Schnipp, schnapp, Nase ab – ein Originalbrief von Tycho Brahe (1546-1601) an der ETH-Bibliothek?

Vor 141 Jahren tunkte Rudolf Wolf, Professor für Astronomie, Mathematik und Vermessungstechnik, gleichzeitig erster Direktor der Hauptbibliothek am Eidgenössischen Polytechnikum, die Schreibfeder ins Tintenfass. Dann notierte er sein eigenes Geschenk an die polytechnische Hausbücherei ins Gabenbuch:

aus dem Gabenbuch 1854 -1897 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-ZWD-Bib01_64_0001)

„Nr 68, Prof.Wolf, Scultetus – Pitiscus und versch. Abhandlungen“ steht seither unter dem Jahr 1877 in den Kolonnen. Nichts weiter. Hatte der grosszügige Gönner etwa das wertvollste Detail übersehen?

Das mit zwei Autorennamen aus den anderen, nicht näher gekennzeichneten Spenden hervorgehobene Werk ist eine Einführung in die Astronomie aus dem Jahr 1595 des Theologen und späteren Prager Bilderstürmers Abraham Scultetus (1566-1624) mit dem Titel Abrahami Sculteti … Sphaericorum libri tres methodice conscripti & utilibus scholiis expositi…. Daran angefügt ist eine Anleitung zur praktischen Anwendung von Winkelfunktionen zu Vermessungszwecken aus der Hand des Mathematikers und Theologen Bartholomäus Pitiscus (1561-1613)  Trigonometria: sive de solutione triangulorum tractatus brevis et perspicuus. Pitiscus verwendet hier erstmals den Begriff Trigonometrie und führt den Punkt als Dezimaltrennzeichen für Dezimalbrüche ein.

Auf der Rückseite des letzten bedruckten Blattes – von Wolf mit keinem Wort erwähnt – folgt schliesslich eine gebräunte Tintenhandschrift. Ein Brief des dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546-1601) vom 19. Februar 1596 an seinen ehemaligen Praktikanten Cunradus Aslacius, den Norweger Cort Aslaksson (1566-1624), mittlerweile Professor der Theologie in Kopenhagen:

«T.B. [= Tycho Brahe] Doctissi illius B. Pitisci de triangulis acutum et compendiosum libellum lubens accepi, rogoque ut illi ex me gratias agas. Optarem plures eiusdemodi concionatore reperiri, qui Geometriva gnaviter callerent, forte plus esset in ijis circumspecti et solidi iudicij, rixarum inanimum et logomachiarum minus. Si is mihi aliquando scrIpserit et de hisce studijs contulerit, inveniet responsorem non invitum. Idem apud alios eruditos viros, quos scis emunctioris nasi, effice.
M. Cunrado Aslacio Bergensi 19, Febr. 1596 Uraniburgi »

Frei und ohne Gewähr übersetzt:

«Erfreut habe ich das scharfsinnige und kurze Büchlein jenes hochgelehrten B. Pitiscus empfangen und bitte dich, ihm meinen Dank auszurichten. Ich wünschte, ich würde mehr solche Prediger entdecken, welche die Geometrie von Grund auf verstehen, vielleicht gäbe es unter ihnen mehr Umsicht und gediegenes Urteil, weniger haltloses Gezänk und leere Wortmacherei. Wenn derselbe mir einmal schreiben und über diese Bestrebungen sich austauschen möchte, würde er auf einen nicht unwilligen Antwortenden treffen. Dasselbe bewirke bei anderen gebildeten Männern, deren Nase wie du weisst geschneuzt ist.»

Die geschraubte Begeisterung lässt ahnen, dass es zu Tychos Zeiten unter den Gelehrten turbulent zu- und herging. Damals wankte das gültige Weltbild. Die Sonne und mit ihr alle Gestirne kreisten nicht länger glaubhaft um die Erde. Vielmehr schienen exakte Beobachtung der Himmelskörper und saubere Berechnung mit neuen mathematischen Methoden darauf hinzudeuten, dass sich womöglich alles ganz anders verhielt. Wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten wurden nicht nur mit scharfer Zunge und spitzer Feder in Debatten und Pamphleten ausgetragen. Sie konnten durchaus in handfeste Streitigkeiten ausarten, im Kerker oder gar auf dem Scheiterhaufen enden.

So hatte bei Tycho Brahe die geschneuzte Nase – laut Langenscheidts Taschenwörterbuch gleichbedeutend mit «gewitzter Kerl» – noch eine schmerzlich reale Bedeutung. Als junger Mann hatte er sich wegen einer mathematischen Formel duelliert. Dabei säbelte ihm der Gegner kurzerhand ein grosses Stück der Nase weg. Seither trug der Astronom eine goldene Prothese. Er hatte sich eine sonst bloss sprichwörtliche blutige Nase geholt und damit eine ebenso sprichwörtliche goldene Nase verdient.

aus: Tychonis Brahe Dani Opera Omnia, Band 7, Hg. I.L.E. Dreier, 1924

1924 wurde der Brieftext in einer dänischen, jedoch lateinisch kommentierten Gesamtausgabe von Tycho Brahes schriftlichem Werk veröffentlicht. «Ex apographo manu scripto in exemplo Abr. Sculteti Sphericorum librorum trium et Bart. Pitisci libri Desolutione trangularum in bibliotheca Academia polytechnicae Turicensis» heisst es da. Doch handelt es sich wirklich um ein apographum, also einen Entwurf, ein Konzept? Oder ist es nicht vielmehr die Endfassung? Könnte es auch eine Abschrift sein? Von wessen Hand? Wann und von wem wurde der Text und insbesondere dessen berühmter Autor entdeckt?

Ob der dänische Sterngucker selber die besagte Blattrückseite beschrieb, mögen die betrachtenden Augen beim Vergleich mit anderen tychonischen Handschriften entscheiden:

aus: Bruun Rasmussen Denmark

Bild: Wallet Collection. Uppsala universitetsbibliothek, Fundort: http://emlo-portal.bodleian.ox.ac.uk/collections/?catalogue=tycho-brahe

Falls der Brieftext nicht ein Entwurf ist, der zusammen mit dem Druck in Tychos Privatbibliothek verschwand, sondern die Endfassung oder eine Abschrift, könnte es sich bei dem belobigten Büchlein statt um ein Geschenk des ehemaligen Schülers an seinen Meister auch um eine Fernleihe an diesen gehandelt haben. Die Buchbesprechung wäre dann eine Empfehlung für die nachfolgende Leserschaft gewesen, ähnlich einem Klappentext in heutigen Büchern.

Da das ursprüngliche Titelblatt der Publikation nicht mehr vorhanden ist, fehlen mögliche Hinweise auf die damaligen und späteren Besitzverhältnisse. Unklar ist damit auch, wo und wie das Werk Wolf in die Hände geraten sein könnte. Da es arg lädiert den Weg in die ETH-Bibliothek fand, war es über die Jahrhunderte aber offenbar häufig gelesen worden und hatte damit seinen Lehrzweck hinreichend erfüllt.

Rudolf Wolf erwarb öfters Bücher in schlechtem Zustand, billige Schnäppchen, oder liess sie sich als ausgesonderte Schadexemplare aus anderen Bibliotheken schenken. Er sammelte nicht nach ästhetischen Kriterien, ihm ging es allein um den Inhalt. Üblicherweise scheute nicht davor zurück, die havarierten Stücke neu einzubinden, schmalen Texten aus verschiedenen Jahrhunderten, ob gedruckt oder handschriftlich, die inhaltlich zusammenpassten, in einem Sammelband Halt zu geben.

Daher fällt oder fiel auf, dass das verlotterte auseinanderfallende Büchlein mit den tintenbraunen Zeilen auf der hintersten Rückseite unangetastet blieb. Wolf hatte also vermutlich das wertvolle Detail nicht übersehen. Ebensowenig seine Nachfolger. Irgendwann erhielt das gute Stück eine Kassette zu seinem Schutz.
Aber 1997 fiel es mit einer Reihe anderer alten Drucke dann doch dem Eingriff einer Buchbinderei zum Opfer. Es erhielt neue Vorsatzblätter, die den Buchblock wieder mit dem abgelösten Bucheinband verbanden. Bei der Prozedur wurde der Buchblock begradigt, das heisst Vorsatzblätter samt Buchblock beschnitten. Hauchdünn zwar, aber trotzdem folgenreich: Wie Tychos Nase wurden die vorstehenden Anfangsbuchstaben seiner Handschrift links und der Absende-Ort unten verstümmelt.

„Habent sua fata libelli“, hätte der nasenlose dänische Himmelsbeobachter wohl kommentiert, die Büchlein haben ihre Schicksale.

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