Flucht und Flötentöne – Lise Meitner zum Gedenken

Fast wäre die Atomphysikerin und verhinderte Nobelpreisträgerin Lise Meitner (1878-1968) Professorin an der ETH geworden. Ein amerikanischer Spion überbrachte ihr – kaum war der zweite Weltkrieg offiziell vorbei – ein Angebot aus Zürich.

Einladung und Programm der physikalischen Woche 30. Juli bis 4. Juli 1936 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3 1936, 232.140 / No. 2082)

Lise Meitner, die am 7. oder 17. November 1878 geborene, protestantisch erzogene Tochter aus jüdischem Elternhaus, hatte trotz aller zu ihrer Zeit zahlreichen Widerstände gegen eine höhere Ausbildung von Mädchen und Frauen sowohl die Matura als auch das Studium an der Universität Wien geschafft. Als Fräulein Doktor reiste sie 1907 nach Berlin, um sich bei der Koryphäe Max Planck in Physik weiterzubilden. Als sie sich auch für einen Laborplatz interessierte, traf sie den Chemiker Otto Hahn, Assistent des Nobelpreisträgers Emil Fischer. Dieser willigte trotz Abneigung gegen eine «Weiberwirtschaft» schliesslich ein, dass beide im Keller in der sogenannten «Holzwerkstatt» zusammenarbeiteten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Meitner nie die oberirdischen Räume des Chemischen Instituts betrete.

In den folgenden Jahren, während denen gesetzliche Verbote weiblicher wissenschaftlicher Betätigung nach und nach dahinfielen, machte sich Lise Meitner mit ihren Forschungen einen Namen als herausragende theoretische Physikerin auf dem Gebiet der Radioaktivität. Sie erklomm die Sprossen der akademischen Hierarchie von der unbezahlten Gastforscherin zur Leiterin der physikalisch-radioaktiven Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie bis hin zur ausserordentlichen Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität ab 1926. Damit war sie die erste Physikprofessorin Deutschlands überhaupt.

In der Schweiz organisierte Paul Scherrer, Professor für Experimentalphysik an der ETH Zürich, ab den späten 1920er Jahren alljährlich eine «Physikalische Woche», zu der er jeweils die internationalen Grössen der Physikwelt einlud. Auch Lise Meitner war regelmässig dabei. So eröffnete sie zusammen mit dem französischen Physiker Frédéric Joliot-Curie 1936 die Veranstaltung mit ihrem Vortrag «Künstliche Umwandlungsprozesse beim Uran».

Rückseite von Einladung und Programm der physikalischen Woche 1936 mit Hinweis auf einen Ausflug bei schönem Wetter am Samstag den 4. Juli 1936

Wie dem Programm zu entnehmen ist, war für den abschliessenden Samstag der Vortragswoche «ein Ausflug vorgesehen. Bei schlechtem Wetter ev. weitere Vorträge und Diskussionssitzung» Wie aufgrund der warmen Kleidung auf der erhaltenen Fotografie zu schliessen ist, war das Wetter am 4. Juli 1936 nicht besonders freundlich gewesen. Man hatte sich aber offensichtlich trotzdem zu einer Bootsfahrt auf dem Zürichsee entschlossen und die Diskussionssitzung kurzerhand auf die schwankenden Schiffsbänke verlegt.

Lise Meitner im Gespräch mit Arnold Sommerfeld, 4. Juli 1936. Bootsfahrt auf dem Zürichsee im Rahmen der Physikalischen Woche, organisiert vom Physikalischen Institut der ETH Zürich (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_14123-002)

Die fotografische Idylle trügt. Bei näherem Hinsehen erscheint sie gar symbolisch. Denn auch im übertragenen Sinn waren Sturmwolken aufgezogen, befanden sich einige der forschenden Fahrgäste auf schwankendem Grund, mussten sie «sich warm anziehen», schifften sie ins Ungewisse: Seit 1933 waren in Deutschland die Nationalsozialisten an der Macht.

Aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums war Lise Meitner anfangs April 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft die Lehrbefugnis entzogen worden. Am nicht staatlichen Kaiser-Wilhelm-Institut war sie als Österreicherin dagegen weiterhin geduldet. Statt gleich in der Schweiz zu bleiben, reiste sie daher nach der «Physikalischen Woche» 1936 nach Berlin zurück, um mit ihren Kollegen Otto Hahn, inzwischen Direktor des Kaiser-Wilhelm Institutes für Chemie, und dem jungen Chemiker Fritz Strassmann die Bestrahlungsexperimente mit Neutronen fortzuführen. Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurde sie jedoch deutsche Staatsbürgerin. Als gebürtige Jüdin war sie nun akut gefährdet.

 

Die Flucht

Schnell sprach sich ihre prekäre Lage in der Fachwelt herum. Otto Hahn begann ihre Flucht zu planen, bat Kollegen im Ausland um Einladungen an Lise Meitner, die ihr den Vorwand zur Ausreise geboten hätten. Die Einladungen kamen, auch von Paul Scherrer aus Zürich. Doch Lise Meitner zögerte, sie war nicht bereit, ohne Aussicht auf eine gesicherte Position auszureisen, sie hätte ihre gesamte Existenz verloren, ihre geliebte Forschung… und wovon hätte sie leben sollen? Als die Lage sich zuspitzte, schrieb ihr Paul Scherrer am 2. Juni 1938:

«Nun raffen Sie sich mal auf und kommen Sie noch in dieser Woche, mit dem Flugzeug ist es nur ein Katzensprung.»

Doch selbst wenn sie gewollt hätte, war das inzwischen nicht mehr möglich. Wissenschaftler wurden neuerdings behördlich daran gehindert, Deutschland zu verlassen. Ohne Visum hätte sie jedoch nicht in die Schweiz oder ein anderes Land einreisen können. Otto Hahn bereitete nun mit seinem niederländischen Kollegen Peter Debye, dem damaligen Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Physik, die illegale Ausreise in die Niederlande vor. Lise Meitner wurde vom angereisten niederländischen Chemiker Dirk Coster am 13. Juli 1938 per Bahn ausser Landes gebracht. Von den Niederlanden gelangte sie über Dänemark nach Schweden, wo die Fluchthelfer für sie am Nobel-Institut in Stockholm einen Forschungsplatz organisiert hatten.

Aber welch ein Schock für die in Berlin mit den neusten Geräten verwöhnte Meitner: Das angebotene Labor erwies sich als dürftig ausgestattete Rumpelkammer, in der sogar die allernötigsten Instrumente wie etwa ein Thermometer fehlten. Sie war in einer wissenschaftlichen Sackgasse gelandet!

 

«Hähnchen, von Physik verstehst du nichts»

Auf dem Korrespondenzweg hielt Otto Hahn seine Kollegin über die neusten Experimente in Berlin auf dem Laufenden. Mehr noch: er versuchte die bisherige Arbeitsteilung des Forschungsteams aufrecht zu erhalten: Er führte jeweils zusammen mit Fritz Strassmann die chemischen Experimente durch, Lise Meitner war für die physikalische Deutung der Ergebnisse zuständig. Einer nicht gesicherten Anekdote zufolge soll sie einmal einen eigenen Erklärungsversuch von Hahn mit den Worten kommentiert haben: «Hähnchen, von Physik verstehst du nichts». So erbat denn Hahn Ende Dezember 1938 nach einem merkwürdigen Versuchsresultat die Meinung seiner Kollegin über die bisher in der Fachwelt undenkbare Möglichkeit, dass der Urankern zerplatzt sein könnte.

«Wäre es möglich, dass das Uran 239 zerplatzt in ein Ba und ein Ma? Es würde mich natürlich sehr interessieren, Dein Urteil zu hören. Eventuell könntest du etwas ausrechnen und publizieren»

Mit ihrem Neffen, dem über die Weihnachtstage aus Kopenhagen angereisten Kernphysiker Otto Robert Frisch, diskutierte Lise Meitner die Frage und publizierte mit ihm zusammen tatsächlich im Februar 1939 die erste korrekte theoretisch physikalische Deutung der Kernspaltung. Um französischer Forschungskonkurrenz zuvorzukommen, hatten Otto Hahn und Fritz Strassmann jedoch die physikalische Publikation nicht abgewartet, sondern ihre Vermutungen selber vorab veröffentlicht.

 

Der Nobelpreis

Für die Entdeckung der Kernspaltung wurde Otto Hahn 1945 der Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944 zugesprochen. Fritz Strassmann, der zusammen mit Hahn hätte bedacht werden müssen, ging leer aus. Er war ja in der Sicht des Preiskomitees «nur» der Assistent gewesen, obwohl er im radioaktiven Berliner Dreigespann eine gleichberechtigte Rolle eingenommen hatte. Seine Auszeichnung hätte den damals gepflegten Kult des einsamen Genies gestört.

Lise Meitner hätte für ihre erste physikalische Deutung der chemischen Vorgänge eigentlich der Nobelpreis für Physik zugestanden. Aber mann zierte sich. Aus dem Nobel-Institut für Physik in Stockholm verstieg sich der Leiter sogar zur Begründung, Lise Meitner habe den Preis nicht verdient, da sie ja seit ihrem Aufenthalt in Schweden nichts mehr von Belang geleistet habe. Dies, nachdem er es gewesen war, der ihr das oben genannte dürftige Labor zugewiesen und sie weiterhin instrumentell sowie finanziell kurzgehalten hatte.

Doch andere Physiker und Chemiker waren sich durchaus der Verdienste Meitners bewusst. So wurde sie von 1924 bis 1965 48-mal für einen der beiden Nobelpreise vorgeschlagen. Aber sie nach dem Nobelpreis an Otto Hahn erst hinterher, korrekterweise zusammen mit ihrem Neffen, für die physikalische Deutung der Kernspaltung auszuzeichnen, wäre dem Eingeständnis eines früheren Fehlers gleichgekommen. Dazu mochte sich das Preiskomitee offenbar nicht durchringen.

 

Flötentöne aus Zürich

Nach der Entdeckung der Kernspaltung begann zwischen Nazi-Deutschland und den übrigen Mächten der Wettlauf des Atombombenbaus. In der neutralen Schweiz hatte der amerikanische Geheimdienst OSS, die Vorläuferorganisation des CIA, sein Hauptquartier aufgeschlagen. Ein in Zürich stationierter Verbindungsmann liess sich von Paul Scherrer, Gegner des Nationalsozialismus, aber bestens vernetzt mit den damals weltweit führenden deutschen Physikern, laufend über die deutschen Fortschritte informieren. Scherrer wurde in den Geheimdienst-Akten unter dem vielsagenden Decknamen «flute» gehandelt.

Paul Scherrer, Professor für Physik an der ETH Zürich, ca. 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_X-S129-001)

Auf Ende 1944 hatte Scherrer den zwischenzeitlich in alliierter Gefangenschaft gewesenen deutschen Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg zu einem Vortrag nach Zürich eingeladen. Längst ging es darum, dem Westen das Wissen deutscher Atomforscher zu sichern und sie von der Sowjetunion fernzuhalten. Ein amerikanischer Spion namens Moe Berg wurde abgeordnet, dem Vortrag Heisenbergs beizuwohnen und, sollte dieser sich über Details zum Atombombenbau verbreiten, ihn zu erschiessen. Heisenberg war jedoch vorsichtig genug, sich zu anderen Gebieten zu äussern und insbesondere zu politischen Fragen zu schweigen. Der Spion sah sich jedenfalls nicht dazu veranlasst, die Pistole aus seiner Tasche zu ziehen.

Nun fristete aber im entfernten Stockholm nach wie vor Scherrers alte Bekannte Lise Meitner ein kümmerliches Dasein. Ob sich künftig der sowjetische Einfluss bis nach Schweden erstrecken würde, war nicht vorherzusehen. Es galt somit, sie dem kommunistischen Zugriff zu entziehen. Gleichzeitig wäre sie dem umtriebigen Scherrer äusserst nützlich gewesen bei seinen eigenen Plänen zur militärischen und zivilen Nutzung der Atomenergie in der Schweiz. So gab er dem Spion einen Brief, datiert vom 26. Juni 1945, an seine Freundin im Exil mit, in welchem er ihr eine befristete Stelle in seinem Institut anbot.

Da es sich mutmasslich erst um ein unverbindliches Angebot handelte, ist in den Akten des Hochschularchivs der ETH Zürich nichts dazu zu finden. Seine eigenen Unterlagen vernichtete Scherrer weitgehend, wohl nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen.

Einer Forscherin vom internationalen Rang einer Lise Meitner hätte die ETH aber wohl nicht nur die Stelle einer Hilfskraft anbieten können. Es hätte mindestens eine Gastprofessur sein müssen. Selbstverständlich wäre das allerdings nicht gewesen, musste sich doch beispielsweise 1933 der emigrierte jüdische Göttinger Professor Paul Bernays, ein Spitzenmathematiker seiner Zeit, mit der Position eines Privatdozenten begnügen. Erst dank der Fürbitte von Kollegen, die eindringlich auf die finanzielle Notlage des Emigranten aufmerksam machten, wurde ihm 1945 eine ausserordentliche Professur zugestanden. Scherrer hätte demnach alle Register seines legendären Kommunikationstalents ziehen müssen, um seiner Kollegin eine angemessene Stellung mit entsprechender Existenzsicherung zu verschaffen.

Aber es kam anders. Lise Meitner lauschte zwar freudig den lockenden Flötentönen aus Zürich, folgte ihnen jedoch nicht. Die Situation war ähnlich wie 1938: Ihre Zukunft wäre wissenschaftlich wie materiell erneut ungesichert gewesen. Wie und wo wäre sie nach der befristeten Anstellung dagestanden? Dem Briefboten gab sie daher als Antwort ein vages «vielleicht» an den Absender mit auf den Rückweg, blieb jedoch in Stockholm. Später zog sie zur Familie ihres inzwischen nach London übersiedelten Neffen. Dort verstarb sie am 27. Oktober 1968.

 

«Mutter der Atombombe»

Kurz nachdem der seltsame Gast aus der Schweiz wieder abgezogen war, bewarfen die USA am 6. und 9. August Hiroshima und Nagasaki mit Atombomben. Lise Meitner, die in ihrem Ferienhaus davon nichts mitbekam, wurde plötzlich von einer Horde Journalisten belagert, die mit der «Mutter der Atombombe» sprechen und sie für die verheerenden Folgen verantwortlich machen wollten. Die höchste Anerkennung der Wissenschaft hatte man ihr vorenthalten, für die negativen Folgen hätte sie nun aber geradestehen sollen.

Nach den schrecklichen Ereignissen wurde nicht nur Lise Meitner, sondern auch Otto Hahn und Fritz Strassmann verdächtigt, gezielt auf die Atombombe hingearbeitet zu haben. In diesem Sinne gelange auch der Schriftsteller Carl Seelig, der an verschiedenen Werken über Albert Einstein arbeitete, mit einem Fragenkatalog an das Forschungsteam.

Otto Hahn antwortete am 27. Juli 1955:

«Sie wollen Auskunft haben über den ‘Wettlauf‘ um die Herstellung der Atombombe. Da kann ich Ihnen aber nur sagen, dass es sich eigentlich um einen Wettlauf nicht gehandelt hat und nicht hat handeln können. Ich schicke Ihnen hier […] einen Artikel von Prof. Heisenberg, aus dem Sie […] das entnehmen können, was die Deutschen während des Krieges über die Nutzbarmachung der Atomenergie probiert haben. Ich glaube, das gibt tatsächlich die Lage wieder.
[…] Ich habe gelegentlich einmal in einer zahlreichen Mitteilung von Professor Einstein gelesen, dass Herr Strassmann und ich gar nicht gewusst hätten, was wir machten, sondern dass das Hauptverdienst der Arbeit Professor Meitner zuzuschreiben sei. Bei aller Freundschaft zu meiner Kollegin war diese Art der Darstellung nicht korrekt.»

Fritz Strassmann antwortete am 19. September 1955:

«Die Formulierung Ihrer Fragen lässt mich vermuten, dass Sie die Entdeckung der Uranspaltung als Ergebnis einer bewussten Forschungsarbeit betrachten Ich möchte statt einer kurz formulierten Antwort Ihrer Fragen die Entwicklung der Forschungsarbeiten in den verschiedenen Ländern schildern […]»

 

Lise Meitner an Carl Seelig, 30. Juli 1955 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 304: 822)

 

Lise Meitner ihrerseits antwortete am 30. Juli 1955:

«So sehr ich an Einsteins ‘Mein Weltbild? Interessiert bin, das ich nicht kenne und sicher auch Ihrer Biographie gern mein Interesse zuwenden würde, bin ich nicht in der Lage Ihre Fragen zu beantworten. Weder Professor Otto Hahn oder ich selbst haben den leisesten Anteil an der Entwicklung der Atombombe gehabt.»

 

Liese Meitner an Carl Seelig, 28. September 1959 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 304: 823)

Doch Seelig liess sich nicht von seiner Sicht der Dinge abbringen. Noch am 28. September 1959 schrieb ihm Lise Meitner nachdrücklich zurück:

«Darf ich zunächst zu Ihrem Brief zwei Bemerkungen machen. Ich habe nicht das Geringste mit der Konstruktion der Atombombe zu tun gehabt, und habe während der Kriegsjahre 1939-1945 immer innerlich gehofft und gewünscht, dass ihre Konstruktion nicht zustande kommen würde.»

Anders als Otto Hahn, der keinen Anlass zu irgendwelchen Schuldbekenntnissen wegen der Folgen seiner Entdeckung sah, begann Lise Meitner jedoch schliesslich an ihre Mitschuld zu glauben.

Nachweise:
…folgen später…

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