Revolte und Reform – Die 68er und die ETH

Globuskrawalle, Revolten gegen das Establishment – 1968 war auch in der Schweiz ein historischer Wendepunkt. Aber fand 68 auch an der ETH statt?

Sommer 1968 – im Rahmen der Demonstrationen für ein autonomes Jugendzentrum (AJZ) kommt es in Zürich zu heftigen Zusammenstössen zwischen der Polizei und jugendlichen Demonstranten. Die sogenannten Globuskrawalle erschüttern Zürich. Anders als in den USA oder anderen europäischen Staaten scheinen sich die Jugendunruhen jedoch nicht auf die studentischen Organisationen zu übertragen. Der Verband der Studierenden an der ETH (VSETH) versucht gar zwischen Jugendbewegung und den städtischen Behörden zu vermitteln. Aber der Schein trügt. In der traditionell politisch zurückhaltend agierenden Studentenschaft der ETH gärt es unter der ruhigen Oberfläche.

Die in Fachschaften organisierten Studierenden beginnen bereits im Frühjahr 1968 in den Fakultäten mit den Departementsvorstehern über eine Neugestaltung des Studiums zu debattieren. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist jedoch ein neues ETH-Gesetz, das in der Hersbstsession 1968 in National- und Ständerat ohne Gegenstimme verabschiedet wird. Die im Vergleich zum Gründungsgesetz von 1854 lediglich oberflächlich überarbeitete Fassung sollte die Übernahme der École polytechnique de l’Université de Lausanne (EPUL) durch den Bund ermöglichen. Nun begehren die ETH-Studierenden auf. Sie beklagen, dass das Gesetz ohne vorherige Anhörung von Dozenten und Studenten erlassen wurde. Ausserdem habe es die Schulleitung verpasst, die Autonomie der Hochschule, Mitbestimmungsrechte für die Studierenden und eine Demokratisierung der Hochschule im Gesetz zu verankern.

Titelblätter der Ausgaben 06 und 007 des offiziellen Organs des VSETH vom 25. November und 2. Dezember 1968 mit der Aufforderung an der Urabstimmung teilzunehmen (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 1995 VSETH).

In einer Urabstimmung beschliessen die Studierenden der ETH am 2. und 3. Dezember, das Referendum zu ergreifen. Doch den nur locker über die Fachschaften und den VSETH organisierten Studierenden bleibt nur wenig Zeit. Bis zum 9. Januar müssen mindestens 30’000 Unterschriften gesammelt und beglaubigt werden. Zu allem Übel fallen die Feiertage in die verbleibenden 37 Tage.

Beglaubigte Unterschriften Stand 3.1.1969 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 1995 VSETH).

Dennoch gelingt das Kunststück. Dank dem unermüdlichen Einsatz des Komitees Referendum und zahlreicher Freiwilliger, unkonventioneller Methoden, aber auch mithilfe der guten Vernetzung der ETH-Studierenden in allen Kantonen konnte der VSETH Anfang Januar «die 48’256 beglaubigten Unterschriftskarten in der Form eines folkloristisch-politischen ‘Umzuges’ in der Bundeskanzlei ‘zu getreuen Handen übergeben’.» (ETH-Bulletin, Jg. 2, Nr. 8, Feb. 1969. S. 9)

Inszenierte Übergabe der beglaubigten Unterschriften an die Bundeskanzlei in Bern (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Com_L18-0021-0037).

Eine Pause ist den erfolgreichen Unterschriftenjägern jedoch nicht vergönnt, denn nach der Unterschriftensammlung ist vor dem Abstimmungskampf.

Mehr zum Thema erfahren Sie an der öffentlichen Abendführung vom 2. Oktober 2018. Begleitet von den Erinnerungen Urs Maurers, Zeitzeuge und damaliger Delegierter des Studierendenverbands, zeigt das Hochschularchiv der ETH Zürich Originaldokumente, die das Ringen um studentische Mitbestimmung dokumentieren.

 

Literatur:

David Gugerli, Patrick Kupper und Daniel Speich, Die Zukunftsmaschine: Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005. Zürich, 2005.

Urs Lengwiler, Daniel Kauz, Simone Desiderato: Was Studenten bewegt: 150 Jahre Verband der Studierenden an der ETH. Baden 2012.

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