Die Übergänge und Brüche in der Lebensgeschichte eines Buches: Spuren von Vorbesitzern in ‚Differenza tra ‚il cibo e’l cioccolate‘

Besitzeinträge in Büchern informieren in erster Linie über die Eigentümer eines Buches. Darüber hinaus können sie aber auch, wie das Exemplar des 1680 veröffentlichten Werkes Differenza tra ‚il cibo e’l cioccolate (…) (Der Unterschied zwischen der Speise und der Schokolade) im Bestand der Alten und Seltenen Drucke der ETH-Bibliothek zeigt, Hinweise über den weiteren sozialen und kulturellen Kontext geben, in denen das Buch genutzt wurde.

Die Publikation entstand im Kontext einer intensiv geführten Debatte im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts um das Für und Wider des Konsums von Schokolade während der Fastenzeit. In dieser Zeit kam Schokolade als Heissgetränk und Luxusgut in der europäischen Gesellschaft auf. Der Diskurs, ob es sich bei der Schokolade um ein Getränk ohne Nährwerte, welches während der Fastenzeit konsumiert werden durfte, oder um eine Speise handelte, fand ihren Niederschlag in zahlreichen Publikationen. So war das Werk Differenza tra ‚il cibo e’l cioccolate (…) eine Replik auf einen Brief von Francesco Felini, der sich gegen den Konsum der Schokolade während der Fastenzeit richtete, da er Schokolade als Speise einstufte. Gudenfridi hingegen beschrieb sie als Arznei ohne nährende Wirkung:

Il Cioccolate è un Lattovaro, che non hà Ingrediente alcuno nutritivo.

Über die Entstehung der Publikation und den Autor ist wenig bekannt. Ein handschriftlicher Eintrag auf der Titelseite des Buches deutet aber darauf hin, dass es sich beim Namen des Autors um ein Pseudonym eines Jesuiten aus Perugia handelt: «Cioè dal P. Gio[vanni] Batt[ist]a Buonapaci Perugiono della Comp[agni]a di Giesù» (möglicherweise Giovanni Battista Bonapace).

Ein weiterer handschriftlicher Eintrag weist das Exemplar als ein Geschenk des Autors an das Jesuitenkollegium in Perugia aus.

Die Jesuiten führten seit dem 16. Jahrhundert bis zum Verbot des Ordens 1773 durch Papst Clemens XIV. in Perugia ein Kollegium. Es überrascht nicht, dass ein Werk, das für den Konsum von Schokolade während der Fastenzeit plädierte, sich in der Bibliothek des Kollegiums befand, verfügten die Jesuiten doch über einen grossen Teil des Handels mit Schokolade, der zudem eine wichtige Einnahmequelle bildete.

Wie lange das Buch in der Bibliothek des Jesuitenkollegiums verblieb, kann anhand der Besitzerspuren nicht ermittelt werden. Der Bibliotheksbestand von 1773 wurde nach dem Verbot des Ordens auf Anordnung von Papst Clemens XIV. der Stadt Perugia übertragen und in die Biblioteca Augusta überführt. Im Buch lassen sich keine Hinweise ermitteln, ob es in die Biblioteca Augusta gelangte oder von den Jesuiten schon früher weitergegeben oder weiterverkauft worden war.

Ein weiterer Besitzeintrag findet sich erst um die Wende zum 20. Jahrhundert wieder, als sich Schokolade aufgrund verbesserter Verarbeitungs- und Transportmöglichkeiten von einem Luxusgut zu einer allgemein erschwinglichen Ware entwickelte. Ein Exlibris, auf dem ein Hünengrab und ein Zitat von Walther von der Vogelweide zu sehen sind, stammt von Carl Hartwich.

Carl Hartwich war zwischen 1892 und 1917 Professor für Pharmakognosie, Pharmazeutische Chemie und Toxikologie an der ETH Zürich und galt als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Erforschung von Genuss- und Suchtmitteln. Als sein wichtigstes Werk gilt das 1911 erschienene Buch Die menschlichen Genussmittel, ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung. Darin beschrieb er neben Schokolade zahlreiche weitere Mittel wie Opium, Hanf, Alkohol, Kaffee, Tee und Tabak. Neben der Forschung und Lehrtätigkeit baute er eine bedeutende Pharmakognostische Sammlung mit Objekten aus der ganzen Welt auf, die für die Nutzung von Genussmitteln eingesetzt wurden, aber auch eine umfangreiche Drogen- und Büchersammlung.

Wie ein Stempel zeigt, wurde das Buch nach Hartwichs Tod von der ETH erworben und verblieb im Pharmazeutischen Institut, bis es 1962 in den Bestand der Alten und Seltenen Drucke überführt wurde.

Ein grosser Teil der Pharmakognostischen Sammlung befindet sich heute als Leihgabe im Pharmazie-Historischen Museum in Basel.

 

Literatur:

Ulrike Gleixner, Constanze Baum, Jörn Münkner und Hole Rößler (2017): Biographien des Buches. Kulturen des Sammelns. Akteure, Objekte, Medien. Göttingen: Wallstein Verlag.

Sophie D. Coe, Michael D. Coe (1997): Die wahre Geschichte der Schokolade. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.

Natale Vacalebre (2013): The library of the Jesuit College of Perugia. New Research Tools. In: Kinga Földváry (ed.): International Research Universities Network and Catholic Universities Partnership Graduate Students’ Conference. Conference Proceedings. Piliscsaba: Pázmány Péter Catholic University, S. 11-15.

 

 

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