Ein Moor auf Reisen

Im nördlichen Teil des Flughafens Zürich-Kloten neben der Piste 14/32 befinden sich die »Klötzliwiesen«: An diesen artenreichen Moorflächen rollen täglich tausende Flugpassagiere vorbei, daneben huschen Wiesel durch das lange Gras. Auf dem Flughafengebiet sind auch heute noch 37 Hektar Flachmoor von nationaler (ökologischer) Bedeutung. Hochtechnisierte Flughafeninfrastruktur und artenreiches Ökosystem: Was auf den ersten Blick als unvereinbarer Gegensatz wahrgenommen werden könnte, scheint sich gut zu vertragen.

Abb. 1: Ein einsamer Reiher auf Nahrungssuche innerhalb des Flughafengeländes, irgendwann in den neunziger Jahren.

Benannt sind die Moorflächen nach Frank Klötzli, der mittlerweile emeritierter Professor ist und der sein ganzes Leben lang an der ETH zu Pflanzenökologie geforscht hat. Für seine Forschung hat er den ganzen Erdball bereist, doch einen Schwerpunkt bildete die Vegetation am Flughafen Zürich-Kloten. Zuerst kartierte Klötzli im Rahmen seiner Habilitation die Pflanzengesellschaften auf dem Gelände. Als dann in den frühen 1970er Jahren die Erweiterung der Flughafeninfrastruktur mit einer dritten Piste im Norden des Geländes geplant war, protestierte Klötzli beim zuständigen Regierungsrat. Schliesslich hatte er selbst die Einmaligkeit der Moorlandschaft erhoben, durch welche nun die neue Piste geplant war. Der geplante Bau der Piste 14/32 kam einem Todesurteil für die seltenen Pflanzen und deren Heimat gleich. Doch es war zu spät. Die Planungen waren zu weit fortgeschritten und das Zürcher Stimmvolk segnete den Ausbau per Abstimmung ab. Als Notlösung einigte man sich schliesslich darauf, die schützenswertesten Teile der Moorlandschaft zu verpflanzen, wofür der Regierungsrat Geld zur Verfügung stellte.

Abb. 2: Ein Spezialbagger (Gradallbagger) gräbt im Frühling 1973 mit dem Teleskopausleger behutsam ein zur Verpflanzung bestimmtes Stück Moor aus.

So kam es, dass 1973, noch bevor die Maschinen für den Pistenbau auffuhren, Spezialbagger ausgewählte Mooreinheiten vorsichtig ausgruben. Die Stücke waren etwa 90x130x40 Zentimeter gross, wogen bis zu einer Tonne und mussten mit einer Schienenanlage an den Bestimmungsort transportiert werden. Es war die weltweit erste Verpflanzung dieser Art und mit entsprechend vielen Unsicherheiten galt es umzugehen. So musste beispielsweise für die zu verpflanzenden Flächen eine neue Heimat gefunden werden. Diese sollte ähnliche Standortbedingungen, speziell bezüglich Wasser- und Nährstoffhaushalt, aufweisen, jedoch selbst keine ähnlich einzigartige Vegetation beheimaten, die durch die Umpflanzung zerstört würde.

Abb. 3: Bau der Piste 14/32 quer durch die beim Flughafenbau noch verschonte Moorlandschaft im Juni 1974.

In der Verpflanzungsaktion vermengten sich damit Naturschutz und Forschung: Die Wiesen wurden gerettet und Klötzli bot sich die einmalige Chance, ein unorthodoxes Forschungsexperiment durchzuführen. Schliesslich war unklar, ob sich die Pflanzen überhaupt verpflanzen lassen würden. Obwohl ein »Verpflanzungsschock« zu beobachten war und einige Arten, wie etwa die empfindlichen Orchideen, teilweise ganz verschwanden, war die Verpflanzung grundsätzlich erfolgreich. Allerdings stand für die Forscher um Klötzli auch fest, dass, nur weil derartige Verpflanzungen technisch machbar seien, die Überbauung von Feuchtgebieten damit keineswegs zu rechtfertigen war. Die verpflanzte Fläche sei von geringerer Qualität als die ursprüngliche Fläche, so insistiert Klötzli auch heute noch: »Eine nachgemalte Mona Lisa sieht zwar aus wie eine Mona Lisa, ist aber nicht mehr die echte Mona Lisa«. Zudem liessen sich die hohen Kosten von 300 bis 500 Schweizer Franken pro verpflanzten Quadratmeter volkswirtschaftlich kaum rechtfertigen.

Abb. 4: Vor dem Bau des Flughafen Zürich-Kloten war das Gelände zwischen Kloten, Oberglatt und Rümlang ein sumpfiges Riedgebiet, welches als Artillerieschiessplatz genutzt wurde.

Die »Klötzliwiesen« sind heute erneut gefährdet: Der Flughafen will zusätzliche Rollwege am Ende der Piste 14/32 anlegen, damit die Flugzeuge künftig die Piste 10/28 nicht mehr kreuzen müssen. Der Ausgang ist noch ungewiss, doch Klötzli ist fest entschlossen, nicht noch einmal zu spät zu kommen. Zwar sehen inzwischen selbst Naturschützer*innen wie Klötzli zumindest Teile des Flughafens – nämlich dessen Zaun – als effektiven Faktor beim Schutz der Flachmoore: »Eine der grössten Bedrohungen für die geschützten Moorgebiete«, so Klötzli im Gespräch, »sind Leute, die trotzdem hineintrampeln und auch vor Schwingrasen nicht zurückschrecken.« Eine erneute Überbauung der Moorgebiete durch die geplante Pistenumrollung wäre allerdings denkbar schlimmer als unvorsichtige Moorbesucher*innen. Der Flughafen Zürich-Kloten bleibt in jedem Fall ein Fremdkörper in der Landschaft und sein Ausbau aufgrund steigender Passagierzahlen würde neue Umweltzerstörungen nach sich ziehen. Konzepte wie »Kompensation« und »Umweltmanagement« suggerieren dabei, dass sich der Spagat zwischen Flugbetrieb und Naturschutz problemlos bewältigen liesse. Zweifellos sind Flughäfen wie Kloten über die Jahrzehnte hinweg naturnäher geworden, der grundsätzliche Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz lässt sich damit aber nur teilweise lösen – er ist letztlich eine politische Frage.

Abb. 5: Lange Zeit wurde auf dem Flughafen Zürich-Kloten intensive Landwirtschaft betrieben, ein Relikt aus der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs.

Der Text ist ein Ausschnitt aus Oskar Jönssons Artikel »Wald, Mensch und Moor«, der im Mai 2018 online und als Printversion im neuen Magazin »Aether« erscheinen wird. Das Thema der ersten Ausgabe lautet: »Flughafen Kloten: Anatomie eines komplizierten Ortes«.

www.aether.ethz.ch

Quellen:

Flughafen Zürich: »Broschüre Natur und Landschaft«, https://www.flughafen-zuerich.ch/unternehmen/laerm-politik-und-umwelt/natur-und-landschaft (2011).

Frank Klötzli: Interview mit dem Autor, 23.10.2017.

»Beschluss des Kantonsrates über die Bewilligung eines Kredites für die Ausführung der 3. Bauetappe des Flughafens Zürich«, Kantonsratsprotokoll vom 06.07.1970, Staatsarchiv Zürich, StAZH MM 24.80 KR3P 1970/113/0851, S. 4626.

Frank Klötzli, Edward Maltby: »Mires on the move in Europe«, in: The Geographical Magazine 85/7 (1983), S.346–351.

Frank Klötzli: »Disturbance in Transplanted Grasslands and Wetlands«, in: J. van Andel u.a. (Hg.): Disturbance in Grasslands, Dordrecht: Dr W. Junk Publishers (1987), S. 79–96.

Andreas Schürer: »Professor Klötzli kämpft für die Moore«, in: Neue Zürcher Zeitung, https://www.nzz.ch/zuerich/flughafen-zuerich-professor-kloetzli-kaempft-fuer-die-moore-ld.1302154 (22.06.2017).

 

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Unbekannt, Natur am Flughafen Zürich-Kloten, 1994–2001, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz, LBS_SR04-017550.

Abb. 2: Ruedi Steiner, Flughafen Kloten: Moor-Verpflanzung im Bereich der neuen Piste, 05.03.1973, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Comet Photo AG, Com_L22-0050-0404.

Abb. 3: Jules Vogt, Kloten-Flughafen, Bau Piste 14–32, 06/1974, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Comet Photo AG, Com_FC24-8058-0024.

Abb. 4: Werner Friedli, Kloten, Areal, Flugplatz, 02.08.1946, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz, LBS_H1-009265.

Abb. 5: Zürich. Offizielle Zeitschrift des Interkontinentalen Flughafens Zürich-Kloten und des Verkehrsvereins Zürich (Herbst 1968), S. 21.

 

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