E-120

Essbare Insekten sind zurzeit in aller Munde. Nicht nur in fernen Ländern südlich der Sahara oder hinter dem Himalaya sollen die ökologisch sinnvollen Proteine den Welthunger stillen. Auch auf europäischen Tellern wollen Lebensmittelwissenschaftler den Sechsbeinern zu mehr Akzeptanz verhelfen und verweisen auf deren nahe Verwandtschaft mit Crevetten, Langusten und anderen Delikatessen vom Meeresgrund. Ganz vergessen geht dabei, dass eine kleine Pflanzenlaus seit langem schon ihren festen Platz in unserer Küche hat.

Abbildung 1: „Entomologen-Glück: Schildlaussammlung und karminhaltiges Erfrischungsgetränk. (Foto: Michael Greeff, 2018)“

Die Karminsäure verleiht als Zusatzstoff „E-120“ Getränken, Speiseeis, Käserinden, Marmeladen und Würsten eine leuchtend rote Farbe (siehe Abb. 1). Auch in Lippenstiften, Autolacken und als Textilfarben findet der Farbstoff bis heute Verwendung. Gewonnen wird die Säure aus einer wenige Millimeter grossen Schildlaus Zentral- und Südamerikas mit dem zungenbrechenden Namen Cochenille (Dactylopius coccus Costa, 1835). Die Läuse saugen Säfte von Opuntie-Kakteen und zeigen einen ausgeprägten Sexualdimorphismus: Während die Männchen einen insektentypischen Körperbau mit deutlicher Gliederung und Flügeln aufweisen, präsentieren sich die Weibchen plump, degeneriert, flügel- und fast beinlos. In den ersten Larvenstadien sind die Weibchen zwar noch mobil und erkunden die Kakteenblätter auf ihren kleinen Beinchen nach saftführenden Adern. Sie sondern auch lange Wachsfäden ab um Gleitschirmfliegern gleich benachbarte Pflanzen zu besiedeln. Im Verlaufe der folgenden Häutungen jedoch verkümmern die Beine, und im adulten Endstadium hängen die Weibchen als Eier produzierende unbewegliche Säcke an den Opuntienblättern, ihre Rüssel tief versenkt in die Blattgefässe. Zum Schutz vor Fressfeinden lagern sie das rote Karmin in ihre Körper ein, das bis zu 24% ihres Trockengewichtes ausmachen kann.

Abbildung 2: „Cochinilla. Johann Jakob Scheuchzer: Kupfer-Bibel (…). Augspurg und Ulm: gedruckt bey Christian Ulrich Wagner, 1731-1735, S. 277. (ETH-Bibliothek, Alte und Seltene Drucke: http://doi.org/10.7890/ethz-a-000466840)

Als die Spanier ihre amerikanischen Ländereien eroberten, übernahmen sie von den Azteken die Cochenillezuchten und bauten ein weltweites Monopol für den hochwertigen Farbstoff aus. Das nach Gold und Silber wichtigste Exportgut wurde in besonders gesicherten Flottenverbänden verschifft und vor Piraten geschützt. Die Orte der Schildlausplantagen, der sogenannten Nopalerien, waren geheim, und den geernteten und getrockneten Cochenilleläuse wurden zudem die Stummelbeinchen und Saugrüssel entfernt, weshalb die europäischen Kunden diese bis ins 18. Jahrhundert für Beeren exotischer Pflanzen hielten.

In seiner Physica Sacra oder Kupfer-Bibel erkannte Johann Jakob Scheuchzer bereits in den 1730er Jahren den wahren Ursprung des Karmins und illustrierte die Cochenillezucht anhand eines Kupferstiches (Abb. 2). Zu sehen sind Erntehelfer auf einem Opuntienfeld sowie Tücher zum Trocknen der Läuse. Am linken unteren Bildrand reihen sich die unterschiedlichen Entwicklungsstadien des Insektes auf.

Als im 19. Jahrhundert erste künstlichen Farbstoffe wie etwa das rote Fuchsin synthetisiert wurden, begann der Niedergang des Cochenillehandels. Obwohl Karmin in Lebensmitteln bis heute zu finden ist, drohen Einschränkungen von verschiedener Seite. Der Zusatzstoff ist nicht vegetarisch und widerspricht den Vorschriften verschiedener Religionen. Ausserdem löste der Insektenfarbstoff verschiedentlich allergische Reaktionen aus – ein Problem, das in Zukunft bestimmt auch bei anderen essbaren Insekten thematisiert werden muss.

 

Literatur:

Correll, Stefanie. 2012. Farbwarenhandel um 1800 – die Würzburger Kaufleute Venino. Siegl, München.

Schweppe, Helmut. 1993. Handbuch der Naturfarbstoffe. Vorkommen, Verwendung, Nachweis. Landsberg/Lech, ecomed.

 

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