„Science meets art“

Im Jahr 1904 brachte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel ein Werk heraus, welches die Kunst der folgenden Jahre des 20. Jahrhunderts stark beeinflussen sollte.

Abb. 1: „Rohrstrahlinge“

Er nannte das Buch „Kunstformen der Natur“. Ursprünglich zwischen 1899 und 1904 in 10 Einzelbänden erschienen, wurde es nun als Komplettausgabe mit 100 Bildtafeln veröffentlicht. Diese Lithografien stellen verschiedene Organismen dar, welche vor Haeckel noch niemand beschrieben hatte. Dabei handelt es sich um eine Auswahl von über 1000 Stichen, welche aufgrund von Skizzen und Aquarellen Haeckels entstanden sind. In der Wissenschaft der Mikroskopierer sofort sehr angesehen waren und sind die Darstellungen von verschiedenen Strahlentierchen, welche durch ihre künstlerisch-technische Exaktheit und ästhetische Vollkommenheit Aufsehen erregten und dadurch äusserst populär wurden. Weitere Lithografien zeigen Nesseltiere, Seeanemonen und verschiedene Quallenarten.

 

Abb. 2: „Scheibenquallen“

Mit dem Buch wollte Ernst Haeckel ganz bewusst seinen wissenschaftlichen Ergebnissen künstlerischen Ausdruck verleihen, ohne sich darüber im klaren gewesen zu sein, welchen Einfluss die Bilder auf die Welt der Kunst ausüben sollten. Berühmte Fotografen, Maler und Kunsthandwerker wie Karl Blossfeldt oder Emile Gallé liessen sich von den prächtigen Symmetrien einerseits und der verspielten Formenvielfalt andererseits inspirieren und schufen ihrerseits Kompositionen, welche mit ihren Schlingen und Schleifen, Rosetten und Ranken den Betrachter eindeutig an die Natur erinnern. Die „art végétal“ war geboren! Insbesondere der Jugendstil nahm die Formen der Natur auf und liess sie in spielerischer Exzentrizität neu aufleben.

Heckel ging nicht so weit, die Begriffe „Natur“ und „Kunst“ philosophisch einander gegenüber zu stellen und einen Diskurs zu provozieren. Vielmehr sah er die Biologie in vielem mit der Kunst verwandt und sein eigener künstlerischer Ehrgeiz wurde durch die wundersamen Symmetrien in der Natur stark angesprochen und sogar angestachelt. Dazu kam, dass Heckel ein ausgesprochener Ästhet und offensichtlich künstlerisch begabt war. Schon in seinem wissenschaftlichen Werk hatte er die biologische Welt in betonter Schönheit dargestellt. Seine Lithografien für die „Kunstformen der Natur“ sind ihrerseits auch kleine Kunstwerke, wenn sie auch nicht „Kunst“ im eigentlichen Sinn darstellen. Denn durch die Kunst drückt der Mensch die Auffassung von etwas aus, was die Natur nicht ist und Heckel wollte mit seinen Bildern ja gerade die Natur als Quelle von dekorativer Schönheit preisen. Und faszinierend bei ihrer Betrachtung sind Haeckels Bilder auf alle Fälle!

 

Abb. 3: „Igelsterne“

 

Abb. 4: „Spinnentiere“

 

Quelle:

Ernst Haeckel: „Kunstformen der Natur“

 

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