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10.02.2012

Schweizer Skitourenkarten

Filed under: Geographie und Karten,Kartensammlung — Tags: — Markus Appenzeller @ 10:00

Ausschnitt Skitourenkarte

Ausschnitt Skitourenkarte Safiental

Skitourenbeschreibung

Ausschnitt Skitourenführer Nordbünden

Im Beitrag vom 20.1.2011 wurde über  Skikarten aus den Anfängen des Skisports berichtet. In den letzten Jahren hat das Skitourenfahren in der Schweiz einen richtigen Boom erlebt. In früheren Jahren wurden vor allem im Frühjahr, wenn die Schneedecke verfestigt und die Lawinengefahr am Vormittag klein war, die hohen Berge mit Skis bestiegen. Dank modernem Material und verbesserter Skitechnik sind Skitourenfahrer und Schneeschuhläufer heute auch im Früh- und Hochwinter im lockeren Pulverschnee (oder häufig leider auch im „Bruchharscht“) unterwegs. Mit den Skitourenkarten 1:50 000, den Landeskarten 1:25 000, beide vom Bundesamt für Landestopografie, den Skitourenführern vom Schweizer Alpen-Club (SAC) , dem Lawinenbulletin, das übers Internet (www.slf.ch) abgerufen werden kann,  sowie mit den aktuellen Wetterprognosen, können die Skitouren gut vorbereitet werden.

Im gezeigten Ausschnitt der aktuellen Skitourenkarte (Nr. 275 S, Safiental) sind die vorgeschlagenen Routen rot eingezeichnet. Sie stellen eine Auswahl dar und zeigen nur den ungefähren Routenverlauf. Die Nummer neben der Route verweist auf eine detaillierte Beschreibung im Skitourenführer (Skitouren Nordbünden:  Prätigau, Surselva, Rheinwald  von Vital Eggenberger, Bern 2008). Wenn sich die Tour auch für Snowboarder eignet, erscheint ein kleines Symbol neben der Routennummer. Routenabschnitte, die gepunktet sind, können nur zu Fuss begangen werden. Steilhänge mit Hangneigungen ab 30° sind rot eingefärbt. In diesen Gebieten herrscht bei ungünstigen Verhältnissen erhöhte Gefahr von Schneebrettlawinen. Unser Kartenausschnitt aus dem Safiental zeigt sanft geneigte Hänge Richtung Südost, die ausgezeichnet fürs Skitourenfahren geeignet sind, sowie steil abfallende rot gefärbte Hänge gegen Nordwest, die nur bei sicheren Verhältnissen befahren werden sollten. Gebiete, die im Winter nicht oder nur entlang den eingezeichneten Routen betreten werden dürfen, sind gelb umrandet. Es handelt sich um Schutzgebiete, in die sich Wildtiere im Winter zurückziehen. Änderungen an bestehenden oder neue Schutzgebiete, die in der Skitourenkarte noch nicht eingezeichnet werden konnten, sind im Webportal  www.respektiere-deine-grenzen.ch  oder www.wildruhezonen.ch einsehbar.
Für Skitourenfahrer, die mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, sind die gelb eingezeichnete n Postautorouten mit den roten Punkten für die Haltestellen nützlich.

Auf der Rückseite der Skitourenkarten hat es weitere Informationen: Zeichenerklärung, Zeit- und Schwierigkeitsangaben zu den Routen, Informationen über Anreise, Schutzgebiete und Wildtiere, Lawinen, Gebirgsrettung, Checkliste, nützliche Telefonnummern und Internetadressen sowie themenbezogene Literatur.

Die Skitourenkarten decken praktisch das gesamte schweizerische Alpengebiet ab und werden auch aktualisiert. Eine Lücke im Grenzgebiet zu Italien wurde in diesem Winter mit dem Blatt Valle Antigorio Nr. 275 S geschlossen.

Sämtliche aktuellen Skitourenkarten der Schweiz mit den dazugehörigen Skitourenführern sowie die Landeskarten 1:25 000 für die Detailplanung sind im Lesesaal Spezialsammlungen in der Freihandbibliothek der Kartensammlung aufgestellt. Sie sind nicht ausleihbar, Ausschnitte von Karten  und Tourenführer dürfen  für Privatzwecke kopiert  werden.

03.02.2012

„haleluia!“ – Albert Einsteins Jubelschrei vom 2. Februar 1912

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Physik — Tags: — Christian John Huber @ 19:01

 

Briefkarte Albert Einstein an Alfred Stern vom 2.Februar 1912 (ETH-Bibliothek, Archive, Hs 1510: 1)

  

Prag 2.II 12

Verehrter Herr Professor und verehrte Frau Professor Stern!

 

Vor zwei Tagen wurde ich (haleluia!) an das Polytechnikum in Zürich berufen und habe hier schon meinen k.k. Abschied angemeldet. Darob bei uns Alten und beiden Bärchen grosse Freude, sodass ich nicht umhin kann, es Ihnen mitzuteilen. Im Sommer wird schon gezügelt.

 

Beste Grüsse an Sie und Ihre Kinder

Auf frohes Wiedersehen

 

Ihr A. Einstein & Frau

 

Sicherlich war der Jubelschrei Ausdruck der Freude Albert Einsteins über die Rückkehr an die Alma Mater. Am Eidgenössischen Polytechnikum (heute ETH Zürich) hatte er 1896 bis 1900 Mathematik und Physik studiert und mit dem Fachlehrerdiplom abgeschlossen. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass seine Berufung zum Ordinarius für theoretische Physik auch Genugtuung bei ihm ausgelöst hat, und der Freudenschrei durchaus eine ironische Note besitzt. Denn Einstein hatte während des Studiums häufig durch Abwesenheit geglänzt, was seinen Lehrern auffiel und sich auch in seinen Abschlussnoten niederschlug. So schrieb er in einem früheren Brief an seinen väterlichen Freund Alfred Stern: „[…] soviel man mir sagte, bin ich bei keinem einzigen meiner früheren Lehrer gut angeschrieben“ (Albert Einstein an Alfred Stern am 3. Mai 1901). Er bekundete nach dem Studium denn auch Mühe eine Stelle zu finden.

 Mit dem Jahr 1905 nahm seine Biographie eine neue Wende. Während seiner Zeit als Patentbeamter in Bern publizierte er vier bahnbrechende Arbeiten, wurde hernach Extraordinarius an der Universität Zürich und dann Ordinarius in Prag, wo er nun seinen „k.k.“ also kaiserlich-königlichen Abschied nahm um mit seinen „beiden Bärchen“, den Söhnen Hans Albert und Eduard sowie seiner Gattin Mileva nach Zürich zurück zu kehren.

 Nicht zuletzt freute sich Albert Einstein jedoch auf das Wiedersehen mit seinem Freund Alfred Stern. Stern, wie Einstein ein deutscher Jude bürgerlicher Herkunft, wurde 1887 zum Ordinarius für Geschichte an das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1928 verblieb. Die Freundschaft der beiden hatte bereits während Albert Einsteins Studium begonnen. Einstein verkehrte damals regelmässig im Hause Stern und teilte mit dem Historiker die Leidenschaft für Musik. Über das gemeinsame Musizieren hinaus schwärmte Einstein in seinen Briefen verschiedentlich von der Güte und Heiterkeit, welche in der Familie geherrscht habe. Die herzliche Beziehung Einsteins zur gesamten Familie Stern hielt ein Leben lang.

 

Link

Einstein Online

 

Literatur

Norbert Schmitz. Alfred Stern (1846-1936): Ein europäischer Historiker gegen den Strom der nationalen Geschichtsschreibung. Hannover 2009.

27.01.2012

100 Jahre Jungfraubahn

Filed under: Bestände,Bildarchiv,Eisenbahnwesen — Valérie Andres @ 7:00

Tourismus und Legenden am Berg

Die Jungfrauregion, besonders aber das Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau gehören, wie auch das Matterhorn, zu den faszinierendsten Touristenattraktionen der Schweiz. Postkarten und Bilder dieser imposanten Berge und der darunter liegenden Dörfer, locken seit über hundert Jahren verschiedenste Besucher an und tragen zum Bild von der idyllischen und urtümlichen Schweiz bei.

Spätestens durch das Aufkommen des Alpinismus im ausgehenden 18. Jahrhundert mit diversen Erstbesteigungen im hochalpinen Gebiet entstanden zahlreiche dramatische Legenden und später Filme der ebenso schönen wie schroffen und unzugänglichen Bergwelt. Es ist daher gut möglich, dass die Erstbesteigung der Jungfrau (1811) etwa 50 Jahre später den Anstoss gab, diesen Berg durch den Bau einer Bahn auf den Gipfel endgültig zu bezwingen. Als Sinnbild für diese gelungene Eroberung kann man heute die allgemein bekannten Massen an Turnschuhtouristen betrachten, welche aus aller Welt kommen und auf dem Jungfraujoch ganz bequem die Aussicht geniessen, die sich sonst nur erfahrenen Bergsteigern bieten würde.

Diese beiden Bilder vom 10.08.1957 mit dem Titel: „Eigernordwand, Bergdrama“ sind Zeugnis einer Bergrettung. Dank der bereits gebauten Jungfraubahn gelangte das Opfer sicherlich rascher als üblich zurück ins Tal, allerdings wurde die Rettung auch direkt fotografiert und von Unbeteiligten ‘aus der Nähe’ mitverfolgt.

Bildtitel 1: Eigernordwand, Bergdrama     

Bildlegende 1: Bergung von Claudio Corti, der mit Stephano Longhi die Eigernordwand bestieg. Bei der Station Eigergletscher der Jungfraubahn wird der Abstieg über die Westflanke beobachtet. Rechts: Funkhelfer.

                        

Bildtitel 2: Eigernordwand, Bergdrama 

Bildlegende 2: Bergung von Claudio Corti, der mit Stephano Longhi die Eigernordwand bestieg. Kurz vor der Station Eigergletscher der Jungfraubahn.

 Der Bahnbau

1893 reicht Adolf Guyer-Zeller, durch eine Bergwanderung inspiriert, ein Konzessionsgesuch für den Bau einer Bahn zwischen der Kleinen Scheidegg und dem Jungfraugipfel ein. Die Bahn sollte nur bis zur ersten Station oberirdisch verlaufen und danach den grössten Teil des Weges durch Tunnel führen. Jede Station sollte einen speziellen Blickwinkel auf die Bergwelt geben und für sich ein eigenes touristisches Ziel darstellen. Die Strecke der elektrischen Zahnradbahn war von der Kleinen Scheidegg durch Eiger und Mönch bis hinauf auf den Gipfel der Jungfrau geplant.

 

 

Bildtitel 3: Bau der Jungfraubahn, Tunneleingang am Eiger, 1911

 

 Bildtitel 4: Jungfraubahn, Verbindungsstollen zwischen Aussteigperron im Tunnel und Station Eigerwand

Botschaft der Postkarte: Heute nach hier, Berge u. ? grossartig. Herzliche Grüsse Onkel u. Tante Keller. Frau Mugglin, Werner Mugglin.

Poststempel 6.9.1905.

1896 nach der Erteilung der Konzession durch das Parlament wurde mit dem Bau des ersten, zwei Kilometer langen und auf offener Strecke verlaufenden Abschnittes, begonnen. Trotz des Anschlusses an die Wengernalpbahn wurde eine Spurweite von 1000mm anstelle von 800mm für die Jungfraubahn gewählt.

Im Gegensatz zum ersten Streckenabschnitt waren die Arbeiten am Tunnelbau geprägt von Sprengunglücken und finanziellen Problemen. Doch trotz verschärfter Vorschriften ging auch dieser rasch voran so dass 1899 der Durchstich zur Station Rotstock (2530) stattfand. 1903 folgte die inmitten der Nordwand liegende Eigerwand, 1905 die Haltestelle Eismeer und am 21. Februar 1912 der Durchstich zum Jungfraujoch. Aufgrund der knapp gewordenen Finanzmittel sowie dem Tod von Adolf Guyer-Zeller wurden die ursprünglichen Pläne abgeändert. Statt unter dem Mönchsjoch eine Haltestelle einzuplanen und die Bahn bis hinauf zum Gipfel der Jungfrau zu bauen, wurde als Endstation das Jungfraujoch beschlossen.

Am 1. August 1912 fuhr der erste Zug mit Gästen die 9.34 Kilometer lange Strecke hinauf auf das Jungfraujoch (3454). Etwas mehr als 7 Kilometer davon liegen im Tunnel und es werden dabei fast 1400 Höhenmeter überwunden.

 

 

Bildtitel 5: Jungfraubahn, Station Eismeer, 3161 m

Poststempel 16.10.1926

 

 

 

Bildtitel 6: Jungfraubahn 3457 m, Die Schweizerfahne auf dem Jungfraujoch

Poststempel 11.10.1933

 

 Bildtitel 7: Kleine Scheidegg, Jungfraubahn, Eiger 3975, Mönch 4105

Botschaft der Postkarte: Von einer Offiziers-Tanzerei im Hôtél Bellevue Scheidegg herzl. Grüsse! Ernst. Poststempel 11.8.1912

 

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek besitzt weitere historische Bilder.

Zoombare Bilder befinden sich im Bildarchiv Online.

06.01.2012

John Smeaton: A Narrative of the building and a description of the construction of the Edystone Lighthouse (London, 1791)

Filed under: Alte Drucke,Architektur — Roland Lüthi @ 7:00

   

 Titelblatt mit Titelvignette: The Morning after a Storm

  Tafel No. 8: South Elevation of the Stone Lighthouse completetd on the Edystone in 1759

 

 Tafel No. 9: Section of the Edystone Lighthouse upon the E & W Line, as relative to No. 8

Der wohl berühmteste Leuchtturm Grossbritanniens steht auf dem Eddystone Rock, einem kleinen, für Schiffe sehr gefährlichen Felsen ungefähr 20 Kilometer südwestlich von Plymouth. Im Lauf der Zeit wurden hier nacheinander vier Leuchttürme gebaut: Winstanley’s Tower (1698-1703), Rudyerd’s Tower (1709-1755), Smeaton’s Tower (1759-1882) und Douglass’s Tower (1882-heute). Von Smeaton’s Tower steht heute nur noch der Stumpf – der obere Teil wurde abgebaut und auf dem Festland in Plymouth Hoe als Denkmal zu Ehren des Erbauers wieder errichtet.

Der britische Ingenieur John Smeaton (1724-1792) basierte seine Konstruktion auf der Form eines Eichenstammes. Gebaut wurde der Turm aus Stein, wobei für das Fundament und die Verkleidung ein lokaler Granitstein verwendet wurde. Als Mörtel setzte Smeaton einen neuartigen schnell bindenden Zement ein, der den nassen Bedingungen standhielt und noch heute Verwendung findet. Neu war auch eine revolutionäre Technik von Verzahnungen und Steindübeln, mittels denen die Granitblöcke verbunden wurden. Nach drei Jahren Bauzeit und der Inbetriebnahme im Jahr 1759 trotzte der Leuchtturm der rauen See über ein Jahrhundert, bis sich in den 1870er-Jahren Risse im Fels zeigten. Sobald eine hohe Welle den 18 Meter hohen Turm traf, geriet dieser ins Wanken und musste deshalb schliesslich abgebrochen werden. Der untere Teil erwies sich dabei als dermassen solide, dass man ihn stehen liess.   

Links:

The construction of the Edystone Lighthouse (Rar 1788 GF) im Bibliothekskatalog NEBIS

Hochaufgelöste Bilder zu Smeaton’s Tower sind in E-Pics zu finden.

 

16.12.2011

Vannoccio Biringuccio: Pirotechnia (Venedig, 1540)

Filed under: Alte Drucke,Bergbau,Chemie und Pharmazie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Holzschnitt aus der Pirotechnia von 1558: Glockenlager

Der italienische Ingenieur, Architekt, Büchsenmacher und Chemiker Vanoccio Biringuccio (1480-1537) war ein Meister des Hüttenwesens und der Schmiedekunst. Er unternahm es, sein Wissen an weite Kreise weiterzugeben und schuf mit Pirotechnia nicht nur das erste Handbuch der Metallurgie, sondern markierte damit in gewisser Weise auch den Anfang der technologischen Literatur überhaupt.

Der Praktiker Biringuccio pflegte einen beinahe „modernen“ Zugang zur Alchemie, denn er wies tunlichst allen Aberglauben und jegliche pseudo-Magie von sich. Als Handwerker war er zudem in der Lage, die Prozesse der frühen angewandten Chemie bis in alle Einzelheiten vollumfänglich zu beschreiben.

Als praktisches Handbuch erfreute sich die Pirotechnia grosser Beliebtheit. In einer Zeitspanne von 138 Jahren wurde sie neun Mal neu aufgelegt. Dennoch stand sie vielleicht wegen des unprätentiösen Schreibstils und der unscheinbaren Aufmachung etwas im Schatten von Georgius de Agricolas späteren prachtvollen De re Metallica (1556).

Links:

Die Erstausgabe von 1540 ist für die Ausleihe gesperrt.

Die dritte Ausgabe von 1558 kann in NEBIS bestellt und im Lesesaal Spezialsammlungen konsultiert werden.

Auch die fünfte Ausgabe von 1678 ist in der Sammlung vorhanden.

Schliesslich besitzt die Bibliothek drei Faksimiles: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002167472 (ab Erstausgabe, Italienisch)

http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002136453 (Deutsch)

http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002175392 (Englisch)

09.12.2011

Leuchtendes Beispiel – 111 Jahre elektrisches Licht in der ETH-Bibliothek

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Geschichte,Ingenieurwissenschaften — Tags: , — Yvonne Voegeli @ 7:00

 

Werbekarte für die Nernst-Expresslampe aus Professor Walter Wysslings Sammlung von Werbeprospekten und Preislisten zur Elektrotechnik (ETH-Bibliothek, Archive, 48291 (Hs):59, Fasc. 22/I e.) 

Der zündende Funke war eine massive Kostenüberschreitung gewesen. Seit 1898 wurde die unter Raumnot leidende Bibliothek des Polytechnikums umgebaut und in der Südwestecke des Hauptgebäudes, am heutigen Standort der Graphischen Sammlung, erweitert. Alte Baumängel in den Räumen strapazierten dabei das Budget derart, dass Schulratspräsident Hermann Bleuler am 17. November 1899 das Eidgenössische Departement des Innern um einen happigen Nachtragskredit anging. Bei der Gelegenheit beantragte er gleich noch einen Extrazuschlag zur Einrichtung einer bisher nicht vorgesehenen elektrischen Beleuchtung.

Die eidgenössischen Räte, die über das Begehren zu befinden hatten, verschoben jedoch vorsichtshalber die Entscheidung auf den Abschluss der Bautätigkeit, wenn die gesamte Kostenüberschreitung bekannt sein würde. Bleuler schrieb daraufhin am 9. Dezember 1899 nochmals nach Bern, ob nicht doch im Hinblick auf den später zu gewährenden Nachtragskredit die elektrische Beleuchtung noch während der laufenden Bauarbeiten installiert werden dürfe:

„Eine neue Einrichtung für Beleuchtung in den Räumen der Bibliothek muss unter allen Umständen ausgeführt werden und wird für Gas nicht weniger kosten als für Elektrizität. […] Wollte man nun […] zu warten, […] würde später die Ausführung einer endgültigen Einrichtung mehr Mühe, Kosten und Ungelegenheiten aller Art verursachen, als wenn jetzt gleich noch mit der Vollendung der neuen Einrichtung der Bibliotheksräume dieselbe vorgenommen werden kann.“

Diese Argumentation leuchtete den vorgesetzten Behörden ein. So kam es, dass die erweiterte Bibliothek bei der Eröffnung am 26. April 1900 mehr als eineinhalb Jahre früher als das gesamte Hauptgebäude in elektrischem Licht erstrahlte mit Strom aus dem soeben in der Nachbarschaft fertiggestellten Maschinenlabor. Die Zürcher Bibliotheksfachleute waren von der „Musterbibliothek“ nicht zuletzt auch wegen der neuartigen Erhellung der Räume begeistert. Hermann Escher, späterer Direktor der Zentralbibliothek, beschloss seine Lobeshymne über den geglückten Erweiterungsbau mit den Worten:

„Die jüngste der drei hiesigen Bibliotheken ist den anderen mit leuchtendem Beispiel vorangegangen.”

Am Polytechnikum war die Freude dagegen etwas gedämpft. Bibliotheksdirektor Ferdinand Rudio beklagte in seinem Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 „unvorhergesehene Ausgaben, zum Teil auch solche, die eigentlich auf das Baubudget hätten gesetzt werden sollen“. Das Loch in der Kasse war vielleicht ein Grund, dass kein Fotograf zur Ablichtung der neuen Räumlichkeiten engagiert wurde. Jedenfalls finden sich in den Beständen der heutigen ETH-Bibliothek keine Bilder von damals.

Ähnliches wiederholte sich nach der Elektrifizierung des gesamten Hauptgebäudes. Die Schulleitung war erleichtert, als Planung und Ausführung nach der Gewährung eines ausserordentlichen Kredits durch die eidgenössischen Räte endlich abgeschlossen waren. Im Jahresbericht 1901 hielt sie fest:

„Die neue Beleuchtung ist nun seit Mitte Dezember im Gange und hat sich bis jetzt gut bewährt und sich gegenüber der bisherigen in den schlecht ventilierten Räumen die Luft verderbenden, blendenden Gasbeleuchtung auch in hygienischer Beziehung als wohltätig erwiesen.“

Auch diesmal blieb anscheinend nichts übrig, um das neu ausgeleuchtete Hauptgebäude zu fotografieren. Dabei wäre in Gestalt von Johannes Barbieri, Titularprofessor für Photographie, sogar ein hauseigener Fachmann zur Verfügung gestanden.  In den Akten fehlen zudem nähere Details zu den gewählten Beleuchtungstypen.

Als Ersatz für zeitgenössische Bilder dient daher die Werbekarte eines Beleuchtungsmittels aus der umfangreichen Dokumentation von Walter Wyssling, Professor für angewandte Elektrotechnik, der damals die Elektrifizierung der Bibliothek und des gesamten Hauptgebäudes geplant hatte. Nernstlampen wurden ab 1897 produziert, waren langlebiger und somit kostengünstiger als Glühlampen mit Kohlefaden, erbrachten aber erst nach Erwärmung des Glühkörpers die volle Leistung. Die abgebildete Expresslampe wurde um das Jahr 1904 entwickelt. Sie kombinierte die Nernstlampe mit der herkömmlichen Kohlefadenlampe zur Erwärmung des Glühkörpers und sorgte damit gleich beim Einschalten noch während der Aufwärmphase für Helligkeit.

Anmerkungen

Kopien der Schreiben von Schulratspräsident Bleuler an das eidgenössische Departement des Innern 17. November und 9. Dezember 1899 in den Missiven (ETH-Bibliothek, Archive, SR1: 1899, Nr. 481 und Nr. 516)  

Theodor Vetter, Eine Musterbibliothek, in: Züricher Post, No. 105, Sonntag 6. Mai 1900, Frontseite

Hermann Escher, Die neuen Bibliotheksräume im Polytechnikum, Beilage zu Neue Zürcher Zeitung, Nr. 128, Mittwoch 9. Mai 1900

Ferdinand Rudio, Bibliotheksbericht für das Jahr 1900 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1901 No. 38)

Entwurf “Bericht des Eidgenössischen Polytechnikums über das Jahr 1901″, S. 21/22 in: ETH-Bibliothek Archive, SR2 Schulratsprotokolle 1902, Sitzung Nr. 2 vom 27.02.1902, Traktandum 42, S. 33/34

Literatur

BLÄTTERN & BROWSEN – 150 Jahre ETH-Bibliothek, Hrsg. ETH-Bibliothek Zürich, 2005 

02.12.2011

Le grand avantage des méthodes graphiques – der erste thematische Weltatlas

Filed under: Bestände,Geographie und Karten,Kartensammlung,Naturwissenschaften — Tags: , — Susanne Zollinger @ 15:44


Isothermenkarte, Berghaus’ Physikalischer Atlas, J. Perthes, Gotha, 1849
(Durch mehrfaches Anklicken werden die Karten vergrössert angezeigt)

Physikalische Karte vom Indischen Meere, Berghaus’ Physikalischer Atlas, J. Perthes, Gotha, 1849

Berghaus’ physikalischer Atlas erschien als erster thematischer Weltatlas 1852 in zweiter Auflage im auf wissenschaftliche Geografie und Kartografie spezialisierten Verlag von Justus Perthes in Gotha. Im Vorwort zitiert der Kartograf  Henrich Berghaus den von ihm verehrten Zeitgenossen und Freund, den Naturforscher und Mitbegründer der empirischen Geografie Alexander von Humboldt:

„C’est le grand avantage des méthodes graphiques appliquées aux différents objets de la philosophie naturelle, de porter dans l’esprit cette conviction intime qui accompagne toujours les notions, que nous recevons immédiatement par les sens. “ (Alexandre de Humboldt, 1825)

„In den Worten des grossen Naturforschers, welche als Wahlspruch an die Spitze dieser Umrisse gestellt worden sind, ist der Standpunkt angedeütet, auf dem der Nutzen und das Bedürfniss beurtheilt wurden, als vor beinhah‘ einem Vierteljahrhundert der Grundgedanke für die Bearbeitung und Herausgabe einer Sammlung graphischer Darstellungen zur Erlaüterung der physikalischen Erdkunde in Anregung kam […]“

Berghaus innovatives Werk trägt den Untertitel „Eine, unter der fördernden Anregung Alexander’s von Humboldt verfasste Sammlung von 93 Karten, auf denen die hauptsächlichsten Erscheinungen der anorganischen und organischen Natur nach ihrer geographischen Verbreitung und Vertheilung bildlich dargestellt sind.“  Es umfasst die Abteilungen Meteorologie und Klimatographie, Hydrologie und Hydrographie, Geologie, Tellurischer Magnetismus, Pflanzengeographie, Thiergeographie, Anthropographie und Ethnographie und soll Alexander von Humboldts Kosmos illustrieren.

Für den Atlas fasste Berghaus zeitgenössische Kartendarstellungen zusammen und ergänzte das Werk mit eigenen kunstvoll ausgeführten Darstellungen.  Die Zusammenstellung enthält aber auch Tabellen, Diagramme und ausführliche Angaben zu Art und Herkunft der verwendeten physikalischen Daten.

Der wunderschöne Atlas mit Linien- und Flächenkolorit umfasst zwei Bände und trägt die Signatur KA 500098. Der “Kosmos” von Alexander von Humboldt hat die Signatur RA 2620. Beide Werke können als Originale im Lesesaal der ETH-Bibliothek eingesehen werden.

25.11.2011

Willem Piso: De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658)

Filed under: Alte Drucke,Botanik,Naturwissenschaften,Zoologie — Tags: , — Roland Lüthi @ 7:00

Titelblatt

Willem Piso (1611-1678) diente von 1636 bis 1644 als Arzt in der holländischen Kolonie in Brasilien. Als Pionier der Tropenmedizin und Pharmakologie studierte er die Pflanzenmedizin der Ureinwohner und unterstützte deren Gesundheitspraktiken. Dazu begab er sich im Urwald auf die Suche nach Heilpflanzen und erwarb sich dadurch den Ruf, als erster Europäer ein Verständnis für die einheimischen Behandlungsmethoden mit Ipecacuanha, Sassafras, Sarsaparilla, Guaiacum und anderen Pflanzen gewonnen zu haben. Seine Erkenntnisse legte er in der Historia naturalis Brasiliae dar, die er 1648 mit seinem ehemaligen Assistenten, dem Botaniker und Astronom Georg Marggraf (1610–1644) herausgab. Das Verhältnis der beiden Autoren gab Anlass zu vielen Studien. Insbesondere ist fraglich, weshalb Piso das Werk zehn Jahre nach der Erstausgabe unter eigenem Namen und dem Titel De Indiae utriusque re naturali et medica herausgab.

Das Titelblatt zeigt links einen amerikanischen Ureinwohner und rechts einen Malaien oder Javaner. Neben anderen exotischen Tieren und Pflanzen sind im Hintergrund ein Rhinozeross und ein Dodo abgebildet. Diese emblematischen Darstellungen wurden vermutlich bei Elzevier und anderen Verlagshäusern „an Lager“ gehalten. Die Vermutung liegt nahe, zumal das Rhinozeross dem berühmten oft rezyklierten Dürer‘ schen Rhinozeross gleicht. Auch der Dodo entspricht dem oft kopierten Klischee der Zeit.

Links:

Pisos De Indiae utriusque re naturali et medica (Amsterdam, 1658) im Bibliothekskatalog: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002319107

Eine kolorierte Erstausgabe der Historia naturalis Brasiliae von 1648 ist online bei MBG Rare Books: http://www.illustratedgarden.org/mobot/rarebooks/title.asp?relation=QH117P571648

18.11.2011

„Sie hatte es natürlich planmässig auf meine Verführung abgesehen…“ – C.G. Jung an Sigmund Freud über Sabina Spielrein

Filed under: Archive und Nachlässe,Bestände,Psychologie — Tags: — Michael Gasser @ 7:00

Erste Seite des Briefes C.G. Jungs an Sigmund Freud vom 4. Juni 1909 (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 1056:30985, Copyright Stiftung der Werke von C.G. Jung – mit freundlicher Genehmigung)

Wenn Keira Knightley als Sabina Spielrein, Michael Fassbender als C.G. Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud im Film „A Dangerous Method“ die wohl berühmteste Liebesaffäre in der Geschichte der Psychoanalyse und deren Auswirkung auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud auf die Leinwand bringen, geht es Regisseur David Cronenberg nur bedingt um historische Detailgenauigkeit. Entsprechend frei interpretiert Cronenberg in seiner fiktionalisierten Version der Geschichte denn auch das vorhandenene Quellenmaterial.

Quellenmässig blieb die Innensicht von Sabina Spielrein (1885-1942), deren bewegtes Leben als erste Analysandin Jungs, praktizierende Psychoanalytikerin, Angehörige der Wiener Psychoanlytischen Vereinigung und Begründerin der Psychoanalyse in Russland tragisch in einem Judenpogrom deutscher Truppen in Rostow endete, längere Zeit im Dunkeln. Erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren wurden ihre Tagebücher sowie Teile ihrer Korrespondenz mit Sigmund Freud und C.G. Jung in Genf entdeckt und schrittweise ediert.

Der Einfluss Spielreins auf die Freundschaft zwischen Jung und Freud spiegelt sich dagegen in der Korrespondenz zwischen den beiden Psychoanalytikern, die heute zu den Beständen der Archive und Nachlässe der ETH-Bibliothek zählt. Die Briefe zeigen, wie schwer es Jung fällt, Freud gegenüber seine Arzt-Patientin-Liebesaffäre und damit sein grobes Fehlverhalten innerhalb der psychotherapeutischen Behandlungsmethode einzugestehen. Am 7. März 1909 schreibt er an Freud noch verklausuliert: „Ich bin immer in den Grenzen des Gentleman ihr [Sabina Spielrein] gegenüber geblieben, aber vor meinem etwas zu empfindsamen Gewissen fühle ich mich doch nicht sauber, und das schmerzt am meisten, denn meine Absichten waren immer rein gewesen.“ Erst als Sabina Spielrein sich ebenfalls an Freud wendet, wird Jung deutlicher, wirbt aber gleichzeitig um Freuds Verständnis für seine Grenzüberschreibung, indem er ihm gegenüber in einem Brief vom 4. Juni 1909 die Verführungskünste Spielreins betont:

Da ich aus Erfahrung wusste, dass sie [Sabina Spielrein] sofort rückfällig wurde, wenn ich ihr meinen Beistand versage, zog sich die Beziehung über Jahre hin, und ich hielt mich schliesslich quasi für moralisch verpflichtet, ihr meine Freundschaft weitgehend zu vertrauen, solange bis ich sah, dass dadurch ein unbeabsichtigtes Rad ins Rollen geriet, weshalb ich schliesslich abbrach. Sie hatte es natürlich planmässig auf meine Verführung abgesehen, was ich für inopportun hielt. Nun sorgt sie für Rache.

Zwei Wochen später, am 21. Juni 1909, gesteht Jung Freud schliesslich seinen „Wahn [...], quasi das Opfer der sexuellen Nachstellungen meiner Patientin“ geworden zu sein und fügt hinzu: „Ich bitte Sie nun vielmal um Entschuldigung, dass meine Dummheit Sie mit in diese Sache hineingezogen hat.“ Freud nimmt diese Entschuldigung nicht nur bereitwillig an, sondern setzt sich bei Sabina Spielrein sogar für Jung ein, so dass dieser am 10. Juli 1909 nach Wien schreiben kann: „Ich möchte Ihnen zu allererst herzlich danken für Ihre freundliche Hilfe in der Spielrein-Angelegenheit, die sich ja jetzt so günstig erledigt hat.“

Quelleneditionen:
Spielrein, Sabina. Tagebuch und Briefe: die Frau zwischen Jung und Freud. Herausgegeben von Traute Hensch. Giessen, 2003.
Freud, Sigmund und C.G. Jung. Briefwechsel. Herausgegeben von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. Zürich, 1976.

Lektüre:
Kerr, John. Eine höchst gefährliche Methode: Freud, Jung und Sabina Spielrein. München, 1994.

11.11.2011

Der Schuss aus dem Chemiegebäude – Mysteriöser Kriminalfall am Eidgenössischen Polytechnikum

 

 

Brief von Rudolf Wolf an Hermann Bleuler, Sternwarte Zürich, 12. Oktober 1891

(ETH-Bibliothek, Archive, SR3 1891, Nr. 470)

Als Professor Rudolf Wolf am zweiten Oktoberwochenende 1891 an die Sempersche Sternwarte heimkehrte, wo er ab 1864 zunächst mit Mutter und Schwester in der direktorialen Dienstwohnung im gesamten ersten Obergeschoss des Hauptbaus residiert hatte und seit dem Tod der Schwester vor zehn Jahren alleine hauste, erwartete ihn im Wohnzimmer eine üble Überraschung. Nachdem er sich wieder gefasst, die Situation analysiert, das weitere Vorgehen überdacht hatte, griff er zur Feder und schrieb an Hermann Bleuler, Präsident des Schweizerischen Schulrates:

Hochgeehrter Herr Präsident. 

So eben nach Zürich zurückgekehrt, erfahre ich dass letzten Freitag auf Samstag in ein Fenster meines Wohnzimmers geschossen wurde. Das Vorfenster zeigt ein kleines, das innere Fenster ein grosses Loch, und die durch die beiden Löcher bestimmte Schussrichtung weist unzweifelhaft auf das oberste Stockwerk des Chemie-Gebäudes als Absende-Ort.

Glücklicher Weise befand sich Niemand in dem Zimmer, sonst hätte leicht eine Verwundung eintreten können, da die Glassplitter durch das ganze Zimmer zerstreut wurden.

Da ich mir denken muss, es wäre Ihnen unangenehm eine gewissermassen im Innern des Polytechnikums, durch Angestellte desselben oder deren Familien-Angehörige, verübte, strafbare Handlung an die Öffentlichkeit gebracht zu sehen, so glaube ich von einer Anzeige an die Polizei Umgang nehmen zu sollen, und ersuche Sie diesen Vorfall in Ihnen geeignet scheinender Weise untersuchen zu lassen, – den Thäter aber jedenfalls gehörig ins Gebet zu nehmen.

Die Fenster werde ich vorerst nicht reparieren lassen, damit Sie die wünschbare Controle vornehmen lassen können, das kleine Geschoss kann ebenfalls vorgewiesen werden.

 Ihr Hochachtungsvollst Ergebenster

 Sternwarte Zürich 1891 X 12.                 Prof. R. Wolf

Für Professor Wolf, Astronom, Mathematiker und Geodät, der die angehenden Ingenieure in Vermessungskunde unterrichtete, und in seiner anderen Funktion als Oberbibliothekar den Bücherschatz der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft Zürichs inklusive Werke zur Ballistik und Artillerie anno 1880 ans Polytechnikum geholt hatte, war es ein leichtes, Einschusswinkel und Herkunftsort des Geschosses zu bestimmen.

  

Abbildung 1: Zürich, Stadtansicht mit Hochschulviertel. Links die Sternwarte mit Kuppelturm, rechts das Chemiegebäude mit hohem Kamin, um 1890 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00331-F)

Im obersten Stockwerk des Chemiegebäudes, in Sicht- und offenbar auch Schussweite der Sternwarte und umgekehrt (Abbildung 1), war in der Mitte die technologisch-chemische Sammlung untergebracht, „ein stets zur öffentlichen Benutzung, insbesondere natürlich zum Studium der Schüler dienendes […] Museum“ ohne permanente „Bedienung und Überwachung“.  An beiden Schmalseiten befanden sich Wohnungen für die Hauswarte und deren Familien.

   

Abbildung 2: ETH Zürich, Chemiegebäude, rechts im Hintergrund die Sternwarte, um 1889 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Ans_00382) 

Wolfs Wohnzimmer im ersten Obergeschoss der Sternwarte lag exakt südlich dem Kuppelturm gegenüber mit je einem Fenster auf drei Seiten, eines davon sichtbar vom Chemiegebäude her. Über dem Wohnzimmer lag ein Rechnungssaal für die Auswertung astronomischer Messungen zusammen mit dem Büro der Schweizerischen Meteorologischen Centralanstalt. Bei genauer Betrachtung von Abbildung 2 mit dem Chemiegebäude in der Mitte und der Sternwarte rechts daneben im Hintergrund ist ersichtlich (Vergrösserungsmöglichkeit  hier), dass vor den Fenstern der Sternwarte teilweise die Storen geschlossen sind zum Schutz vor der Nachmittagssonne.

Möglicherweise hatten Wolf oder seine Mitarbeiter im Stockwerk darüber vor dem Verlassen der Sternwarte an besagtem Wochenende keinen Anlass zum Herunterkurbeln der Sonnenstoren gehabt. Wenn irgendwann danach die Sonne in die Fenster schien, wurden vielleicht Personen im Chemiegebäude geblendet. Es ist daher denkbar, dass dann der „Thäter“ dem Spuk mit einem Schuss in die Richtung des grellen Scheins ein Ende bereiten wollte. Es sei denn, er (oder sie?) habe wirklich aus welchem Anlass auch immer in die dunkle Nacht hinausgeschossen, wie Wolfs zeitliche Annahme von „Freitag auf Samstag“ nahelegt.

Leider wurde die Angelegenheit tatsächlich diskret behandelt. Weder in den Verwaltungsakten der ETH, noch in überlieferten privaten Unterlagen der Beteiligten konnten bisher weitere Hinweise auf den Fall aufgespürt werden.

Anmerkungen

Zitate zum Chemiegebäude auf Seiten 31/32 in: Die chemischen Laboratorien des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich, Hgg. F. Bluntschli, G. Lasius, G. Lunge, Zürich 1889

Zur Sternwarte Seite 360 in: Gottfried Semper 1803-1879. Architektur und Wissenschaft, Hgg. Winfried Nerdinger, Werner Oechslin, Zürich 2003

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