Edition mit Hindernissen – Thomas Manns Briefe an Agnes E. Meyer

Vor kurzem erreichte das Thomas-Mann-Archiv ein unerwartetes, aber umso interessanteres Geschenk. In einem grossen Briefumschlag kamen viele Seiten von Durschlagpapier zum Vorschein, das an den Rändern recht vergilbt aussah.

Das Typoskript

Beigelegt war ein erklärender Brief. Die Geschichte der Seiten, bei denen es sich, neben einem kleinen Briefwechsel zwischen dem Schenker, Günter Rebing, und Katia Mann, um den Durchschlag eines Typoskripts handelte, geht auf den Anfang der 1960er Jahre zurück. Das Typoskript behandelt auf 25 Seiten in Auszügen die mehr als 300 Briefe von Thomas Mann an Agnes E. Meyer, die kurz zuvor von Agnes E. Meyer der Yale University für die dort angesiedelte Thomas Mann Collection überreicht worden waren. Laut beiliegendem Brief wurde Günter Rebing, damals ein junger Germanist an der Yale Universität, mit der Durchsicht der Briefe und einer ersten Veröffentlichung derselben beauftragt, mit der Auflage, die Arbeit der Witwe Thomas Manns, Katia Mann, vor dem Druck vorzulegen.

Der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Agnes E. Meyer ist durch seine Intensität und seine Dauer ein besonderer, selbst für den regen Briefeschreiber Thomas Mann. Er lernt die streitbare Journalistin und Mitherausgeberin der Washington Post im April 1937 kennen, als sie ihn auf seiner dritten Amerikareise interviewt (sich dabei aber nicht als Besitzerin der Washington Post zu erkennen gibt). Sie wollte den von ihr bewunderten Verfasser des Zauberbergs unbedingt näher kennenlernen.

Agnes E. Meyer liess nicht locker, bis sich tatsächlich ein Briefwechsel entwickelte. Um Thomas Mann zu überzeugen war dann allerdings doch der Hinweis auf die Besitzerschaft der Washington Post und das Angebot, diese als exklusives Publikationsorgan in Amerika zu nutzen, sowie die Möglichkeit zu einer grossen Lecture in Washington mit ausgewähltem Publikum nötig.

Agnes E. Meyer war eine studierte, emanzipierte und sehr gebildete Frau, eine der bedeutendsten Journalistinnen ihrer Generation, die ein glänzendes Englisch schrieb, aber sich auch in Deutsch und Französisch sehr gut ausdrücken konnte. Zudem hatte sie sowohl die finanziellen Mittel, als auch grosse Einflussmöglichkeiten in Politik, Publizistik und der Verwaltung der USA, um Thomas Mann und seiner Familie in Amerika, wohin sie 1938 emigrierten, überaus nützlich zu sein. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich diese ungewöhnliche Briefpartnerschaft, in der es hauptsächlich um zwei Dinge ging: Thomas Manns literarisches Werk und dessen kulturhistorische Einordnung sowie der Austausch über politische Fragen. Über das Politische wurde natürlich besonders intensiv während des 2. Weltkrieges geschrieben, der sich bei ihrem Kennenlernen schon dunkel am Horizont andeutete.

Die über 300 Briefe, die Thomas Mann zwischen 1937 und 1955 an Agnes E. Meyer geschrieben hatte, lagen nun Anfang der 1960er Jahre auf einem Tisch in Yale vor dem jungen Germanisten Günter Rebing. Nach Durchsicht des Material hatte er sich dafür entschieden, «Thomas Manns verbitterte […] Urteile über die Deutschen nach dem Kriege» zum Kernthema seines Artikels über den Briefwechsel zu machen, der in der Yale University Library Gazette erscheinen sollte. Gut 15 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs hielt er dies für angemessen. Er arbeitete also dieses Thema anhand von vielen Briefzitaten auf 25 getippten Seiten aus und schickte das Typoskript wie vereinbart an Katia Mann.

Die Antwort kam prompt, aber zu seiner unangenehmen Überraschung verweigerte Katia Mann die Genehmigung zum Druck. Gerade die Briefstellen, in denen sich Thomas Mann verbittert über Deutschland und die Deutschen äusserte, missfielen der Witwe. Zwar waren einige davon bereits bekannt, wie sich Günter Rebing verteidigte, doch noch nie in einen so engen Kontext gesetzt worden

Der Briefwechsel zwischen Katia Mann und Günter Rebing

Dazu muss angemerkt werden, dass das Verhältnis Thomas Manns zu Deutschland nach dem Krieg ein schwieriges war. Er kehrte auch nie mehr in sein Geburtsland zurück, stattete höchstens kurze Besuche ab, besonders als er 1952 in die Schweiz zurückkehrte, in der er vor dem Krieg bereits einige Jahre gelebt hatte. Die Schriftsteller, die unter der Naziherrschaft in Deutschland geblieben waren, die eine von ihnen so genannte «innere Emigration» vollzogen hatten, nahmen Thomas Mann dieses «draussen bleiben» nach dem Krieg übel und vergifteten damit das Klima für den Dichter in Deutschland nachhaltig bis weit nach seinem Tod. Es bestärkte Thomas Mann in dem Glauben, dass sich in Nachkriegsdeutschland nicht viel zum Guten geändert hatte. Dies war der Witwe im Gegensatz zum jungen Germanisten sehr bewusst, weshalb sie die Aufarbeitung dieser besonders prägnanten Stellen lieber einer späteren Generation überlassen wollte.

Günter Rebing tat sein Bestes, um die besagten Stellen zu ändern, aber sein erster Versuch ging Katia Mann noch nicht weit genug. Deshalb schrieb sie in einem zweiten Brief an den Germanisten sehr genau, was er alles zu entfernen hätte.

Dies führte dazu, dass 4 Seiten samt Fussnoten komplett gestrichen werden mussten. Im Durchschlag des Typoskripts sind sie mit roter Farbe durchkreuzt und mit der Anmerkung versehen: «Alles rot durchstrichene auf Verlangen von Frau Thomas Mann gestrichen».

Die Anmerkung zur Streichung von 4 Seiten auf dem Typoskript

Da die Vorbereitungen zum Druck schon weiter fortgeschritten waren, führte dies zu der seltsamen Situation, dass in der Publikation die Fussnoten 23-29 fehlen.

Die fehlenden Fussnoten in der Publikation

Als Lohn bekam Günter Rebing nicht nur die Abdruckgenehmigung von Katia Mann, sondern gut drei Monate später einen letzten Brief in dieser Sache. In diesem bedankt sie sich nochmals ausdrücklich dafür, dass er ihre Bedenken berücksichtigt hat, und lobt, ganz versöhnlich, seinen interessanten Artikel.

 

Literatur

Günter Rebing: Thomas Mann’s letters to Agnes E. Meyer, in: The Yale University Library Gazette, Jg. 39, 1964, Nr. 1, S. 9-29

Julia Schöll: Bilaterale Gespräche: zum Briefwechsel zwischen Agnes E. Meyer und Thomas Mann, in: Strobel, Jochen (Hrsg.): Vom Verkehr mit Dichtern und Gespenstern, Heidelberg: Winter, 2006, S. 297-321.

Hans Rudolf Vaget (Hrsg.): Briefwechsel 1937-1955: Thomas Mann, Agnes E. Meyer, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1992.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.