«Geschäfte mit dem Teufel» – Wie 1944 über 1600 ungarische Juden in die Schweiz kamen

Als deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn besetzten, begann das «letzte Kapitel» der nationalsozialistischen Judenpolitik: Innerhalb weniger Wochen wurden aus den ländlichen Gebieten Ungarns über 400’000 Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Hauptstadt Budapest blieb vorerst verschont, und es gab zahlreiche Rettungsversuche. Bekannt ist der Schweizer Diplomat Carl Lutz, der Schutzpässe ausstellte und dadurch Tausenden das Leben rettete. Weniger bekannt ist, dass der Anwalt und Journalist Rezső Kasztner als Vizepräsident des ungarischen «Komitees für Hilfe und Rettung» mit den Nazis über den Freikauf von Juden verhandelte. Ende Juni 1944 verliess ein Zug mit über 1600 Menschen Budapest. Eigentlich hätte er in die Schweiz oder nach Spanien fahren sollen, doch leiteten ihn die Deutschen ins Konzentrationslager Bergen-Belsen um. Nach langwierigen Verhandlungen durften die «Austauschhäftlinge» im August und im Dezember 1944 von Bergen-Belsen in die Schweiz reisen, wo sie vom Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen betreut wurden.

Carl Lutz rettete Tausende von Budapester Juden, indem er sie in sogenannte Kollektivpässe eintrug (Staatsarchiv des Ungarischen Nationalarchivs, HU_MNL_OL_K_0070_III_0009).

 

Ausstellung mit dem Stadtarchiv Budapest

Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich und das Stadtarchiv Budapest haben anhand von Quellen in Ungarn und der Schweiz die Schicksale von vier Familien rekonstruiert, die mit dem Kasztner-Transport in die Schweiz kamen. Darunter befand sich der berühmte Psychologe Leopold Szondi, der mit seiner Familie in der Schweiz bleiben durfte. Anders erging es dem ungarischen Baumeister der Bauhausarchitektur Josef Apor. Er konnte zwar als Freifachhörer an der ETH Vorlesungen besuchen, doch fand er keine Stelle und verliess die Schweiz zusammen mit seiner Frau Richtung Brasilien. Diese beiden sowie zwei weitere Flüchtlingsschicksale werden ebenso wie Zeitzeugenberichte und zahlreiche audiovisuelle Quellen in der Ausstellung «Budapest 1944 – Judenverfolgung und Schweizer Hilfe» bis zum 21. Juni 2018 im Archiv für Zeitgeschichte gezeigt.

Im Jahr 2015 wurden in einer Wohnung im Budapester Stadtzentrum 6827 eingemauerte Akten entdeckt. Sie geben über die Situation der Juden im Jahr 1944 detailliert Auskunft.

 

Kasztners Tragödie im Gespräch

Rezső Kasztner musste bei seiner Rettungsaktion entscheiden, wer den Zug ins rettende Ausland besteigen durfte. Seine Auswahl war später ebenso umstritten wie die Tatsache, dass er sich auf das Geschäft mit den Nazis eingelassen und Menschenleben gegen Waren getauscht hatte. 1953 wurde er deswegen in Israel angeklagt und 1957 von einem Attentäter in Tel Aviv erschossen. Der emeritierte Professor Ladislaus Löb kam 1944 als Elfjähriger mit dem Kasztner-Transport in die Schweiz. 2010 publizierte er unter dem Titel «Geschäfte mit dem Teufel» ein auf Quellen basierendes Buch über die Tragödie des Judenretters Kasztner. Am Anlass «Kulturerbe an der ETH Zürich» vom Sonntag, 3. Juni 2018 spricht er als Zeitzeuge über seinen Erfahrungen. Am Dienstag, 5. Juni 2018 (18.15 Uhr) hält er im Archiv für Zeitgeschichte einen historischen Vortrag und stellt sich den Fragen des Publikums.

Titelbild von «Geschäfte mit dem Teufel».

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