Die Erde schrumpft…

… darum gibt es die Gebirge. Dies zumindest war eine populäre Ansicht unter Geologen in Europa im 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert. So auch von Léonce Élie de Beaumont, dem Schöpfer der ersten geologischen Karte Frankreichs und Hauptvertreter der sogenannten «Kontraktionstheorie». Doch, hat er Recht?

Die Erforschung der Gebirgsentstehung war wesentlicher Treiber für die Naturwissenschaftler im 18. und 19. Jahrhundert. Basierend auf Beobachtungen der Landschaft wurden dazu Theorien aufgestellt und Hypothesen überprüft. Eine dieser Thesen war die Schrumpfungs- oder Kontraktionstheorie. Verkürzt formuliert: Weil die Erdkruste erkaltet schrumpft die Oberfläche (wie bei einem alten Apfel) und darum entstehen Gebirge. Da die Kruste nicht gleichmässig kälter wird gibt es regional unterschiedlich starke Verwerfungen.

Abb. 1: Kartenausschnitt von den Pyrenäen (Carte géologique de la France, Blatt 5)

Ab Mitte der 18. Jahrhunderts wurde versucht, geologische Zusammenhänge mittels Karten sichtbar zu machen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Geologische Karte von England und Wales (William Smith, 1815), aber auch für Frankreich wurden eindrückliche Übersichtskarten hergestellt.

Abb. 2: Übersicht des 6. Blatts der Carte géologique de la France. Rechts im Bild Teile der Schweiz.

Die erste grossflächige Karte Frankreichs, die Carte géologique de la France, wurde 1841 publiziert. Léonce Élie de Beaumont (1798 – 1874) erstellte die Karte zusammen mit Armand Dufrénoy (1792 – 1857) und unter der Aufsicht von André Brochant de Villiers (1772 – 1840) im Massstab 1 : 500’000. Die Vorbereitungsarbeiten begannen dabei bereits im Jahre 1825, der Letzte der begleitenden Erläuterungsbände erschien erst 1873. Die Feldarbeit der beiden jungen Mineningenieure Élie de Beaumont und Dufrénoy dauerte mehrere Jahre und war 1835 abgeschlossen.

Die Karte fasst erstmals grossflächige geologische Zusammenhänge Frankreichs in einem Kartenbild, verteilt auf 6 Blätter zusammen. Dabei weist die Karte einen Detailgrad auf, welche für Frankreich damals einzigartig war. 1822 erschien zwar bereits eine geologische Karte für Teile Frankreichs, herausgegeben vom belgischen Geologen Jean Baptiste Julien d’Omalius d’Halloy (1783-1875). Diese war aber nur sehr rudimentär, wie Villiers im ersten Band der Erläuterungen zur Carte géologique de la France schreibt:

«Les grandes masses de terrain y sont tracées : seulement elles ne le sont qu’à grands traits , et sans indiquer les subdivisions qu’il convient maintenant d’y reconnaître . » (1841, V)

Entsprechend motiviert waren Élie de Beaumont und Dufrénoy, nun eine detailliertere Karte zu erstellen, was ihnen auch gelang. Élie de Beaumont nutzte die Arbeit ergänzend, um seine Theorie zur Gestaltung der Erdoberfläche auszugestalten.

Abb. 3: Detailansicht der Umgebung um Gap (Ausläufer der Alpen) (Blatt 6)

Heute wissen wir, dass die Kontraktionshypothese von Élie de Beaumont wohl nicht die Gebirgsbildung erklärt. Und auch schon die zeitgenössischen Geologen waren sich nicht einig, ob diese Ansicht der Erd- und Gebirgsformung so passend ist, auch wenn bedeutende Geologen wie der Schweizer Albert Heim die Theorie weiterverfolgten. So hielt sich die Theorie bis ins 20. Jahrhundert hinein, bevor sie schlussendlich dann doch verworfen wurde.

Aber gerade durch die Arbeit der Geologen im Feld, bemüht die eigenen Theorien belegen zu können (was doch öfters nicht gelang), entstanden eindrückliche kartografische Produkte, an welchen wir uns auch heute noch erfreuen.

Literatur

Explication de la carte géologique de la France. Paris : imprimerie royale, MDCCCXLI-MDCCCLXXIX [1841-1879]. https://doi.org/10.3931/e-rara-25906

Hölder, Helmut. (1960). Geologie und Paläontologie in Texten und ihrer Geschichte (Vol. 11, Orbis academicus. 2, [Naturwissenschaftliche Abteilung]). Freiburg: Alber.

Meschede, Marianne, & Meschede, Martin. (2018). Wegbereiter der Geowissenschaften : 50 Portraits von Geowissenschaftlern aus fünf Jahrhunderten in Wort und Bild. Stuttgart: Schweizerbart.

Nicklès Maurice (1969). Le Service de la Carte géologique de la France. A propos d’un centenaire. In: Revue d’histoire des sciences
et de leurs applications, 22(2), S. 163-166. https://doi.org/10.3406/rhs.1969.2588

Oldroyd, David R. (2007). Die Biographie der Erde : Zur Wissenschaftsgeschichte der Geologie (2. Aufl. ed.). Frankfurt am Main: Zweitausendeins.

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One thought on “Die Erde schrumpft…

  • Donnerstag, der 28. November 2019 at 18:53
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    Erkaltet die Erde nicht? (Dann schrumpft sie nicht.) Wenn eine These verworfen wird, sollte angegeben werden, warum.

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