karten auch Einteilung und Bestand der Bewachungstruppen (militärdienstleistende Schweizer und Schweizerinnen werden die Symbole  und Abkürzungen verstehen).

Bei den 8 Karten handelt es sich um Manuskriptkarten, alle Informationen zu den Lagern wurden mit Tusche und Schablone eingetragen. Als topographische Grundlage dient die Generalkarte der Schweiz 1:300 000,die von der Armee im zweiten Weltkrieg verwendet wurde.

Übrigens wurden die Internierten auch in der Wirtschaft, Landwirtschaft und vor allem im Strassenbau eingesetzt. In vielen Landesgegenden entstanden so die „Polenwege“, die wir heute als verkehrsarme Velo- und Wanderrouten schätzen.

Die 8 Karten mit der Signatur K 620103 können in Lesesaal Spezialsammlungen eingesehen werden. Link zur Titelaufnahme im Wissensportal: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=000420780

22.07.2011

Von New York ans Zürcher Polytechnikum? 1911 planen die Farbstofflieferanten Klipstein für ihre Söhne das Auslandsemester in Europa

Filed under: Archive und Nachlässe,Chemie und Pharmazie,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 7:32

Brief von Georg Wagner an Robert Gnehm 3.7.1911

Sandoz-Direktionsmitglied Georg Wagner erkundigt sich 1911 beim Schulratspräsidenten Robert Gnehm nach den Studienbedingungen für einen jungen Amerikaner (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/734)

 Vor hundert Jahren interessierte sich der Inhaber der Handelsagentur A. Klipstein & Company aus New York für die Bedingungen und Inhalte des Zürcher Studienlehrgangs in Chemie. Zu dieser Zeit begannen an der ETH jedes Jahr etwa 40 Studierende ein Chemiestudium. Im Wintersemester 1911/12 besuchten insgesamt 183 Studierende den Chemielehrgang, der vier Jahreskurse umfasste. Davon waren knapp die Hälfte Schweizer. 51 Prozent waren Chemiestudierende mit anderer Staatszugehörigkeit, wovon ein Drittel aus den Staaten Österreich-Ungarn, Russland und Frankreich stammte. Ein einziger Chemiestudent reiste zu Beginn des Wintersemesters 1911 vom amerikanischen Kontinent an. Er war einer von 13 Studierenden aus der Neuen Welt, die sich an der ETH eingeschrieben hatten.

Handelsagent A. Klipstein zog 1911 in Betracht, seinem Sohn Studien am Polytechnikum zu ermöglichen. Deshalb liess er seinen Bekannten Georg Wagner am 3. Juli in Zürich sondieren. Wie aus einem späteren Brief an Robert Gnehm vom 20. Juli 1911 hervorgeht, nahm der Sohn Herbert Klipstein im Sommer 1911 bereits am Sommerkurs des Massachusetts Institute of Technology teil. Der Sohn wollte erst später entscheiden, ob nach mindestens einem Jahr Studium am MIT ein Wechsel nach Zürich angebracht wäre. Von einem Chemiestudenten Herbert Klipstein finden sich an der ETH Zürich jedoch keine Spuren. Fest steht, dass ein Herbert C. Klipstein 1916 am Department of Chemical Engineering des MIT seine Schlussarbeit unter dem Titel „The application of the Mendius reaction to the production of ethylene diamine“ verfasst hat. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um den oben aus dem Briefwechsel bekannten Sohn des Unternehmers aus New York.

Die Handelsgesellschaft A. Klipstein & Company handelte mit chemischen Farbstoffen und hatte gemäss Firmenbriefkopf für den Handel mit „anilines, dye stuffs & chemicals“ Niederlassungen in Boston, Philadelphia, Providence, Chicago und in Charlotte, North Carolina. A. Klipstein und sein Geschäftspartner Ernest C. Klipstein verfügten über gute Beziehungen zur Schweiz, insbesondere zur Basler Chemie. Das Handelshaus Klipstein hatte offenbar zu jener Zeit die Vertretung der damaligen Ciba in New York inne. Auch zu Georg Wagner, der seit 1906 Mitglied der Direktion der Chemischen Fabrik Sandoz war, bestanden Verbindungen. A. Klipstein beauftragte 1911 als erstes Wagner, für das aktuelle Unterrichtprogramm der ETH und für detaillierte Informationen bei Robert Gnehm anzufragen, dem Präsidenten des Schweizerischen Schulrates und damit dem obersten Vorgesetzten des Polytechnikums. Robert Gnehm gehörte als ehemaliger Professor für technische Chemie und als früherer Direktor und Verwaltungsrat der Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel, der späteren Ciba, ebenfalls zum Netzwerk der Chemiker und Wissenschaftsmanager rund um die Basler Chemiebetriebe.

Kaum Dreivierteljahr vergingen, da meldete sich am 11. März 1912 nach A. Klipstein auch Ernest C. Klipstein bei Robert Gnehm. Ernest C. Klipstein war ebenfalls am Ausbildungsangebot in Zürich interessiert, da sein ältester Sohn gerade die Universität in Princeton absolvierte. E. C. Klipstein legte Wert darauf, dass sein Sohn bei seinem akademischen Aufenthalt in Europa eine Ausbildung bei Richard Willstätter erhielt, der seit 1905 Professor für allgemeine Chemie am Polytechnikum war. Das betonte Klipstein in seinem zweiten Brief an Robert Gnehm am 23. April 1912, in dem er bedauerte, dass Willstätter, der einen Ruf nach Berlin angenommen hatte, nicht mehr in Zürich lehrte.  Klipstein machte der Technischen Hochschule in Zürich keine Zusage und erklärte, dass er erst vor Ort entscheiden werde: „I shall probably take the young man with me to Europe some time during the summer, and probably be able to determine on the spot.” Auf eine anschliessende reguläre Einschreibung an der ETH Zürich gibt es keine Hinweise.

Neben der sich damals anbahnenden Umgestaltung der ETH zur modernern Lehr- und Forschungshochschule machte die Anbindung an relevante Wissenschafts- und Industriekreise, in diesem Fall an ein internationales Netzwerk von Chemikern und Farbstoffproduzenten, das Polytechnikum offenbar bereits vor dem ersten Weltkrieg in Unternehmerkreisen jenseits des Atlantiks zu einer ernsthaften Option bei der Planung von akademischen Semestern in Europa.

Links:

Programme der ETH Zürich, als Teil der Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar u.a. in der Kategorie Anhänge in Schulratsprotokolle online

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der Eidgenössischen polytechnischen Schule für 1911

Schulratsprotokolle, Anhang 1911: Programm der der Eidgenössischen Technischen Hochschule für 1911/12

08.07.2011

Mittelholzers Abessinienflug (1934)

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Geographie und Karten,Geschichte — Tags: , , — Nicole Graf @ 18:00

 

Links: Mittelholzer, Walter: Mazedonien, 200 km südlich von Belgrad. 07.02.1934 (LBS_MH02-22-0003)
Rechts: Mittelholzer, Walter: Fokker F. VII b-3m, CH-192 an Tankstelle. 02/1934 (LBS_MH02-22-0907)

 

Links: Mittelholzer, Walter: Männer vor Flugzeug, Ma’an, Transjordanien. 15.02.1934 (LBS_MH02-22-0012)
Rechts: Mittelholzer, Walter: Flugplatz in Addis Abeba. 03/1934 (LBS_MH02-22-0778)

  

Links: Mittelholzer, Walter: Kaiser Haile Selassie I. zu Pferd. 02/1934 (LBS_MH02-22-0382)
Rechts: Übergabe von Schild und Degen an Walter Mittelholzer, durch den Privatsekretär des Kaisers Haile Selassie I. 03/1934 (LBS_MH02-22-0789)

 

Mittelholzer, Walter: Dankali-Mädchen aus der Völkerfamilie der Galla, an der Küste von Französisch Somali-Land. 03/1934 (LBS_MH02-22-0775)

Der Fotograf, Flugpionier und Swissair-Mitgründer Walter Mittelholzer (1894–1937) und seine Crew flogen vom 2. bis 23. Februar 1934 über die Alpen – Athen – Jerusalem – Tel Aviv – Kairo – Assuan mit einem Abstecher nach Petra nach Addis Abeba. Mittelholzer flog 7‘118 km in 46,28h Flugstunden. Ziel des Abessinienflugs war ein Flugzeugtransport an den Hof des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Mittelholzer lieferte also die 3-motorige Fokker (CH 192) per Flug an die Regierung nach Äthiopien. Nebst der Dokumentation des Hinfluges mit vielen Luftbildern fotografierte Mittelholzer den Kaiser Haile Selassie, den Hof und das Militär und besuchte diverse Stämme in Süden Äthiopiens.

Die filmische und fotografische Ausbeute bei Mittelholzers Auslandflügen waren damals besonders wertvoll, wurden doch unberührte Gegenden erkundet und erstmals fotografisch festgehalten. Die vielen Pionierflüge (Afrika, Persien, Spitzbergen, Alpen, Kilimandscharo) fanden auch im Ausland stark Beachtung und machten Mittelholzer und die Schweizer Aviatik damals in weiten Kreisen bekannt.

Mittelholzer galt immer als sehr geschäftstüchtig und hat seine Auslandflüge optimal vermarktet: nicht nur hat er viel fotografiert – die Fotografien von rund 50 solcher Auslandflüge sind erhalten und werden seit dem Jahr 2009 im Bildarchiv der ETH-Bibliothek archiviert. Diese kulturhistorisch bedeutende Fotosammlung wird im Bildarchiv inventarisiert, digitalisiert und erschlossen. Der Abessinienflug ist nun der erste dieser Auslandflüge, den das Bildarchiv aufgearbeitet und übers Bildarchiv Online veröffentlicht hat.

Mittelholzer hat zudem oft auch als Regisseur für die Filmproduktionsfirma Praesens-Film, deren Mitbegründer er war, Filme über die Flüge gedreht. Seine Filme hat damals fast jeder Schweizer gesehen, es waren sehr populäre Filme zur grossen Zeit des Schweizer Films. Der Film über den Abessinienflug war Mittelholzers erster Tondokumentarfilm. Das Original ist ebenfalls Teil der Mittelholzer-Sammlung des Bildarchivs und liegt zur Zeit in der Cinemathèque Suisse im Depot. Ausserdem hat Mittelholzer in der Regel parallel zu den Flügen jeweils ein Fotobuch geschrieben. Das Buch zum Abessinienflug ist bereits 1934 erschienen und kann übers Wissensportal bestellt werden.

Die Mittelholzer-Bilder sind Bestandteil des Archivs der Stiftung Luftbild Schweiz. Sie werden kontinuierlich aufgearbeitet und sind in digitaler Form über das Wissensportal oder das Bildarchiv online öffentlich zugänglich.

26.04.2011

in regard of the admission … vorsichtige Balance bei der Erleichterung des Studienzugangs zum eidgenössischen Polytechnikum 1911

Filed under: Archive und Nachlässe,Geschichte — Tags: , — Evelyn Boesch Trüeb @ 15:20

 

Vor hundert Jahren kam es an der ETH Zürich zur Prüfung der Frage, ob Reifezeugnisse aus Oxford und Cambridge anerkannt werden sollten (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, SR3:1911/265)

Anfang 1911 sandte das eidgenössische Departement des Innern eine Anregung der britischen Gesandtschaft in Bern an die damalige ETH in Zürich. Dem Bundesrat war die Anfrage vorgelegt worden, ob nicht die in Oxford und Cambridge ausgestellten Zeugnisse über höhere Vorbildung den schweizerischen Maturitätszeugnissen gleich gestellt werden könnten.

Aus England wurde damit Interesse bekundet, den eigenen Absolventen mit Higher Certificate aus Oxford und Cambridge leichter Zugang zum Studium am eidgenössischen Polytechnikum zu ermöglichen, da ohne anerkanntes schweizerisches Maturitätszeugnis Aufnahmeprüfungen abgelegt werden mussten, deren neuste Reglementierung von 1908 stammte.

Der Schweizerische Schulrat prüfte die Eingabe und stattete am 22. April 1911 dem eidgenössischen Departement Bericht ab. In einem detaillierten Vergleich ging er die Fächer hinsichtlich nötiger und erreichter Fertigkeiten durch und stützte sich dabei auf das eigene Aufnahmeregulativ von 1908 und auf die aus England zur Verfügung gestellten Unterlagen. Nicht für jedes Fach kam er zu einem so eindeutigen Schluss wie bei „Natural Philosophy“, der theoretischen Naturwissenschaft, insbesondere Physik. „Genügende Noten… können als vollständiges Äquivalent der Aufnahmeprüfungen … in Physik und Chemie angesehen werden.“

Insgesamt ergebe sich aber, dass die Higher Certificates nicht in allen Fächern ausreichten. Die Kandidaten müssten die Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Französisch, Zeichnen (insbesondere technisches Zeichnen) und in darstellender Geometrie absolvieren oder „einen anderweitigen genügenden Ausweis“ vorlegen.

Der Bericht, der im Entwurf von Carl Friedrich Geiser verfasst wurde, schliesst mit Szenarien für die Zukunft. Wie „die grössere Zahl sehr tüchtiger französischer Studierender“ am Polytechnikum, die „seit den Beziehungen, die in den 1880er Jahren mit den französischen Unterrichtsbehörden angeknüpft wurden“, ihren Weg nach Zürich gefunden hatten, ist „das Wertvollste, was man erhoffen darf, dass mit der Zeit eine grössere Anzahl junger, gut vorgebildeter Engländer ihre Studien am eidg. Polytechnikum machen werden“. Und natürlich sollten in Zukunft die Diplome des Polytechnikums den Zugang zum mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht in Oxford und Cambridge ohne Prüfung und ohne formales Hindernis ermöglichen. Die Anerkennung der Maturitätszeugnisse der sogenannten Vertragsschulen des Polytechnikums bei den englischen Partneruniversitäten, und zwar in einem identischen Umfang, wie ihnen aus der Schweiz vorgeschlagen, könnte ebenfalls erstrebenswert sein, war eine letzte Bemerkung.

Dieses Anliegen fand in England Gehör. Der Beschluss über die Behandlung der Studierenden mit schweizerischen Maturitätszeugnissen seitens Oxford und Cambridge wurde der Schulleitung in Zürich in zwei freundlichen Schreiben 1912 respektive 1913 mitgeteilt. Die genauen Formulierungen über die Befreiung von Prüfungen je nach Schultypus wurde 1913 direkt ins Protokoll des Schweizerischen Schulrats aufgenommen und die Mitteilung dem Prüfungssekretariat in Oxford verdankt.

Links:

Protokolle des Schweizerischen Schulrates, recherchierbar in Schulratsprotokolle online

Eintrag des Wortlauts in den Schulratsprotokollen 1913: Schulratsprotokolle Online: ETH-Bibliothek, Archive, SR2: SR2: Präsidialverfügungen 1913, Präsidialverfügung Nr. 92 vom 18.03.1913

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