Geister und Grazien an der ETH Zürich: Der Silver Ghost von Bernhard Luginbühl

Geister und Grazien gaben den Titel der ersten Kunstführung an der ETH Zürich am 31. Oktober 2016. Nachdem die drei Grazien von Eduard Zimmermann mit ihrem Brunnen im Beitrag vom 27. Januar 2017 vorgestellt wurden, ist es nun Zeit den „silbernen Geist“ der ETH Zürich ins Rampenlicht zu holen.

Silver Ghost ist ein Werk des Berner Künstlers Bernhard Luginbühl, einem der bekanntesten Vertreter der Eisenplastik der Nachkriegszeit in der Schweiz. 1964 nahm er gleichzeitig an der Documenta in Kassel und an der Biennale in Venedig teil, den zwei wohl bekanntesten Bühnen für zeitgenössische Kunst. Silver Ghost entstand zwei Jahre später im Jahr 1966. Titel, Jahr und Künstler sind auf dem Werk zu finden: Der Titel und das Jahr sind prominent im Sockel eingeschweisst, während die Künstlersignatur etwas besser versteckt ist.

Silver Ghost, Ansicht von Süden, Detail der Künstlerinschrift. ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki_00169-01 / CC BY-SA 4.0

Silver Ghost, Ansicht von Osten, Detail des Schraubenschlüsseln mit Kürzel „LUGIN“. ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki_00169-03 / CC BY-SA 4.0

Es ist naheliegend, dass die farbige Fassung der Plastik ihren Namen gibt. Das behauptete auch der Künstler selbst, der dem Silver Ghost seine Farbe gab, „als er ursprünglich in Sonsbeek im Wald aufgestellt werden sollte und von Laub und Ästen aufgefressen worden wäre“, hätte sein Schöpfer ihn eisenfarbig gelassen.

Und trotzdem ruft der Titel heute noch Assoziationen hervor, wie zum Beispiel bei einem Teilnehmer der Kunstführung zum Rolls-Royce Automobilmodell Silver Ghost.

Spätestens an diesem Punkt müssten alle Autokenner, unter den kunstinteressierten Lesenden, ihre Aufmerksamkeit auf die Ähnlichkeiten zwischen unserem Silver Ghost und dem weltbekannten Oldtimer richten.

Rolls Royce Silver Ghost Cabriolet 1926 am Autosalon in Genf, 1974. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Vogt, Jules / Com_M23-0037-0512 / CC BY-SA 4.0 ()

Bernhard Luginbühl, Silver Ghost, Gesamtansicht von Südosten. ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki_00169-02 / CC BY-SA 4.0 

Der britische Automobilhersteller Rolls-Royce produzierte den Typ Silver Ghost zwischen 1906 und 1925 als Teil der Baureihe Rolls-Royce 40/50 hp. Silver Ghost galt bis vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, dank seiner fortschrittlichen Technik, als bestes Auto der Welt (vgl. Wikipedia „Rolls-Royce Silver Ghost“, https://de.wikipedia.org/wiki/Rolls-Royce_Silver_Ghost, zuletzt gesehen am 18.07.2018). Die Lackierung war wie bei Luginbühls Silver Ghost auch silberfarbig. Nicht nur die Lackierung leitete zu dem Name sondern auch die geringe Geräuschentwicklung dieses neuartigen Automobiltyps.

Laut Luginbühl darf aber die Benennung seiner Plastiken nicht zu wichtig genommen werden, weil die Vergabe der Namen nicht das Ziel verfolgt, die Werke zu interpretieren. Es sei eher das Werk selbst oder einzelne Bestandteile davon, die namensgebend sind.

War also die fertige Erscheinung des skeletthaften Eisengebildes mit seinen Rundungen und seiner geisterhaften Leichtigkeit oder waren es die einzelnen Bestandteile, wie die Riffelbleche als Trittbrette, die den Künstler auf diesen bekannten „Fantasiename“ hinführten? Und kam die Farbe vor dem Titel oder war es die Benennung, welche die Farbigkeit des Werkes bestimmte? Oder besteht vielleicht gar keine Verbindung zwischen den beiden Werken?

Bekannt ist, dass Luginbühls Werke aus der Wiederverwendung von Fundgegenständen, sogenannten „objets trouvés“, entstehen. Besonders aus Industrieabfällen, die als Zeugen eines vergangenen technischen Zeitalters gesehen werden. Die Fundstücke bekommen ein zweites Leben, weg von ihrer ursprünglichen funktionalen Bestimmung. Sie dürfen als Eisenplastik an diese vergangene Zeit erinnern, oder diese „zelebrieren“ und den unaufhaltsamen Fortschritt der technischen Entwicklungen ins Gedächtnis rufen. Darf der Silver Ghost als Denkmal für den Rolls-Royce Meilenstein der Automobiltechnik gelesen werden?

 

Die Eisenplastik Silver Ghost ist ein Geschenk von Theo und Elsi Hotz an die ETH Zürich und steht seit 2003 auf der südwestlichen Terrasse des Hauptgebäudes. Sie ist Teil des Kunstinventars der ETH Zürich.

Das gesamte druckgraphische Werk von Bernhard Luginbühl wird seit 1993 auf Wunsch des Künstlers in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich aufbewahrt, die im Jahr 1996 ein Werkverzeichnis des gesamten druckgraphischen Werks Luginbühls herausgab.

 

Literatur:

Jochen Hesse: Bernhard Luginbühl. Werkkatalog der Plastiken, 1947-2002, Oevrekataloge Schweizer Künstler, 21, Zürich: 2003

Bernhard Luginbühl, in: Du, Nr. 867, Juni 2016

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