Der Geist von Berzona

Von seiner Tessiner Loggia aus blickte Max Frisch auf eine eigentümliche Figur, die unten im Garten am Steintisch sass: auf dem Kopf ein Hut, auf dem Tisch ein Glas Wein und daneben eine Sense, die düster in den Himmel ragt.

Der Toggel im Jahr 1985 (Foto: vermutlich Max Frisch, MFA_001668)

„Toggel“ nannte Max Frisch diese Gestalt, um die sich der Hausbesitzer zu jeder Jahreszeit hingebungsvoll kümmerte. War die Figur beschädigt, wurde sie repariert oder neu gebastelt. War das Weinglas leer, wurde es gefüllt. Kein Wunder, dass sich Frischs Freunde, die in Berzona zu Gast waren, an den Toggel erinnern. So schreibt der Autor Rolf Niederhauser:

Ein paarmal besuchte ich ihn in Berzona, man sass am steinernen Tisch, der auch Literatur geworden ist, bei Weisswein und Rohschinken, und unten in der Wiese hatte er einen Toggel hingesetzt, eine Hand am halbleeren Glas, den leeren Blick ins Tal hinunter und eine Heugabel neben sich: „Der sitzt da und sieht zu, wie der Sommer vergeht …“[1]

Als Memento mori der gemütlichen Sorte sah der Toggel dem Werden und Vergehen im Onsernonetal zu. Frischs Toggel verhielt sich damit weit friedlicher als sein Namensvetter, über den das Schweizerische Idiotikon Auskunft gibt: Ein „dämonisches Wesen“ sei der Toggel, ein „(Plag-)Geist, (Nacht-)Gespenst, Albdruck“.[2] Sein Unwesen treibt er vor allem in der Welt des alpenländischen Volksglaubens, wo er bevorzugt nachts als verstorbene oder verwandelte Person umhergeht, sich durch Schlüssellöcher drängt und sich einem Schlafenden auf die Brust legt, bis dieser nicht mehr atmen kann. Auch das Vieh im Stall ist vorm Toggel nicht sicher. Mal erscheint der (oder das) Toggel als Hexe, mal als „gespenstisches, kugeliges, fußloses Wesen“, aber „immer als eine furchterregende Gestalt“. Bedauert werden muss die arme Frau eines Bauern, der es wagte, ein Toggel zu verfolgen:

„Er sah es nicht kommen, aber fortgehen in Gestalt einer Katze … Dem wollte er doch endlich abhelfen … [Er] schlug der fliehenden Katze in den drei höchsten Namen den Schwanz ab … Am folgenden Morgen hatte seine Frau den Kopf mit einem Lumpen verbunden … [Er] riß ihr von hinten das Tuch ab und entdeckte, daß sie ihren Haarzopf verloren hatte.“

Auf die vitale Kraft des Volksglaubens stiess auch jener dickliche Habsburger Ritter Konrad von Tillendorf (besser bekannt als Vogt Gessler, vielleicht hiess er auch Grisler), der im Jahr 1291 durch die Gegend ritt, die man später Urschweiz nannte. Max Frisch, der in seinem Essay Wilhelm Tell für die Schule den historischen Spuren dieser Reise folgte, stiess auf die folgende Anekdote:

Einmal fragte ihn ein Kind: Bist du jetzt der Toggeli? wahrscheinlich weil die Gelbsucht langsam sein Gesicht verfärbte. Als Ritter Konrad oder Grisler, selbst Vater, belustigt und ohne Ritter-Allüren fragte, was denn ein Toggeli wäre, lief das Kind mit Entsetzen davon, und er begriff nur, daß er nicht hätte lachen dürfen. Das Kind schrie, als habe der Herr Vogt es mit der Peitsche mißhandelt. Später fragte er den jungen Rudenz, was das Kind wohl gemeint habe; Rudenz errötete, als hätte das Kind etwas Ungehöriges oder Treffendes gesagt, und gab sich weltmännisch, indem er versicherte, es gebe heutzutage keine Toggeli mehr.[3]

Glaubt man bäuerlicher Weisheit, hilft gegen den Toggel eine Sense, die mit umgekehrtem Dengel gegen die Stalltür gelehnt wird. Frisch verzichtete auf die Abwehr des Dämons und lud ihn zu sich ein. Die Sense hält sein Toggel friedlich in der Hand, was ein wenig an den berühmten Sensenmann erinnert. Doch Frischs Toggel ist alles andere als ein „Schnitter, der heisst Tod“ – eher ein friedlicher Hausgeist, der am Tisch sitzen bleibt, während er selbst durch die Welt reist: nach Berlin, New York oder Zürich. Oder, anders gefasst: der Toggel als genius loci, als Geist von Berzona und Inspiration im literarischen Schaffensprozess. Ein Foto bezeugt, dass der Toggel nicht nur am Steintisch, sondern auch am Schreibtisch sitzen durfte. Vielleicht war dieser Weingeist an der einen oder anderen abgründigen Seite, die dort getippt wurde, nicht unbeteiligt.

Toggel am Schreibtisch, 1986 (Foto: Karin Pilliod-Hatzky, MFA_003306)

Im Herbst 1990, wenige Monate vor seinem Tod, fuhr Max Frisch ein letztes Mal nach Berzona. Er nahm Abschied von seinem Refugium. Und er nahm Abschied vom Toggel, der seine Funktion erfüllt hatte. Er warf die Figur den Abhang hinunter.[4]

 

Quellen

[1] Rolf Niederhauser: Max Frisch. Die Architektur des wirklichen Lebens, in: Das Magazin. Tages-Anzeiger und Berner Zeitung BZ, Nr. 15, 12./13. April 1991, S. 10-20, hier S. 18.

[2] Definition und nachfolgende Belegstellen: Art. „Toggel“, in: Schweizerisches Idiotikon digital, Bd. XII, URL: https://digital.idiotikon.ch/idtkn/id12.htm#!page/121163/mode/1up.

[3] Max Frisch: Wilhelm Tell für die Schule, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 46.

[4] Vgl. Volker Weidermann: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010, S. 389.

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