Gletscherschwund oder Gletscherwachstum? Arnold Eschers Exkursion zum Fieschergletscher 1841

Haushohe Eisblöcke, die Weiden und Scheunen zerstören und Kulturland bedecken, sind den Menschen im Wallis nach 1800 noch gegenwärtig. Die Anfänge der Glaziologie als Forschungsfeld zeichnen sich ab. Der Geologe Arnold Escher reist bereits 1841 zu mehreren Schweizer Gletschern und trägt mit eigenen Messungen und Beobachtungen zur damals neuen Gletschertheorie bei.

Während gleich zwei grossen Sommerexkursionen widmet sich Arnold Escher im Hochsommer 1841 dem Studium von Gletscherphänomenen. Er vertieft sein Wissen und überprüft systematisch die in der Literatur angeführten Belege. Wenn es nötig ist, sucht er sogar die älteste Kirche der Gegend auf, um an Ort alle ihm zugänglichen Quellen der Überlieferung auszuschöpfen. Doch zu dieser Suche klangvoller Beweisstücke weiter unten mehr. Wie immer notiert er sich Beobachtungen, Begebenheiten und Folgerungen, um sie in seinem Reisetagebuch detailliert und mit Verweisen auf Zeichnungen, Skizzen und Steinproben festzuhalten. Im Fall der Gletscherstudien von 1841 sind die Schilderungen im fünften Band enthalten, der sich wie die wissenschaftliche Korrespondenz und die auf den Reisen geschaffenen Zeichnungen im Nachlass Eschers im Hochschularchiv der ETH Zürich befindet.

Abb. 1: Zeichnung vom Gletscherrand am 30.6.1841, Arnold Escher beobachtet am Ostarm des Fieschergletschers, wie Gletscherschliff entsteht, aufgenommen für das Tagebuch und auf einem separaten Blatt – ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:733c, doi: 10.7891/e-manuscripta-4045

1833 hatte der Walliser Ingenieur Ignaz Venetz eine Chronik der Klimaschwankungen herausgegeben. Zuvor hatte er schon mehrfach über Gletscherschwankungen und Klimaveränderungen referiert. Ab dem späten 18. Jahrhundert, seit Horace Bénédict de Saussures Pionierleistungen in den Alpen, zeichnet sich ein Umdenken ab. Neue Überlegungen und Ideen nehmen Gestalt an. Ignaz Venetz unterhält sich mit Louis Charpentier aus Lausanne, der Münchner Karl Friedrich Schimper referiert 1835/36 über den Transport erratischer Blöcke durch Gletscher. Ab Mitte der 1830er Jahre werden die Hypothesen über verschiedene Gletscherphänomene detaillierter und der Ansatz, dass auf der Welt eine Eiszeit geherrscht hat, wird zuerst skeptisch, dann immer öfter zustimmend beurteilt.

Abb. 2: Der Pierre à Bot in Neuchâtel, ein Findling vom Mont Blanc, gilt seit 1838 als „kostbares Monument der Naturgeschichte“, undatierte Aufnahme im Nachlass Eschers – ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:839d, doi: 10.7891/e-manuscripta-4949

Die neusten Thesen, mit denen sich Gelehrte wie Jean de Charpentier, Arnold Escher und andere auseinandersetzen, werden insbesondere durch den Naturforscher Louis Agassiz vertieft, der seine eigenen und die von anderen gewonnenen Erkenntnisse sammelt und weiterverfolgt. Er sorgt für systematische Untersuchungen auf dem Unteraargletscher, wo er zusammen mit einer Arbeitsgruppe ab 1837 ein Basislager einrichtet, wie schon zuvor der Solothurner Franz Josef Hugi, und wo er Analysen und Messungen vornimmt. 1840 und 1841 erscheinen Publikationen dazu. Arnold Escher erstellt seinerseits ein Reiseprogramm, das ihn an und auf verschiedene Gletscher in der Schweiz führt. Über den Aufenthalt und die Exkursionen in Zermatt zum Gorner- und Findelgletscher im August habe ich in einem früheren Blogpost schon einmal berichtet.

Gegen Ende Juni besucht Escher Fiesch und erkundet den Fieschergletscher und dessen Umgebung. Leisten wir ihm Gesellschaft und folgen hier diesem Ausschnitt der Gletscheruntersuchungen.

Abb. 3: Der Fieschergletscher 1850, wenige Jahre nach dem Besuch durch Arnold Escher – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_1458-GK-B004-1850-03

Wir schauen dem Geologen über die Schulter, als er den Westarm des Fieschergletschers erkundet, und wir steigen mit ihm zur Gletscherzunge am Ostarm auf. Es ist dies der zweite, vom Gletscher aus gesehen linke Arm, den es im 19. Jahrhundert noch gab. Wenige Jahrzehnte später wird der Gletscher so weit zurückgerückt sein, dass er keine ins Tal greifenden Arme mehr aufweist.

Abb. 4: Im 19. Jahrhundert besteht der Fieschergletscher im untersten Teil noch aus zwei Gletscherarmen, die heute verschwunden sind. – Kartenausschnitt Swisstopo

Am 27. Juni 1841 kann Escher nach einigen Regentagen zum damaligen Westarm hinauf starten. Er geht durch das Fieschthal und notiert für das Reisetagebuch:

„…zu beiden Seiten und im Bachbette Granitfelsen … Diese Felsen sind sämtlich schön geglättet , auf ihnen auch zahlreiche flache Furchen von einigen Linien bis einige Zoll Breite und wohl höchstens ½ Zoll Tiefe; sie laufen unter einander ziemlich parallel in die Richtung des Thals und des Wasserabflusses, an andern Stellen blosse Abglättung, keine Furchen, von den Stries fines [frz. für Gletscherrillen] sah ich hier trotz der grössten Aufmerksamkeit nichts. Ausser diesen Abglättungen hier und da sehr hübsche Canaele, durch das Wasser ausgegraben.
Alle diese Formen schienen deutlich entstanden durch die Bewegung der Steine unter dem Gletscher, die das Wasser über den Felsgrund wegführt.“

Abb. 5: Arnold Escher beobachtet zahlreiche Furchen und Abglättungen wie hier auf einer Fotografie von 1908 erkennbar, die aus dem Archiv der Gletscherkommission stammt. – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_1458-GK-B004-1908-11

Angekommen beim Gletscher widmet sich Escher detaillierten Untersuchungen. Er notiert Beobachtungen zum Gletscherschliff, zu Vorkommen und Verlauf der Linien, zur Entstehung der Spalten, für die seine Beurteilung „sicher keine Auswaschung“ lautet. Schliesslich folgt eine genaue Beschreibung des Eises an der Oberfläche.

Abb. 6: Gletscherspalten, die sich aus dem Gletscher in Lawinenschnee fortsetzen, am Westrand des westlichen Gletscherarms, gezeichnet am 27.6.1841 – ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:733g, doi: 10.7891/e-manuscripta-4320

Die im Gletscher vorhandenen Spalten werden von Escher ebenso gezeichnet, wie er die Situation an der Gletscherzunge festhält. Damit die Zeichnungsposition verortet werden kann, fertigt er für sein Tagebuch eine Skizze an.

 

Abb. 7, 8: Tagebucheintrag für die Aufnahme der Gletscherzunge am Westarm und die zugehörige Skizze von einem Fels am alten Gletscherufer, „gemacht oberhalb von einem Gätterli, 27. Juni 1841“ – ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4a:249, S. 149 & Hs 4c:527a, doi: 10.7891/e-manuscripta-3789

Zudem zeichnet Escher die im Eis vorgefundenen Luftblasen in ungefähr natürlicher Grösse ab und beschreibt sie als Scheibchen. Er nimmt für das Tagebuch auch ihr Profil auf. Die im Eis enthaltenen Gesteinstücke erhalten eine genaue Schilderung und eine detaillierte Vemessung. Escher bezeichnet die Gesteinsstücke als „Unreinigkeiten“.

„Dass diese Unreinigkeiten Ausfüllung einer Spalte gewesen seien, die später eine horizontale Lage angenommen, kann ich unmöglich glauben, indem diese Unreinigkeiten sich überall vorfanden in der Nähe des Bauchs des Gletschers.“

Schliesslich folgen Temperatur und Luftmessungen in einer Spalte ziemlich weit vom Spaltenausgang entfernt. Die Luft in einiger Entfernung vom Gletscher wird ebenfalls zum Vergleich gemessen. Und zusätzlich wird der Wind vermerkt: „Oft drang vom Gletscher herab ein warmer Fönwind.“

Arnold Escher ist erst zufrieden, als es ihm gelingt, einen Hohlraum unter dem Gletscher zu betreten.

„An einer Stelle Eindringen unter den Gletscher. Der Granit Boden ist ganz geglättet. An der Decke der Höhlung theils Steine noch fest eingebacken, theils Höhlungen von Steinen, die bereits auf den Boden gefallen, theils Steine lose auf dem Granit Boden liegend. Diese überdiess mit feinem und gröberm Sande bedeckt. Der Abreibungsprozess durch diese Steine, bewirkt beim Vorrücken der Gletscher, ist ganz klar.“

Der Tageseintrag vom 27. Juni endet mit Bemerkungen zum Verlauf der Geröllhügel in der Nähe des Gletschers.

„Moräne. In bedeutender Entfernung vom jetzigen Gletscher an der Ostseite 40-50‘ [d.h. rund 15 Meter] hohe Moräne, auf der wohl 80-100 Jahre alte Weidenbäume. Die Zeit ihrer Bildung unbekannt. Sie endet in der Gegend der obersten Brücke; nach Platters (84 Jahre alt) Versicherung hat sich die Gletsche seit einigen Jahren bedeutend vom Gletscher zurückgezogen und sein Ende viel niedriger geworden.“

Abb. 9: Der Gletscherstand geht während der nächsten 60 Jahre stark zurück. Das Ende des Fieschergletschers von Westen gesehen am 6. Okt. 1908,  – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fotograf: O. Lütschg – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia_280-098 / CC BY-SA 4.0

Belege für Gletscherschwankungen finden sich nicht nur im Gelände, sondern auch in der Überlieferung. Arnold Escher trägt vor Ort sorgfältig die erhaltenen Auskünfte zusammen und geht verschiedenen, in Publikationen genannten Belegen nach. Es gilt, Legenden und Behauptungen von wissenschaftlich überprüfbaren Aussagen trennen zu können.

„Betreffend der Behauptung dass im 16. Jahrhundert eine fortwährende Verbindung zwischen Wallis und Grindelwald stattgefunden habe, behauptet der Gemsjäger Anton Platter von Reikingen (Zimmermann und ein sehr verständiger rüstiger Mann), er habe, (entgegen Agassiz Behauptung) durchaus nirgends längs dem Aletschgletscher eine Spur einer alten Strasse gesehen. Trotz aller Bemühungen fand ich während meines Aufenthalts in der Mörel Alp ebenfalls nie die geringste Spur einer solchen Strasse.

Die in Venetz Mémoire (Denkschriften Bd II 8) als in Viesch befindliche Glocke mit der Jahrzahl 1044, die aus der Petronilla Capelle stammen soll) existierte nicht und jetzt nicht in Viesch, sondern kein Mensch, auch der Alt-Pater der GrossCastellan Bircher hat nie von dieser Glocke etwas gehört, auch der Pfarrer weiss nichts davon; in Aernen, der ältesten Kirche von Oberwallis erkundigte ich mich ebenso vergeblich danach (ich bedaure indess, dass ich die sämtlichen Glocken nicht selbst untersuchte). 1840 indess haben einige Reisende, nach den Aussagen von Platter, diese nämliche Glocke in den verschiedenen Kirchen vergeblich aufgesucht; kein Mensch weiss übrigens etwas davon, dass je eine Glocke in einem Dorfe dieser Gegend eingeschmolzen oder weg transportiert worden sei…“

Regentage sind von Escher für solche Nachforschungen genutzt worden, oft verbunden mit dem Besuch bei Gewährsleuten, oder auch ganz einfach für das Nachführen der Notizen und Einträge.

Am 30. Juni muss Escher das Programm noch immer dem Wetter anpassen. Unter ortskundiger Begleitung geht es schliesslich zur Schlucht, in welcher die beiden Wasserarme des Fieschbachs zusammenfliessen. Die zwei Zuflüsse „wechseln sich in ihrer Stärke an etwa Johanniter [23./24. Juni] herum ab“. Der weisse Bach sei nun neu viel stärker, wird Escher von seinen Begleitern erläutert und Escher kann dies auch selbst feststellen.

Abb. 10: Sicht vom Tal hinauf zur Gletscherzunge, allerdings 60 Jahre später – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_1458-GK-B004-1908-03

Escher steigt zum östlichen Gletscherarm auf. Über einen Steg geht es immer weiter hinauf. An zahlreichen Stellen ist der Fels sichtbar. Der Granit zeigt laut Escher sehr prägnant sogenannte surfaces moutonnées, wie als Phänomen von Saussure 1786 beschrieben. Am Gletscherende eingetroffen, fertigt Escher die untenstehende Federzeichnung an und schreibt:

„Das Ende dieses östlichen Gletschers ist gegenwärtig sehr überraschend. Es wird gebildet durch eine ca 50-60 Fuss hohe [mehr als 15 Meter hohe] und wohl 50 Grad abschüssige Eisfläche, die nur stellenweise eine dünne Decke schwärzlichen Sands trägt.“

Es gibt Wasserrunsen und Schlängelungen sowie eine 3-4 Meter breite Eisgrotte, aus der schäumend der Bach stürzt. An der östlichen Seite der Eiswand sind vier kurze, nicht sehr tiefe Spalten zu sehen.

Abb. 11: Gletschertor mit 15 Meter hoher Eiswand – ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:733b, doi: 10.7891/e-manuscripta-3898

„H. Bircher meint, dieser Eisabhang sei deshalb so ganz und spaltenlos, weil dieser Arm sich nicht im Zurückziehn befinde, wie der westliche.“

Dagegen steht die Meinung eines anderen Gewährsmanns, der den Gletscherarm als stationär oder im Rückzug befindlich beurteilt.

Abb. 12: 1908 ist die Gletscherzunge sehr viel weiter oben anzutreffen. – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fotograf: O. Lütschg, Hs_1458-GK-B005-1908-23 / CC BY-SA 4.0

Die Aussage einer weiteren Auskunftsperson betrifft die eigentliche Bewegung des Gletschers. Arnold Escher notiert dazu:

„… [er] behauptete, dass der Gletscher nicht stossweise, nicht hörbar oder sehbar vorrücke, sondern er wachse wie ein Kraut, wie eine Pflanze. Ganz dasselbe hatte auch der Wirth im Gletsch (am Rhonegletscher) und der alte 84jährige lebenslustige Schlatter aus Vieschthal wie alle andern Personen, die ich über diesen Gegenstand befragte, behauptet …“

Den Zeitzeugen damals ging es um das Vorrücken der Gletscher, die vielerorts vor 1855 tatsächlich wuchsen. Das Luftbild von 1920 zeigt deutlich die Umkehrung des Trends. Der Rückzug der Gletscher hat sich seither immer mehr verstärkt. Das weitgehende Verschwinden der Eisriesen in den Alpen als Folge der menschenverursachten Klimarerwärmung scheint unaufhaltbar.

Abb. 13: Fieschergletscher, Aufnahme vom 27.10.1920 aus 4300 m Höhe, Fotograf L. Mercanton. Ganz oben im Bild die zwei Täler der verschwundenen Gletscherarme  – ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_1458-GK-B004-1920-01/ CC BY-SA 4.0

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